Выбрать главу

Sie wußte es nicht. Da war kein Schmerz… bis die Klinge zurückgezogen wurde. Da wußte sie für einen Augenblick, daß sie einen Stich abbekommen hatte, bevor sie gar nichts mehr wahrnahm.

Die Schreie im Torhaus waren nur Echos auf die Schreie, die in Hauks Seele tosten. Wie ein hungriges Raubtier fiel er über die Theiware her, als wären sie nur leichte Beute. Er tötete schweigend wie eine stumme, todbringende Kreatur, die Rache nehmen wollte. Wer unter seinem Schwert starb und unglücklich genug war, ihm in die Augen zu sehen – was die meisten taten –, nahm ein Bild von Feuer und Eis mit in die Ewigkeit.

»Kelida!« schrie jemand.

Hauk riß sein Schwert aus dem Bauch eines Theiwars.

Kelida!

Sie war gestürzt und lag in einer sich ausbreitenden Blutlache. Den linken Arm hatte sie mit offener Hand ausgestreckt, als würde sie um Hilfe oder Mitleid flehen. Sie bewegte sich nicht. Ein Theiwar lag quer über ihrem Rücken und starrte mit leeren Augen an die dunkle Decke. Sein Körper war mit Pfeilen gespickt, und aus dem Hals ragte ein Armbrustbolzen.

Aber er konnte nicht zu ihr gelangen. Realgars Männer drangen auf das Torhaus ein, und die Wogen des Kampfes trugen Hauk weit von dem blutgetränkten Boden weg, wo Kelida still und stumm wie eine Tote lag.»Kelida!« Tyorl stieß einen Warnruf aus, aber zu spät! Zu spät! Sein Bolzen war gut gezielt und traf den Theiwar in den Hals. Aber zu spät! Verzweifelt sah er sich am Torhaus um, suchte jemanden, der frei war und in ihrer Nähe stand. Lavim kam in Frage, aber nur für die Sekunde, die Tyorl brauchte, um für einen Ruf Atem zu holen. Einer von Realgars Zwergen sprang ihn von hinten an und riß den alten Kender in einem Knäuel aus Armen und Beinen zu Boden.

Tyorls Kopf konzentrierte sich jetzt gleichzeitig auf zwei Dinge: Er suchte jemanden, der Kelida helfen konnte, und er mußte weiter angreifen und verteidigen. Mit einem Bolzen mit Stahlspitze traf Tyorl den Zwerg ins Herz, der aufsprang, um Lavim einen Dolch in den Rücken zu stoßen, und schrie nach Stanach, der gerade sein Schwert aus dem Leib eines anderen zog.

Das Heulen der Sterbenden und die Schreie der Kämpfenden waren ohrenbetäubend. Tyorl war sich nicht sicher, ob Stanach ihn gehört hatte, aber er konnte nicht mehr darauf achten. Vier Theiware, deren kalte, schwarze Augen in hemmungslosem Blutrausch funkelten, rannten auf ihn zu.

Auf Grund der Nähe seiner Angreifer konnte die Armbrust nichts mehr ausrichten. So vertauschte Tyorl sie gegen Dolch und Schwert. In jeder Hand eine Waffe, brüllte er Kelidas Namen wie einen Schlachtruf und sprang zwischen die Zwerge.

Stanachs Rücken klebte so eng an Hornfells, daß nicht einmal eine Schwertklinge dazwischen Platz gefunden hätte. Sein Lehnsherr focht mit tödlicher Perfektion und kalter Wut, und solange Stanach lebte, würde ihn kein Theiwar von hinten treffen.

So kurz diese Zeit auch sein mag, dachte Stanach finster.

Realgar hatte fünfzig Krieger herbeirufen lassen. Der Feind war zahlenmäßig so überlegen, daß Stanach lieber nicht daran dachte. Doch der Zugang zum Torhaus war eng, und die drei Bogenschützen darin forderten einen blutigen Zoll. Stanach glaubte, daß sie das Torhaus eine Weile halten würden, wenn alle sieben geschickt kämpften. Doch einer war ein ungeübtes Mädchen, einer ein alter Kender, und die drei Waldläufer waren bereits erschöpft gewesen, bevor sie auch nur ihre Waffen angefaßt hatten.

Und ich habe nur eine Hand, und meine Kräfte lassen nach.

»Rückzug«, keuchte Hornfell, »Stellung aufheben, Stanach! Ich kann mich selbst decken. Du wirst im Torhaus gebraucht!«

»Ich werde hier gebraucht«, grollte Stanach.

Er schlitzte seinem Gegner den Arm auf. Der Knochen glänzte weiß. Der Theiwar schnappte nach Luft, der Schrei blieb ihm in der Kehle stecken.

Stanach konnte ihn von seinen Augen ablesen.

Als das Blut dampfend in die kalte Luft hochspritzte, duckte sich Stanach ausweichend und unterdrückte gewaltsam seinen Drang, sich zu übergeben. Als Stanach seine Stellung wieder eingenommen hatte, mußte er sich gleich dem nächsten Gegner stellen. Realgar.

Sturmklinge mit dem Saphirgriff war zum tödlichen Schlag erhoben. Realgars Augen blitzten vor Haß wie das Herz eines tobenden Feuers. Aus diesen Augen sprach der Tod.

Er schwang sein eigenes Schwert zur Abwehr hoch und wußte erst, daß die Parade gelungen war, als er das Klirren von Stahl auf Stahl hörte und die betäubende Vibration von Sturmklinges Schlag gegen sein Schwert fühlte. Stanach stellte sich mit ganzem Gewicht hinter sein Schwert und hielt mit aller ihm verbliebenen Kraft.

Seine Kraft reichte nicht aus. So unaufhaltsam, wie die Monde ostwärts über den Himmel wanderten, kam Sturmklinge näher und näher.

Stanach roch das Blut anderer Zwerge und sah es langsam an Sturmklinges glattem Stahl herunterlaufen.

Irgendwo im Hinterkopf dachte Stanach, daß sich jetzt ein Kreis schloß. Er würde durch die Klinge sterben, für die er sein Leben und das Leben vieler Freunde riskiert hatte.

Realgar zischte, und Stanach, der fühlte, wie die Muskeln seines Schwertarms zu zittern begannen, hörte aus diesem Zischen Gelächter heraus.

Jemand brüllte wild und kitzelte ihn in den Kniekehlen. Sturmklinges Stahl durchschnitt die Luft, wo Stanachs Hals gewesen war.

Er knallte auf die geborstenen Fliesen und rutschte auf dem blutverschmierten Boden aus. Um Atem ringend, tastete Stanach blind nach seinem Schwert.

»Hoch!« schimpfte Lavim. »Hoch, Stanach, alter Junge! Komm schon! Steh auf! Da kommen noch mehr! Sieh nur!«

Stanach sprang, immer noch nach Luft schnappend, auf die Beine. In Panik blickte er sich um. Ja, mehr! Er lachte laut. Die meisten Zwerge, die er sah, trugen das Rot und Silber der Daewars!

»Freunde, Lavim! Das sind die Krieger von Gneiss!«

Stanach holte tief Luft und erkannte da, daß das tiefe Lied der Bogensehnen und surrenden Pfeile aufgehört hatte. Das Klirren von Stahl auf Stahl erklang jetzt nur noch in der großen Halle. Im Torhaus hinter ihnen breitete sich Stille aus. Benommen starrte er den alten Kender an, der ihm wieder einmal das Leben gerettet hatte. »Wo – wo ist der Lehnsherr?«

Die Arme des Kenders waren fast bis zu den Schultern von Blut gerötet, und sein alter, schwarzer Mantel hing in Fetzen von ihm herab. Auf seiner runzligen Wange bildete sich ein dicker Bluterguß, und quer über seine Stirn lief eine tiefe Schramme. Aber er stand noch, und seine grünen Augen strahlten.

»Ich weiß nicht genau«, sagte Lavim. »Er könnte im Torhaus sein. Er rannte zu Tyorl zurück. Stanach, dieser Zwerg mit dem irren Blick, der dir den Kopf abhacken wollte, folgte ihm! Pfeifer sagt, daß er es ist, der Hornfell töten will.«

»Pfeifer sagt…« Stanach schüttelte den Kopf. Pfeifer sagt… Aber er hatte jetzt keine Zeit, über tote Zauberer nachzudenken. Er mußte Hornfell finden. »Wer kämpft noch?« fragte Stanach. »Finn hat eine Schwertwunde am Bein. Hauk geht es gut. Kelida ist verletzt, aber ich habe gerade Kern gesehen, und der sagt, daß sie durchkommen wird.« Lavim verstummte.

»Lavim«, sagte er mit außergewöhnlicher Ruhe, »wer ist noch verletzt?«

»Ich… ich weiß nicht, ob Tyorl durchkommt – «

»Was ist mit ihm?« fauchte Stanach. »Der Zwerg mit dem irren Blick – er hat Hornfell gejagt, und Tyorl ist dazwischengeraten und – Sturmklinge…«

Stanach sah sich langsam in der Halle um, als ob er die Worte des alten Kenders nicht gehört hätte. Neunundzwanzig Theiware lagen tot oder sterbend am Boden. Realgar war nicht darunter, und Stanach wußte nicht, wo Hornfell war. Lavim wußte nicht, ob Tyorl es schaffen würde. Stanach redete grob, weil er einen Kloß aus Angst und aufsteigendem Kummer hatte. »Ich muß den Lehnsherrn finden. Ich… ich muß einfach, Lavim. Ist Hauk bei Kelida?«

»Ja.«

»Hol ihn. Er hat noch eine Rechnung offen. Sag ihm, daß ich weiß, wo er sie begleichen kann.«

Lavim sah ihm nach und merkte erst zu spät, daß er in der Aufregung der Schlacht und der Freude über das Wiedersehen vergessen hatte, Stanach von dem Drachen zu erzählen.