Выбрать главу

Sie reden, besprechen es untereinander, manche sprechen auch nicht, sondern starren Kopp an. Unverhohlen und, in einem Fall, scheint ihm, höhnisch. Warum sollte sie höhnisch sein? Vermutlich ist das einfach ihr Gesicht. Sie tun nichts Benennbares. Dass deine Frau tot ist, kannst du ihnen unmöglich vorwerfen. Dennoch. In Kopp wächst der Widerwille. Als wäre etwas grundfalsch. Dabei war es doch richtig. Die alten Frauen erinnern sich, sie bestätigen, ja, meine Frau hat es gegeben, sie hat hier gelebt, endlich auch mal eine offene Tür, oder wenigstens ein Spalt, durch den du mit einem Auge spähen darfst. Mehr allerdings auch nicht. Von denen, die es wirklich etwas angeht, ist keiner mehr übrig. Du wirst nicht bei der Großmutter in der Wohnküche sitzen und schweigen, während das Ticktacken der Pendeluhr im Schlafzimmer zu euch herüberhallt und Jesus auf dem Kitschbild die Kinderlein zu sich kommen lässt und die Hühner draußen ihre langgezogenen Kräher hören lassen, und neben dem Schuh deiner Schwiegeroma wird kein Weizenkorn auf dem Boden liegen, wie kommst du überhaupt auf so was, sie würde dich vielleicht nicht einmal einlassen, ihr stündet am Tor, sie drinnen, du draußen, und ihr Hund würde bellen, dass kaum ein Wort zu verstehen wäre, und die ganze Straße wäre leer, trotzdem wüsste eine halbe Stunde später schon jeder, was geschehen ist: der Mann der Mejjerteö war da, aber sie hat ihn nicht reingelassen. Eingeäschert, damit sie nicht auferstehen kann. Der normale Grad des Wahnsinns.

Er hob beide Hände, wie einer, der sich ergibt, danke, sagte er, danke für Ihre Hilfe, und machte sich daran, sich langsam Richtung Ausgang zu schieben.

Várjon, várjon! Warten Sie!

Ein junger Mann, der nicht versteht, wie ihm geschieht, wird herbeigeschrien, er solle den Autoschlüssel holen, er versteht nicht, aber er gehorcht, kommt nur mit einer Badehose bekleidet, mit verbranntem Oberkörper, bringt den Schlüssel. Kopp wehrt ab. Ich habe ein eigenes Auto. Sie erklären ihm lang und breit, mit wedelnden Armen und Händen, wie er fahren müsse, jetzt scheinen sie wieder ganz unverdächtig nett, schau, sie wollen dir wirklich helfen.

Danke, ich schaffe das schon. Vielen Dank. Die Ersten kehren zum Buffet oder an die Arbeit zurück.

Von der Wedelei hat er nichts verstanden, aber das Navi zeigt ebenfalls den Friedhof an. Er liegt außerhalb, in das Dreieck gequetscht, wo sich Bahnschienen und Fernstraße schneiden. Sonne, Wind, Staub, Lärm von allen Seiten. Eine niedrige Mauer aus Feldsteinen, die nichts davon abhält. Die Toten hinausgebracht in die Wüste und extra dorthin, wo sich kein Lebender gerne aufhält. Eine Allee muss es dennoch geben, und sei es, dass sie auf jeder Seite nur aus zwei Nadelbäumen besteht. Laubwälder rauschen in Dur, Nadelwälder in Moll, das habe ich von meiner Frau gelernt. Was nur ein Satz ist, denn selbst hören kann ich es nicht. Die Straße rauscht, das ja. Die Sonne ist hell, aber der Wind ist nicht warm, Kopp fröstelt. Alle Gräber sind gleich, ein umlaufender Stein, ein Beet. Zum Glück gibt es nur zweimal fünf Reihen davon. Alle Namen lesen, bis du die richtigen gefunden hast. Die traditionelle Abfolge ist:

Der Name des Mannes,

dessen Gattin XY

geb. NN

Frau Darius Kopp

geb. Flora Meier

Darius und Flora Kopp.

Was für eine Verschandelung.

Die Großeltern liegen nicht weit von einem Komposthaufen und einem Behälter für Plastikabfälle. Der Gießwasserhahn tropft. Wer keine Möglichkeit hat, das Grab zu pflegen, deckt es mit Betonplatten ab und setzt Hauswurz in einen Betonkübel. Die Großmutter hieß mit Vornamen Rozalia.

Eine saudumme Idee, das alles, was hast du dir davon versprochen? — Dir nahekommen, durch deine Orte. Aber du bist so unvorstellbar: hier. — Sägespäne in einer Streichholzschachtel. Ein Güterzug mit 2 Lokomotiven und 24 Waggons fährt vorbei. Schon wieder wird es Abend. Töten einander an einem abendlichen Waldrand. Als würde ich dich in die Verbannung bringen und dort lassen.

Kopp setzte sich ins Auto und fuhr einfach weiter. Das war vielleicht auch falsch. Wenigstens eine Nacht hätte man bleiben können. In der Pension Sport. Ein Zimmer mit Blick auf die Becken. Wie sie nachts dampfen. Noch einen Versuch wagen oder noch mehrere. Sich einnisten, Vertrauen schaffen. Jemanden finden, der sie näher kannte. Aber er fuhr nur und fuhr.

f

10. Juni

Ich trage mein schwarzes Trikotkleid. Der Chef fährt mich an, wir sind hier nicht am Badestrand. Und außerdem latsche ich ständig ins Bild hinein. Was ich mir denke, wo ich hier bin. Das ist keine Schauspielagentur. Wenn ich mir so sehr gefalle, soll ich ein Video von mir selber machen und nicht in seinen herumspazieren.

Wie sich herausstellt, bin ich ein einziges Mal zu sehen. Ich könnte auch eine Passantin sein.

Aber ICH weiß es! Und ich will dich da nicht sehen!

P nimmt die kleine Kamera mit zu mir und nimmt mich auf, wie ich nackt auf dem Bett liege. Nahaufnahmen meines Geschlechts. Auf seine Bitte hin nackt rasiert. Ich wunderte mich, dass die Haut der Schamlippen dunkler ist, dabei habe ich es theoretisch gewusst.

Er nimmt auch den Sex auf. Doggy style. Sieht blöd aus, sagt er hinterher. Aber der Anfang, wo nur du drauf bist, ist schön.

12. Juni

Use your poison. Warum sollten ausgerechnet junge Frauen nicht ihre Vorteile nutzen? Ich wähle in jedem Seminar den Bestaussehenden aus und mache die Probe mit ihm. In zwei Fällen klappt es. Einmal ejaculatio praecox, einmal nicht einmal nach Stunden. Hinterher bat ich beide, mir Kohlen aus dem Keller zu holen. Der Erste tat es wie selbstverständlich, der Zweite verzog das Gesicht: Sex für Kohle? Ich könnte sie selber schleppen. Ich wollte nur etwas ausprobieren. (Die Wahrheit erfahren? Da, schau sie dir an. Er verachtet dich.) Der Erste kam wieder, der Zweite nicht.

30. Juni

Es hat sich herumgesprochen, dass ich es mit jedem mache. Einer ist mit nach Hause gekommen. Wir haben uns über Angelopoulos unterhalten. Was er aus dem Tod eines Bienenzüchters gemacht hat. Um 0:30 sagte er dann: wie ich sehe, werden wir keinen Sex mehr haben. Dann gehe ich jetzt.

Intermezzo:

Zwei Wochen lang schüttet es wie aus Eimern, mitten in den Sommer hinein. Ich schaue und höre zu. Als es nichts mehr gibt, das nicht von Feuchtigkeit durchdrungen wäre, mache ich mich auf den

Weg.

Den Neurasthenikern hat man geraten zu reisen. Das bringe sie von Selbstmordgedanken ab, in dem er sie durch den kleinen Tod des Abschieds entschulde. Sitze auf einer Bank auf dem Bahnsteig der Hochbahn, zwischen zwei Rucksäcken, eine buckelige Schwangere. Von hier aus kann man direkt in die Wohnungen im dritten Stock sehen. Jemand steht da auf einer Leiter und streicht den Fensterrahmen. Schön. Weiße Wände, Grünpflanzen, Sonnenschein, und ein Mensch, der sich sein Heim baut.

Eine und eine Viertelstunde bis zum Bus. Dann 14 Stunden im Bus. Nachts um halb eins obligatorische Pause. Wer Geld hat, kauft irgendwas, ich gehe ein bisschen spazieren. Während ich in Wahrheit schlafe und befürchte, im Traum den Bus zu verpassen. Nachdem wir wieder einsteigen dürfen, kann ich natürlich nicht mehr einschlafen, trotz Schlaf- und Schmerzmitteln.

O. wohnt in einem heruntergekommenen Studentenwohnheim mit dem Namen Maison de l'Inde. Er im Bett, ich auf einer Luftmatratze zu seinen Füßen. Leider entweicht der Matratze die Luft, in der zweiten Nacht schlafe ich lieber auf einer Wolldecke. Als ich ankomme, ist ein pummeliges, pickliges Mädchen bei ihm, eine gewisse Christien. Vollkommen klar, dass sie verliebt in ihn ist. Die Arme. C'est Christien. Elle quitte maintenant. Ich lächle. Je ne suis qu'une amie, würde ich gerne sagen, damit sie nicht so eine Angst haben muss. Sie lächelt schmerzlich und nimmt O.s Kissen mit, das sie bis dahin an sich gedrückt hielt, als wäre es nur Zufall. Er hat es nicht bemerkt, und ich sage nichts. Wir spazieren in der Stadt herum, ich habe keine Ahnung, was wir essen oder trinken, da wir keinen roten Heller haben, aber da ich immer