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Anmerkung:

Das Semester hat angefangen und alle sind verschwunden!!! Ich lausche Herrn Rüblers Stimme vom Band und tippe. Alles ist gut. Herr Rübler ist ein kleiner, dicker Mann mit kunterbunten Krawatten, ein sächselnder Familienvater, höflich. Guten Tag, Frau Meier, sagt er aufs Band, bevor er mit dem Diktieren anfängt. Wir suchen nach Immobilien für große Baumärkte. Langweilig, großartig. 3mal die Woche gehe ich in den Filmklub: Bunuel, Chytilova, Greenaway, verbotene Filme. Man kann 2 Filme pro Abend sehen. Wenn ich mir alles ansehe, kommt ein Film nur auf 2 Mark.

Los Ovidados

Das verbrecherische Leben des Archibaldo de la Cruz

Nazarin

Viridiana

Der Würgeengel

Das Tagebuch einer Kammerzofe

Simon in der Wüste

Belle de Jour

Tristana

Der diskrete Charme der Bourgeoisie

Dieses obskure Objekt der Begierde

Tausendschönchen

Der Narr und die Königin

Der Kontrakt des Zeichners

Der Bauch des Architekten

Die Verschwörung der Frauen

Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber

Prosperos Bücher

Das Wunder von Macon

Einfache Leute

Andrej Rublow

Die Kommissarin

Paul und Paula Spur der Steine Denk bloß nicht, ich heule

Ich bin glücklich.

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[Datei: szenat]

Herr Rübler wurde entlassen und mit ihm ich. Eine nette Frau, die mich von Anima kennt, besorgt mir einen Assistentenjob. Ich bin erkältet, gehe trotzdem mit. Wir nehmen ein Werbevideo für das Touristenamt auf. Wenn etwas fehlt, laufe ich los, um es zu holen. Bunte Magnete für die Präsentation des Senators.

Und wo ist das Rückgeld?

Ich habe es der Sekretärin gegeben.

Es ist nicht in der Tüte.

Als ich sie übergeben habe, war es noch drin.

Die Videomacher zucken mit den Achseln, ihnen ist es egal. Dem Senator ebenfalls. Sie fangen an zu drehen, die Sekretärin und ich bleiben zurück, starren einander hasserfüllt an.

(Ich weiß, dass Sie es waren, Sie bemalte Kuh.)

Sie verzieht verächtlich ihren Lippenstiftmund und dreht sich weg.

(Ich bring dich um! Ich fordere Gerechtigkeit!)

Wenn Sie wollen, durchsuchen Sie mich. Sie dreht sich nicht zurück. Ich will es dem Senator sagen, schauen Sie, was Sie für eine Mitarbeiterin haben! Aber er kommt nicht durch dieselbe Tür wieder heraus wie die Videoleute.

Bitte, sage ich auch zu ihnen, wenn ihr wollt, durchsucht mich. Ist ja schon gut, sagen sie.

Ich bin so wütend, dass ich Schüttelfrost bekomme. Ich bin krank, sage ich, ich gehe lieber nach Hause.

Sie nicken. Sie haben sowieso keine Verwendung mehr für mich. Ich frage nicht nach einer Bezahlung.

Ich sollte zum Arzt. Ich habe eine Versicherung. Aber ich habe solche Schmerzen, dass ich nicht aufstehen kann.

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[Datei: nov_29]

Erst dachte ich, ich deck mich lieber gut zu, vielleicht ist die Erkältung in einem Tag schon vorbei, ich hatte sowieso keine Kraft, in den Keller zu gehen, um Kohlen zu holen. Aber dann weiß ich nicht, wie lange ich da lag. Drei Tage oder vier. Ich schwitzte wie noch nie in meinem Leben, Schlafkleider und Decken schwer vor Schweiß. Wenigstens weiß ich, dass man sich in so einem Fall trockene Sachen anziehen muss, besonders, wenn der Raum ungeheizt ist. (Eisenofen, wird schnell heiß, hält aber nichts, verschlingt die Kohle, die orangefarbene Asche fülle ich im Klo aus dem Aschekasten in einen Eimer um, orangefarbener Staub bedeckt die Wände, aber ich kann nicht mehrmals am Tag mit dem Aschekasten hinunter.) Bibbernd kroch ich zum Schrank, irgendwas anderes zum Anziehen hervorzerren. Einen zweiten Pyjama habe ich nicht, also einen Jogginganzug, aber die Decke ist auch nass, umdrehen, die kalte Seite kommt nach innen, wieder bibbern, dann wieder einschlafen, soweit es die Schmerzen zulassen.

Irgendwann ließen sie es dann nicht mehr zu, winselnd hoch, zwischen der Matratze und dem Haufen der immer noch nicht getrockneten Kleider wieder zum Schrank. Irgendwas werde ich mir anziehen müssen, wenn ich zum Arzt will. Wie dir vom Fieber der Stoff aus den Fingern rutscht. Als würde ich es nur träumen, dass ich im Schrank wühle. Einmal habe ich es vielleicht wirklich geträumt, es vorgeträumt, und es dann tatsächlich getan, ich fand etwas, eine Hose, ein T-Shirt, zu groß, blasslila, wie ist es zu mir gekommen? es klebte an meinen Brüsten. Stiefel, Mantel, so zum Arzt. Zum Glück im Nachbarhaus.

d

Kannst du nicht kommen? Schau, ich bin in Budapest. Schau, jetzt bist du tot, jetzt könnte es dir doch egal sein. Was bedeutet Jdtekszer? Und Könyvesbolt? Einen Durchgang finden. Deswegen sind wir hier. Einen Ort finden, eine Person, ein Ding, an dem ich nicht scheitern muss. Bis dato bin ich mit deinem Land nicht sehr weit gekommen.

Weil es so was wie» mein Land «generell nicht gibt.

Warum sollte es generell kein» mein Land «geben? fragte Darius Kopp betont naiv und grinste, so heimlich er konnte, weil er also offensichtlich die geeignete Provokation gefunden hatte.

Sie antwortete nicht, drehte sich um und ging weg. Sie trug hochhackige weiße Sandalen, die ich noch nie an ihr gesehen habe, sie ging klappernd, schnell, Kopp mit Mühen ihr hinterher. Was einem alles im Weg stehen muss. Als täten sie es absichtlich. Ihr Rock schwingt, wenn sie um sie herumgeht. Rätselhaft, wie sie in so einem Gewühl bemerken konnte, dass er ihr nachging, aber sie bemerkte es. Sah sich um, runzelte die Augenbrauen — zu schwarz, etwas zu schwarz und zu glatt — und ging schnell in eine Drogerie.

Kopp blieb stehen. Steh nicht hier. Sie werden denken, du wartest auf sie. Dreh dich um und geh. Das ist nur irgendeine Frau mit weißen Schuhen und schwarzen Augenbrauen. Sie spricht die Kassiererin an, gemeinsam schauen sie jetzt heraus. Kopp wandte ihnen den Rücken zu und sah sich selbst: in großen Auslagen gespiegelt. Das kenne ich. Das Erste, das ich wiedererkenne.

Schau, Flora. Sie haben das Grand Hotel Royal wiedereröffnet. Ein üppiges 5-Sterne-Haus. In seinen Scheiben gespiegelt sehe ich etwas schäbiger aus, als ich gedacht hätte.

Weißt du, sagte Darius Kopp vor zehn Jahren in der sibirischen Kälte vor den verhangenen Fenstern von einem Bein aufs andere hüpfend, weißt du, wolkte es aus seinem Mund heraus, dass es einer meiner Träume ist, ein Grand Hotel Royal zu eröffnen?

Nein, sagte sie. Wozu willst du ein Grand Hotel Royal eröffnen?

Es ist eben ein Traum von mir.

Hast du noch mehr solcher Träume?

Oh, viele. Für alle braucht man vor allem eins: viel, viel Geld. Hja, sagte sie und eine Minute später hatten sie ihren ersten Streit, weil Kopp richtiggehend wütend darüber wurde, dass seine Frau behauptete — und zwar mit Leichtigkeit —, dass sie erstens niemals viel, viel Geld haben werden und es zweitens, um ein Grand Hotel Royal zu führen, eines Knowhows bedarf, das Darius Kopp niemals besitzen werde.