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Er trank ausgiebig, wusch sich prustend Gesicht und Nacken, jetzt ist's besser. Als er sich aufrichtete, sah er, dass er unweit der Portierskabine stand, wo ein sehr fetter Mann und eine Frau mit Feudel — sie hatte offenbar gerade die Toiletten gewischt — auf zwei Campingstühlen saßen und ihn anstarrten.

Ein parkartiger Friedhof im Spätsommer. Um die Wahrheit zu sagen, waren Friedhöfe die Orte, die meine Frau mit am meisten liebte. Kopp deutete ein Nicken in die Richtung der beiden Aufsichtspersonen an und wandte ihnen, bevor eine Antwort möglich gewesen wäre, den Rücken zu. Er nahm nicht die Prachtallee in der Mitte, er nahm den Seitenpfad, wo sie ihn nach wenigen Metern nicht mehr sehen konnten.

Nicht weit von dem Haus, in dem wir lebten, gibt es auch einen Friedhof. Er ist nicht ganz so groß wie dieser hier, und dahinter ist kein Bahnhof, sondern eine Bushaltestelle. Eine Weile hatte sie einen Job, zu dem sie diesen Bus nehmen musste, also lief sie zweimal am Tag durch den Friedhof. Sie sagte, das sei der Höhepunkt des Tages. Zwei Höhepunkte: einmal am Morgen, einmal am Nachmittag. Fahrrad fahren, Hunde ausführen ist in Friedhöfen verboten, ihn auf dem Weg zur Arbeit zu Fuß durchqueren nicht, dennoch suchte sich Flora ein Grab aus, als dessen Besucherin sie sich auf Nachfrage hätte ausgeben können. Auf dem Grabstein stand» Hedda und Emma«. So klein, als wäre es das Grab von zwei Tauben. Die Urnen zweier Schwestern. Oder zweier Geliebten, sagte Darius Kopp. Das würde mir besser gefallen. Zwei von ihrer Zeit geächtete Liebhaberinnen.

Der aus Basaltbrocken geformte Seitenpfad machte das Laufen schwer. Kopp knickte um und setzte sich auf eine Bank. Unweit stützte Christus einen nackten Mann, wie in anderen Abbildungen Engel verwundete Soldaten stützen. Das wäre dann ich. Kanonenfutter. Du hingegen wärst das Mädchen auf dem Sockel mit dem von der Schulter rutschenden Kleid. Zsuzsikdm, 16 Jahre. Neben ihrem Mund hat sich eine weiße Schnecke am Stein festgesogen. Bei einer anderen am Kinn. Im ersten Fall ein Schönheitsfleck, im zweiten eine Warze.

Eine Mädchenstatue errichten. Und wenn sich eine Schnecke an deinem Kinn festsaugt, nehme ich sie herunter und zertrete sie. Ihr kalkiger weißer Panzer bricht splitternd. Wenn sie sich in deinem Nacken festsaugt, werde ich vorher wütend. Man müsste dich mit offenem Haar darstellen, damit dein Nacken bedeckt ist. Nur Stein, nur Stein, ich weiß, hier ist niemand anwesend, den Toten sind wir egal, nur ich bin hier und der Mann da, der mit einer Kamera um den Hals herumläuft, weil ein Friedhof immer pittoresk ist.

Die Wege enden von Zeit zu Zeit in Rondellen, als Zeichen dafür, dass dort Bedeutende ihre sogenannte letzte Ruhe gefunden haben. In der Regel Schriftsteller. Einmal ist eine kitschige Schauspielerin mit dabei. Putten raufen am Fuße ihres Himmelbetts aus weißem Marmor, in dem, zwischen Steinkissen gebettet, mit einer Steindecke bedeckt, eine vollbusige, vollwangige frühere Schönheit ruht. Sie hat keine Lockenwickler im Haar, aber der Gesamteindruck ist so, als hätte sie. Politiker bekommen Mausoleen. Die bildenden Künste liegen etwas abseits, dafür ist ihr Feld mit den Statuen, die sie sich gegenseitig gestalten, eins der attraktivsten.

Ein Geviert Musiker, eine Gruppe Sportler, eine Reihe Schachspieler. Statuen von Brillenträgern zu machen ist problematisch. Die Verbreitung der Brille fällt zusammen mit dem Ende des Zeitalters der Porträtplastiken. Bis '49 sind die meisten Namen und Aufschriften auf den alten Gräbern auf Deutsch. Breyer Gyula, Bitter Illes, Hantken Miksa. Godó Ferenc, gestorben am 26. Oktober 1956 im Alter von 18 Jahren. In manchen Grabsteinen Einschusslöcher. Daran hast du bis jetzt gar nicht gedacht. Wenn eine Stadt eingenommen wird, müssen auch die Friedhöfe eingenommen werden. Ich führe die Einheit an, die dazu bestimmt ist, den Friedhof einzunehmen. Vorsicht bei großen Bauten und in Gebieten mit dichtem Baumbestand. Die Vegetation in einem frühherbstlichen Friedhof ist üppig. An einer Stelle eindeutig: der Geruch von Tomaten. Schießt dir der Speichel in den Mund? Bei der Einnahme der Stadt roch es stark nach Tomaten. Eine Kolonie sehr weißer Pilze. Sauerampfer, der blüht. Eicheln und Beeren gibt es natürlich überall. In einem Friedhof überleben. Das geht, wenn man eine Maus ist. So eine winzige, gerade einmal walnussgroße graue Feldmaus wie diese da, die mitten auf dem Weg hockt und nicht einmal einen Millimeter wegrückt, wenn ich komme. Kopp musste um die Maus herumgehen.

Schau, ich umgehe gerade eine Maus in einem Friedhof. Einem friedlichen Friedhof. Nur den Bahnhof hört man ein wenig. Die unverständlichen Durchsagen, das Ta-tatata-ta-ta.

In der Gärtnerei am nördlichen Ende scheint heute nicht gearbeitet zu werden. Durch den verschlossenen Seiteneingang daneben der Blick auf Straßenbahnschienen, einen Zaun und eine Brache. Was für einen Wochentag haben wir? Ist womöglich Wochenende? Das Vorstellungsgespräch war an einem Dienstag. Als wäre es vor einem Jahr gewesen. Dabei sind erst 3 Tage seitdem vergangen. Nein, 4. Also ist in der Tat Samstag.

Darius Kopp war am weitesten vom Eingang und den Toiletten entfernt, als ihn der Drang, seinen Darm zu entleeren, mit einer Heftigkeit überkam, dass es ausgeschlossen war, es bis zur Toilette zu schaffen. In einen Friedhof scheißen. Ich mache das nicht mit Absicht, aber ich bin auch nur ein Mensch. Er schlug sich in die Büsche, so tief es eben ging. Papier bräuchte man auch. Blätter. Einen Klappspaten. Insektenmittel. Die Demütigung des Reisenden.

Aus unbekannten Gründen fand er es nicht angebracht, denselben Pfad hinaus zu nehmen, den er hinein genommen hatte, er schlug sich, nicht fluchend, zur anderen Seite des Gestrüpps durch — wenn es eine andere Seite gegeben hätte. Aber es gab praktisch keine andere Seite. Kopp brach durch Sträucher, hinter denen neue Sträucher standen, auch dort, wo seiner Meinung nach schon längst die äußere Friedhofsmauer sein sollte. Große Mengen Blätter, Spreu, Äste, Lianen, Spinnweben, Insekten prasselten auf ihn ein, so dass er am Ende doch noch zu fluchen anfangen musste, was weiter keine Rolle spielte, denn das Splittern und Krachen um ihn herum war ohnehin lauter als alles andere in einem Umkreis von x Metern. Er hatte schon die Befürchtung, den Durchgang in einen endlosen Wald gefunden zu haben, als er endlich in ein mit armdünnen Bäumchen und Efeu bewachsenes Gebiet kam. Ein dunkler Hain voller Schatten. Die Gräber hier waren wesentlich jünger als die, die er zuletzt hier gesehen hatte, zwanzig bis vierzig Jahre alt. Warum man ausgerechnet diese überwuchern ließ, ließ sich nicht herausfinden. Doch nicht etwa aus purer Romantik? Auf einigen Gräbern standen welke Blumen in den Vasen. Es spreute nicht mehr so stark, dafür gab es mehr Spinnweben und Wolken kleiner Insekten, die in Kopfhöhe in der Luft standen. Kopp ging durch so eine Wolke hindurch, zerriss etliche Spinnweben, und dann war er endlich draußen. Er fand auch bald einen Wasserhahn, wusch sich Hände, Gesicht und Nacken, sah sich um, und da keiner zu sehen war, zog er sich auch das Hemd aus. Es war voller Spreu. Langes Schütteln und Fluchen. Der Schweiß macht die Spreu klebrig, man muss so lange schütteln, bis der Stoff getrocknet ist, und kaum, dass das erreicht ist, nimmst du das Hemd wieder, um dir den Rücken damit zu rubbeln, der ebenfalls feucht und voller Spreu ist, und dann schüttelst du wieder und so weiter und so weiter. Ein blasser, übergewichtiger Mann mit freiem Oberkörper in einem Friedhof.