Dann vor ein paar Tagen in Corumba. Ich glaube, es war am Weihnachtstag.«
»In Corumba?«
»Ja. In meinem Hotelzimmer. Ich hab mich mit billigem Wodka fast zu Tode gesoffen.«
»Sie armer Mann.«
»Schön, ich bin krank. Ich habe das schon oft in Gegenwart von vielen Leuten gesagt, die mir helfen wollten.« »Haben Sie es je Gott gebeichtet?«
»Ich bin sicher, dass Er das weiß.«
»Natürlich weiß Er es. Aber Er hilft Ihnen erst, wenn Sie Ihn darum bitten. Er ist allmächtig, aber Sie müssen sich Ihm bußfertig im Gebet nähern.«
»Und was passiert dann?«
»Ihre Sünden werden vergeben. Er wird all Ihre Schuld auslöschen. Ihre Sucht wird von Ihnen genommen. Der Herr wird alles vergeben, was Sie getan haben, und Sie werden in den Kreis derer eintreten, die an Christus glauben.«
»Und was ist mit meinen Schulden beim IRS?«
»Die bleiben bestehen. Aber Sie werden die Kraft haben, damit umzugehen. Das Gebet vermag alle Widrigkeiten zu überwinden.«
Nate waren solche Ansprachen nicht fremd. Er hatte sich schon so oft den Höheren Kräften ausgeliefert, dass er die Predigten fast selbst hätte halten können. Geistliche, Therapeuten, Gurus und Psychiater jeglicher Art hatten ihm gut zugeredet. Er hatte sogar, als er einmal drei Jahre lang trocken gewesen war, als Berater der Anonymen Alkoholiker gearbeitet und anderen Alkoholikern im Keller einer alten Kirche in Alexandria den Zwölf-PunktePlan erläutert. Dann war er erneut abgestürzt.
Warum sollte sie nicht versuchen, ihn zu retten? War es nicht ihre Berufung, die Verlorenen zu bekehren?
»Ich weiß nicht, wie man betet«, sagte er.
Sie nahm seine Hand und drückte sie kräftig. »Schließen Sie die Augen, Nate, und sprechen Sie mir nach: Lieber Gott, vergib mir meine Schuld und hilf mir, dass ich denen vergebe, die an mir schuldig geworden sind.« Murmelnd sprach Nate ihr nach und drückte ihre Hand fester. Was sie sagte, klang so ähnlich wie das Vaterunser. »Gib mir die Kraft, Versuchungen und Süchte zu überwinden und die vor mir liegenden Prüfungen zu bestehen.« Murmelnd wiederholte er ihre Worte, doch das kleine Ritual verwirrte ihn. Für Rachel war es einfach zu beten, denn sie tat das ständig. Für ihn war es eine sonderbare Übung.
»Amen«, sagte sie. Sie öffneten die Augen, hielten einander aber weiter bei der Hand. Sie lauschten auf das Wasser, das mit leisem Murmeln über die Steine rieselte. Er hatte das sonderbare Gefühl, als werde seine Last von ihm genommen; seine Schultern waren weniger niedergedrückt, sein Kopf kam ihm klarer, seine Seele nicht mehr so beunruhigt vor. Doch war er so beladen, dass er nicht sicher war, welche seiner Lasten von ihm genommen waren und welche blieben.
Die wirkliche Welt machte ihm nach wie vor angst. Es war leicht, tief im Pantanal tapfer zu sein, wo es nur wenige Versuchungen gab, aber er wusste, was ihn zu Hause erwartete.
»Ihre Sünden sind Ihnen vergeben, Nate«, sagte sie.
»Welche? Es sind so viele.«
»Alle.«
»Das ist zu einfach. Mein Leben ist ein unüberschaubares Chaos.«
»Wir beten heute Abend wieder.«
»Bei mir gehört mehr dazu als bei den meisten anderen.«
»Vertrauen Sie mir. Und vertrauen Sie auf Gott. Er hat Schlimmeres gesehen.«
»Ihnen vertraue ich. Mit Gott hab ich so meine Probleme.«
Sie drückte seine Hand fester, und eine ganze Weile sahen sie schweigend auf das Wasser, das um sie herum strömte. Schließlich sagte sie: »Wir müssen gehen.« Aber sie rührten sich nicht.
»Ich habe über diese Beerdigung nachgedacht, über das kleine Mädchen«, sagte Nate.
»Was ist damit?«
»Werden wir ihren Leichnam sehen?«
»Ich denke schon. Man wird ihn kaum übersehen können.«
»Dann möchte ich lieber nicht hingehen. Ich kehre um und gehe mit Jevy ins Dorf zurück. Da warten wir dann.« »Sind Sie sicher, Nate? Wir könnten stundenlang miteinander reden.«
»Ich möchte kein totes Kind sehen.«
»Schön. Ich verstehe.«
Er half ihr auf die Füße, obwohl sie bestimmt keine Hilfe gebraucht hätte. Sie hielten sich bei den Händen, bis
sie nach ihren Stiefeln griff. Wie immer tauchte Lako aus dem Nichts auf, und schon bald waren die beiden in der Finsternis des Urwalds verschwunden.
Er fand Jevy unter einem Baum schlafend. Während sie den Rückweg antraten, achteten sie bei jedem Schritt auf Schlangen und erreichten nach einiger Zeit das Dorf.
EINUNDDREISSIG
Der Häuptling schien kein großer Wetterprophet zu sein. Das Gewitter blieb aus. Es regnete lediglich zweimal kurz, während Nate und Jevy in den geliehenen Hängematten dösten, um den langweiligen Tag irgendwie herumzubringen. Nach jedem der beiden Schauer schien gleich wieder die Sonne, und vom nassen Lehmboden stiegen Dampfschwaden auf. Die Luftfeuchtigkeit war so hoch, dass die beiden Männer sogar im Schatten schwitzten, obwohl sie sich sowenig wie möglich bewegten.
Sie sahen dem Treiben der Indianer zu, wenn es etwas zu sehen gab, aber die Hitze verminderte auch deren Lust an der Arbeit und am Spiel. Als die Sonne hoch am Himmel stand, zogen sich die Ipicas in ihre Hütten oder in den Schatten dahinter zurück. Während der Regenschauer spielten die Kinder im Regen. Wenn sich Wolken vor die Sonne schoben, wagten sich die Frauen heraus, um ihre Arbeiten zu erledigen und zum Fluss zu gehen.
Der träge Lebensrhythmus hatte Nate nach einer Woche im Pantanal abgestumpft. Jeder Tag schien ebenso zu verlaufen wie der vorige. In Jahrhunderten hatte sich nichts geändert.
Rachel kehrte mit Lako um die Mitte des Nachmittags zurück. Ihr erster Weg führte sie zum Häuptling, dem sie berichtete, was im anderen Dorf vorgefallen war. Dann sprach sie mit Nate und Jevy. Sie war müde und wollte ein wenig ausruhen, bevor sie mit Nate über die geschäftlichen Dinge sprechen wollte.
Also noch eine Stunde totschlagen, dachte Nate, während er ihr nachsah. Sie war schlank und zäh wie eine Marathonläuferin.
»Was gibt es da zu sehen?« fragte Jevy mit breitem Grinsen.
»Nichts.«
»Wie alt ist sie?«
»Zweiundvierzig.«
»Wie alt sind Sie?«
»Achtundvierzig.« -
»War sie schon mal verheiratet?«
»Nein.«
»Glauben Sie, dass sie je mit einem Mann zusammen war?«
»Warum fragen Sie sie nicht?«
»Fragen Sie sie?«
»Es interessiert mich wirklich nicht.«
Sie schliefen wieder eine Weile, denn etwas anderes gab es nicht zu tun. In ein paar Stunden würden die Indianer anfangen zu ringen, dann würde es Abendessen geben, danach würde es dunkel. Nate träumte von der Santa Loura, günstigstenfalls ein bescheidenes Boot, das aber mit jeder Stunde, die verging, großartiger wurde. In seinen Träumen ähnelte sie schon bald einer schnittigen, eleganten Jacht.
Als sich die Männer versammelten, um sich ihrer Haarpflege zu widmen und sich auf ihre Spiele vorzubereiten, machten sich Nate und Jevy aus dem Staub. Einer der kräftigeren Ipicas rief ihnen etwas zu und forderte sie mit blitzenden Zähnen auf, sich am Ringen zu beteiligen. Daraufhin entfernte Nate sich noch schneller. Er sah vor seinem geistigen Auge, wie ihn irgendein stämmiger kleiner Krieger mit wild schlenkernden Genitalien zu Boden schleuderte. Auch Jevy schien der Sache keinen Geschmack abgewinnen zu können. Rachel rettete sie.
Sie wanderte mit Nate zum Fluss hinüber, an die alte Stelle unter den Bäumen. Dort saßen sie auf der schmalen Bank so dicht beieinander, dass ihre Knie sich wieder berührten.
»Es war klug von Ihnen, nicht hinzugehen«, sagte sie. Ihre Stimme klang müde. Die Ruhepause hatte offensichtlich nicht die gewünschte Erholung bewirkt. »Warum?«
»Jedes Dorf hat einen Heilkundigen, shalyun heißt er in der Sprache der Menschen hier, der seine Medizin aus Kräutern und Wurzeln braut. Außerdem beschwört er Geister, die bei allen möglichen Schwierigkeiten helfen sollen.« »Ach so, der gute alte Medizinmann.«