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Mit einer Zärtlichkeit, die Stanach vorher nicht an ihm gesehen hatte, schnallte Hauk den Helm fest und streichelte Kelida über das Gesicht. Dann hob er ihr Kinn an, um ihr einen kurzen Kuß zu geben.

Stanach sah ihre Schultern beben, blickte zur Seite und sagte: »Dumm oder nicht, Kelida, jetzt ist einer dieser Tage, an denen das Kostüm vom Ereignis bestimmt wird. Ich wäre glücklicher, wenn du ein Schwert nehmen würdest.«

Kelida strich mit hellen Augen über ihren Dolchgriff. »Nein. Mit einem Schwert kann ich nicht umgehen. Mit einem Dolch schon. Zumindest einigermaßen.«

Es klang wie eine von Lavims Ausreden. Stanach mußte lächeln.

»Genau«, sagte Hauk, »und wenn der sie im Stich läßt, gibt es immer noch genug Zwerge, die es bedauern werden, in Reichweite ihrer Füße gekommen zu sein.« Er schob sie sanft zur Tür. »Kelida, nimm ein paar Schwerter vom Gerüst und bring sie Hornfell. Nimm die besten, denn er ist der Lehnsherr der Hylaren. Stanach und ich wollen sehen, was wir mit dem Rest anstellen können.«

Als sie fort war, ließ sich Hauk auf einer der harten Pritschen nieder. Alle Zärtlichkeit, die er ausgestrahlt hatte, solange er mit Kelida redete, war verschwunden.

»Stanach, wir werden hier sterben.«

»Ich kann dem nicht widersprechen.«

Hauk lächelte finster. »Ich auch nicht. Ich habe gehört, daß du lyt Chwaer zu ihr sagst. Was heißt das?«

»Das heißt ›kleine Schwester‹ auf Zwergisch.«

»Gut, wenn du es so meinst.«

Da sah sich Stanach um. Genau, dachte er, sie hat mich gelehrt, was das heißt. »Ein Zwerg rechnet Fremde nicht einfach so zur Familie.«

Die Spur eines Lächelns zuckte über Hauks Gesicht. »Da bin ich froh. Es ist ein schmutziges Spiel, in dem wir stecken, Freund Stanach. Sie geht da zu deinem Lehnsherrn raus mit dem Mut eines Kriegers, aber ohne dessen Fähigkeiten. Denen, gegen die sie kämpft, wird das gleichgültig sein. Sie wird als erste fallen, und das weißt du. Gibt es einen Ausweg für sie? Einen Platz, wo sie sich verstecken kann?«

Stanach schüttelte den Kopf. »Sie könnte sich nur hier drin verbarrikadieren.«

Hauks Miene verriet ihm, daß er das für eine gute Idee hielt, und der Zwerg fügte hinzu: »Damit wird sie niemals einverstanden sein. Ich will dir mal was sagen, Hauk: Sie hat einen Drachenangriff auf ihren Hof und die Besetzung von Langenberg überlebt, und sie ist auf einem Drachen über die Ebene der Toten geflogen. Du wirst sie nicht leicht überzeugen können, daß sie sich jetzt hier verstecken soll. Und ich finde nicht, daß du es überhaupt tun solltest. Sie hat einiges an Respekt verdient.«

Draußen im Gang hörten sie Hornfells leisen Ruf. »Es ist soweit, Stanach. Sie sind da, und es sind viele.«

29

Der Wind trieb den Rauch von dem großen Brand im Tal vor sich her und blies ihn durch den Hohlweg, wo er in Tyorls Lungen drang. Verzweiflung erfüllte sein Herz. Obwohl es nur das Heulen des kalten Bergwinds war, stellte er sich vor, daß er den schrillen Kampfschrei eines Drachen hörte.

Ich rieche keinen Drachengeruch, sagte er sich. In diesem Rauch kann ich sowieso nichts anderes als Asche und Ruß riechen!

Trotzdem konnte er die Angst nicht verdrängen, das Gefühl, daß etwas Riesiges und Todbringendes mit Krallen und Reißzähnen ihn geduldig belauerte, bis er in Reichweite kam.

Im Vergleich zu dem Entsetzen des Waldläufers angesichts der Höhe, in der er sich jetzt bewegte, erschien ihm die Angst vor dem Drachen jedoch wie der unbegründete Alptraum eines Kindes.

Tyorl schaute kurz über die Schulter zurück. Er und Lavim bildeten die Vorhut. Lavims Kraft war mit dem Grad seiner Aufregung gewachsen. Und wie bei allen Kendern wuchs seine Aufregung im gleichen Maße wie die Gefahr. Tyorl war der einzige, der Lavims Drang bremsen konnte, seinen Gefährten zu weit vorauszueilen, über den Sims zu spähen oder einfach mal ein bißchen an der Wand hochzuklettern, um in das brennende Tal hinunterzusehen.

Mit zitternden, vor Angst und Erschöpfung schwachen Beinen drückte der Elf sich rücklings gegen die vereisten Steine, die einst die Mauer von Thorbardins Nordtor gebildet haben mußten. Er wartete auf Finn und Kern, die unerträglich langsam und vorsichtig über einen Geröllhaufen kletterten.

Vor ihm vergnügte sich Lavim damit, von einem Vorsprung, der nicht breiter war als eine Fußlänge, Steine in die windgepeitschte Tiefe zu treten.

Tyorl schloß die Augen, um die plötzliche Übelkeit in den Griff zu bekommen, stellte allerdings fest, daß nichts zu sehen noch schlimmer war als der Ausblick in die Tiefe. Er schluckte und zwang sich, die Augen wieder aufzumachen.

Obwohl die Macht der Götter, die während der Umwälzung entfesselt worden war, riesige Teile der Mauer von Nordtor abgerissen hatte, war der Zerfall wählerisch gewesen. An manchen Stellen – wie da, wo Tyorl jetzt um sein Gleichgewicht bangte – klaffte der rohe Fels des Berges wie eine offene Wunde. An anderen war noch die saubere Arbeit der Steinmetze zu sehen. Besonders verräterisch war der Pfad in den Nischen und Spalten, die von jahrhundertealtem Geröll verdeckt waren.

Gelegentlich verengte sich der Pfad auf weniger als einen Meter. Kein Platz für Steine, dachte Tyorl, kaum Platz genug für einen landenden Adler!

Lavim tauchte neben ihm auf. Seine grünen Augen waren weit aufgerissen, und sein rußverschmiertes Gesicht strahlte vor Entzücken.

»Tyorl, ist das nicht phantastisch? Von hier aus kann man die ganze Welt sehen! Einfach alles! Ich habe das Moor gesehen, und ich glaube auch Schädeldach. Es brennt nicht mehr – das Moor, meine ich. Schädeldach kann sowieso nicht brennen, weil es ja aus Stein ist.

Ich wette, man könnte bis nach Langenberg sehen, wenn nicht so viele Berge im Weg wären. Ich wette, man könnte bis zum Meer und nach Enstar und noch weiter sehen. Natürlich nur, wenn dahinter noch etwas ist. Aber das weiß ich nicht, ob da was ist.

Mein Vater hat mir mal erzählt, daß es hinter dem Meer weitere Länder gibt, aber er kannte niemanden, der wirklich dagewesen ist. Ich vermute mal, daß es da noch andere Länder gibt. Vielleicht sind die Leute da hingegangen, und es hat ihnen so gut gefallen, daß sie einfach keine Lust mehr hatten, zurückzukommen.«

Der Wind pfiff über den Sims. Lavim hob seine Stimme, um gehört zu werden.

»Unten in den Hügeln, wo wir aus der Ebene kamen, habe ich überlegt, daß ich das Herumwandern eigentlich aufgeben könnte. Jetzt glaube ich das nicht mehr, Tyorl. Ich glaube – wenn wir diesen Hornfell gerettet haben und deinen Freund Hauk und Kelida und Stanach wiedergefunden haben –, ich glaube, dann werde ich mich mal in der Gegend hinter Enstar umsehen.«

Es folgten Mutmaßungen eines glücklichen Kenders, wie diese möglichen Länder hinter Enstar wohl aussehen mochten, wie die Menschen dort sein würden, wie lange man brauchen würde, um hinzukommen, ob es dort noch andere Kender geben würde…

Tyorl seufzte und ließ Lavim fortfahren, wobei er nur halb seinen Träumen und Gedankenspielereien zuhörte. Es war sinnlos, ihn zum Schweigen zu bringen. Wenn ein Drache da oben lauerte, wie Pfeifer gewarnt hatte, dann wußte der sehr wohl, daß sie sich dem Tor näherten.

Es wäre ohnehin leichter gewesen, eine Lawine zu bremsen als den Wortschwall des Kenders. Der war seit dem Torfmoor nicht sehr redselig gewesen. Überrascht stellte Tyorl jetzt fest, daß er Lavims Schwatzen vermißt hatte.

Finn gefror der Schweiß auf dem Gesicht, und aus seinen vom Wind gereizten Augen liefen Tränen, als er neben Tyorl auftauchte. Hinter dem Anführer stieg Kernbal vorsichtig durch die letzten Felsbrocken, die den Sims versperrten. Tyorl wartete, bis die beiden wieder sicher standen. Dann fragte er Lavim:

»Wie weit ist es noch bis zum Tor?« Der Kender zuckte mit den Schultern. »Nur noch um die nächste Ecke. Ich habe gerade einen Blick darauf geworfen, als du mich vorhin zurückgepfiffen hast. Wir sind wirklich fast da, Tyorl.«