noch lebe, gehe ich davon aus, dass es mehr als nichts war. Die ganze Zeit reden wir ausschließlich über meine Promiskuität. O. verurteilt diese, aber natürlich erregt ihn der Gedanke. Ich lenke das Gespräch auf Christien.
Ich habe sie entjungfert, weil sie das wollte, sagt O.
Sie ist in dich verliebt.
Das ist ihr Problem.
Darüber geraten wir in einen Streit.
Ich versuche, es ihm zu erklären, er versteht es nicht, er sagt, es interessiert ihn nicht. Er kauft im Vorbeilaufen eine rosa Chrysantheme und gibt sie mir.
Verstehst du's jetzt, du Dummkopf?
Stumm trotten wir weiter. Ich trage die Chrysantheme. Sie stinkt.
Nein. Ich mag sie. Farbe, Geruch, alles an ihr, dass sie so widerstandsfähig ist. Wir trotten. Als O. uns wieder Richtung indisches Haus lenkt, wo man die Klobrille mit Papier auslegen muss, wird mir klar, dass er, sobald wir angekommen sein werden, ficken will. Auf der Wolldecke auf dem Boden, von der aus man unter den Schreibtisch schauen kann zu den Papierkügelchen und den Wollmäusen. Ich gehe, gehe neben ihm her. Wir gehen ins Maison de l'Inde, wir gehen auf dem Flur, er schließt seine Tür auf, Christien schaut aus ihrem Zimmer heraus, sie lächelt, ich lächle auch, O. knurrt sie an: Jetzt nicht! sie zieht sich sofort erschrocken zurück wie ein eingeschüchterter Hund. Gleich heule ich. Entschuldige, sage ich, aber so geht das nicht.
Er schaut mich an.
Aber ich habe genug Gefühl in mir.
So sagt er es. Ich habe genug Gefühl in mir.
Gut, sage ich. Wenn du genug Gefühl in dir hast, verzichte auf den Sex. Nicht nur jetzt oder heute, sondern die ganze Zeit, die ich noch hier bin. Später, zu Hause, können wir dann weitersehen. Mach mir den Hof, sei so nett. Schaut mich an.
Gut, sagt er. Was wollen wir machen? Ich gebe zu, ich weiß es nicht.
Schließlich einigen wir uns, dass wir uns ausruhen. Ich lege mich auf die Decke und lese, er schreibt etwas am Schreibtisch. Bei Christien ist Musik an. Er sitzt am Tisch, manchmal schaut er zurück zu mir. Etwas zwischen vorwurfsvoll und verführerisch. Du solltest dich entscheiden.
Endlich komme ich drauf. Wenn es Nacht wird… Ich muss weg. Völlig klar. Aber ich traue mich nicht, es offen zu tun. Und tatsächlich. Ich habe es fertiggebracht, so lange zu warten, bis er duschen ging, um zu fliehen. Nächtliche Straßen. Ich gehe nur und gehe. Zum Busbahnhof. Auf den nächsten Bus zurück warten.
Das beruhigt mich. Von hier aus weiß ich, wo es langgeht. Ab jetzt kann ich meine Möglichkeiten überblicken. Ich habe keine Angst mehr. Ein wenig schäme ich mich. Schließlich waren wir Freunde. Gute Bekannte. Aber zurückgehen und mich erklären: nein. Nicht, weil es mir peinlich wäre, sondern weil man sie am Ende immer durch Sex befrieden muss. Du hast 3 Geliebte, was stellst du dich bei mir so an?
Ich gehe, es sind viele auf der Straße, einpaar Stände haben immer noch offen, ein Obstverkäufer lächelt mich an. Und eine Sekunde später, ich habe noch das Lächeln im Gesicht, kommen mir einpaar schwarze Jungs entgegen und der eine fasst mir zwischen die Beine. Und schon sind sie weiter, er musste nicht einmal den Rhythmus wechseln, schon sind sie verschwunden im Dunkeln, während ich noch die Berührung seiner Hand an meiner Möse spüre. Ich stehe im Weg, viele kommen und gehen, ich stehe im Weg, ein Rucksacksandwich, man schubst mich, ich suche nach den Augen des Obstmannes, vielleicht hat er es gesehen, vielleicht hilft er, aber er schaut nicht in meine Richtung. Ich werde nicht weinen, nicht fluchen, nicht um Hilfe bitten, wie auch, ich spreche nicht einmal die Sprache anständig. Geh weiter, geh einfach weiter! So etwas kann man nicht einmal anzeigen. Was würde der Polizist sagen, aber was sollen wir tun, Madame?
Warum ende ich immer so?
Ich war die ganze Zeit wach, während ich auf den Bus wartete und dann im Bus, bis ich zu Hause ankam und noch einen ganzen Tag. Ich musste weder essen noch trinken, noch auf die Toilette, noch schlafen. Wach die ganze Zeit. Ich werde arbeiten. Den Rest der Ferien, arbeiten. Das ist die einzig sinnvolle Sache, die ein Mensch machen kann. Arbeite, kümmere dich um nichts und niemanden. Eine Weile will ich jetzt mit niemandem mehr reden.
7
Zehn Wochen, zehn Länder (wenn man die Zwergstaaten miteinrechnet). Sie kehrten zurück, heirateten, die ungeschickte Bedienung kleckerte Feigensoße auf Darius Kopps Glatze, und alle lachten. Am nächsten Tag reiste Floras Trauzeugin in die Vereinigten Staaten, zwei Tage später stürzte das World Trade Center ein. Hand in Hand standen wir einen Tag lang vor dem Fernseher. Wie sie fallen.
Die folgenden Tage und Wochen verlebte Darius Kopp ausschließlich in den Nachrichten — Sie können einen Sikh nicht von einem Muslim unterscheiden. Willkommen, Ewiger Frieden! — und war entsprechend irritiert, als Flora eines Tages aufbrach, um zur Arbeit zu gehen.
Was für eine Arbeit?
Als Kellnerin. In einem Strandcafe.
Du hast dir einen Job gesucht? Wann ist das passiert? Hast du mir etwas darüber gesagt? Ja? Habe ich es nur dort, wo ich war, nicht gehört? Und warum dieser Job? (Wie ein kleiner Verrat. Ich beschäftige mich mit dem Zustand der Welt, und was tust du? Suchst dir eine Aushilfsstelle.) Was für ein Strandcafe? Jetzt? Hier? Ich dachte, du wolltest übersetzen.
Ja, aber in der Zwischenzeit muss ich Geld verdienen.
Du musst gar nichts! Du bist jetzt meine Frau!
Sie lächelte. In unserem Dachgeschoss schien immer die Sonne, Lichtflecken überall, auf ihrem Hals, in ihrem Haar, sie wirkte vollkommen wiederhergestellt, jung und zu Taten aufgelegt. Darius Kopp hatte dennoch kein gutes Gefühl.
Ich kann unmöglich getrennt sein von dir. Werde ich eben dein Stammgast.
Die folgenden Wochen arbeitete sie im Cafe und er war einer von diesen Lackaffen, falsch, gelackt ist er nicht, einer von diesen Wichtigtuern, die sich an öffentliche Orte setzen, um dort abwechselnd mit dem Laptop und dem Smartphone herumzumachen, grabbel hier, grabbel da, wie eine Jazzimprovisation, nur dass man — sofern man Glück hat — nichts davon hören muss, die Inhalte sind im Verborgenen, und in Wahrheit ist es das, was dich so in Unruhe versetzt: dein Ungenügend-informiert-Sein, dass du auf der einen Seite zu viel und auf der anderen zu wenig bekommst, zum Leben zu wenig, und wenn die Krümel, die für dich abfallen, von Interesse für dich zu sein scheinen, umso schlimmer.
Was las und schrieb Darius Kopp da? Immer noch die Nachrichten. Das erste und letzte Mal in seinem Leben interessierte er sich für Politik und verbrachte seine Zeit ausschließlich damit, Nachrichten, Artikel, Analysen zu lesen und sich mit Freunden und Unbekannten darüber auszutauschen. Einmal schrieb er sogar einen Brief an eine christdemokratische Abgeordnete, die er nie im Leben wählen würde, und gab ihr Ratschläge, wie sie ihren Wahlkampf sympathischer gestalten könnte. Es wurde ihm geantwortet von einem ihrer Assistenten. Die Antwort war vollständig leer. Darius Kopp schrieb das, höflich und humorvoll, an die Adresse des Assistenten und bekam keine weitere Antwort mehr.
Jeder nur eine Antwort, sagte Darius Kopp zu Flora, als wäre das ein guter Witz. In Wahrheit fühlte er sich gedemütigt. Nicht mehr als eine Antwort pro Wähler? Und gilt das pro Jahr, pro Wahlkampf oder pro Leben? Und nach wie vielen Fragen wird man in der Querulantendatei geführt? (Früher wäre es nach der ersten oder vor der ersten gewesen, also, reg dich ab.)