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Die Lippen des Zwergs verzogen sich zu einem traurigen Lächeln. Pfeifers Grab war sein allererstes gewesen. Tyorls würde das zweite sein.

»Und das letzte«, flüsterte er. »Doch, Tyorl, das letzte. Auch wenn ich nie gedacht hätte, daß es deins sein würde und noch dazu hier im Tal der Lehnsherren, im Schatten des Grabmals eines Hochkönigs.«

Der Wind heulte schrill. Stanach dachte an Pfeifers Flöte. In Thorbardin wurde getrauert, und das auch um den Magier Jordy, den die Kinder Pfeifer genannt hatten.

Lavim beharrte immer noch eisern darauf, daß Pfeifer mit ihm redete, obwohl er tot war. Zumeist belehrend oder scheltend flüsterte er mit Lavim, behauptete der Kender.

Stanach wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Er wollte nicht an Geister glauben. Pfeifer war tot. Er hatte ihn begraben, so wie er jetzt Tyorl begraben würde.

Zu siebt versammelten sie sich im dünnen Schein des Zwielichts im Schatten von Dunkans Grab im Tal der Lehnsherren, um Tyorl die letzte Ehre zu erweisen.

Daß Tyorls Grabhügel in den Gärten errichtet wurde, zeigte das Ausmaß von Hornfells Dankbarkeit dem Elf gegenüber, der für ihn gestorben war. Das war bis dahin unantastbares Vorrecht der Lehnsherren und Könige gewesen. Und es war ein weiteres Zeichen seines großen Respekts, daß er Tyorls Grabrede halten wollte.

Warum, fragte sich Stanach, brachte Hornfell Sturmklinge mit ins Tal der Lehnsherren?

Immer noch verschmiert und schwitzend sah Stanach zu, wie Kelida neben Hauk ihren Platz am Grab einnahm. Der Zwerg lächelte zum ersten Mal wirklich. Die beiden waren erst wenige Tage zusammen, und schon bewegten sie sich so vertraut, als würden sie sich seit Jahren kennen.

Kernbal und Finn trugen Tyorls Körper ins Tal und legten ihn in das Grab, das Stanach vorbereitet hatte. Dunkelheit umfing die sterblichen Reste des Freundes. Die Waldläufer stellten sich neben Hauk. Sie waren die Letzten aus der Alptraum-Truppe und kamen, um einem Bruder Lebewohl zu sagen.

In stillem Respekt vor den hier versammelten Freunden berührte Hornfell mit Sturmklinges Spitze wie zum Gruß die Erde und lehnte das Königsschwert an die Steine, bevor er seinen Platz am Fußende des Grabs einnahm. Lavim, dessen grüne Augen still und ernst waren, stellte sich zu Stanach. Der Zwerg hoffte, daß er jetzt nicht anfangen würde, über Geister zu reden.

Lavim klopfte Stanach zaghaft auf die Schulter. »Hast du das alles gemacht?« Stanach nickte finster.

»Das ist sehr schön«, flüsterte er. Er zeigte auf Dunkans Grab. »Aber der Schatten von dem riesigen, schwebenden Ding da oben ist im Weg, nicht wahr? Pfeifer sagt, das ist Dunkans Grab und – «

Stanach schloß die Augen. »Psst, Lavim. Nicht jetzt.« Der Wind pfiff kalt durch das Tal der Lehnsherren. Sein Lied war für die am Grab Versammelten keine Störung, sondern eine Unterhaltung.

Als Hornfell sprach, zitierte er die Weisheit des Sprichworts, das ihm an der Mauer von Nordtor aufgefallen war, als hinter seinem Rücken die Revolution brodelte und zu seinen Füßen das Guyll Fyr tobte.

»Der Wolf vor der Tür«, sagte er sanft, »macht aus Fremden Brüder. Der Wolf hat vor Thorbardin geheult und zugeschnappt, und wir haben zu lange unsere Türen vor ihm verriegelt und so getan, als wäre kein Wolf da, bloß weil wir ihn nicht hören wollten.

Jetzt hören auch wir sein Heulen, das wir zu lange mißachtet haben. Wir hören es in der Klage der Familien der Gefallenen und in den Schreien derer, die in den Klauen des Krieges gefangen sind.

Wir hören das Heulen des Wolfes im Wind der Drachenflügel. Tyorl hat es kurz zum Schweigen gebracht, aber wir werden es wieder hören.«

Hornfell schaute nacheinander jeden Anwesenden an.

»Aber wir sehen auch. Wir sehen Brüder, wo wir einst Fremde sahen. Wir sehen Verwandte, die nicht zu unserer Art gehören. Und von diesen Verwandten haben wir uns zu lange abgewendet, obwohl sie versuchten, das blutrünstige Heulen des Wolfes zum Schweigen zu bringen, während wir darauf warteten, daß er fortginge, um anderswo zu jagen.

Der Wolf wird nicht davonziehen. Verminaard zieht immer noch durch unser Land, und der Krieg wird erst vorüber sein, wenn er alles und jeden ausgelöscht hat. Wie er Tyorl ausgelöscht hat.

Ich trauere mit euch um den Verlust eines Freundes.«

Ganz in seiner Trauer um Tyorl und in eine alte Totenklage versunken, bemerkte Stanach nicht, daß Hornfell fertig war. Dann fühlte und hörte er irgendwann etwas Neues im Lied des Windes. Er sah zur anderen Seite des Grabes. Dort stand Kelida. Sie hatte den Kopf geneigt, so daß das letzte Licht sich in ihren roten Haaren fing, und sie schien die Veränderung ebenfalls bemerkt zu haben.

Hauk schaute zu Kernbal. Finn legte seinen Kopf zurück, um zum dunklen Rand des Tals hochzuschauen.

Lavim holte kurz Luft und stieß einen leisen, erstaunten Seufzer aus. Stanach drehte sich gerade rechtzeitig um, um zu sehen, wie der Kender eine alte Flöte aus der Tasche zog. Pfeifers Flöte.

Nachdem er nur einen Moment gelauscht hatte, als wolle er sich über die Melodie vergewissern und an der richtigen Stelle einsetzen, hob der Kender die Flöte an die Lippen und begann zu spielen. Die granitenen Wände des Tals der Lehnsherren wurden matt und grau.

Sonnenlicht tanzte einen silbernen Fluß hinunter, und Stanach sah nicht nur das blitzende Lichterspiel, nein, er roch auch den satten, dunklen Schlamm am Ufer des Wasserlaufs und schmeckte den süßen Fluß.

Eis umhüllte die Winterbäume wie Diamanten, schmolz bei der Berührung einer Hand und glitt davon, um neue Juwelen zu bilden. Kelida legte einen Finger an die Lippen, und auch Stanach spürte die Kälte auf seinen eigenen.

Tau, der von der Sommersonne in Dunst verwandelt zum Himmel stieg, glitzerte auf Hauks Gesicht und kroch ihm wie Tränen in den dunklen Bart. Wie ein Geist oder wie der Tau, der es war, verschwand er im Sonnenlicht. Die Tränen auf Stanachs Gesicht brauchten etwas länger zum Trocknen.

Später würde er versuchen, die Melodie jenes Liedes einzufangen. Obwohl er sich erinnern und die Bilder vom Wald zurückrufen würde, den er im schattenlosen Licht strahlen sah, würde das Lied sich ihm entziehen – bis auf das halbbewußte Lachen des Windes in den Bäumen.

Lavim hockte sich hin und sah zu, wie Hauk, Kernbal und Finn die letzten Grabsteine über Tyorl zurechtrückten. Der Klang dieser traurigen Arbeit hallte hohl durch das Tal.

»Ich wollte sie nicht zum Weinen bringen«, flüsterte der Kender.

So, Zauberer? Pfeifers Stimme war sehr sanft. Was wolltest du denn dann?

»Ich wollte nur ein Lied spielen, das sie an Tyorl erinnert.« Er seufzte und schüttelte den Kopf, als er dem Wind lauschte, der jetzt nur noch ein Lufthauch war. »Und… und ich weiß, daß Stanach den Hügel hier ganz alleine gebaut hat und daß Hornfell gesagt hat, er könnte mit Königen und Lehnsherren begraben werden. Aber ich fand es irgendwie traurig, daß Tyorl nicht mehr in seinen Wäldern sein würde. Ich wollte, daß sie sich um seinetwillen an Qualinesti erinnern.«

Und das werden sie. Du hast ein schönes Lied erfunden, Lavim.

Jetzt runzelte Lavim die Stirn. »Wirklich? Ganz alleine? Waren das nicht du oder die Flöte?«

Wer hatte die Idee?

»Ich.«

Dann war es doch dein Lied?

Er hatte ganz alleine gezaubert! Lavim sprang mit großen Augen auf. »Pfeifer! Habe ich – «

Psst, Lavim! Es ist noch nicht vorbei. Schau noch einen Augenblick ruhig zu. Und dann tu genau das, was ich dir sage.Sturmklinge sang das hohe Lied des Stahls, als Hornfell das Königsschwert aus der Scheide zog. Obwohl das letzte Licht aus dem Tal der Lehnsherren gewichen war, glühte das rote, stählerne Herz der Klinge. Das Licht von Reorx’ Schmiede pulsierte sanft und legte seinen roten Schein über die Gesichter der Anwesenden, die am fertigen Grabhügel standen.