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Sie reden irgendwas mit der Schwester über mich. Später kommt sie mit einer Pille und noch einem Tee. Beruhigungstee, ich soll lieber den trinken als immer die Pfefferminze.

Ich weine den ganzen Tag, die ganze Nacht und den darauf folgenden Vormittag durch. Da schicken sie eine Psychosomatikerin. So einen Trampel hast du noch nicht gesehen.

Sie kommt nicht, sie bricht herein, wie eine Dampflokomotive, oder eher ein Raupenfahrzeug in voller Fahrt, fährt mich an, ich solle nicht immer sagen, ich wüsste nicht, was ich hätte, ich solle hübsch herausrücken damit. Eine Zimmergenossin hat sofort das Weite gesucht, die andere schickt sie raus. Sie gehen bitte raus! Sie können sie doch nicht einfach so hinausschicken, schluchze ich. Das solle ich ihr überlassen. Ob es mir schon mal so gegangen sei. Nein, sage ich. (Lüge.)

Was passiert sei, bevor ich hierhergekommen sei.

Lungenentzündung.

Und davor?

Nichts.

Fängt an, meine Kindheit ins Spiel zu bringen. Ist die denn meschugge? Jetzt und hier?

Kommt auf einen Sprung vorbei, zehn Minuten, fragt nach meiner Mutter und trifft dann davon ausgehend eine Entscheidung?

Am liebsten würde ich dich aus dem Fenster werfen, dämliche Plantschkuh! Elfter Stock. Aber irgendein Werbelaken ist davor. Und man kann die Fenster hier ohnehin nicht öffnen. In meinem ganzen Leben hab ich noch keinen so gehasst wie die jetzt hier! Wie kann j emand Psychosomatikerin werden, wenn es doch klarer als die Sonne ist, dass sie nicht mal einen Fliegenschiss an Einfühlungsvermögen besitzt? Wieso werden Sie nicht lieber Straßenwalze, Sie großärschige Kuh!

Sie unter himmelstürmendem Gebrüll aus dem Zimmer schubsen, wie ich es vom Sumoringer gesehen habe nachts im Fernsehen, den anderen mit riesigen Ohrfeigen aus dem Ring hinaus, ich sah ihnen kichernd zu, raus mit dir! und dann, pausenlos weiterbrüllend, mein Blut überallhin schmieren in diesem stinkenden Krankenhauszimmer! Bis sie die Tür mit einer Axt eingeschlagen hätten, wäre es für alles zu spät!

Aber natürlich saß ich nur da und schluchzte und sagte gar nichts mehr. Die Fette ließ einen großen Seufzer los, wie jemand, der sehr genervt ist, ging hinaus, kam mit jemandem zurück, sie gaben mir eine Spritze.

Ich schlief/döste noch zwei Tage, am dritten Tag sagte ich, ich ginge jetzt nach Hause. Meine Versicherung ist so, dass sie zum Glück nicht sonderlich interessiert daran waren, dass ich bleibe, aber auch so haben sie noch einen ganzen Tag verplempert, zeigten mich auch noch dem Chefarzt, nicht speziell, sondern im Rahmen der Großvisite. Gefällt es Ihnen nicht bei uns? fragte er scherzend.

Bist du bescheuert, mein Junge? Was denkst du, wo wir hier sind? Ist jemand zu Hause bei Ihnen etc.?

Nein, aber ich bekomme morgen Kohlen, ich muss da sein, die Kohlen sind alle! Übrigens stimmte das, aber mir fiel es auch erst in dem Moment wieder ein. Die Kohlen! Wobei ich sowieso den Ölradiator benutze, weil mir die Kraft fehlt, die Kohlen hochzuholen. Sie gaben mir Schmerzmittel mit und dass die Beruhigungsspritze insgesamt eine Woche wirkt, und hier ist eine Adresse, ich solle mich bei dieser Psychiaterin nahe meiner Wohnung melden. Gut, sagte ich.

Sie ließen mich auf eigene Verantwortunge gehen. Auf eigene Verantwortung, worauf sonst. Ist ihr Blutdruck immer so niedrig? Ja. Zu Fuß nach Hause. Alles so genau gesehen. Die Fugen zwischen den Pflastersteinen. Alle vier Steine ein großer Nagel. Vermutlich etwas zur Verankerung. Der ganze Müll. Dieser unendliche Müll. Die Scheiße. Ein Kondom. Ein rotes Blütenblatt. Ein schönes, rotes Blütenblatt, woher nur um diese Zeit des Jahres?

2 Tage lang hatte ich noch Angst, sie kommen mich mit Gewalt holen, dann war ich hinreichend gesammelt, dass ich begriff, das macht man nicht einmal mit Gemeingefährlichen immer. Dass ich also frei bin. Hier fiel mir die Sekretärin des Senators wieder ein. Drauf gepfiffen. Ich habe Kohlen hochgeholt, was zu essen gekauft, am nächsten Tag schon zur Uni. Eine Kommilitonin hat mir ihren Junost-Fernseher geschenkt. Schwarzweiß, winzig, mit einer Zimmerantenne. Ich schau und schau hinein.

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Scheiß auf die Stadt, sagte Flora. Ich habe genug von diesem Theater.

Sie marschierte los, mutmaßlich auf die Unterkunft zu, wer konnte das so genau sagen, Kopp kannte sich ohne sie überhaupt nicht aus, dabei dachte ich, ich könnte mich gut orientieren, aber sie ging über Schleichwege und Abkürzungen, dass man die Orientierung verlieren musste, und hier wurde ihm klar: sie kannte das hier viel besser, als sie es zugab, sie kannte das hier wie ein Zuhause. Das war im Übrigen auch in Berlin so, auch dort kannte sie Wege, deren Existenz Kopp nicht einmal ahnte, welche Häuser durchlässig waren und welche nicht, durch welchen Hof, an welcher Garage vorbei, durch welchen Friedhofsausgang man wohin usw. Deswegen mache ich es, ohne es gleich gewusst zu haben, jetzt auch so. Gehen, gehen, bis man einen Durchgang gefunden hat. Außer, dass ich mich nicht verstellen muss, so tun, als wäre ich eine Touristin, die nur deutsch kann — Aber wieso? Hat seine Vorteile, sagte sie nur —, ich bin Tourist, ich bin, wer ich bin, aber wer bist eigentlich du?

Tut mir leid, sagte Darius Kopp und keuchte ihr hinterher. Ich werde nicht mehr telefonieren. Lass uns, lass uns… Was Schönes machen. In ein Bad gehen.

Scheiß aufs Bad, sagte Flora und blieb den gesamten letzten Tag des Aufenthalts im Zimmer, mit klappernden Zähnen unter zwei Decken. Er könne ja gehen, wohin er wolle, er könne auch telefonieren, soviel er wolle, Hauptsache, er mache es nicht hier. Sie verweigerte sich der Stadt für den Rest der Zeit. Er entschuldigte sich noch einpaar Mal und ging nirgends hin ohne sie, außer einmal, als er etwas zu essen holte. Sie machten ein Picknick im Bett, und nun war es an ihr, sich zu entschuldigen.

Tut mir leid, dass ich es dir verderbe.

Du verdirbst mir nichts. Ich will dort sein, wo du bist. Scheiß auf die Stadt. Scheiß auf die Bäder. Ich dachte nur… Egal, was ich dachte. Scheiß auf alles. Wir machen Picknick im Bett, was willst du mehr.

Womit habe ich dich verdient?

Wahrscheinlich warst du ein unartiges Mädchen, sagte Kopp und lachte, weil er nicht wusste, wovon er da sprach, und sie lachte auch.

Anfang der 90er Jahre, sagte Flora später unter den beiden Decken bibbernd, bestand Budapest aus 22 Bezirken. Ich wohnte am Rande des 22., dort, wo es schon dörflich ist. Unseres war das letzte Hochhaus, erst ein Arbeiter-, dann ein Studentenwohnheim. Aus meinem Zimmer konnte ich den Sonnenuntergang über den Gärten bis weit hinein in die Ebene beobachten. Jeden Abend alle Rot- und Orangetöne der Welt. Ich taufte die Aussicht Mexiko. Ich war so sehr in dieser Mexiko-Sache, dass ich bis heute geneigt bin zu sagen, ich habe in Mexiko studiert.

Sie lachte, hörte auf zu lachen.

Wenn ich fragte: wo ist meine Mutter, war die Antwort immer: in Pest. Auch, nachdem sie tot war: in Pest. — Welcher Friedhof? — Irgendwo hab ich den Namen. — Ich habe ihn nie erfahren. Ich bin fast zwei Jahre lang hier herumgelaufen, habe sie gesucht und nicht gefunden. Ich war bei allen Behörden, die man sich vorstellen kann, persönlich bei jeder Klinik, jedem Sanatorium, das in Frage kommen konnte. Ich habe zwei Orte gefunden, an denen sie Patientin war, das ist alles. Anfang der 90er Jahre standen alle mit ihrem postkommunistischen Hintern an der Wand und hatten andere Sorgen, als die rattenzernagten Papiere ihrer toten Expatienten in Ordnung zu halten. Fragen Sie doch Ihre Großmutter. Ich fragte sie, und sie sprach ganz einfach kein einziges Wort mehr mit mir. Sie sagte nicht einmaclass="underline" ich sage es dir nicht. Sie sagte: nichts mehr. Ich habe mir jeden einzelnen Grabstein in dieser Stadt angesehen. Jeden. Ich habe fast 2 Jahre hier gewohnt und praktisch keinen lebenden Menschen kennengelernt, weil ich nur mit ihr beschäftigt war. Bis ich endlich kapiert habe: es gibt kein Grab. Sie hat sie anonym beerdigen lassen. Ich bin nie wieder zu ihr gefahren. Ich habe beschlossen, mit allem hier abzuschließen. Den letzten Sommer bin ich noch einmal zu Fuß durchs Land, soweit ich eben kam, und als die Zeit um war, bin ich gegangen. Ich weiß, den Faden abreißen zu lassen ist keine Tugend. Aber ich dachte immer, es wäre vielleicht eine nützliche Fertigkeit. In der Gegenwart leben und ein wenig in der Zukunft. Die Vergangenheit ist die Vergangenheit. Faden ab und fertig.