wir haben sie zwei Stunden lang Punkt für Punkt durchgearbeitet, und er hat unterschrieben. Ich habe sie in meiner Kanzlei aufbewahrt und immer das jeweils letzte Testament mitgebracht. Sobald er das neue unterschrieben hatte, haben wir - das heißt, Mr. Phelan und ich - das alte in den Aktenvernichter neben seinem Schreibtisch gesteckt. Er hat diese kleine Zeremonie jedesmal aufs höchste genossen. Dann war er einige Monate lang zufrieden, bis er sich über eins seiner Kinder ärgerte, und er hat angefangen, davon zu reden, dass er sein Testament abändern wollte.
Sofern die Nachkommen beweisen können, dass er bei der Abfassung des handschriftlichen Testaments nicht bei klarem Verstand war, gibt es gar keins. Alle anderen sind vernichtet worden.«
»In dem Fall müsste man ihn wie einen Erblasser behandeln, der kein Testament errichtet hat«, fügte Wycliff hinzu.
»Ja, und wie Sie sehr wohl wissen, würde sein Nachlass in einem solchen Fall gemäß den Gesetzen des Staates Virginia vollständig unter seinen sämtlichen Nachkommen aufgeteilt.«
»Sieben Kinder. Elf Milliarden Dollar.«
»Sieben, von denen wir wissen. Der Betrag kommt ziemlich genau hin. Würden Sie in einem solchen Fall als Erbe, der sich übergangen fühlt, nicht auch versuchen, das Testament anzufechten?«
Wycliff konnte sich nichts Schöneres vorstellen als eine langwierige Auseinandersetzung um das Erbe, bei der die Fetzen flogen. Und ihm war klar, dass die Anwälte, Josh Stafford nicht ausgenommen, bei einer solchen Auseinandersetzung noch reicher würden als ohnehin.
Aber zu einem Streit braucht man zwei Parteien, und vorerst war nur eine aufgetreten. Irgend jemand musste die Anfechtung von Mr. Phelans letztem Testament abwehren.
»Haben Sie schon etwas über Rachel Lane in Erfahrung gebracht?« fragte er.
»Nein. Aber wir sind auf der Suche nach ihr.«
»Wo befindet sie sich?«
»Vermutlich irgendwo in Südamerika, wo sie als Missionarin tätig ist. Nur gefunden haben wir sie noch nicht. Aber wir haben Leute da unten.« Josh merkte, dass er mit dem Wort >Leute< ziemlich locker umging. Gedankenversunken sah Wycliff zur Decke empor. »Warum wollte er seine elf Milliarden einer unehelichen Tochter hinterlassen, die als Missionarin arbeitet?«
»Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Er hat mich im Laufe der Jahre schon mit so vielen Dingen überrascht, dass ich abgehärtet bin.«
»Aber es klingt doch ein bißchen verrückt, oder nicht?«
»Es ist merkwürdig.«
»Wussten Sie von ihr?«
»Nein.«
»Könnte es noch andere Erben geben?«
»Möglich ist alles.«
»Sind Sie der Ansicht, dass er nicht ganz bei Trost war?« »Nein. Seltsam, schrullig, launenhaft, ein ausgewachsenes Ekel. Aber er hat genau gewusst, was er tat.« »Schaffen Sie die Frau her, Josh.« »Wir geben uns Mühe.« Das Gespräch zwischen dem Häuptling und Rachel fand unter vier Augen statt. Von dort, wo Nate auf der Veranda unter seiner Hängematte saß, konnte er ihre Gesichter sehen und ihre Stimmen hören. Irgend etwas am Himmel schien den Häuptling zu beunruhigen. Er sagte etwas, hörte dann auf Rachels Worte und hob langsam den Blick, als ob er erwarte, dass aus den Wolken der Tod herabregne. Es war Nate klar, dass der Häuptling Rachel nicht nur zuhörte, sondern auch ihren Rat suchte.
Während um sie herum das Frühstück allmählich zu Ende ging, bereiteten sich die Ipicas auf einen weiteren Tag vor. Die Jäger sammelten sich in kleinen Gruppen vor dem Männerhaus, um ihre Pfeilspitzen zu schärfen und die Bogensehnen einzuhängen. Die Fischer legten Netze und Schnüre zurecht. Die jungen Frauen begannen mit ihrer den ganzen Tag nicht endenden Aufgabe, die Fläche um ihre Hütte mit dem Besen sauber zuhalten. Ihre Mütter brachen zu den Gärten und Feldern in der Nähe des Waldes auf.
»Er ist überzeugt, dass es ein Gewitter gibt«, erklärte Rachel, als die Besprechung vorüber war. »Er sagt, dass Sie fahren können, aber er gibt Ihnen keinen Führer mit. Es ist zu gefährlich.«
»Können wir es ohne Führer schaffen?« fragte Nate.
»Ja«, sagte Jevy, und Nate warf ihm einen vielsagenden Blick zu.
»Es wäre nicht klug«, sagte sie. »Die Flüsse gehen ineinander über, und man verirrt sich leicht. Selbst die Ipicas haben während der Regenzeit schon Fischer verloren.«
»Wann wird das Gewitter vorüber sein?« fragte Nate.
»Das müssen wir abwarten.«
Nate holte tief Luft und ließ die Schultern sinken. Sein ganzer Körper schmerzte. Er hatte Hunger, war müde, über und über mit Mückenstichen bedeckt und hatte das kleine Abenteuer satt. Außerdem fürchtete er, dass sich Josh Sorgen machte. Bisher war alles fehlgeschlagen. Zwar hatte er kein Heimweh, weil er nirgendwo daheim war, aber er wollte Corumba mit seinen gemütlichen kleinen Cafes, den angenehmen Hotels und den Straßen wiedersehen, auf denen das Leben gemächlich dahintrieb. Er wollte eine weitere Gelegenheit haben, allein zu sein, sauber und nüchtern und ohne die Angst, sich zu Tode zu trinken.
»Es tut mir leid«, sagte sie.
»Ich muss wirklich zurück. In der Kanzlei erwartet man meinen Bericht. Die Sache hat schon viel länger gedauert als angenommen.«
Sie hörte ihm zwar zu, nahm aber nicht wirklich Anteil. Dass sich einige Leute in einer Kanzlei in Washington Sorgen machten, ließ sie ziemlich kalt.
»Können wir miteinander reden?« fragte er.
»Ich muss zum Begräbnis des kleinen Mädchens ins Nachbardorf. Warum kommen Sie nicht mit? Unterwegs haben wir viel Zeit, miteinander zu reden.«
Lako ging voran. Sein rechter Fuß war zur Innenseite hin verdreht, so dass er bei jedem Schritt nach links wegsackte und sich dann wieder rechts hochriss. Es tat weh, das mit ansehen zu müssen. Rachel folgte ihm, hinter ihr ging Nate, der ihre Tuchtasche trug. Jevy hielt sich hinter ihnen außer Hörweite, um nicht mitzubekommen, worüber sie sprachen.
Nachdem sie das Hüttenoval verlassen hatten, kamen sie an brachliegenden kleinen quadratischen Feldern vorüber, auf denen allerlei Buschwerk wucherte. »Die Ipicas bauen ihre Nutzpflanzen auf kleinen Flächen an, die sie dem Urwald abgewinnen«, erklärte sie. Es fiel Nate schwer, mit ihr Schritt zu halten. Ein Marsch von drei Kilometern Länge durch die Wälder war für sie offenbar eine Kleinigkeit, und sie schritt auf ihren sehnigen Beinen kräftig aus. »Der Ackerbau laugt den Boden aus, so dass er nach einigen Jahren nichts mehr hergibt. Dann werden die Felder aufgegeben, die Natur erobert das Gebiet zurück, und die Ipicas legen neue Felder an. Langfristig gesehen wird kein Schaden angerichtet, denn alles kehrt zu seinem vorigen Zustand zurück. Land ist für diese Menschen das ein und alles, denn sie leben davon. Allerdings hat die zivilisierte Welt ihnen den größten Teil davon fortgenommen.«
»Kommt mir irgendwie bekannt vor.«
»Nicht wahr? Wir vermindern die Bevölkerungszahl durch Blutvergießen und Krankheiten und nehmen den Menschen das Land. Dann bringen wir sie in Reservate und können nicht verstehen, warum sie dort nicht glücklich sind.«
Sie begrüßte zwei nackte Frauen, die in der Nähe des Pfades den Boden bearbeiteten. »Die Frauen müssen die schwere Arbeit tun«, bemerkte Nate.
»Ja. Aber verglichen damit, was es bedeutet, Kinder in die Welt zu setzen, ist das leicht.«
»Ich sehe ihnen lieber bei der Arbeit zu.«
Die Luft war feucht, aber frei von dem Rauch, der beständig über dem Dorf hing. Nate schwitzte schon, als sie den Wald betraten.
»Erzählen Sie mir etwas von sich, Nate«, sagte sie über die Schulter.
»Das könnte ziemlich lange dauern.«