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Kelida schwieg einen Moment lang. Stanach fühlte, wie sich ihre Finger wieder um seine Hand klammerten. Er wußte, was sie als nächstes fragen würde.

»Dann – dann ist Hauk tot?«

Stanach schluckte heftig, sagte aber nichts.

»Stanach?«

»Genau«, flüsterte er, »Hauk ist tot.«

Wie konnte er so viel Trauer, so viel Schmerz in einer tiefenlosen Aura aus rotem Licht erkennen?

»Lyt Chwaer«, flüsterte er.

Sie vergrub ihr Gesicht in seiner Schulter. Stanach fühlte ihre warmen Tränen an seinem Hals, als sie leise weinte. Lyt Chwaer, nannte er sie, kleine Schwester. Sie hatte ihn in seinem Kummer getröstet, ihn nach seiner Folterung mit zarter Hand und mit der Sanftheit einer Schwester versorgt.

Stanach hielt sie fest im Arm, während sie weinte. Über ihrer Schulter sah er seinen rechten Arm, von dem der rote Glanz seiner Körperwärme ausging. Die Hand, die mit den abgerissenen Streifen ihres Mantels verbunden war, lag schwer und gefühllos auf ihrem Rücken. Sie war so leblos, daß er nichts sehen konnte, dort, wo seine Hand hätte sein sollen.

»Es tut mir leid«, flüsterte er. »Kelida, es tut mir leid.«

Plötzlich versteifte sich Kelida in seinen Armen und wurde dann schlaff, als wenn sie die Last eines neuen Kummers nicht ertragen konnte. Mit vom Weinen belegter, rauher Stimme sagte sie: »Ich… ich habe ihn umgebracht.«

Stanach hielt den Atem an, weil er nicht sicher war, ob er sie richtig verstanden hatte. Er hielt sie von sich ab, um ihr Gesicht, ihre Augen sehen zu können, sah aber nur einen bebenden, roten Umriß.

»Kelida, was sagst du da?«

»Ich hätte… ich hätte besser auf das Schwert aufpassen müssen.« Ihre Hände bedeckten ihr Gesicht wie die Geister von toten Vögeln. »Nein. Ich hätte es dir oder Tyorl geben sollen. Wenn ich es sicher verwahrt hätte – wenn ich es zu deinem Lehnsherrn gebracht hätte…« Sie holte schluchzend Luft. »Oh, Stanach! Wenn ich nicht so darauf bestanden hätte, daß ich es tragen will, es… es behalten will, dann würde er noch leben!«

»Nein«, wisperte Stanach. »Nein, Kelida, das ist nicht wahr. Es gibt nichts, was du hättest tun können.«

»Wenn ich dir das Schwert überlassen hätte, anstatt so zu tun, als ob… als ob ich etwas von ihm hätte, bloß weil ich sein Schwert hatte. Ach, anstatt so zu tun, als wenn er es mir gegeben hätte, weil… weil ich ihm wichtig war. Als ob er sich an mich erinnern würde und vielleicht – «

»Nein!« schrie er barsch.

Das Echo des Schreis kam von den Wänden der kleinen Höhle wie schwacher Protest zurück. Krallen kratzten über den Stein. Nachtschwarz knurrte tief in seiner Brust. Gelbe Augen leuchteten von der gegenüberliegenden Seite der Höhle herüber. Das Untier bewegte sich nicht, aber Stanach war sicher, daß es lachte.

Er hielt Kelidas Arm mit der linken Hand fest und ließ die gefühllose rechte Hand fallen.

»Kelida, es tut mir leid. Oh, ihr Götter, es tut mir leid! Hauks Tod war nie etwas, was du hättest verhindern können.«

Sie schluckte betroffen und schüttelte den Kopf. »Doch, wenn ich – «

»Nein«, flüsterte er, »nein. Hauk ist tot, ja, aber das hat nichts mit dir zu tun. Kelida, er war wahrscheinlich schon tot, bevor wir Langenberg verlassen haben.«

Sie wich vor ihm zurück, ganz langsam wie vor einem plötzlich gezückten Dolch. »Aber du hast gesagt…« Ihre Stimme verlor sich in einem schaudernden Seufzer, als sie zu verstehen versuchte. »Nein, Stanach. Du hast gesagt…«

»Ich habe gelogen. Ich brauchte das Schwert. Ich habe dich angelogen.«

Sie stöhnte leise.

Stanach lehnte seinen Kopf an die Felswand und schloß die Augen. Er sagte nicht, daß es ihm leid tat, obwohl nur Reorx wußte, daß ihm noch nie im Leben etwas so leid getan hatte. Nicht einmal der Verlust des Königsschwerts. Er konnte keine Worte dafür finden, wie er sich fühlte; er glaubte nicht, daß es in irgendeiner Sprache Worte dafür gab.

Nachdem er lange Zeit den Atemzügen des Drachen und Kelidas Weinen gelauscht hatte, spürte Stanach ihre leichte Hand auf seinem rechten Arm. Sie hob seine Hand hoch, die in die Fetzen ihres Mantels gewickelt war. Nur weil er hören konnte, wie ihre Finger leise über den Verband strichen, wußte er, daß sie seine zerstörte Hand hielt.Guyll Fyr tobte über die windgepeitschte Ebene der Toten. Lange, dünne Flammenfinger preschten dem Hauptbrand voraus wie eine glühende Vorhut mit Wimpeln, die heller strahlten als die Sonne. Gierig nach Beute raste das Feuer durch Sumpf und Wiesen und fraß dünnes Gras und dürre, trockene Farne.

Realgar stand vor dem Arbeitstisch in der Kammer des Schwarzen Mondes und betrachtete das Feuer auf der glatten, klaren Glasfläche. Ein einfacher Sichtzauber hatte die Vision auf das Glas gerufen, und er sah das Feuer voranschreiten wie einen Mann auf einem Berggipfel.

Befriedigt flüsterte er ein Wort, als er mit der Hand über den Tisch strich. Die Szene veränderte sich und wurde detaillierter.

Eine Sumpfratte ruderte in einem flachen, schilfumstandenen Teich zum Grund und starb kurz vor ihrem Bau, weil ihr Blut in dem plötzlich siedenden Wasser gekocht wurde.

Eine Ente mit smaragdgrünem Kopf rang vergeblich nach Luft, um sich mit letzter Anstrengung zu erheben und den Flammen zu entkommen.

Ein langbeiniger Kranich und ein schneller Silberfuchs flohen vor dem heranrückenden gemeinsamen Feind. Gnadenlos fing und tötete sie das Guyll Fyr wie alle anderen Lebewesen auf seinem Weg. Die einst kühle Luft über der Ebene zitterte in der Hitze des vorbeiziehenden Feuers. Der Wind, der stets wie ein verirrter, geistesgestörter Reisender über die Ebene der Toten blies, trieb die Flammen kreuz und quer herum.

Dem Zauberer kam das Feuer wie ein wütendes Tier vor, das sich mit explosiven Flammenstößen aufbäumte. Das Guyll Fyr jagte auf die Ausläufer der Berge zu, zischte über die Sümpfe und brüllte dem größeren Festmahl eines dichten, saftigen Kiefernwalds mit entsetzt fliehenden Tieren entgegen.

Realgar wandte sich von den Schauplätzen der Verwüstung ab. Die Flammen woben einen Teppich aus grellem, gewaltsamem Tod, aber es war noch ein weiterer Faden einzuweben, um das Bild komplett zu machen. Diesen Faden hielt Realgar jetzt in den Händen.

Obwohl seit vielen Jahren keine regelmäßige Wache mehr in den Ruinen von Nordtor stand, war jetzt eine aufgestellt worden. Das seit den zerstörerischen Kämpfen der Zwergentorkriege nutzlose Tor war inoffiziell dem Bereich der Theiwaren zugeschlagen worden. Realgar ließ sich lachend auf einen Stuhl hinter dem Glastisch fallen. Die Wache bestand aus Gneiss treuen Daewars.

Alle treu, dachte er, oder fast alle. Jeder ist bestechlich, selbst ein Daewarwachmann.

Und genau solch ein Posten suchte gerade nach Hornfell, um ihm auszurichten, daß Gneiss ihn an der Mauer von Nordtor zu sprechen wünschte. Der Verräter würde die Nachricht bringen, daß der Lehnsherr der Daewars gesehen hatte, wie das Guyll Fyr in die Ebene der Toten herunterfegte. Die Nachricht würde in dringlichem Ton überbracht werden, damit die betrügerische Wache Gneiss’ angebliche Sorge um die Ernährungslage von Thorbardin vermittelte.

Auch wenn Hornfell inoffizielles Theiwargebiet nur widerstrebend betreten würde, wußte der Hylar, daß man nur von Nordtor aus das Fortschreiten des Feuers beobachten konnte. Doch der Glaube, zu Gneiss zu gehen, würde ihm genügen.

Allerdings würde ihn dort nicht Gneiss erwarten, sondern Realgar. Und Sturmklinge.

Realgar fuhr mit der Handfläche über das Schwert in der Scheide an seiner Seite.

»Genau«, flüsterte er, »du hast lange nach dem Königsschwert gesucht, Hornfell, und in Nordtor wirst du es finden. Zu guter Letzt wirst du es sehen, und es wird dich töten!«

Die Göttin Takhisis, die Königin der Finsternis, hatte ihm die Hand gereicht. Er brauchte sie nur zu ergreifen. Der Funke der Revolution, der das zundertrockene Thorbardin anzünden würde, würde die Herrschaft eines Derro begründen.