»Wegen der Kinder.«
»Was haben sie angestellt?«
»Sie lügen. Aber das ist doch wahrhaftig nicht so schlimm! Mein Gemahl erregt sich, ich verteidige sie, der Ton wird lauter.«
»Schlägt er Euch?«
»Ein wenig, aber ich wehre mich.«
»Ist er mit Eurer körperlichen Verwandlung zufrieden?«
»Oh ja! Er frißt mir regelrecht aus der Hand … manchmal kann ich mit ihm machen, was ich will, sofern ich mich nicht um seine Geschäfte kümmere.«
»Hättet Ihr denn Gefallen daran?«
»Ganz und gar nicht. Wir sind reich, das ist die Hauptsache.«
»Wie habt Ihr Euch nach Eurem letzten Zwist verhalten?«
»Wie gewöhnlich. Ich habe mich in meinem Zimmer eingeschlossen und habe geweint. Danach bin ich eingeschlafen.«
»Hattet Ihr lange Träume?«
»Stets dieselben Bilder. Zuerst habe ich Nebel gesehen, der vom Fluß aufstieg. Irgend etwas, zweifelsohne ein Schiff, versuchte, ihn zu durchdringen. Dank der Sonne hat sich der Nebel aufgelöst. Das Ding aber war ein gewaltiges Glied, das sich immer weiter vorwärtsschob! Ich habe mich abgewandt und wollte mich in ein Haus am Ufer des Nils flüchten.
Doch es war kein Gemäuer, sondern ein weibliches Geschlecht, das mich anzog und gleichzeitig erschreckte.«
Silkis atmete keuchend.
»Hütet Euch«, empfahl ihr der Deuter. »Den Traumbüchern zufolge kündigt ein Glied zu sehen einen Diebstahl an.«
»Und ein weibliches Geschlecht?«
»Arge Not.«
Mit zerzaustem Haar begab Silkis sich unverzüglich zum Lagerhaus. Ihr Gatte schalt gerade zwei Männer, die mit hängenden Armen und untröstlichen Gesichtern dastanden.
»Verzeih mir, dich zu belästigen, mein Liebling. Du mußt dich in acht nehmen, man wird dich bestehlen, unduns droht arge Not.«
»Deine Warnung kommt zu spät. Diese Schiffsführer erklären mir, wie ihre anderen Berufsgenossen, daß kein Schiff zur Verfügung steht, um meinen Papyrus vom Delta nach Memphis zu befördern. Unser Lager wird leer bleiben.«
30. Kapitel
Richter Paser ließ Bel-ter-ans Zorn über sich ergehen.
»Was erwartet Ihr von mir?«
»Daß Ihr wegen Behinderung des freien Warenverkehrs einschreitet. Die Bestellungen strömen herbei, und ich kann keine einzige ausliefern!«
»Sobald ein Schiff verfügbar ist …«
»Nicht eines wird es sein!«
»Böswilligkeit?«
»Ermittelt, und Ihr werdet den Beweis erbringen. Jede Stunde, die verstreicht, bringt mich der Vernichtung näher.«
»Kommt morgen wieder. Bis dahin hoffe ich, genauere Kenntnisse zu erhalten.«
»Ich werde nicht vergessen, was Ihr für mich tut.«
»Für die Gerechtigkeit, Bel-ter-an, nicht für Euch.«
Der Auftrag belustigte Kem – und seinen Babuin noch mehr. Mit der von Bel-ter-an beigebrachten Aufstellung der Schiffseigner versehen, fragten sie diese nach dem Grund ihrer Weigerung. Verworrene Erklärungen, Bedauern und offenkundige Lügen verschafften ihnen die Gewißheit, daß der Papyrushersteller nicht im Irrtum war. Am äußersten Ende der Hafenanlagen, zur Stunde der Mittagsruhe, traf Kem endlich auf einen für gewöhnlich gut unterrichteten Bootsmann.
»Kennst du Bel-ter-an?«
»Hab’ von ihm gehört.«
»Kein Schiff verfügbar für seinen Papyrus?«
»So scheint es.«
»Dennoch liegt deines an der Hafenmauer und ist leer.«
Der Pavian öffnete das Maul, ohne einen Ton von sich zu geben.
»Halt dein Raubtier zurück!«
»Die Wahrheit, und wir lassen dich in Frieden.«
»Denes hat alle Boote für eine Woche gepachtet.« Gegen Ende des Nachmittags befolgte Richter Paser den ordentlichen Rechtsgang, indem er höchstselbst die Eigner verhörte und sie zwang, ihm ihre Pachtverträge zu zeigen. Alle lauteten auf Denes’ Namen.
Aus einem Segellastkahn löschten Seeleute Lebensmittel, Krüge und Hausrat. Ein anderes Lastschiff schickte sich an, gen Süden abzulegen. Nur wenige Ruderer fanden sich darauf; fast das gesamte Deck des Wasserfahrzeugs mit wuchtigem Rumpf war von aufgebauten Hütten eingenommen, in denen man die Waren unterstellte. Der Bootsmann, der das Steuerruder handhabte, war bereits zur Stelle; es fehlte bloß noch der Bugmann. Mit einer langen Stange würde er in regelmäßigen Abständen den Grund ausloten. Auf dem Hafendamm unterhielten sich Denes und der Schiffsführer in all dem Lärm und Stimmengewirr. Die Seeleute sangen und fuhren sich derb an, Zimmerleute besserten einen Segler aus, Steinmetze verstärkten eine Anlegestelle. »Dürfte ich Euch kurz sprechen?« fragte Paser, den Kem und der Pavian begleiteten. »Mit Freuden, aber etwas später.«
»Verzeiht mir, daß ich beharre, aber ich habe es eilig.«
»Doch nicht in dem Maße, die Abfahrt eines Schiffes zu verzögern!«
»Eben doch.«
»Weshalb?«
Paser entrollte einen Papyrus von gut einem Meter. »Dies hier ist die Aufstellung der Verstöße, die Ihr begangen habt: erzwungene Pacht, Einschüchterung der Schiffseigner, versuchte Beherrschung des Handels, Behinderung des Warenverkehrs.« Denes prüfte das Schriftstück. Die Anschuldigungen des Richters waren mit großer Genauigkeit und vorschriftsgemäß aufgeführt.
»Ich weise Eure Deutung der Dinge als aufgebauscht und hochtrabend zurück! Ich habe all diese Schiffe nur deshalb gepachtet, weil außerordentliche Beförderungen in Aussicht stehen.«
»Welche?«
»Verschiedenste Waren.«
»Das ist mir zu ungenau.«
»In meinem Beruf ist es gut, das Unvorhergesehene vorauszusehen.«
»Bel-ter-an ist Opfer Eurer Machenschaft.«
»Da haben wir es! Ich hatte es ja vorausgesagt: Sein Ehrgeiz wird ihn ins Verderben führen.«
»Um den Tatbestand der Handelsbeherrschung, die unbestreitbar ist, auszuräumen, übe ich das Recht auf Beschlagnahme aus.«
»Wie es Euch beliebt. Nehmt irgendeine der Barken am Westbecken.«
»Euer Schiff hier kommt mir sehr gelegen.« Denes stellte sich vor den Laufsteg. »Ich verbiete Euch, es anzurühren!«
»Ich ziehe es vor, dies nicht gehört zu haben. Das Gesetz in Abrede zu stellen, ist ein ernstes Vergehen.«
Der Beförderer mäßigte sich. »Seid vernünftig … Theben wartet auf diese Fracht.«
»Bel-ter-an erleidet einen Nachteil, dessen Urheber Ihr seid; die Rechtsprechung erfordert, daß Ihr ihn entschädigt. Gleichwohl ist er gewillt, keine Klage zu erheben, um die zukünftigen Beziehungen mit Euch nicht zu belasten. Wegen der Verzögerung ist sein angestauter Vorrat ungeheuer; dieses Frachtschiff wird gerade genügen.« Paser, Kem und der Pavian stiegen an Bord. Dem Richter ging es jedoch nicht mehr allein darum, Bel-ter-an zu seinem Recht zu verhelfen; er folgte dabei auch einer inneren Eingebung. Mehrere Hütten aus verfügten Brettern, die mit Löchern versehen waren, um eine ausreichende Belüftung zu gewährleisten, beherbergten Pferde, Ochsen, Ziegenböcke und Kälber. Manche von ihnen waren völlig frei, andere an Ringe festgebunden, die ins Deck eingelassen waren. Die Seefesten unter ihnen bewegten sich ungehindert am Bug. Andere Hütten, einfache Gestelle aus Leichtholz mit einem Dach darüber, enthielten Hocker, Stühle und kleine Beistelltische.