Schlagartig hatte der Tunnel im grauen Licht des Nordland-Himmels ein Ende, und sie hatten den Berg hinter sich. Vor ihnen lagen die Leichen der Trolle und Muten. Ohne anzuhalten, hetzten die beiden Männer zur Mündung des gewundenen Passes, der die Messerkante durchschnitt. Die steinharte Erde bebte und schwankte mit ungeheurer Heftigkeit, lange Risse zogen sich herüber vom Fuß des Schädelberges und reichten weiter zum Ring natürlicher Hindernisse um das verbotene Land. Ein plötzliches Krachen und Knirschen, lauter als alles andere vorher, ließ die beiden Fliehenden herumfahren. Sprachlos sahen sie, wie das hagere Gesicht des Totenschädels zusammensackte und auseinanderbrach. Alles schien gleichzeitig zu bersten, und das Zeichen des Dämonen-Lords verschwand, als Tausende Tonnen Gesteins zusammenstürzten; der Totenschädel-Berg hörte auf zu existieren. Eine riesige Wolke gelben Staubes stieg himmelwärts, ein ungeheurer, dröhnender Laut entrang sich dem Inneren der Erde und hallte durch die riesige Leere des Nordlandes. Tobende Winde fegten über die Reste des sterbenden Berges, und das Grollen in der Erde steigerte sich erneut. Entsetzt sah Shea, wie die ganze Messerkante unter der Wucht dieser neuen Regung zu erbeben begann.
Panamon rannte bereits wie ein Gehetzter zum Pass, den betäubten Shea mit sich ziehend, aber diesmal brauchte der Talbewohner keinen Stachel; er flog dahin, wie von Furien gehetzt. Aus einem letzten Reservoir von Mut und Entschlossenheit holte er sich die Kraft, sich auf den Beinen zu halten, und Panamon Creel entdeckte plötzlich verblüfft, dass er alle Mühe hatte, mit Shea Schritt zu halten. Als sie den Pass erreichten, begannen Teile der hochragenden Messerkante auseinander zubrechen und herabzustürzen, unter Knirschen und Donnern, das die Trommelfelle schier zu zerreißen drohte, während die Erde unablässig weiterbebte. Riesige Felsblöcke stürzten mit vernichtender Wucht in die Schluchten, und eine unübersehbare Gerölllawine rutschte von den Gipfeln herab, mit jeder Sekunde an Masse und Geschwindigkeit zunehmend. Mitten durch diesen Weltuntergang hetzten und sprangen die beiden Südländer - der zerlumpte Shea, halb ein Elf, halb ein Mensch, der sein altes Schwert trug, und der einarmige Dieb. Die Wut des Sturmwindes erfasste auch sie und trieb sie noch schneller durch den Hagel aus Steinen und Staub. An Biegungen und Winkeln huschten sie vorbei, und sie wussten, dass sie sich dem anderen Ende der Schlucht näherten, wo das offene Vorgebirge begann. Shea nahm plötzlich wahr, dass sein Sehvermögen wieder nachließ, und er taumelte unsicher dahin, während er sich wütend die Augen rieb.
Plötzlich schien die ganze Westseite der Schlucht auseinander zubersten und auf die beiden Männer herabzustürzen, um sie unter Fels- und Erdmassen zu begraben. Etwas Scharfes traf Sheas Hinterkopf, und für einen Moment wurde ihm schwarz vor den Augen. Er lag halb begraben unter Geröll, bemüht, wenigstens einen einigermaßen klaren Gedanken zu fassen. Dann schaufelte Panamon ihn frei, hob ihn auf und hielt ihn aufrecht. Durch einen grauen Nebel sah Shea Blut auf dem Gesicht seines Begleiters. Er richtete sich auf und stützte sich auf das Schwert von Shannara.
Panamons Hand wies auf den Pass hinter ihnen. Sheas Blick glitt an ihm vorbei. Entsetzt sah er ein missgestaltetes, schwankendes Wesen aus dem Staubsturm auf sie zutaumeln. Ein Muten! Das formlose Gesicht, gebildet wie aus einem künstlichen Stoff, wandte sich ihnen zu, und das Ungeheuer tappte vorwärts. Panamon sah Shea an und lächelte grimmig.
»Er ist uns von drüben gefolgt. Ich dachte, wir könnten ihn hier abschütteln, aber er gibt nicht auf.« Er stand langs am auf und zog sein Breitschwert heraus.
»Lauf weiter, Shea. Ich komme bald nach.«
Shea glotzte ihn an und schüttelte stumm den Kopf. Er glaubte, sich verhört zu haben.
»Wir können ihn abschütteln«, stieß er hervor. »Wir sind ohnehin schon fast über den Pass. Dort können wir uns beide auf ihn stürzen.«
Panamon schüttelte den Kopf und lächelte traurig.
»Diesmal nicht, fürchte ich. Ich habe mich am Bein verletzt. Ich kann nicht mehr laufen.« Er schüttelte den Kopf, als Shea etwas sagen wollte. »Ich will nichts hören, Shea. Lauf - und bleib nicht stehen!«
Shea liefen die Tränen übers Gesicht.
»Das kann ich nicht!«
Das ganze Gebirge erbebte in den Grundfesten und warf Panamon und Shea zu Boden. Felsklötze stürzten von den zerbröckelnden Wänden herab. Der Muten stapfte hirnlos auf sie zu, unbeeindruckt von den Erdstößen. Panamon raffte sich mühsam auf und zog Shea hinter sich her.
»Der ganze Pass bricht zusammen«, sagte er. »Wir haben keine Zeit, uns zu streiten. Ich kann für mich selbst sorgen - wie früher, bevor ich dich oder Keltset traf. Ich will, dass du läufst - bring den Pass hinter dich!« Er legte die Hand auf die schmale Schulter des Talbewohners und schob ihn weg. Shea trat ein paar Schritte zurück und zögerte, hob das Schwert von Shannara beinahe drohend. Panamon Creels Gesicht zeigte Überraschung, dann grinste er und funkelte Shea an.
»Wir treffen uns wieder, Shea Ohmsford. Warte, bis ich komme.« Er winkte mit dem Haken und wandte sich dem Muten zu. Shea starrte ihm nach. Seine Augen mussten ihn täuschen - es sah so aus, als hinke der scharlachrote Dieb gar nicht. Dann grollten die Erdstöße wieder durch das ganze Gebirge, und Shea hetzte zu den Vorbergen. Durch lockeres Geröll und Erde taumelnd und springend, hinwegsetzend über alle Hindernisse, die von den Höhen der Messerkante herabstürzten, lief er weiter - allein.
34
Der Nachmittag war fast vergangen. Das Sonnenlicht teilte in langen, dunstigen Strahlen die dahinziehenden Wolken und berührte das nackte, leere Nordland mit wärmenden Fingern. Hier und dort erfasse der Sonnenschein kleine Fleckchen Grüns - die ersten Anzeichen dauerhaften Lebens, das eines baldigen Tages hier erblühen würde, aus einer Erde, die so viele Jahre lang ausgetrocknet und unfruchtbar gewesen war. In der Ferne zeichneten sich die ihrer Gipfel beraubten Berge der geborstenen Messerkante vor dem Horizont ab, und im verwüsteten Tal dahinter hing noch immer der Staub über den Ruinen des Schädelreiches. Shea schien aus dem Nichts aufzutauchen, auf zielloser Wanderschaft durch das Gewirr von Schluchten und Graten im Vorgebirge unterhalb der Messerkante. Halb blind und völlig erschöpft taumelte die zerlumpte Gestalt dahin. Shea kam auf Allanon zu, ohne ihn zu sehen, mit beiden Händen den Silberknauf des Schwertes umklammernd. Der Druide starrte den wankenden, abgerissenen jungen Mann einen Augenblick sprachlos an, dann stieß er einen Schrei der Erleichterung aus, stürzte auf Shea Ohmsford zu und umarmte ihn.
Der Talbewohner schlief lange Zeit, und als er erwachte, war die Nacht hereingebrochen. Er lag im Schutz eines Felsüberhanges an einer breiten Schlucht. Ein kleines Holzfeuer knisterte und lieferte zusätzliche Wärme zu dem Mantel, in den Shea gewickelt war. Sein Blick war wieder klarer geworden, und er starrte hinauf zu einem sternenbesetzten Nachthimmel. Er lächelte unwillkürlich. Er kam sich vor, als sei er wieder in Shady Vale. Einen Augenblick später trat Allanons dunkler Schatten in den schwachen Feuerschein.
»Fühlst du dich besser?« fragte der Druide zur Begrüßung und setzte sich. Es war etwas Merkwürdiges um ihn. Er wirkte menschlicher, weniger unheimlich, und seine Stimme klang ungewohnt herzlich.
Shea nickte.
»Wie habt Ihr mich gefunden?«
»Du hast mich gefunden. Erinnerst du dich an nichts?«
»Nein, an nichts nach ...« Shea zögerte. »War da irgend jemand - habt Ihr jemanden außer mir gesehen?«
Allanon betrachtete seine sorgenvolle Miene, als überlege er, was er antworten solle, dann schüttelte er den Kopf.