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Tyorl stützte sich wieder auf Lavims Schulter.

»Hilf mir auf den Sims.«

»Nein, Tyorl!«

Der Schmerz drängte langsam in sein Bewußtsein. Noch spürte Tyorl ihn nicht, aber er jagte ihn wie ein gnadenloser Wolf.

Pfeifer, sag’s ihm.

Tyorl sah zu, wie der Kender mit gesenktem Kopf zuhörte, während Pfeifer lautlos mit ihm sprach.

Lavim. Es ist wie da, wo du Kelida helfen mußtest, Stanachs Finger zu richten. Ich weiß, daß du nicht willst, aber du mußt. Es bleibt keine Zeit zum Diskutieren. Mach, was er sagt.

»Aber was sollen wir denn machen? Er muß hierbleiben! Er muß auf Kern warten! Pfeifer…!«

Die Stimme des Kenders verebbte und verlief sich im Heulen des Windes. Tyorl lehnt mit dem Rücken an der Felswand, und er wußte nicht, wie er aus dem Tor kommen sollte. Sanft hielt Lavim ihn mit seinen bebenden, verschrumpelten Händen aufrecht. Die Kälte des Felsenpfades wirkte direkt warm im Vergleich zu der Leere, die ihn erfüllte.

Nah, und doch scheinbar so fern, traf Stahl auf Stahl. Schwärze hüllte den Sims ein. Fern wie uralte Erinnerung regte sich die Höhenangst in Tyorls Herz. Doch sie flüsterte nur. Da er die Drachenangst nicht spürte, fühlte er auch das Klammern und Zerren der Höhenangst nicht.

»Lavim, leg den Bolzen ein.«

Er hörte, wie Lavim die Armbrust hinlegte und vor Anstrengung grunzte, als er die Sehne zurückzog. Der schwarze Drache schrie schriller als der Wind, als er hochflog, um erneut am Sims vorbeizurauschen.

Hauks Stimme erhob sich barsch und voller Angst: »Stanach! Er kämpft blind!«

Stahl klirrte. Stiefel scharrten über Stein.

Tyorl machte die Augen auf, als er merkte, wie ihm die Armbrust wieder in die Hand gedrückt wurde.

Ich kann in dieser Dunkelheit nichts sehen!

»Pfeifer kann«, flüsterte Lavim. »Alles in Ordnung.«

Lenke mich!

»Das tut er – «

»Hast du die Armbrust richtig geladen?«

»Natürlich, Tyorl.«

Der Elf holte kurz Luft und versteifte sich, als der Schmerz ihn schließlich doch noch fand. Ein gewaltiger Windstoß fuhr durch die Dunkelheit. Kreischend vor wilder, schrecklicher Kampflust schoß der Drache herab. Vorhin waren die Arme des Waldläufers so schwer gewesen. Jetzt waren sie leicht. Fast ohne zu wissen, daß er die Armbrust hob, überließ sich Tyorl Pfeifers Anweisungen. Er war bereit, auf einen Drachen zu schießen, den er nicht einmal sehen konnte.

Der Angstspruch von Nachtschwarz lastete tödlich schwer auf Stanachs Herzen. Hornfell war blind in der magischen Dunkelheit, und irgendwoher nahm er den Mut, sowohl die Drachenangst als auch seinen gnadenlosen Gegner zu bekämpfen. Blind für Sturmklinge und den Mörder, der es schwang. Blind für den Rand einer dreihundert Meter tiefen Klippe!

Ohne daran zu denken, daß er sich unter der lähmenden Schwere der Drachenangst eigentlich kaum regen konnte, riß sich Stanach aus Hauks Griff los.

Schwindelig und orientierungslos und mit schmerzendem Kopf, weil seine Augen sehen wollten, wo es nichts zu sehen gab, zwang Stanach sich zum Innehalten. Er, der an Orten sehen konnte, wo niemals Licht hingelangte, war blind.

Indem er die bitterkalte Luft tief in seine Lungen einsog, gelang es Stanach, das Schwindelgefühl zu bekämpfen. Er lauschte angestrengt und stellte augenblicklich fest, daß er die Kämpfer durch ihr rauhes Keuchen und die klirrenden Schwerter orten konnte.

Irgendwo unter dem eisigen Himmel flog der Drache. In stürmischen Wellen peitschte die Angst immer wieder durch seine Sinne. Doch Stanach konzentrierte sich ausschließlich auf die Kampfgeräusche, und langsam kroch er vorwärts und betete um einen Hinweis, welcher von den Kämpfern Hornfell war und welcher Realgar.

Das Summen einer Klinge tönte durch die Dunkelheit. Lose Steine prasselten auf den Boden, und Stanach hörte einen Stiefel über den Stein rutschen und ein kurzes Stöhnen.

Dann hörte Stanach das tiefe, vibrierende Surren eines fliegenden Armbrustbolzens.

Sie waren gar nichts, der Elf und der Kender auf dem Sims. Kaum genug, um seinen Appetit anzuregen. Jedenfalls würden sie höchstens Nachtschwarz’ Verlangen nach Grausamkeit stillen können. Diese Grausamkeit wurde zu gerechtem Zorn, als der Drache die Armbrust in den Händen des Elfen sah.

Wollte dieser Winzling ihm mit seinem Spielzeug etwa ernstlich etwas anhaben?

Nachtschwarz legte die Flügel an und bäumte sich auf, wobei er die Vorderbeine nach dem Elf auf dem Sims ausstreckte und vor Lachen kreischte, als er vorschoß.

Er hörte das Summen der Armbrustsehne nur als leisen Luftzug. Der Bolzen mit seiner Stahlspitze bohrte sich wie ein silberner Blitz in sein linkes Auge, und der Kampfschrei des schwarzen Drachen ging in ein gequältes Kreischen über. Erst war er nur überrascht, dann überfiel ihn die Panik des Todes, als seine Flügel von einem Aufwind gepackt wurden und heißes Feuer sein Rückgrat entlanglief. In dem Moment, als der Drache den Schmerz wahrnahm, schwand jedes Gefühl aus seinem Riesenkörper.

Mit dem Echo seines eigenen Todesschreis in den Ohren fiel Nachtschwarz tief hinab in das brennende Tal.

Der Schrei des Drachen durchbrach Stanachs Blindheit wie Feuer die Dunkelheit, als er in zahllosen, heulenden Echos von den Bergwänden zurückgeworfen wurde.

Langsam wie Gletschereis in der Sonne wich das Entsetzen der Drachenangst, und die Dunkelheit löste sich wie Rauch im Wind auf. Nachtschwarz war tot!

Nach Luft schnappend sah sich Stanach augenblicklich nach Hornfell um.

Hauk bellte eine Warnung. Stahl klirrte auf Stein, und Stanach fuhr herum. Da stand Hornfell unbewaffnet und mit dem Rücken zu dem brennenden Tal. Realgar, dessen dunkler Mantel im Wind flatterte und dessen irre Derro-Augen feurig glühten, hielt Sturmklinge locker in der Hand.

»Das Feuer«, flüsterte er, »oder das Schwert? Sturz oder Stahl?«

Hornfells tödliche kalte und beherrschte Miene ließ Stanach zurückschrecken. »Gewähr mir den Stahl«, sagte er zu Realgar und krümmte den Finger in einer spöttischen Geste, als wolle er sagen ›Komm schon‹. »Mal sehen, ob es dir gelingt.«

Realgar faßte das Königsschwert fester und senkte Sturmklinge. Unter dem Vorwand, sich besser hinzustellen, schwang er es nach Hornfells Kehle.

Stanach warf sich in dem Moment auf Realgar, als Hornfell sich tief duckte und unter seiner Deckung hindurchtauchte. Beide trafen den Theiwar gleichzeitig; Stanach oben, wo er mit der Linken nach seinem Handgelenk griff, Hornfell unten, womit er ihn hart auf den Felsen warf.

Ein Ellbogen traf Stanach am Kiefer und ließ ihn stürzen. Er versuchte aufzustehen, schaffte es aber nicht. Der Theiwar, der Sturmklinge immer noch in seiner Faust hielt, versuchte, sich Hornfells Griff durch harte Tritte zu entwinden. Stanach fühlte den Stiefelabsatz wie einen Blitz an seinem Kopf auftreten und hörte den Tritt wie einen Donnerschlag. Fast augenblicklich rissen zwei große, starke Hände Stanach auf die Beine. Mit wachsweichen Knien versuchte er erneut, sich aus Hauks Griff zu befreien.

»Kein Platz«, sagte Hauk, während er Stanachs Arme hinter ihm festhielt. »Keine Zeit.«

Realgar hatte sich von Hornfell befreit. Jetzt warf er sich mit erhobenem Schwert auf den Lehnsherrn der Hylaren, wobei er das Königsschwert schwang, als wäre es eine Axt. Hornfell rollte sich zum Berg zurück und warf sich nach links. Mit einem hellen, knirschenden Geräusch traf der Stahl auf den Stein. Realgar kam durch den Schlag ins Taumeln, schlug noch einmal daneben und wankte zum Rand der Klippe. Hornfell knurrte leise und stieß dann einen wütenden Fluch aus.

Wacklig stand Realgar genau am Rand und umklammerte Sturmklinge mit der rechten Hand. Stanach sah das entsetzte Erstaunen aus den Augen des Derro-Zauberers schreien, als seine Füße am bröckelnden Fels abrutschten.

Heftig keuchend sprang Hornfell nach Realgars Arm und erwischte ihn mit beiden Händen. Das Gewicht des zappelnden Magiers ließ ihn auf dem Fels in die Knie gehen. »Laß los!« rief Hauk.