Warum habe ich ihn nicht mit hochgenommen? Er hätte der 4te sein können. Der Einzige, von dem vielleicht auch was zu erwarten gewesen wäre. Das eine oder andere Geschenk. Natürlich hätte auch er nach einer Weile angefangen, mich schlecht zu behandeln. Er wegen der Geschenke, die mich in seinen Augen zur Hure machen. Aber das ist egal, denn die anderen schenken mir nichts, denken trotzdem, mich verachten zu dürfen. Das macht mir nichts aus, ich weiß, woher es kommt.»Die Verachtung der weiblichen Körperlichkeit aus Gebärneid und Angst vor der mütterlichen Allmacht.« Bitteschön. Ich stehe zur Verfügung. P. würde von all dem kein Wort verstehen, in J. loderte neue Aggressivität auf (»Kannst du nicht mal die Fresse halten? Warum musst du unentwegt reden? So schlau, wie du denkst, bist du nicht!«) und H. behauptet, im Gegenteil, er liebe Frauen, Frauen sind doch das Wunderbarste auf der Welt, und natürlich sind wir neidisch, wie denn auch nicht, und ich bin dir unendlich dankbar, dass du mich bei dir sein lässt, schade, dass wir uns nicht lieben, aber du hast selber gesagt, das könntest du dir nicht vorstellen.
Es ist grad gut so, wie es ist. Mich umsonst hinzugeben bewahrt gerade meine Würde. Ganz abgesehen davon, dass ich weit entfernt von der Schönheit der Mädchen auf der Oranienburger bin. Wer würde schon für mich zahlen wollen? Ich habe ja noch nicht einmal ein Bett, nur eine geerbte Matratze auf dem Boden und keinen Pfennig, um mich zurechtzumachen.
*
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Magst du sie? Wirklich? Zu Silvester arbeitete sie, unverändert mit einem Lächeln, und Kopp sah ihr dabei zu, aufmerksam, bis er keine Zweifel mehr hatte, was dieses Lächeln bedeutete: Ich hasse das alles, ich bin gar nicht hier. Spiele das, solange es noch wirkt, danach suche dir ein anderes Spiel. Kopp fing an, nach billigen Flugtickets zu recherchieren.
Wir sind doch gerade erst zurückgekommen, sagte Flora, die zugab, müde zu sein, aber: Na und? Das ist doch das Normale.
Aber da seine Stimmung immer schlechter wurde, fragte sie eines Abends von sich aus: Na, wohin hätte man heute für nur 1 Euro fliegen können?
Budapest, sagte er. Sogar mit Zahncheck.
Er grinste, sie nicht.
Ich glaube, sagte er vorsichtig, ich habe einiges verstanden. Dass vieles schmerzhaft war. Aber willst du eigentlich nie wieder dort hin? Sie zuckte mit den Achseln.
Ich fühle mich komisch. Meine Frau ist Ungarin, und ich war noch nie…
Wenn du nach Budapest fahren willst, fahr hin. Lass dir die Zähne checken.
Der Zahncheck ist mir egal…
Dann lass sie dir nicht checken.
Warum bist du sauer?
Ich bin nicht sauer.
Sagte sie und ging aus dem Raum.
Ich verstehe nicht, flüsterte Darius Kopp im Bett. Sie streichelte seine Hand.
Sie fanden, Korrektur: sie fand ein billiges Zimmer in einer Seitenstraße nahe des Ostbahnhofs. Die Unterkunft war von klosterhafter Schlichtheit — Kopp ist, als hätte in der Tat eine der puritanischen Kirchen etwas damit zu tun gehabt, aber Beweise dafür gibt es keine — kalkweiße Wände ohne den geringsten Schmuck, gemeinsames Bad auf dem Flur, doch gerade, als sie einzogen, hörten sie, und sie hörten es deutlich, denn der Lauter-Steine-Flur verstärkte jeden Laut ums Vielfache: wie jemand in einem der Zimmer am helllichten Tag Liebe machte. Die Frau hatte gerade einen orgelnden Orgasmus.
Und das wolltest du mir vorenthalten? Darius Kopp in gespielter Vorwurfhaftigkeit.
Sie lachten. Sie huschten auf Zehenspitzen, Hand in Hand wie Teenager. Die Heizung in ihrem Zimmer stand auf null, die dünnen weißen Decken in den beiden Einzelbetten wie kalte Umschläge. Das Gerumpel, als sie die Betten zusammenschoben, hörte man mutmaßlich bis zur Straße. Es wurde schon dunkel, als sie wieder herauskamen.
Auf dem Ring leuchtete an jeder Ecke ein Fastfoodrestaurant in rot und gelb. So viele auf einem Haufen habe ich noch nicht einmal in Amerika gesehen. Gab es hier immer so viele?
Immer? Natürlich nicht.
Er überredete sie zu Kentucky Fried Chicken — Kentucky schreit ficken! Kentucky schreit ficken! — , weil er das noch nie hatte. Wand an-Wand-Sex in einem Klosterhotel und ein Dutzend Inkarnationen von Speisefett, das war meine erste Begegnung mit Budapest.
Danke, sagte Darius Kopp. Jetzt bin ich wieder glücklich. Flora lächelte.
Schulter an Schulter lehnten sie an einem Brückengeländer und sahen den Eisschollen zu, wie sie sich unter ihnen auf der Donau schoben und drängten. Graues Geschiebe, das in der Nacht leuchtet, und in den Tälern des Verkehrslärms, wenn es irgendwo gnädig rot war, hörte man auch ihr Geräusch. Zajlik. Unübersetzbares Wort, verwendet ausschließlich für Geräusch und Bewegung von Eisschollen.
Soilick, sagte Darius Kopp. Und was heißt, willst du mich küssen?
Das fragt man doch nicht, sagte sie und küsste ihn.
Ihre kalte Nasenspitze, ihre roten Wangen. Seine roten Ohren, denn er war, wie es sich herausstellte, ohne Mütze in die Ehe gegangen. Sie bedeckte seine Ohren mit ihren Händen, später kaufte sie ihm in einem kleinen Souterrainladen eine Mütze, aber da sprach sie nur mehr deutsch.
Zehn und ein halbes Jahr später ist es nicht kalt, es ist Sommer, die Donau glitzert blassgrün, Darius Kopp erwacht in einem Zimmer das wie alte Zugabteile in (vermutlich) Mahgoni getäfelt und etwa ebenso klein ist. Dafür ist das traditionsreiche Hotel traumhaft gelegen. Aus dem schönsten Raum im ersten Stock, wo das reichhaltige Frühstück in Büffetform bereitsteht, haben Sie einen atemberaubenden Blick auf die Donau. Eine wundervolle Brücke aus grüner Eisenspitze verbindet an dieser Stelle Buda mit Pest. Eine gelbe Straßenbahn fährt gerade in einem eleganten Bogen hinauf. Autos gibt es, natürlich, ungezählt. Auf der unteren Uferstraße staut es sich erwartungsgemäß, denn, wie wir von gestern Abend wissen, gibt es außerhalb unseres Blickfelds eine Verkehrsführung, dass man sich wundert. Ach, man wundert sich doch immer. Schau, Flora, Kanuten. Jetzt auch noch Kanuten vor einem im Hintergrund ankernden weißen Ausflugsschiff. Oder einem Schiffsrestaurant. Die Idylle hämmert an mein Auge. Wo ist meine Sonnenbrille?
Sie konnte nicht antworten, sie bediente in einem anderen Bereich des Frühstücksraums. Kopps Kaffeekellner war ein junger Mann mit rotblondem Haar. Kopp ignorierte ihn, so weit es ging. Bei manchen erhöht die schwarzweiße Kellneruniform die Attraktivität, bei anderen nicht. Feinstrümpfe und flache schwarze Schuhe. 20 000 Schritte während der Frühstücksschicht. Der braune Zopf liegt bewegungslos zwischen den Schulterblättern. Den Blicken des hilfsbereiten rotblonden Kellners auszuweichen ist nicht leicht in einem vornehmen Hotel. Ich bin ihm ein Steinchen im Schuh, ständig strecke ich den Hals, aber nicht nach ihm. Jetzt spricht er mich auch noch an: ob ich noch einen Wunsch… Nein, danke! sagte der barsche deutsche Tourist und machte vielleicht sogar eine wegfegende Bewegung mit der Hand und ließ seine Stoffserviette zwischen die Essensreste fallen.
Er schaffte es, ihren Weg am Rande des Buffets zu kreuzen. Er rempelte sie nicht an, aber er zwang sie, für einen Moment stehen zu bleiben und ihn anzublicken. Sie blieb stehen, vier Cappuccinos auf dem Tablett, lächelte, entschuldigte sich mit großer Freundlichkeit auf Ungarisch und Englisch und ging im eleganten Bogen flink um ihn herum. Viel jünger als Flora, pummeliger, weißliche Haut. Ein brauner Zopf macht noch keine ewige Liebe, wie wahr.
Er beschloss zu Fuß zu gehen. Über die Brücke, den Ring, die Leute beobachten. Er erwartete Ähnlichkeiten, wo, wenn nicht hier, vor allem war die Auswahl groß. Leute, wohin du auch gehst. Aber auch hier waren die Frauen fremd. Schön, wenn sie schön waren, manche auch aufreizend, und alle fremd. Immerhin nicht so sehr, wie in dem Dorf. Immerhin war das hier eine Stadt. Sich Flora auf der leeren Straße vor der Zuckerfabrik vorstellen, mit schmelzendem Teer an den Sandalen im überweißen Licht. Ich würde mit dem Auto anhalten und nur soviel sagen: steig ein. Und sie stiege ein, und wir führen weg. — Seltsame Sehnsucht jetzt nach genau jener Straße. Ein Moment, dann ist auch das vorbei. — Hier ist die Situation ganz anders. Wir sind ohne Fahrzeug, und die Menschendichte ist hoch. Sie bewegen sich chaotisch und vor allem schnell. Daran musst du dich erst wieder gewöhnen. Auch, wie jung alle sind. Nein, die da ist mindestens schon…, sie kleidet sich nur, als wäre sie 17. Sie hätte hier ausgesehen wie eine Nonne. Graue Maus. Wenn ich nur eine solche hier sehen könnte. Was wäre dann? Keine Ahnung, was dann wäre.