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Ein Schauer, teils vor Furcht, teils vor Aufregung, lief über Hornfells Arme. »Lavim«, sagte er langsam und vorsichtig, »mit wem redest du da?«

Lavims wettergegerbtes, runzliges Gesicht hellte sich auf. »Mit Pfeifer natürlich.«

Pfeifer. Hornfell hatte die Geschichte im Torhaus gehört – Lavims wortreiche Erklärung, wie er dreihundert Meter über dem brennenden Tal über den eineinhalb Meter breiten Sims nach Nordtor gelangt war. Der Kender behauptete, daß er mit Pfeifers Geist reden konnte. Hornfell wußte nicht, ob er das glauben sollte.

In Lavims Augen spiegelte sich Schabernack, als er wieder den Kopf schief legte und einer Stimme lauschte, die Hornfell nicht hören konnte. »Oh«, sagte er, als hätte man ihn an etwas erinnert, »richtig. Hab’ ich vergessen.« Schnell wie ein Kender griff er in eine tiefe Tasche seines alten, schwarzen Mantels und brauchte nicht lange zu suchen. Was er aus dieser Tasche zog, brachte Hornfell zum Lächeln. Es war aus glattpoliertem Kirschholz und so vertraut – der Kender hielt Jordys Flöte hoch.

»Die kennt Ihr, nicht wahr? Pfeifers Flöte. Sie kann zaubern. Ich weiß das, weil ich sie zweimal benutzt habe. Einmal, um den guten Stanach vor den – wie-heißen-sie-bloß-gleich – «

»Theiware.«

»Genau. Und einmal, um mich und Finn und Kern und…«, Lavim zögerte nur kurz, doch seine Augen verdüsterten sich, »und Tyorl von den Bluthügeln wegzuschaffen. Stanach wollte sie Euch zurückbringen, weil er sagte, daß Ihr und Pfeifer so enge Freunde wart.«

»Enge Freunde, hm? Das hat Stanach gesagt?«

»Eigentlich nicht. Das war ich. Aber Stanach hätte es gesagt, wenn es ihm eingefallen wäre.«

Hornfell griff nach der Flöte und fuhr mit dem Finger an ihr entlang. »Redet er wirklich mit dir, Lavim?«

Lavim nickte eifrig. »Oh, ja, natürlich. Er hat mir alles erzählt, wie Ihr ihn vor dem Kerker bewahrt habt, und wie Licht von draußen in die Stadt, die Gärten und die Felder kommt.« Lavim zwinkerte. »Und er hat mir auch etwas anderes gesagt. Er sagte mir – oh. Na gut, das darf ich nicht verraten.« Er zuckte mit den Schultern. »Aber was soll’s, Ihr werdet es sowieso bald erfahren. Eins darf ich aber noch erzählen.«

Amüsiert lächelte Hornfell nachgiebig. »Und das wäre?«

Plötzlich ernst stopfte Lavim die Flöte wieder in die Tasche. »Er sagte, Ihr solltet Sturmklinge ins Tal der Lehnsherren mitbringen, wenn Ihr zu – wenn Ihr kommt.«

Zu Tyorls Beisetzung. In den letzten Tagen hatte es reichlich Beerdigungen gegeben. Hornfell war nach Möglichkeit dabeigewesen. Diese letzte, klein und privat, sollte anders sein. Tyorls Begräbnis würde, zumindest für Hornfell, auch für Pfeifers stehen. Und für Kyans. Elf, Zwerg und Menschenzauberer – sie waren für Sturmklinge gestorben. Und für ihn.

Obwohl es passend wäre, daß das Königsschwert anwesend war, wollte Hornfell es nicht vor seinem Amtsantritt tragen. Nicht einmal bei dieser Gelegenheit.

Der Zwerg schüttelte den Kopf. »Das kann ich nicht, Lavim. Ich kann es noch nicht tragen.«

»Hmmmm. Wirklich nicht? Wäre es bloß unhöflich, oder ist es ein Gesetz oder so?«

»Beides.«

Lavim dachte kurz nach oder lauschte. »Na gut. Dann schnallt es nicht um. Bringt es bloß mit.«

»Lavim, ich denke nicht – «

»Seht mal«, sagte Lavim ernsthaft, wobei er näher an die Vitrine trat. »Das ist genau das Problem, das anscheinend alle haben. Sie sagen ›Ich denke nicht‹, und sie glauben in Wirklichkeit, daß sie doch denken. Das bringt nichts, das Denken. Macht einem nur Probleme.«

Flink wie eine aus dem Wasser auftauchende Forelle ergriff Lavim das Königsschwert und warf es Hornfell zu, der es auffing. »Da! Jetzt habt Ihr es. Wenn Ihr ein Gesetz gebrochen habt oder unhöflich wart – auch wenn ich finde, daß Ihr bis jetzt wirklich ausgesprochen höflich wart –, dann könnt Ihr das doch auch eine Stunde oder so tun, anstatt zehn Sekunden. Stimmt’s?«

Sturmklinge lag vorzüglich in Hornfells Hand. Es war für seine Hand geschaffen und paßte perfekt hinein.

»Pfeifer sagt, ich soll es mitbringen?« fragte Hornfell.

Lavim nickte feierlich.

»Na gut, dann werde ich es tun. Was ist mit der Flöte?«

»Ach die.« Lavim tätschelte seine Tasche. »Ihr müßt schon das schwere Schwert schleppen. Macht Euch keine Sorgen wegen der Flöte. Ich heb sie noch etwas für Euch auf, genau hier in meiner Tasche.«

33

Zu Hause, dachte Stanach. Ich bin zu Hause! Mit der linken Hand und der Schulter rollte er einen weiteren Grabstein auf den wachsenden Haufen. Er hatte seit Anbruch der Dämmerung ständig daran gedacht, daß er wirklich zu Hause war. Jetzt, als das Licht des Sonnenuntergangs die Wände des Tals der Lehnsherren rot färbte, mußte er immer noch daran denken. Nicht daß Thorbardin sich verändert hatte. Er selbst hatte sich verändert.

Stanach scheute die Erinnerung an das Wiedersehen mit seinen Eltern und Freunden. Er wollte nicht an ihr Entsetzen angesichts seiner verkrüppelten Hand denken oder an die Art, wie sie ihn ansahen, wenn sie erkannten, daß er nicht mehr der ruhige, friedfertige Schmied war, der sie vor wenigen Wochen verlassen hatte.

Er war in der Außenwelt gewesen, und er war verändert nach Hause gekommen. Der Unterschied hatte nichts mit seiner Verletzung zu tun. Er hatte mehr mit dem Fremden zu tun, den sie in seinen Augen sahen. Er war anders; er trug Narben, und seine dunklen Augen hatten fernere Horizonte geschaut, als die meisten Zwerge je gesehen hatten.

Der Wind brauste kalt und schneidend durch das Tal der Lehnsherren. Dieses Tal war der einzige Teil von Thorbardin, der unter freiem Himmel lag. In alten Zeiten war hier eine Höhle gewesen. Eines Tages war sie eingestürzt, und aus dem Krater war ein Tal geworden, in dem ein kleiner See und sorgsam gepflegte Gärten lagen. Am Rand des Tals fand man die Gräber von einfachen Leuten. In den Gärten standen die Grabmale von Lehnsherren und Hochkönigen.

Das Tal der Lehnsherren war nicht nur der Ort, wo die Zwerge ihre Toten bestatteten, sondern auch der Ort, wo sie – die Magie gegenüber normalerweise sehr mißtrauisch waren – sich an der Kunst der Zauberei erfreuten. Hoch über dem See schwebte Dunkans Grab. Nichts als der Spruch eines längst verstorbenen Zauberers hielt ihn dort.

Hier war Dunkan einbalsamiert, der letzte Hochkönig der Zwerge. In den dreihundert Jahren seit seinem Tod hatte kein neuer Hochkönig in Thorbardin regiert. Und trotz der Opfer, die die Suche nach Sturmklinge gefordert hatte, würde kein neuer Hochkönig mehr in Thorbardin herrschen. Kharas, Dunkans Freund und Held, hatte seinen Streithammer durch Magie und mit Hilfe des Gottes, der ihn gemacht hatte, versteckt. Seither hatte ihn niemand gefunden.

Hornfell würde Hochkönig sein, hatte Isarn gesagt.

Stanach schüttelte den Kopf. Nein, Hornfell würde nicht den Thron des Hochkönigs besteigen. Er war Prinzregent, obwohl Reorx wußte, daß er das Königreich wie ein richtiger König regieren würde. Das mußte reichen.

Stanach lehnte sich an den Steinhaufen und fuhr mit dem Ärmel über sein Gesicht. Schweiß und Dreck verschmierten das lockere, weiße Schmiedehemd, das er trug. Er würde nie wieder vor einer Esse stehen, aber er kannte keine bequemere Kleidung als dieses alte Hemd und die braunen Lederhosen, die er einst bei der Arbeit in der Schmiede getragen hatte. Es hätte durchaus Leute gegeben, die diesen Grabhügel an seiner Stelle errichtet hätten, Steinmetze und Totengräber, die das beruflich taten. Aber Stanach wollte Tyorls Grabhügel allein aufschichten.

Bei Pfeifers Grab auf dem einsamen Hügel bei Qualinesti hatte Tyorl gesagt: Du hast ja reichlich Übung. Deine Freunde scheinen nicht sehr lange zu leben, Stanach. Wie viele Hügelgräber hast du gebaut, seit du Thorbardin verlassen hast?

Damals hatte Kelida auf dem Hügel Wache gestanden und hatte leise Einspruch erhoben gegen die grausamen Worte des Elfen. Stanach hatte es damals nicht grausam gefunden und fand es auch heute nicht grausam. Nur wahr.