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Aber seine Füße waren wie Ziegelsteine. Nate gab sich große Mühe, sie zu heben, doch einer wie der andere rührte sich kaum.

Er ließ den Kopf aufs Kissen sinken, schloss die Augen und überlegte, ob er weinen sollte. Hier liege ich in einem Land der dritten Welt im Krankenhaus, sagte er immer wieder vor sich hin. Ich bin aus Walnut Hill weggegangen, wo man tausend Dollar am Tag zahlen musste, alles auf Knopfdruck kam, wo sie Teppiche und Duschen hatten und Therapeuten darauf warteten, dass ich sie kommen ließ.

Der über und über mit offenen Wunden bedeckte Mann stieß einen Grunzlaut aus, und Nate ließ sich noch tiefer ins Bett sinken. Dann griff er vorsichtig nach der Binde, legte sie sich über die Augen und klebte sie mit dem Pflaster exakt an die Stelle, wo sie gewesen war, nur fester.

FÜNFUNDDREISSIG

Snead kam zu der Sitzung mit einem eigenen Vertragsentwurf, den er ohne Hilfe eines Anwalts ausgearbeitet hatte. Hark las ihn und musste zugeben, dass er nicht schlecht war. Er trug den Titel >Vertrag über Dienstleistungen eines Sachverständigem. Sachverständige vertreten eine Meinung, während Snead in erster Linie mit Fakten zu tun hatte, doch war es Hark gleichgültig, was da stand. Er unterschrieb den Vertrag und gab Snead einen bestätigten Bankscheck über eine halbe Million. Dieser nahm ihn vorsichtig entgegen, prüfte ihn sorgfältig, faltete ihn zusammen und steckte ihn in die Jackentasche. »Und wo fangen wir an?« fragte er lächelnd.

Es gab ungeheuer viel zu besprechen. Die anderen Phelan-Anwälte wollten dabei sein. Hark hatte lediglich Zeit für eine erste Erkundigung und fragte daher: »Wie war der Geisteszustand des Alten am Vormittag seines Todes, ganz allgemein gesagt?«

Snead wand sich und runzelte die Stirn, als müsse er gründlich nachdenken. Er wollte wirklich das Richtige sagen. Er hatte das Gefühl, als lasteten jetzt viereinhalb Millionen auf seinen Schultern. »Er war nicht bei Verstand«, sagte er. Die Worte hingen in der Luft, während er auf die Billigung seines Gegenübers wartete.

Hark nickte. So weit, so gut. »War das ungewöhnlich?«

»Nein. In seinen letzten Lebenstagen hat er kaum je vernünftig reagiert.«

»Wie viel Zeit haben Sie mit ihm verbracht?«

»Von kleinen Unterbrechungen abgesehen, vierundzwanzig Stunden am Tag.«

»Wo haben Sie geschlafen?«

»Mein Zimmer war am anderen Ende des Ganges, aber er konnte mich jederzeit über einen Rufknopf holen. Ich habe ihm vierundzwanzig Stunden am Tag zur Verfügung gestanden. Manchmal ist er mitten in der Nacht wach geworden und wollte Saft oder eine Tablette. Er hat dann einfach auf einen Knopf gedrückt, der Summer hat mich geweckt, und ich habe ihm gebracht, was er haben wollte.«

»Wer hat sonst noch bei ihm im Hause gelebt?«

»Niemand.«

»Mit wem hat er sonst noch seine Zeit verbracht?«

»Vielleicht mit seiner Sekretärin, der jungen Nicolette. Er mochte sie.«

»Ist er mit ihr ins Bett gegangen?«

»Wäre das für unseren Fall günstig?«

»Ja.«

»In dem Fall haben sie gerammelt wie die Kaninchen.«

Unwillkürlich musste Hark lächeln. Die Behauptung, Troy habe seiner letzten Sekretärin nachgestellt, würde niemanden überraschen.

Es hatte nicht lange gedauert, bis sie sich aufeinander eingestimmt hatten. »Sehen Sie mal, Mr. Snead, was wir brauchen, ist folgendes: Schrullen, Marotten, Fehlleistungen, sonderbare Dinge, die er gesagt und getan hat, lauter Sachen, die zusammengenommen jeden überzeugen würden, dass er nicht bei Verstand war. Sie haben Zeit. Setzen Sie sich hin, und schreiben Sie auf, was Ihnen einfällt. Erinnern Sie sich an möglichst vieles. Unterhalten Sie sich mit Nicolette, sorgen Sie dafür, dass die beiden es miteinander getrieben haben, hören Sie sich an, was sie zu sagen hat.«

»Sie sagt alles, was wir brauchen.«

»Dann proben Sie es mit ihr, und sorgen Sie dafür, dass es keine Lücken gibt, in denen Anwälte der Gegenseite herumstochern könnten. Was Sie und Nicolette sagen, muss sich hundertprozentig decken.«

»Es gibt niemanden, der uns widersprechen könnte.«

»Wirklich niemanden? Keinen Chauffeur, kein Hausmädchen, keine frühere Geliebte oder irgendeine andere Sekretärin?«

»Das hat es natürlich alles gegeben. Aber außer Mr. Phelan und mir hat niemand im dreizehnten Stock gewohnt. Er war sehr einsam und ziemlich verrückt.«

»Und wie kommt es dann, dass er bei den drei Psychiatern einen so guten Eindruck hinterlassen hat?«

Snead dachte einen Augenblick darüber nach. Ihm fiel nichts ein. »Was vermuten Sie?« fragte er.

»Etwa folgendes: Mr. Phelan wusste, dass die Befragung sehr schwierig würde, weil ihm klar war, dass er mitunter Aussetzer hatte. Daher hat er Sie aufgefordert, Listen mit zu erwartenden Fragen zusammenzustellen. Dann haben Sie und Mr. Phelan den ganzen Vormittag Antworten auf die Fragen geprobt. Tag und Datum, weil er die immer wieder vergaß; die Namen der Kinder, die er praktisch nicht mehr wusste; wo sie zum College gegangen waren, wen sie geheiratet hatten und so weiter. Anschließend sind Sie mit ihm Fragen zu seinem Gesundheitszustand durchgegangen. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie sich, nachdem Sie ihm diese grundlegenden Dinge eingetrichtert haben, mindestens zwei Stunden lang damit beschäftigt haben, ihm die Verflechtungen der Phelan-Gruppe klarzumachen, ihm zu Bewusstsein zu bringen, welche Firmen ihm gehörten, welche Aktien er gekauft hatte und wie die Schlusskurse bestimmter Aktien aussahen. Da er sich in Finanzdingen immer mehr auf Sie verlassen hatte, war das für Sie einfach. Es war zwar mühselig für den Alten, aber Sie wollten ihn unbedingt in Form bringen, bevor Sie ihn für die Befragung in den Raum geschoben haben. Kommt Ihnen das bekannt vor?« Snead gefiel der Gedanke glänzend. Die Gabe des Anwalts, Lügen aus dem Handgelenk zu schütteln, beeindruckte ihn sehr. »Ja, genau so ist es! Auf diese Weise hat Mr. Phelan den Psychiatern Sand in die Augen gestreut.«

»Dann arbeiten Sie das noch etwas gründlicher aus, Mr. Snead. Sie sind als Zeuge um so glaubwürdiger, je mehr Sie an Ihren Geschichten feilen. Die Anwälte der Gegenseite werden es Ihnen nicht leicht machen. Sie werden Ihre Aussagen anzweifeln und Sie als Lügner hinstellen, also müssen Sie gewappnet sein. Schreiben Sie alles auf, damit Sie jederzeit Unterlagen über Ihre Aussagen haben.«

»Der Gedanke gefällt mir.«

»Daten, Uhrzeiten, Orte, Vorfälle, Sonderbarkeiten. Alles, Mr. Snead. Das gleiche gilt für Nicolette. Sorgen Sie dafür, dass auch sie alles aufschreibt.«

»Sie kann nicht besonders gut schreiben.«

»Helfen Sie ihr. Es hängt alles von Ihnen ab, Mr. Snead. Wenn Sie das übrige Geld wollen, müssen Sie es sich verdienen.«

»Wie viel Zeit habe ich?«

»Meine Kollegen und ich würden gern in ein paar Tagen ein Video von Ihnen aufnehmen. Wir hören uns an, was Sie zu erzählen haben, bombardieren Sie mit Fragen und sehen dann, wie Sie darauf reagieren. Bestimmt wollen Sie noch dies und jenes ändern. Wir werden Sie trainieren und vielleicht noch mehr Videos machen. Sobald alles einwandfrei ist, sind Sie für Ihre Außage bereit.«

Snead ging eilends davon. Er wollte den Scheck bei seiner Bank einreichen und sich ein neues Auto kaufen. Auch Nicolette brauchte eins.

Ein Pfleger, der Nachtdienst hatte, sah den leeren Infusionsbeutel. In Druckbuchstaben war auf die Rückseite

geschrieben, dass der Tropf nicht unterbrochen werden durfte. Er nahm den Beutel mit in die Krankenhausapotheke, wo eine Teilzeit-Schwester die entsprechenden Mittel zusammenmischte und ihm den Beutel zurückgab.

Im Krankenhaus waren Gerüchte über den reichen amerikanischen Patienten im Umlauf.

Während des Schlafs wurde Nate mit Medikamenten gestärkt, die er nicht brauchte.