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Er regte sich ab, aber das Gefühl, isoliert zu sein, wollte nicht weichen, also fing er an, seine Freunde ins Strandcafe einzuladen. Wir waren sieben Mann, die an demselben Tag entlassen worden sind. Zwei davon hatten mittlerweile wieder einen Job. Der eine war Juri, der andere war Halldor. Juri kam beinahe jeden Tag, Halldor genau einmal.

Kam und fing an, wie immer, lauter und ausführlicher, als es angenehm war, seine Ansichten auseinanderzusetzen: über solche Strandbars diese aufgeblasene Leere unsere Dekadenz die Herrschaftsarchitektur von Regierungsgebäuden und Firmensitzen wir werden das alles noch sehr teuer bezahlen wir bezahlen das jetzt schon sehr teuer unsere Gier nach Eroberung was Chomsky dazu sagt was Michael Moore dazu sagt — Ha! Chomsky for children! Zitiert von: Potthoff — zusammengefasst gibt es doch nur die eine Frage: Cui bono?

Cui bono?! schrie Halldor quer über den ganzen Innen- und den ganzen Außenbereich, bis hinaus auf die Straße.

Manchmal, bemerkte Flora leise, profitiert absolut niemand. Ihr Feierabend fing in diesem Augenblick an, sie setzte sich zu ihnen. Manchmal gibt es ausschließlich Verlierer, trotzdem können wir nicht anders, sagte eine erschöpfte, aber heitere Flora und trank, weil sie großen Durst hatte, ein Glas Gingerale auf einen Zug aus. Halldor Rose sah ihr — wortwörtlich — mit offenem Mund dabei zu.

Wo ich herkomme, trinkt man so etwas zum Frühstück! riefen Flora und Darius im Chor und lachten. Halldor: mit offenem Mund.

Sie saßen noch 3 Stunden da und diskutierten, das heißt, Flora und Halldor diskutierten, Darius Kopp sah amüsiert und stolz zu, wie dieser Halldor Rose, den man noch nie, niemals mit einer Frau hat auch nur ein Wort wechseln sehen — Hat keinen Sinn, war seine lapidare Erklärung und der gesamte Freundeskreis lag vor Lachen unter dem Tisch, so recht hatte er — wie derselbe Halldor Rose also mit meiner Frau wie mit seinesgleichen sprach, nein, ganz anders, denn er diskutierte mit ihr und lag ihr gleichzeitig zu Füßen, und das hatte nun wirklich noch nie einer gesehen. Der Weg führte sie, soweit Kopp das noch zusammenbekommt, nach Aufriss diverser Verschwörungstheorien zur Frage, was denn schlüssig sei, wodurch Schlüssigkeit entstehe. Was ist schon Schlüssigkeit, nicht wahr, Thomas von Aquin? fragte Flora. Woraufhin Halldor nicht, wie von Kopp erwartet, weil bis dahin regelmäßig erlebt, beleidigt die Sinnlosigkeit jeder Diskussion mit» ihr/euch «feststellte, sondern mit einer kaum gesehenen Fröhlichkeit anfing, über die Wiederholungstaste an seinem CD-Player zu erzählen. Dass er gerade heute Morgen beschlossen habe, diese zum 13. Gottesbeweis zu erklären. Und dazu war es gekommen, weil er am Abend zuvor ein Lied eingestellt hatte, das dann die ganze Nacht spielte, am Morgen, als er aufwachte, immer noch, und er hatte nicht etwa einen Brummschädel und war auch nicht dumm davon geworden, den ganzen Abend, die ganze Nacht und ein wenig vom Morgen sang ihm jemand »If I saw you in heaven« vor, und es hat nichts kaputt in ihm gemacht, auch nichts spektakulär geheilt, er fühle sich so normal wie immer, sagte Halldor — Was das auch immer bedeuten mag, hätte Juri gesagt —, vielleicht ein wenig leichter.

Warum hörtest du dieses Lied? hörte Kopp Flora denken, aber nach außen hin lächelte sie, lachte sogar mit, der 13. Gottesbeweis, das ist wirklich ein guter Einfall.

Zum Abschied umarmte Halldor Rose Darius Kopps Frau, als wäre sie eine von den Kumpels.

Hasse nich jesehn, sagte Kopp, als er außer Hörweite war.

Er hat große Angst, sagte Flora. Ich kann das gut verstehen.

Woraufhin Darius Kopp die Lippen aufeinanderpresste. (Ich habe auch Angst. Aber nicht vor dem Krieg. In einem Krieg wüsste ich, was ich tun muss. Kampf oder Flucht. Aber wenn ich keine Arbeit mehr finde, dann weiß ich nicht, was ich tun soll. Ich spreche das nicht aus, weil ich der Mann in dieser Beziehung bin. Der Sohn oder der Kumpel in anderen. So läuft es.)

Der Herbst verging und mit ihm Darius Kopps anfänglich so gute Stimmung. Zu Weihnachten gab es Kaninchen mit Sauerkraut. Sie schenkte ihm viele Sachen, er ihr rote Spitzenunterwäsche.

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30. Juli

Es regnet immer noch. Ich überlegte, ob ich überhaupt noch einmal zurückgehen sollte zu Anima. Ich gehe los im Trockenen, komme an im Regen. Vor der Tür wird gerade ein dicker Mann mit grauen Locken bis auf die Knochen durchweicht. Schimpft wie ein Rohrspatz. Ich renne herum, telefoniere (dabei ständig daran denkend, wie teuer diese Mobilanrufe werden), bis ich schließlich jemanden (P.) erreiche. Sie essen in der Nähe, sie sollen kommen und ihn hereinlassen, er soll nicht im Regen stehen müssen, der Ärmste, so kann man mit Mitarbeitern doch nicht umgehen.

Sie kommen: der Chef und P. Der Chef begrüßt die grauen Locken, P mich. Wir gehen rein und dann ist plötzlich jeder verschwunden, ich stehe allein da im leeren Sekretariat. Ich beschließe, mich vom Chef nicht zu verabschieden, aber von P. Ich steige in den Schnittraum hinauf.

Ich gehe dann jetzt, sage ich. OK, sagt er.

5. September

Und noch ein Regen. Septemberregen ist was wert? Die Feier zum 5jährigen Bestehen fällt zusammen mit dem Ende meiner Tätigkeit für AnimaTV. Ich nehme es für mein Fest. Dabei wüsste ich nicht einmal davon, hätte es P nicht zum Schluss noch gesagt. Dadurch habe ich überhaupt erst verstanden, dass ich frei bin zu gehen. In Ordnung, aber erst noch das Buffet. Wer ein halbes Jahr umsonst gearbeitet hat, setzt die Krone der Selbstdemütigung auf, indem er sich wenigstens einmal den Bauch voll schlägt. Ihn aus seinem Reichtum fressen. Aber nein, gegen Demütigung bin ich immun. Ich bin hier, ich bin frei, alles, was ich getan habe, habe ich aus freien Stücken getan.

«Wer ist das?«

«Unsere scheidende Praktikantin.«

Wegen des Essens und wegen P. Der im hinteren Bereich ewig und drei Tage eine Videopräsentation aufbaut. Ich schlage meine Zelte nah bei ihm auf und versuche ein Gespräch: vergebens. Als kennte er mich gar nicht. Nicht in der Öffentlichkeit? Gibt es denn einen, der es nicht weiß?»Meinen Segen habt ihr nicht. «Ich sage etwas, er antwortet nicht.

Küss mich, sage ich.

Er ignoriert mich.

Um näher an ihn heranzukommen, stütze ich mich mit der Hand auf die Tischfläche — hinein in seine dort liegende brennende Zigarette. Das erste Mal, dass ich mich an einer Zigarette verbrenne. Schaue in meine Handfläche: es ist zu dunkel, um etwas zu sehen. Der Schmerz ist auch erträglich. Auf den Brüsten wäre es etwas anderes. Trotzdem, mir reicht's. Ich gehe. Es regnet. Ich wohne nicht weit, eine halbe Stunde, ich werde durchnässt sein, macht nichts.

Ein dickes Auto verfolgt mich. Ein Benz. Fährt im Schritttempo neben mir her. Ich habe keine Angst, obwohl vollkommen klar ist, was er will. Er fährt die Scheibe herunter. Ob er mich mitnehmen soll. Mir ist alles egal, ich steige ein.

Ein Businessman mittleren Alters. Er habe sich gerade sehr ärgern müssen über einen Geschäftspartner. Jetzt fährt er wütend durch den Regen und müsse mit jemandem reden, aber er kenne hier niemanden, da hat er mich gesehen, wie ich durch den Regen marschierte. Ob er mich irgendwo hinbringen könne. Nach Hause. Ich sage ihm meine richtige Adresse, er fährt mich vor die Tür, wir stehen eine Weile. Er erzählt noch einige Male, dass er sich habe ärgern müssen, und verlangt zum Trost einen Kuss.»Der Kuss eines jungen Mädchens bringt einem die eigene Jugend wieder. «Das hat nicht er gesagt, das war früher jemand. Ich war 8, er vielleicht 70. Ich küsse ihn auf die Wange, er mich auch.