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Tut mir leid, sagte Flora, als er anfing, mit halb erfrorenen Zehen kindisch gegen Pester Pflastersteine zu treten. Ich nehme alles zurück. Natürlich kannst du noch reich werden und ein Hotel eröffnen, warum auch nicht. Was weiß ich schon.

Kopp trat gegen Steine. Es ist so kalt, dass ich es vermutlich nicht einmal merken werde, wenn ich mir die Zehen breche. Kopp trat. Ich muss mir einen Job suchen, sagte er, und das kotzt mich an.

Das verstehe ich, sagte Flora. Komm, sagte sie und hakte sich bei ihm unter. Lass uns ins Bett gehen. Bevor wir noch erfrieren.

Vorher nahmen sie noch eine gemeinsame Dusche im Waschraum am Ende des Flurs. Kochend heißes Wasser in einem ansonsten unbeheizten Raum, Sex in einem Konvent, Dampf auf den hohen Fenstern, wenn man fertig ist, ist man gebeten, sie mithilfe eines langen Hebels anzukippen. Sie lachten: Wenn Sie fertig gevögelt haben, sind Sie gebeten, das Fenster anzukippen, hochachtungsvoll, Pater Miklös.

Es hätte alles gut werden können, aber dann eskalierte es doch noch. Er konnte nicht schlafen, und wenn er nicht schläft, schläft sie auch nicht.

Warum schläfst du nicht? Was soll das heißen, du kannst nicht schlafen, wenn ich nicht schlafe? Und was machen wir jetzt?

Einen Fernseher gab es nicht und zu lesen nur die Bibel. Das Neue Testament, in vier Sprachen. Good news for modern man.

Schade, sagte Kopp, ich steh mehr auf das Alte. Wo sie den anderen Stamm dazu überreden, sich beschneiden zu lassen, um ihre Verbundenheit zu zeigen, und während die dann im Wundfieber daniederliegen, metzeln sie sie ab und klauen ihnen das Vieh.

Du kennst dich aus mit dem Alten Testament?

Nur mit den blutrünstigen Teilen… Ich hätte eine Frage: machst du dir Sorgen wegen… (er wollte sagen» Zukunft«, traute sich das aber nicht und wich aus)… des Kriegs? Ich meine: wirklich, konkret, für unser Leben?

Ja und nein, sagte Flora.

Inwiefern ja, inwiefern nein?

Insofern, dass ich zum einen sehe, dass wir eine wirtschaftliche und moralische Krise durchmachen, dass ich zum anderen aber der Meinung bin, dass das doch ziemlich regelmäßig der Fall ist, es sich also immer lohnt, die Wurzel aus allem zu ziehen. Ich denke nicht, dass eine reale Gefahr besteht, dass der Musulmane kommt und uns zwangsislamisiert und im großen Stil unser Vieh klaut. Im Gegenteil, ich denke, dass» ihre Welt«, ich kann das jetzt nicht besser formulieren, dass ihre Welt weit gefährdeter ist als unsere. Und wenn ich sage, mein vorrangiges Ziel sei es, meine Würde zu bewahren, bei allem, was ich tue, dann weiß ich, dass ich das unter ganz anderen Rahmenbedingungen tue als eine Afghanin, oder, um auch mal einen anderen Kontinent zu nehmen, jemand im Kongo.

Aber, sagte Darius Kopp, der zunehmend vor Nervosität zitterte, aber, aber… und er stotterte irgendwas zusammen, es wurde einfach kein Satz daraus, aber sie konnte einen auch noch aus Bruchstücken, Worten, die statt anderer Worte benutzt worden sind, verstehen, und Darius Kopp hätte sich das eine oder andere Mal gewünscht, dass es nicht so wäre, soll mich meine Frau lieber nicht verstehen, als dass sie mich ständig versteht, dass sie immer versteht, was ich sagen will, dass sie einfach nicht in der Lage ist, etwas auch mal gnädig zu überhören, denn so kommt es doch nur wieder dazu, dass wir uns in die Haare geraten. Und sie gerieten sich wieder in die Haare, nicht heftig, nur soweit, dass es Darius Kopp erneut als persönliche Beleidigung auffasste, dass Flora ihm beschwichtigend, beruhigend, tröstend — Beschwichtige, beruhige und tröste mich gefälligst nicht! — mitteilte, sie fände» nichts weiter dabei«, sollten sie in ihrem Leben nicht reich werden, dass sie sogar davon ausging, dass es niemals dazu kommen würde, ja, dass es sogar durchaus sein könne, dass» man «das» bisherige Niveau «nicht mehr würde halten können, woraufhin Kopp anfing, mit den Armen zu wedeln, er wedelte und wedelte, weil ihm die Worte fehlten, wie kannst du nichts dabei finden, was soll das heißen, das Niveau halten, was soll das heißen?!

Das Ende war, dass er jaulend aus dem Bett sprang und anfing, an der Heizung herumzudrehen, während eine nie gehörte Schimpftirade aus seinem Mund spritzte, weil der beschissene scheiß Knopf auf 5 stand, der verdammte Heizkörper trotzdem keinerlei Wärme abgab, dann werde ich eben die Drecksheizung in diesem muchtigen Hotelzimmer selber reparieren, wenn es die Wichser nicht hinkriegen, und er drehte so lange an der Entlüftung herum, bis es, begleitet von Zisch- und Knackgeräuschen, aus der Heizung zu tropfen begann — was bis zu ihrer Abreise so bleiben sollte. Sie legten ein dünnes weißes Handtuch unter die tropfende Stelle und hatten fortan nur noch eins, um sich abzutrocknen. Er entschuldigte sich tausendmal bei ihr, aber bei solchen Sachen winkte sie nur ab.

Aus Darius Kopp aber war die Rage nicht mehr herauszubekommen. Einen großen Teil des nächsten bitterkalten Tages versaute er durch ständiges Telefonieren. Er netzwerkte, wie er noch nie in seinem Leben genetzwerkt hatte. Flora stand geduldig 40 Minuten hinter einer überwindigen Ecke und wartete, bis er sich mit allen seinen» wichtigsten Informationsträgern «ausgetauscht hatte. Tatsächlich hatte er am Ende sogar einen Namen in Budapest bekommen:»ein Herr Fekete«. Hilfst du mir, Herrn Fekete anzurufen?

Nein, sagte Flora.

Warum nicht?

Weil es Nonsens ist, was du machst.

Warum ist das Nonsens? Was ist dein Problem? Kannst du mir erklären, was dein Problem ist? Kannst du mir endlich erklären.

Darius Kopp, auf schockgefrorenen Pester Straßen krakeelend.

Bitte, sagte Flora leise. Sprich so nicht mit mir. Beruhige dich und sprich nicht so mit mir und krakeele hier nicht auf der Straße herum. Oder, sagte sie, leise, ruhig, ich werde sofort abreisen.

Und er tat so, als würde er sich beruhigen, nahm ihre Hand, küsste sie, entschuldigte sich, hakte sie bei sich ein. Du hast recht, wir wollten uns die Stadt ansehen.

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Pneumonie als Komplikation nach Grippeinfektion.

Dass ich kein Geld für ein Taxi habe, ist offensichtlich, er ruft mir einen Krankentransport.

Krankenhaus, ein Viererzimmer, Infusionen, großer Appetit, ich verschlinge das Krankenhausessen, kann's kaum erwarten, wann es wieder etwas gibt. Tee, Wasser, soviel du willst, man muss nur in den Flur hinaus, es gibt auch eine Cafeteria, aber ich will nichts ausgeben, ich frage nach Zwieback, ich bekomme immer 2 Stück, ich schaue den ganzen Tag und die halbe Nacht fern, euphorisch. Was es alles zu sehen gibt!

Schließlich schlief ich mit schmerzendem Rücken (das Bett! Du kannst es verstellen, soviel du willst) ein. Als ich erwachte, weinte ich.

Hast du schlecht geträumt, Kleines?

Nein, ich habe nichts geträumt, ich erinnere mich an nichts, ich könnte auch jetzt nicht sagen, was ich fühle, ich fühle nichts Konkretes, aber ich kann nicht aufhören zu schluchzen. Meine Bettnachbarn sagen kein Wort, aber die eine, ich habe es gesehen, hat den Schwesternrufknopf gedrückt. Ich gehe sicherheitshalber auf den Flur, ich weiß nicht, wieso ich denke, es wäre gut, wenn ich mehr Möglichkeiten hätte zu fliehen. Im Grunde habe ich hier vor niemandem Angst. Ich gehe zum Teewagen. Dort stehe ich, als sie mich finden: eine Schwester und zwei junge Ärzte, die gerade zufällig in meiner Nähe stehen und sich freuen, dass der eine zur gleichen Zeit Dienst hat wie die andere.

Sie hatten gute Laune, dann sahen sie mich. Was ich denn hätte.

Ich sage, ich hole mir grad einen Tee. Aber warum ich weinte? Ich sage, schluchzend, dass ich es nicht weiß.

Sie begleiten mich ins Zimmer zurück, der männliche Arzt trägt meinen Tee.