Nicht als ob es ihm an der zehnfachen Zeit für diese Reise gemangelt hätte. Die Staaten Ohio und Pennsylvanien stoßen aneinander. Sobald man über die Grenze des östlichen von ihnen kommt, befindet man sich schon in dem anderen. Zwischen den beiden, nur sechshundert Meilen (965 Kilometer) von einander entfernt liegenden großen Städten stehen dem Reisenden mehrere Bahnlinien zu Gebote. Die Fahrt ist in zwanzig Stunden bequem abzumachen.
Das ist so ein Glücksfall, der dem Commodore Urrican freilich nicht begegnen sollte, und der weder den Neid des jungen Malers, noch den des Reporters der »Tribune«, die immer lange Fahrten bevorzugten, im geringsten erregen konnte.
John Milner ärgerte sich ebensowenig wie Tom Crabbe darüber, keinen Tag mehr in dieser Stadt zu verweilen, die nur für phänomenale Vertreter der Schweinerasse Sinn hatte. Sobald der Traineur nur die Plattform des Zuges betreten hatte, schüttelte er sich gewiß mit Verachtung den Staub von den Füßen. Um die Anwesenheit Tom Crabbe’s in Cincinnati hatte sich ja keine Seele gekümmert, kein Interviewer war nach seinem Hôtel in der Vorstadt Covington gekommen, keine Wettlustigen waren hier zusammengeströmt, wie früher in Austin in Texas, und der Vorraum des Postamtes war an dem Tage leer geblieben, wo er dort erschien, um die von Meister Tornbrock an ihn aufgegebene Depesche in Empfang zu nehmen… Dank den erhaltenen zwölf Punkten überholte Tom Crabbe aber wenigstens Max Real um drei Felder und um ein Feld selbst den Mann mit der Maske.
In seiner Eigenliebe verletzt, beleidigt durch die Haltung der Einwohnerschaft Cincinnatis und wüthend über eine derartige Gleichgiltigkeit, verließ John Milner das Hôtel um zwölf Uhr siebenunddreißig Minuten und begab sich mit Tom Crabbe, als dieser seine zweite Mahlzeit verzehrt hatte, nach dem Bahnhofe. Der Zug ging ab und überschritt. nachdem er in Columbus getheilt worden war, die vom Ohio gebildete Ostgrenze des Staates.
Pennsylvanien verdankt seinen Namen dem berühmten englischen Quäker Penn, der gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts weite Gebietsstrecken an den Ufern des Delaware erworben hatte. Das trug sich in folgender Weise zu:
William Penn hatte von England eine bedeutende Summe zu fordern, die man ihm nicht zurückzuerstatten wünschte. Deshalb bot ihm Karl II. zur Entschädigung einen Theil des Gebietes an, das damals im Besitz des Vereinigten Königreiches war. Der Quäker ging darauf ein, und bald darauf, schon 1681, legte er den ersten Grund zu dem späteren Philadelphia. Bei der damals vorhandenen Bedeckung des Bodens mit ungeheueren Wäldern lag es nahe, das Land Sylvana zu nennen und diesem Worte den Familiennamen Penn’s hinzuzufügen… daher Pennsylvania zu sagen.
Diese Geschichte hätte Harris T. Kymbale nebst anderen das Land betreffenden Notizen und sicherlich zur Befriedigung der Leser der »Tribune« erzählt, wenn das Schicksal ihm eine vierzehntägige Villegiatur im pennsylvanischen Gebiete gegönnt hätte. Mit welch gewandter Feder würde er das übrigens Ohio recht ähnliche Land geschildert haben das die Alleghanykette von Südwesten nach Nordosten durchzieht und damit eine große Wasserscheide bildet. Er hätte dessen allgemeines Aussehen beschrieben, das die zweite Hälfte seines Namens noch immer rechtfertigt, denn es trägt endlose Wälder von Eichen, Buchen, Kastanien-und Nußbäumen, wie von Ulmen, Eschen und Ahornbäumen, hat Niederungen mit vielem Sassafras und Weiden, worauf sich starke Viehherden tummeln und sehr schöne Pferde gezüchtet werden, die freilich, ebenso wie die von Oregon und von Kansas, das Fahrrad einst zum Aussterben bringen dürfte. Er hätte mit hochtönenden, geistreichen Phrasen von den ausgedehnten Feldern erzählt, wo der Maulbeerbaum zur Freude der Seidenzüchter fröhlich gedeiht, und auch von den Weinbergen, die einen reichen Ertrag liefern. Denn wenn Pennsylvanien auch im Winter, seiner Breitenlage gar nicht entsprechend, sehr kalt ist, so hat es doch im Sommer eine fast tropische Hitze. Ferner hätte er, sich auf Zahlen stützend, wohl von den Reichthümern des Bodens gesprochen, der so viel Steinkohle, Anthracit, Eisenerz, Petroleum-und Naturgasquellen enthält und so freigebig, so unerschöpflich ist, daß er an Stahl und Eisen mehr Tonnen liefert als die übrigen in der Republik vereinigten Staaten zusammen. Vielleicht hätte der begeisterte Reporter endlich noch von seinen Jagden auf Elchthiere, Damwild, wilde Katzen, Wölfe, Füchse und braune Bären erzählt, die im Staate noch ziemlich häufig vorkommen, denn er war ein großer Liebhaber cygenetischer Heldenthaten.
Wir brauchen kaum hinzuzufügen, daß Harris T. Kymbale auch alle bedeutenderen Städte aufgesucht hätte, schon um die Genugthuung zu genießen, überall einen lauten Empfang zu finden und die Glückwünsche zu hören, die ihm, einem Favoriten in dem excentrischen Wettrennen, ausnahmslos zutheil wurden. Er hätte die zwei fast verwachsenen Städte Alleghany und Pittsburg besichtigt, wo sein Mitbewerber Max Real bis zur Abreise nach Richmond eine Zeit lang verweilt hatte; er hätte einen Theil seiner Zeit der Hauptstadt des Staates, Harrisburg, gewidmet, wo vier schöne Brücken den aus den Blauen Bergen herabströmenden Susquehanna überspannen, an dem selbst wieder Metallfabriken in meilenlanger Reihe liegen. Jedenfalls hätte er sich auch nach dem weitberühmten Friedhofe von Gettygsburg begeben, dem Schauplatze eines Kampfes im Secessionskriege, wo die Soldaten des conföderierten Heeres 1863 an demselben Tage fielen, wo sich der Mississippi dem General Grant durch die Einnahme der Festung Wicksburg öffnete. Das wäre übrigens jedenfalls in Gesellschaft zahlreicher Pilger aus dem Süden wie aus dem Norden geschehen, die alljährlich hier zusammenströmen, um den Todten unter den langen Reihen von Grabsteinen, die sich auf dieser blutgetränkten Nekropolis erheben, eine Ehrenbezeugung darzubringen. Das Gebiet des Landes enthielt auch noch manche andere, blühende Städte, wie Scranton, Reading, Erie am gleichnamigen See, Lancaster, Altoona, Wilkesbarre u. s. w., mit einer Bevölkerung von mehr als dreißigtausend Seelen. Endlich hätte der Hauptberichterstatter der großen Chicagoer Zeitung gewiß den Mont-Ours, in der Nähe des Leigththales, aufgesucht, der gegen zweihundert Meter hoch ist und wo 1827 die erste Eisenbahn erbaut wurde. Der Berg liegt übrigens neben einer Anthracitgrube, die seit einem halben Jahrhundert in Flammen steht.
Was Max Real anginge. der die industrielle Gegend ganz und gar nicht leiden mochte, wäre hier doch darauf hinzuweisen, daß er auf pennsylvanischem Gebiete so manches hübsche, seines Pinsels würdige Landschaftsbild gefunden hätte, vor allem abwechslungsreiche und malerische Gegenden am Abhange der Alleghanys und in den Thälern des Gebirgsstockes der Appalachen.
Doch weder der erste, noch der vierte Partner waren – ein bedauerlicher Verlust für die Nachwelt – nach dem siebenundvierzigsten Felde geschickt worden.
Von Thomas Crabbe, oder richtiger von John Milner, war keine Bethätigung eines Interesses an Natur oder Menschenwerk zu erwarten. John Milner’s Held sollte sich nach Philadelphia begeben, folglich ging er dahin, doch nirgends anderswohin. Diesmal würde sich die öffentliche Aufmerksamkeit auch nicht von ihm abwenden. Er mußte wieder der Mann des Tages werden. Nöthigenfalls wollte John Milner ihn in das rechte Licht setzen und die große Stadt zwingen, sich mit einer Persönlichkeit zu beschäftigen, die in den Boxerkreisen Nordamerikas eine so hervorragende Stellung einnahm.
Gegen zehn Uhr abends am 31. Mai hielt Tom Crabbe seinen Einzug in die »Stadt der brüderlichen Liebe«, wo sein Traineur und er die erste Nacht incognito verbrachten.
Am nächsten Tage wollte John Milner erst sehen, woher der Wind hier wehte. Kam dieser aus günstiger Richtung und hatte er den Namen des berühmten Boxers wohl schon bis zu den Delawareufern getragen?
Seiner Gewohnheit gemäß hatte John Milner den Tom Crabbe im Hôtel zurückgelassen, nachdem er wegen dessen zwei Vormittagsmahlzeiten die nöthige Vorsorge getroffen hatte.
Wie in Cincinnati hatte er auch hier ihre Namen nicht sogleich ins Fremdenbuch eingetragen; vorher hielt er einen Spaziergang durch die Stadt für angezeigt. Da der Ausfall des letzten Würfelns hier seit dem Tage vorher bekannt geworden sein mußte, konnte er sich unterwegs leicht überzeugen, ob sich die Bevölkerung mit der Ankunft Tom Crabbe’s beschäftigte oder nicht.