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Am folgenden Tage kurz vor sieben Uhr begab sich Harris T. Kymbale also nach dem Bahnhofe, um den Zug zu benutzen, der über Herculanum nach Columbus an der Grenze von Tennessee geht. Nachdem er einen Platz im letzten Personenwagen, der durch ein Trittbrett mit dem Gepäckwagen in Verbindung stand, gewählt hatte, setzte er sich hier seelenruhig zurecht. Siebzehn Minuten sollten ja noch verstreichen, ehe er sich nach dem Kampfplatz zu begeben hatte.

Die Luft war frisch, der Wind ziemlich stark, und so kam jedenfalls niemand der Gedanke, sich während der schnellen Fahrt außerhalb der Wagen aufzuhalten.

Der Waggon, worin Harris T. Kymbale saß, zählte nur zwölf Passagiere.

Als der Reporter zum erstenmale nach der Uhr sah, wies sie auf fünf Minuten nach sieben. Er brauchte also nur noch zwölf Minuten zu warten, und er wartete mit einer Ruhe, die seinem Gegner jedenfalls abging.

Um sieben Uhr vierzehn Minuten stand er auf, nahm auf dem Trittbrette Platz, zog den Revolver aus der Hosentasche, überzeugte sich, daß alle Kammern geladen waren und wartete nun der Dinge, die da kommen sollten.

Sechzehn Minuten nach sieben Uhr vernahm man vom anderen Geleise her ein zunehmendes Rollen – es kam von dem Zuge, der unter Volldampf von Herculanum heranbrauste.

Harris T. Kymbale erhob den Revolver bis zur Stirnhöhe, bereit, ihn in die Horizontale zu senken.

Die Locomotiven flogen aneinander vorüber und schleppten dichte Wolken weißen Dampfes hinter sich her.

Eine halbe Secunde später krachten gleichzeitig zwei Schüsse.

Harris T. Kymbale fühlte den Luftzug von einer Kugel, die seine Wange fast streifte und der er Schlag auf Schlag Antwort gegeben hatte.

Dann verloren sich beide Züge schnell in der Ferne.

Man darf nicht etwa glauben, daß die Passagiere des Waggons sich, weil sie zwei Schüsse hörten, etwa aufgeregt. hätten – nein, das war dazu nicht angethan. Auch Harris T. Kymbale nahm, ohne zu wissen, ob der Commodore im Fluge getroffen worden war, ruhig seinen Platz wieder ein.

Dann ging die Fahrt weiter nach Nashville, der jetzigen Hauptstadt von Tennessee am Cumberland River, einer gewerb-und handelsthätigen Stadt von sechsundsiebzigtausend Seelen, ferner nach Chattanooga, ein Name, der in der Cherokesensprache »Das Rabennest« bedeutet – und es ist auch ein strategisches Nest erster Ordnung, am Eingang der Pässe, durch die sich Sherman den Durchmarsch mit dem föderierten Heer erzwang. Von hier aus zog er damals durch den Staat Georgia, der seiner Lage wegen den Namen »Der Schlüssel zum Süden«, wie Pennsylvanien den »Der Schlüssel zum Norden«, erhalten hat.

Nach dem Secessionskriege ist Atlanta, zum Andenken an seinen langen Widerstand, zur Hauptstadt von Georgia erhoben worden. Die in mehr als hundertfünfzig Toisen Höhe und an der Mündung der gangbaren »Schluchten der Appalachen« gelegene Stadt erfreut sich des besten Gedeihens und ist jetzt auch die volkreichste des Staates.

Nachdem der Zug durch Georgia bis zur Stadt Augusta am Savannahflusse, wo sich große Baumwollspinnereien befinden, dahingeeilt war, gelangte er nach dem Gebiet von Südcarolina, vorüber an der Augusta gegenüberliegenden Stadt Hamburg, und hielt endlich an seinem Ziele Charleston an.

Am Abend des 2. Juni war es, wo der Reporter diese weitbekannte Stadt erreichte, und zwar von Santa-Fé in Neumexiko nach einer Fahrt von etwa fünfzehnhundert Meilen (2500 Kilometer) – einer Reise, bei der sich das feindliche Zusammentreffen mit Hodge Urrican abspielte.

Hier (in Charleston) berichteten die Zeitungen auch schon über die Passage der beiden Unzertrennlichen, des Commodore und Turk’s, durch Ogden am 31. Mai, wo diese sich in größter Eile nach den entlegenen Gebieten Californiens begaben.

»Wahrhaftig, so ist es ja am besten, sagte sich Kymbale. Ich bedauere es nicht, ihn gefehlt zu haben. Es ist ein Bär, sogar ein Seebär, doch immerhin ein Bär in Menschengestalt!«

Die Zeitungen enthielten übrigens keine Andeutung über das Duell auf der Bahnlinie, von dem nur die zwei Personen etwas wußten, die dabei eine Rolle gespielt hatten, und niemals würde, wenn nicht einer der beiden davon sprach… freilich, auf die Verschwiegenheit eines Lieferanten von interessanten Vorfällen zu rechnen…!

Auf den nahe der Küste von Südcarolina gelegenen Inseln war es, wo sich die ersten französischen Ansiedler niedergelassen hatten. Nimmt dieser Staat bezüglich seiner Ausdehnung auch nur die neunundzwanzigste Stelle unter den Bundesstaaten ein, so hat er doch nicht weniger als elfhundertzweiundfünfzigtausend Einwohner. Er ist reich durch seine langstapelige, seine Baumwolle, durch seine Ernten an vortrefflichem Reis und er enthält auch große Phosphatlager. Leider war er durch den Bürgerkrieg arg heimgesucht worden. Viele Eigenthümer mußten damals ihren Grund und Boden verkaufen, der damit jüdischen Wucherern in die Hände fiel. Man trifft hier noch recht viele Franzosen, Nachkommen jener Hugenotten, die nach der Aufhebung des Edicts von Nantes ihre Heimat verlassen mußten, doch sind, wie Elisée Reclus bemerkt, deren Namen im Laufe der Zeit meistentheils anglisiert worden.

Dieser Staat, in dem die Neger drei Fünftel der Bevölkerung bildeten, war der erste gewesen, der die Secessionsacte proclamierte, so daß die Bundestruppen jener Zeit in seinem Gebiete nur das Fort Sumter bei Charleston besetzt halten konnten.

Seine Hauptstadt ist Columbia, ein hübsches Städtchen mit fünfzehntausend Einwohnern, das unter den Kronen von Magnolien und Eichen fast verborgen liegt. Beaufort auf den Sea Islands, mit seinen Hafenanlagen von Port Royal, hält als Ausfuhrplatz für Baumwolle und Reis der Hauptstadt die Wage. Immerhin bleibt letztere die erste Stadt Südcarolinas, das im Congreß durch zwei Senatoren und sechs Abgeordnete vertreten ist und sechsundvierzig Senatoren neben hundertvierundzwanzig Abgeordneten in der eigenen gesetzgebenden Versammlung zählt.

Südcarolina ist seiner Größe nach, wie erwähnt, der neunundzwanzigste, seiner Volkszahl nach der zweiundzwanzigste Bundesstaat. Im südlichen Theile von den letzten Verzweigungen der Blauen Berge erfüllt, erfreut es sich eines sehr gefunden und gemäßigten Klimas.

Sein Boden erzeugt im Ueberfluß Weizen, Hanf und Tabak, der dem von Virginia mindestens gleichkommt. In der Mitte des Landes eignet es sich mehr für die Maiscultur und im Süden für den Anbau von Baumwolle und Reis. Abgesehen von der Ausbeutung seiner ungeheueren Wälder, bieten hier Eisen-und Bleibergwerke, Marmorbrüche, Goldadern und Ockerlager der Industrie lebhafte Beschäftigung. Während der Winter außerordentlich mild auftritt, herrscht im Juni oft eine sehr starke Wärme. Schon vom Februar an erwacht gewöhnlich die Vegetation, und die Sprossen der Ahornbäume zeigen dann bereits die Spitzen ihrer rothen Blüthen.

Harris T. Kymbale kannte Charleston noch nicht, die Stadt, der der traurige Ruf, der Hauptsitz der Sclavereifreunde zu sein, anhaftet. Ihre Lebenszähigkeit ist so stark, daß sie trotz einer Reihe furchtbarer Katastrophen, trotz der Verwüstungen, denen sie mehrfach durch Feuer, Wasser und Erdstöße und nicht wenig auch durch das Gelbe Fieber ausgesetzt war, ihrer Zerstörung oder ihrem Niedergange immer hartnäckig widerstanden hat.

Auf einer niedrigen Halbinsel zwischen den seichten Mündungen des Ashtley und des Cooper und im Hintergrunde eines Hafens mit zwei Eingängen erheben sich, zwischen Alleen und Quaianlagen, das Handelsviertel Charlestons und seine Wohnhäuser, die alle mit Veranden versehen und von Magnolien, Granat-und üppig grünen Zedrachbäumen beschattet sind. Etwas außerhalb, auf Eilanden und vorspringenden Landspitzen, liegen mehrere Festungswerke, darunter das Fort Moultrie, das eines der Arsenale der Union und Südcarolinas bildet.

Der Quais von Charleston.

Der Hauptberichterstatter der »Tribune« war und blieb das gehätschelte Glückskind. Keine Ueberschwemmung, keine Feuersbrunst, kein Erdbeben suchte Charleston heim, als er hier angekommen war, nicht einmal eine Epidemie von Vomito negro machte sich bemerkbar. Die wegen der Vornehmheit ihrer Sitten und der Höflichkeit ihrer Bewohner allgemein bekannte und geschätzte Stadt zeigte sich ihm also im vollen Glanze. Gewiß sollten die wenigen Tage, die das Geschick ihm hier zu verweilen erlaubte, seinem Gedächtnisse niemals entschwinden.