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Der breite Erker im Westen von Gneiss’ Arbeitszimmer ging hinaus auf den Garten, dessen Beete in strenger Symmetrie angelegt waren. Das Arbeitszimmer war militärisch karg eingerichtet, die wenigen Wandbehänge zeigten berühmte Schlachten und Feldzüge. Alte und neue Waffen glänzten in den Schaukästen und Vitrinen. Die Einrichtung aus massivem Holz und Stein konnte höchstens auf alte Veteranen einladend wirken, die an die Härten der Schlachtfelder gewöhnt waren.

Doch der langgezogene Garten, der nicht breiter war als die Länge des Arbeitszimmers, war mit seiner Fülle von Blumen, Kräutern und Buschwerk eine der heimlichen Freuden des Daewars. Doch diesmal war es nicht seine Schönheit, die Gneiss wie so oft ans Fenster führte.

Von seinem Platz aus konnte er die Rufe der spielenden Zwergenkinder hören, unter denen auch seine eigenen Enkel waren. Der Lärm und der Anblick des wilden Spiels der Kleinen entlockten dem alten Kämpfer einen Seufzer und ein zufriedenes Lächeln, das selbst seinen Freund Hornfell erstaunt hätte. Ach ja, Hornfell! Wo bist du die letzten Stunden gewesen? Du hättest längst zurück sein müssen, mein Freund. Kündigt dein Schweigen vielleicht die Revolution an, auf die wir uns vorbereitet haben?

Realgar war genausolange nicht gesehen worden. Rüstung klirrte gegen Stein, und Gneiss wandte sich vom Garten ab, um dem Ruf zum Kampf zu antworten. Zwei Menschen und der Halb-Elf Tanis warteten mit erkennbarer Ungeduld am Kartentisch. Tanis und der Ritter Sturm waren über die Karte von Thorbardin gebeugt. Konzentriert fuhr der dunkeläugige Ritter die Straßen nach und verband sie sorgfältig mit Zufahrtswegen und Transportschächten, um sich mit der inneren Struktur der Stadt vertraut zu machen.

Der eine ein Planer, dachte Gneiss, der andere ein Jäger. Ihr Freund, der Kämpfer mit Helm und Rüstung, den Tanis als Caramon vorgestellt hatte, saß neben ihnen. Mit seinen langen Beinen und den enormen Armen war er der größte Mensch, den Gneiss je gesehen hatte. Die drei wirkten hier merkwürdig fehl am Platze. Zu groß, dachte Gneiss. Sie sind allesamt einfach viel zu groß!

Der Zwerg räusperte sich hörbar. Gneiss war in erster Linie ein Feldherr, kein Redner. Ohne Umschweife kam er zur Sache.

»Hornfell ist schon zu lange in Nordtor.« Er nickte Tanis zu. »Es ist schon drei Stunden her, daß er losgegangen ist. Mir gefällt das nicht. Meine Läufer und Kundschafter berichten, daß die Städte zu ruhig sind. Bis auf eine. Im Theiwarlager summt es wie eine Horde Hornissen, die zum Ausschwärmen bereit ist.« Er wies mit der Hand zum Tisch. »An die Arbeit.«

Rasch machte er die drei mit den sechs kleinen Städten des Königreichs bekannt, die gemeinsam als Thorbardin bekannt waren, und skizzierte dann den Verteidigungsplan, den er und Tanis bereits entworfen hatten.

»Ich weiß immer noch nicht, ob Ranze sich erheben wird, um mit Realgars Theiwaren zu kämpfen«, erklärte Gneiss. »Meine Daewars werden mit Hylarentruppen zusammen die Nordwege aus ihrer Stadt versperren.« Er zeigte auf das Südostviertel der Karte und nickte Caramon zu. »Wenn dieser Riese und die Hälfte der Flüchtlinge den Durchgang zwischen der Daergarstadt und den Osthöhlen verteidigen und wenn Sturm mit der anderen Hälfte den Südweg hält, müßten Ranzes Krieger doch eigentlich den größten Teil der Revolution gefangen sitzen, oder?«

Caramon lachte leise. »Worauf Ihr Euch verlassen könnt.«

»Ich verlasse mich auch darauf, junger Mann«, sagte der Lehnsherr ruhig.

Dann wandte sich Gneiss an Tanis. »Ihr würdet mir einen Gefallen tun«, sagte er bemüht höflich, »wenn Ihr den Oberbefehl über Eure Gruppe und die Flüchtlinge übernehmen würdet. Noch Fragen bis hierher?«

Tanis nickte trotz seines eindeutig zufriedenen Lächelns. »Nur eine. Es geht hier um Möglichkeiten.« Er fuhr mit dem Finger über den nordwestlichen Abschnitt der Karte, zu den Städten und Gebieten der Klar und Theiware, und kam dann zu den Ruinen von Nordtor. »Was ist mit den Wahrscheinlichkeiten?«

»Nennt sie Sicherheiten. Denn das sind sie.« Gneiss bohrte einen Finger auf die Theiwarstadt. Sein Schatten lag wie ein Dolch über der genau ausgearbeiteten Karte. »Hier und hier wird der Ärger anfangen. Tufa hat seine Klar bereits zwischen den Theiwaren und dem Urkansee. Sie werden nicht stark genug sein, um diese Schlangen aufzuhalten, aber ich unterstütze sie mit meinen Kriegern.« Jetzt blickte er auf. In seinen Augen stand eine deutliche Warnung. »Zwei Schlachtfelder und dazwischen der Rest der Flüchtlinge. Ihr kennt diese Leute am besten«, fügte Gneiss hinzu. »Setzt sie so ein, wie es Eure beiden Befehlshaber für richtig halten, aber haltet sie so gut wie möglich aus den Städten raus.«

»Etwas streng mit Euren Verbündeten, nicht?« knurrte Caramon.

Gneiss schwieg einen Moment lang, während er um eine Geduld rang, die er sonst nie einem Menschen entgegengebracht hätte. Bei der Schmiede! Er wünschte, er hätte genug Männer, um das hier allein durchzuführen!

»Ihr seid Verbündete«, setzte er langsam und mit Nachdruck an. »Aber mein Volk ist sehr eigen und würde wahrscheinlich erst mit Fremden zusammenarbeiten, wenn es zu spät ist. Versteht Ihr?«

Caramons Augen blitzten plötzlich voller Zorn auf. Tanis legte dem großen Krieger eine Hand auf die Schulter. Schon diese warnende Geste brachte Caramon zum Schweigen.

Gneiss hatte sich gefragt, warum der Halb-Elf, der wegen seines vermischten Bluts wohl weder bei den Menschen noch bei den Elfen willkommen war, nicht nur diese beiden Menschen, sondern alle neun Gefährten anführte, die achthundert Sklaven aus Verminaards Minen befreit hatten. Schließlich hatten sie auch diesen ausgezeichneten, jungen Ritter dabei. Er warf einen Blick auf Sturm. Der Ausdruck in seinen Augen war wohl bestenfalls ungeduldig zu nennen.

Der Zwerg schniefte, als Caramon sich mürrisch wieder beruhigte. Der aufbrausende Riese hatte zumindest einen Funken Verstand.

»Weitere Fragen?«

Es gab keine mehr. Sie standen noch einige Minuten an der Karte, dann gingen die drei, und Gneiss blieb allein. Er stellte sich wieder ans Fenster, wo er feststellte, daß das Rufen und Lachen der Kinder aufgehört hatte. Der Garten war leer. Aufmerksam lauschte er auf den Lärm von den Straßen jenseits der Gartenmauer. Es herrschte nichts als unheimliche Stille.

Einen Augenblick später kam der Hauptmann seiner Leibwache mit der Nachricht, daß es ein Attentat auf den Lehnsherrn der Klar gegeben hatte. Tufa war nur leicht verwundet und hatte sich dem Kampf angeschlossen, der am Südrand des Theiwargebiets zwischen dem Urkansee und der Stadt der Klar ausgebrochen war.

»Lehnsherr«, sagte der Hauptmann finster, wobei sich seine Faust um den Griff seiner Streitaxt schloß, »die Klar sagen, daß die Theiware ihre Truppen geteilt haben und mindestens fünfzig von ihnen nach Nordtor zurückgewichen sind. Er und seine Krieger können die übrigen beschäftigen, aber er befürchtet, daß die Einheiten, die nach Nordtor unterwegs sind, dort etwas vorhaben.«