»Und was ist mit diesem angeblichen Drachen?«
Lavims Augen wurden unbestimmt. Dann grinste er wieder und nickte wie zur Antwort auf eine Information von Pfeifer. Er zeigte direkt die Klippe hoch.
»Gleich da oben. Er ist in einer großen Höhle im Berg, und Pfeifer sagt, daß er nicht sehr glücklich ist. Es ist ein schwarzer Drache, und die mögen kein Licht, sagt er. Im Moment dringt zuviel Licht in die Höhle.«
»Ein Schwarzer. Besteht die Chance, daß er wegen des Sonnenlichts nicht fliegen wird?«
»Oh, nein«, sagte Lavim mit der entnervenden Fröhlichkeit eines Kenders, auf den von allen Seiten das Unheil eindringt. »Pfeifer meint, daß er das Licht haßt, aber er wird trotzdem fliegen. Wahrscheinlich macht ihn das Licht nur noch wütender. Er sagt, daß ihr deshalb die Drachenangst spürt; er ist jetzt so richtig unglücklich und schmeißt bloß so aus schlechter Laune mit kleinen Angstsprüchen um sich. Wenn er richtig böse wäre und diese Angstsprüche ernsthaft benutzen würde, könntet ihr euch nicht mehr rühren.« Er legte wieder den Kopf schief und nickte dann. »Und Pfeifer sagt, daß er auch ganz genau weiß, daß wir hier sind.«
Finn sah aus, als würde er den Kender nur zu gern umbringen, weil dieser eine solche Nachricht so freimütig weitergab. Kernbal zog so leise wie möglich sein Schwert und preßte sich rücklings an die Felswand.
Tyorl seufzte nur. »Na schön, Lavim, erzähl uns den Rest.«
»Den Rest von was?«
»Warum hat der Drache nicht angegriffen? Weiß Pfeifer das?«
»Äh, das habe ich nicht gefragt…«
»Dann frag!«
»Aha. Ich – oh, ich verstehe. Pfeifer sagt, das kommt daher, daß der Drache wartet. Er weiß, daß wir hier sind und daß er uns jederzeit haben kann, wenn er will – « Finn zischte etwas, woraufhin Lavim mit den Schultern zuckte und es fertigbrachte, gleichzeitig unschuldig und verletzt dreinzuschauen. »Tja, tut mir leid, aber das ist es, was er über die Gedanken des Drachen sagt. Er wartet.« Der Kender funkelte Finn an. »Und frag mich nicht, warum, weil ich es nicht weiß, weil Pfeifer es nicht weiß. Er weiß nur, daß er wartet. Was weiß ich, vielleicht wartet er, daß irgend etwas passiert oder…«
Lavim schluckte herunter, was er hatte sagen wollen. Seine Stimme war nur noch ein bebendes Flüstern, als er sagte: »Ich glaube, wir kommen zu spät.«
Der Kender wurde so blaß, daß Tyorl aus Angst, daß seine Beine nachgeben würden, nach seinem Arm griff. »Lavim, was? Was ist?«
»Wir kommen zu spät – ach, Tyorl, wir werden zu spät kommen!«
»Lavim, was redest du da?«
Lavim entwand sich Tyorls Griff und schoß hinkend und stolpernd den steinübersäten Weg entlang. »Lavim! Nein! Warte!« Instinktiv hechtete Tyorl ihm nach. Und sprang daneben.
Er verlor das Gleichgewicht, sein Knöchel knickte um, und er stürzte hart auf ein Knie. Er fühlte den Schmerz wie Feuer durch sein Bein schießen.
Was er dazu wahrnahm, war nur der lange, schreckliche Fall in das feurige, dreihundert Meter tiefere Tal, die kalte, leere Gewißheit zu sterben. Doch er hatte nicht genug Luft in den Lungen, um zu schreien.
Krächzend erwischte Kernbal seinen Arm. Mit aller Kraft zerrte der Waldläufer Tyorl mit dem Rücken an den kalten Fels der Wand, bevor Finn sich regen konnte.
»Verdammter Kender!« fauchte Finn. »Verdammt soll er sein!«
Steine und Teile des bröckelnden Simses rutschten über den Rand der Klippe und polterten ins Tal hinunter. Kalter Wind blies Tyorl ins Gesicht. Wegen der Panik in seinem Inneren spürte Tyorl ihn kaum. Sein Herz klopfte wild, und in der Kehle fühlte er heiße, brennende Galle aufsteigen. Er wollte sich übergeben, hatte aber nicht mehr die Kraft dazu.
Seine Hand zitterte so sehr, daß er zwei Anläufe brauchte, um den Arm zu ergreifen, den Kernbal ihm reichte. Tyorl japste nach dem bißchen Luft, das er zum Sprechen brauchte.
»Vergiß den Kender«, flüsterte er, wobei er seltsamerweise lachen wollte, als er das dünne Krächzen hörte, das anstelle seiner Stimme kam. »Das Tor ist hinter dieser Ecke. Helft mir hoch, wenn ihr könnt.«
Finn schüttelte den Kopf. »Nein, setz dich erst hin und atme tief durch. Wenn du jetzt aufstehst, werden dich deine Beine nicht tragen.«
Mit dem Rücken dicht am Felsen drückte Tyorl sich hoch und glitt langsam an der Wand lang. »Wir haben keine Zeit, Finn. Im Berg geht etwas vor sich.«
»Behauptet der tote Zauberer!«
»Ja«, keuchte Tyorl, »behauptet Pfeifer. Ob du es glaubst oder nicht, Finn. Du kannst nicht bestreiten, daß Pfeifer – oder Lavim, wenn du so willst – bis jetzt in allem recht gehabt hat.« Finn leugnete das nicht, gab es aber auch nicht offen zu. Er seufzte nur übertrieben. Finn fiel es leichter, in das brennende Tal hinunter zu blicken, als in das erschütternde Entsetzen in den Augen des Elfen. Er winkte Kernbal. »Du gehst voran.«
Kernbal schob sich vorsichtig an ihnen vorbei. Als er in Sicherheit war, folgte ihm Tyorl mit leichenblassem Gesicht. Hinter ihm kam Finn, und Tyorl fühlte die Augen seines Anführers in seinem Rücken.
Er paßt auf, dachte der Elf, daß ich nicht wieder ausrutsche, aber ich schwöre, daß ich das Gewicht dieses Blicks kaum besser ertragen kann!
Die Sonne ließ nach, denn ihr Licht wurde durch den Filter des Rauchs aus dem fernen Tal getrübt. Lavim drückte sich mit dem Rücken an die Wand und hielt den Dolch in der Hand, während er sich im Schatten des Berges dem Eingang vom Nordtor näherte. Wenn er mit Pfeifer redete, tat er das lautlos. Das muß eine sehr große Tür gewesen sein! Pfeifer sagte nichts.
»Ich sagte«, flüsterte er hörbar, »das muß eine sehr – « Ich hab’s gehört, Lavim. Pst! Jetzt ist keine Zeit für lange Reden. Sie haben nur noch ein paar Minuten – sieh lieber zu, daß du da reinkommst, solange du kannst. »Wer hat – « Bist du still!
Wer hat nur ein paar Minuten? Hornfell und Stanach und Kelida und – Stanach! Und Kelida? Was ist mit Hauk? Ist der auch da? Ich habe so viel von ihm gehört, daß ich mich freuen würde, ihn endlich kennenzulernen. Pfeifer –
Langsame, schwere Schritte näherten sich von drinnen. Lavim spähte sehr vorsichtig um die Ecke des Eingangs. Dann quetschte er sich mit angehaltenem Atem wieder in die Dunkelheit.
Ein Zwerg mit breiten Schultern und einem dichten, langen kastanienbraunen Bart mit silbernen Strähnen kam langsam durch den engen Gang. Seine Kleider waren blutig und zerrissen.
Das ist Hornfell, Lehnsherr der Hylaren. Der da? Wirklich? So sieht ein Lehnsherr aus? Er sollte sich mal richtig ausschlafen und –
Der Zwerg blieb an einer halb geöffneten Tür stehen und lehnte sich an die Steinmauer. Dann richtete er sich rasch wieder auf, als hätte er sich selbst für sein Ausruhen gescholten. Er überprüfte sein Schwert und lief wieder den Gang hinunter, aus dem er gekommen war. Kurz darauf stieß er mit dem Fuß die Tür auf.
»Es ist soweit, Stanach. Sie sind da, und es sind viele.«
»Stanach«, flüsterte Lavim.
Es war Stanach, der auf den Gang trat. Ihm folgte ein breitschultriger, untersetzter junger Mann, der aussah, als wenn er nicht nur Schlaf, sondern auch ein paar ausgiebige Mahlzeiten vertragen könnte.
Lavim warf alle Vorsicht wie überflüssiges Gepäck ab, als er freudestrahlend zum Torhaus hüpfte. »He! Stanach!«
Der junge Mann fuhr mit dem Schwert in der Hand herum und schlug nach dem Kender.
»Nein!« rief Stanach. »Hauk, nicht!« Lavim protestierte mit einem erschütterten Quieken und duckte sich gerade noch rechtzeitig, um nicht von Hauks Schwert zweigeteilt zu werden. Seine Augen nicht von der glitzernden Klinge lassend, kam Lavim sehr langsam wieder hoch und stellte sich mit dem Rücken zur Wand.
»He, Stanach«, flüsterte er, »meinst du, du kannst ihm beibringen, daß ich ein Freund von dir bin?« Er blickte Hauk an und nickte möglichst nachdrücklich. »Das bin ich wirklich, weißt du. Einmal, da haben ihn in Langenberg fünfundzwanzig Drakonier gejagt, und sie hätten ihn auch erwischt, wenn ich ihm nicht das Leben gerettet hätte. Dann, als die… die Wie-auch-immer-sie-heißen ihn in der Höhle am Fluß gefangenhielten, da haben ich und Tyorl und Kelida ihn gerettet. Und, na ja, Stanach weiß vielleicht nichts davon – aber es stimmt, frag ruhig Tyorl, wenn er kommt! –, da habe ich Pfeifers Zauberflöte benutzt, und wir wären jetzt gar nicht hier, wenn ich uns nicht direkt zu den Bergen teleportiert hätte. Oder – hm, vielleicht nicht ganz direkt in die Berge. Weißt du, von dem Spruch wird einem ein bißchen schlecht, und ich wollte nicht in irgendeinem Haus oder mitten in der Stadt auftauchen und, äh, gleich eine Schweinerei anrichten. Darum sind wir sozusagen im Sumpf gelandet, und – o Götter! – da draußen brennt es vielleicht!« Lavim hatte keine Gelegenheit mehr, weitere Heldentaten aufzulisten, weil er in Stanachs Umarmung fast zerquetscht wurde.