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Dass sie auch in Berlin keine Freunde hatte, fiel Darius Kopp jetzt auf. Es gibt nur sie und mich. Manche haben unendlich viele Leute. Wenn ein Baby geboren wird, muss es 78 Personen vorgestellt werden, und das ist nur der innere Kreis. Während andere… Meine Frau ist Einzelgängerin. Ein wenig kann man darüber erschrecken. Warum habe ich jemanden gewählt, der allein auf der Welt ist? Andererseits, dachte Darius Kopp, langsam dem Halbschlaf entgegengleitend, andererseits ist mir das gar nicht so unrecht. Du gehörst nur mir, nur mir, nur.

Würdest du murmelte er (die Schläfrigkeit übertreiben, um es sagen zu können), würdest du mich auch einfach so abschneiden können?

Dass es einfach wäre, habe ich nicht gesagt. Darius Kopp hielt die Augen geschlossen.

Es ist, sagte Flora, nachdem sie beide eine Weile geschwiegen hatten, als wäre die Sprache das Trägermaterial. Sie zu benutzen tut weh. Ich kann nicht einmal Straßenbahn auf Ungarisch sagen, ohne dass es mich umbringt.

Straßenbahn, dachte der Mann mit den geschlossenen Augen. (Mach sie auf, du Dummkopf. Schau sie an. Er konnte es nicht. Das sind unbekannte Felder für mich.) Straßenbahn, dachte Darius Kopp. Nichts. Nichts weiter. Straßenbahn. Gelb oder nichtgelb. Er drückte seine Lippen auf ihr Haar. Sie drehte ihren Kopf herum zu ihm, so dass sie sich auf den Mund küssen konnten. Die Kälte überall und darin ihr sehr heißer Mund.

Ich habe, murmelte Darius Kopp im Halbschlaf, weißt du, ich habe immer schon nach Mexiko gewollt. Glanz und Elend der Mayas. Oder der Inkas. Du weißt schon.

Sie streichelte seine Hand, die auf ihrem Bauch lag. Azteken, lallte Kopp. Dann war er weg.

Er stand vor dem Hotel, ein zu teures Hotel, sah sein Spiegelbild darin. Geh einfach weiter.

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[Datei: napfolt]

Der Nachbar hat seinen Fensterflügel so gestellt, dass sich die Sonne darin spiegelt und ein Lichtstrahl ins hintere Zimmer fällt. Setz dich auf den Boden, aber nicht in den Sonnenfleck, sondern so, dass du ihn sehen kannst. Diese Wohnung gehört nur mir. Ich habe ein Zuhause. Ich kann nach Hause kommen. Egal, wie dieses ist. Fast egal. Dass die Nachbarn auf die Klobrille wichsen. Ich komme die halbe Treppe herauf und bin zu Hause. Am Vormittag Cornflakes mit Milch, am Nachmittag Salat mit Apfel, Würstchen und Ei. Sonst ist nichts passiert. Ich habe nichts gemacht. Keinen Fuß auf die Straße gesetzt.

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[Datei: Kassák]

Ich wachte mit der Umkehrung eines Kassák-Satzes auf:»traurig bin ich geworden, aber müde bin ich nicht. «Und mit der Überzeugung, die Lösung gefunden zu haben: fasten und übersetzen. Ich tue nichts anderes. Ich bin glücklich.

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[Datei: Kassák_Tisztaság_2]

Lajos Kassák: Das Buch der Reinheit. Nr. 2

Um unser Herz wachen Steine, Tiere und Pflanzen. Unsere Feinde sind unsere besten Freunde. Man kann sich nirgends ausschließen, sich einfach zurückziehen, denn auch was außer uns ist, ist in uns, wie im Quadrat der Kreis und umgekehrt. Wenn wir etwas Neues entdecken, so haben wir uns selbst entdeckt.

Der Künstler schöpft immer aus sich selbst, der Künstler ist ein bodenloses Meer, blickt wie ein sauberes Fenster in die unermesslichen Höhen hinauf. Der Künstler ist eine Einheit und Mittelpunkt der Konstruktionen.

Wir leben kritische Zeiten. Mit der Rasierklinge des Verstands haben wir die blauen Blumen der Romantik niedergemäht, heute ist es ohne Zweifeclass="underline" der Mensch ist das unnatürlichste Tier auf Erden. Er macht plumpe Zick-Zack-Linien aus der Überlegung heraus. Er möchte essen und findet sich von vornherein damit ab, vom Trog weggedrängt zu werden, nicht die einfachsten Dinge kann er ohne Hintergedanken aufnehmen, er wird von sexuellen Potenzen verzehrt und es graut ihm vor Kindern. Getrost könnten wir ausrufen: wir zerbrechen, alle zerbrechen wir, bevor wir das schmutzige Wasser der Sinnlosigkeit aus unseren Augen schütten könnten. Du aber sagst: müde bin ich geworden, aber traurig bin ich nicht. Ich sehe die Wege, die am Horizont sich zu Bergen ballen. Du aber sagst: ich bin nicht traurig!

Ich höre, wie die Tore sich schließen in ihren diamentenen Angeln. Du aber sagst: nein! Ich bin nicht traurig.

Und ich fühle, wie unsere Wurzeln absterben und wir uns schwerelos auflösen im Nebel. Nur die schwarzen Spuren unserer Pantoffeln bleiben im Schlamm zurück. Aber trotz alledem gehören wir noch zu den Glücklicheren.

Es gibt welche, die balancieren über fadendünne Seile zwischen Himmel und Erde und die kopflos hin und her rennen in den geschmolzenen Straßen. Es gibt welche, die mit welkem Docht auf ihren schmalen Eisenbetten liegen, lautlos und knochenfarben wie der Tod.

Weh, weh.

Schmerz und Verzweiflung lodern aus mir. Nackt stehe ich in der Mitte des großen Flusses. Wenn ich die Hände ausstreckte, schliefe ich vielleicht ein von der Berührung meiner Brüder. In meinem Leben habe ich viel geklagt und noch mehr geflucht. Aber all das steht nur im Rauchfang geschrieben mit schwarzer Kreide. Es wäre gut, unsre Siebensachen zu packen und spurlos auszuwandern aus diesem Jagdgebiet.

(Aus dem Ungarischen von Flora Meier.)

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[Datei: Kassák_32]

Lajos Kassák: Das Buch der Reinheit. Nr. 32

Tage und durchgegangene sterne rasen durch uns hindurch in mir schlafen jahre wie ausgehungerte kinder

du sagt lass uns auch hinlegen endgültig lämpchen lämpchen

die großen buchhalter haben alles erledigt vergebens lungerst du bei den platanen

blödsinn glaube mir ich spucke auf das ganze theater

Jesus Christus war ein einfacher straßenläufer er lebte von predigten

und wenn er es gewollt hätte hätte auch er trockenen fußes über das

meer gehen können

aber weh die welt eilt nach unten zu

die welt hat keine klugen grafischen zeichen und versteht überhaupt nichts von den fahrplänen der staatlichen eisenbahn damit hast du vollkommen recht

aber denke an die vom aussterben bedrohten prinzessinnen und die geölten diebe

die dinge drehen sich um diamantene achsen

und mittags kommen die vögel aus den wanduhren und singen dem zug entgegen der wieder einmal nur aus mir losgefahren ist unsere aufgeschreckten augen führen uns durch die komplikationen die blumen stehen hier und haben einen warmen geruch, wie die stillenden mütter

särge sind gesunken und wurden zu lichtversen

ich biete all meine kraft den langsam plätschernden ereignissen

wartet auf niemanden

mein vater hat seine schönen kastanienbraunen locken versoffen meine mutter ist ein trauriges schwarzes mütterchen aus den bergen und ich habe mich von allen getrennt um nach hause zu finden wo meine zahlreichen brüder leben von den harten krumen auf meinem tisch

(Aus dem Ungarischen von Flora Meier.)

d

Am frühen Nachmittag stieß er auf den Ostbahnhof. Das Jingle der Durchsagen der ungarischen Staatsbahn hört man bis weit in die umliegenden Straßen hinein. Du vergisst es, aber wenn du es zehn Jahre später wieder hörst, nimmt es seinen alten Platz ohne Umwege wieder ein: Ta-tatata-ta-ta. — Meine Frau konnte Noten lesen. Die Kodály-Methode. Auch so eine Information, bei der du dich fragst: Und was fang ich jetzt damit an? Meine Frau konnte Noten lesen. Sie hat das zu nichts in ihrem Leben gebraucht, und dann ist sie gestorben. Ta-tatata-ta-ta. — Kopp ging mehrere Male durch dieselben paar Seitenstraßen, weil er überzeugt war, dort irgendwo musste das Klosterhotel sein. Aber er fand und fand einfach nichts. Zu müde geworden, stand er irgendwann auf einem Platz, vor ihm das Bahnhofsgebäude, hinter ihm eine Großbaustelle — Dass das einfach immer so sein muss! — und konnte sich eine Weile nirgends mehr hinbewegen. Die Sonne knallte, die Holzplanken eines behelfsmäßigen Gehsteigs donnerten vor, hinter, unter ihm, er sah und hörte für einen Moment nichts. Dann schob sich ihm eine Hand vors Gesicht. Eine Bettlerin. Betrunken, schluchzend. Sagt etwas. Sie ist in deinem Alter, aber es fehlen ihr schon einpaar Zähne. Kopp starrte in diesen Mund. In die schwarzen Bereiche darin. Die Bettlerin bemerkte, dass da jemand aufmerksam geworden ist, und jammerte und schluchzte noch ein wenig lauter. Ihr Atem roch nach Alkohol. Sie selbst roch nach Pisse. Kopp ergriff die Flucht. Stolpernd über den Platz. Als wäre ich selbst betrunken. Dabei ist das Gegenteil wahr: Durst. Und Hunger. Zwei hübsche junge Polizisten kontrollieren die Papiere eines Schwarzen mit Kapuze. Jugendliche mit Bierflaschen in der Hand gehen vorbei und pöbeln etwas. Gilt es dem Schwarzen oder den Polizisten? Gute Frage. Die Taxifahrer machen alle miteinander einen feindseligen Eindruck. Kopp trieb über einen Fußgängerüberweg, an Straßenbahnschienen vorbei, wo ist hier ein erträglicher Laden, den Durst stillen, den Hunger, eventuell sogar etwas Ruhe finden. Nirgends. Unendliche graue Wand. Bis er auf einmal im offenen Tor eines Friedhofs stand. Innen war ein Wasserhahn zu sehen, ein nicht ganz dichter oder nicht sorgfältig genug geschlossener Wasserhahn, ein dünner Strahl Wasser lief herunter, Kopp konnte nicht anders, ob sich das gehört oder nicht: ich muss etwas trinken.