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Sie unterhielten sich fröhlich, das heißt, der eine, der einen Kurierrucksack bei sich hatte, redete fröhlich. Der andere, der eine Taschenlampe und ein Poloshirt trug, auf dem stand, dass er Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes sei, sagte nichts. Immerhin sah er nicht grimmig aus. Weder grimmig noch fröhlich.
Hi, sagte Kopp, als wäre er siebzehn.
Hi, sagte der Kurierrucksack.
Er redete und lachte die ganze Zeit, während sie auf das Haupttor zugingen. Der Friedhofswächter öffnete die Tür und winkte ihnen nach, wobei es eher wie ein Abwinken aussah.
Der Mensch mit dem Kurierrucksack wandte sich an Kopp.
Iszunk egy sört? Ich verstehe nicht. English?
Sein Name war Zoltan. Kopp verstand: Sultan.
Want a beer? Ganz in der Nähe sei eine gute Kneipe, genannt» Der Wolf mit dem buschigen Schwanz«. So etwas nennt man eine Spiegelübersetzung. Du musst trinken ein Bier, wenn du warst eingeschlossen zusammen in einem Friedhof…
Und? Was machst du hier, in Budapest? Kopp zuckte die Achseln. You don't know?… Just looking around? Ja, ich schau mich nur um.
Das erste Bier war großartig, das zweite richtete in Darius Kopps leeren Magen bereits Sachen an. Kann man hier auch essen?
Ja, aber nicht so gut. Zoltán empfahl einen nicht schlechten Pizzaladen nur wenige Straßen entfernt. Komm, ich bring dich hin.
Der Kurierrucksackträger war wirklich ein Kurier. Sein Mofa stand vor der Kneipe. Kopp ließ den ihm zugeworfenen Zweithelm beinahe fallen. Der Kinngurt war sehr kurz gestellt. Das letzte Mal hat ihn ein Mädchen getragen. Das Mofa ging unter Kopps Gewicht in die Knie, sie schlingerten beim Anfahren, Kopp wollte sich nicht am Kurier festhalten, schnappte nach einer anderen Möglichkeit irgendwo an der Maschine, während sie schon längst fuhren, fand nichts, krallte sich schließlich an den Seiten des Sitzes fest, und dann waren sie auch schon angekommen.
Kopp nahm eine Salami-Peperoni-Pizza, Zoltan irgendwas mit Pilzen.
Und du bist also Kurier?
Ja.
Seit wann machst du das?
Seit 7 Jahren. Gelernt habe ich Lehrer, geworden bin ich Schriftsteller, aber es ist besser, Kurier zu sein. Ist es wirklich besser?
Zoltan lachte. Nein, nicht wirklich. Das Leben ist, wie wir in Ungarn sagen, eine stinkende Hure, she always fucked me, aber nicht schreiben zu müssen ist gut.
Was ist so schlimm am Schreiben?
Nichts. Außer, dass ich es nicht konnte.
Warum er nicht wieder Lehrer geworden sei.
Weil ich das auch nicht konnte. Ich habe das studiert, aber in Wahrheit wollte ich nie einer sein. You know, als ich mein Referendariat gemacht habe, habe ich mich jeden Tag, jede Minute gefragt: wie halten die das aus? Wie halten es die Lehrer aus, wie halten es die Kinder aus? Keine Ahnung. Wirklich. Ich kann mir das nicht vorstellen. Die Kinder haben ja kaum eine andere Wahl. Und später, wenn sie erwachsen geworden sind, hat man ihnen schon beigebracht, was ein anständiger Mensch aushält. Oder er glaubt, das sei sein Schicksal. Aber das ist nicht Schicksal. Schicksal ist, ob du zum Beispiel bei einem Verkehrsunfall umkommen wirst oder nicht. Ich hatte noch nie einen Unfall. Ich kannte einen Typen, der hatte zwei. Wer zwei hatte, hat auch einen dritten, und, was soll ich dir sagen (what can I say), daran ist er dann gestorben. Gar nicht lange her.
Er ist betrunken, stellte Kopp fest. Der Motorradkurier ist betrunken und wird immer betrunkener. Jetzt nimmt er auch noch aus seiner Kuriertasche heimlich eine Flasche und zieht daran. Zwinkert mir zu. Hat sich dafür entschieden, ein Desperado zu sein. Kann man sich dafür entscheiden? (Und: könnte ich tun, was er tut? Konkret: nein. Ermangelst Orts- und Sprachkenntnisse könnte Kopp nichts davon tun, was dieser Sultan jeden Tag tut. Auch Barkeeper könnte ich hier nicht werden. Ich könnte nur auf sogenannten leitenden Ebenen tätig sein, wo es reicht, nur Englisch zu können. Glaubst du doch selber nicht.)
Why are you here? fragte Zoltan noch einmal. Lässt nicht locker. Will nicht nur das Gespräch nicht abreißen lassen, er will etwas erfahren. Und schließlich ist es ja auch kein Geheimnis.
Meine Frau, sagt Darius Kopp. Sie war Ungarin. Sie ist gestorben. Ich suche nach einem Ort, an dem ich sie beerdigen kann.
Sie wollte in Ungarn beerdigt werden?
Nein. Das heißt, ich weiß es nicht.
Ich war grad bei meinem Vater. He was an asshole. Hat mich verlassen, als ich drei oder so war. Sich nie für mich interessiert. Aber das Gesetz sagt, spätestens wenn er tot ist und kein anderer will's machen, bin ich verantwortlich für ihn. Aber das hätte ich sowieso getan. Ich bin kein Arschloch. Jetzt liegt er da, und ich kann nicht anders, als ihn immer wieder zu besuchen. Dabei ist selbst sein Grab hässlich.
Wann ist ein Grab hässlich?
Es gibt xxxxxxx, sagt Zoltán. Unverständlich. Criteria, aus dem Munde eines Betrunkenen. Er versucht es nochmal, rollt die Rs ungarisch, so geht's besser. Kriterien. Der Stein zum Beispiel. Der Stein kann für sich genommen hässlich oder nicht hässlich sein. Der von meinem Alten ist hässlich. Hat ihn selbst ausgesucht. Hauptsache billig. Aus Beton, mit, pass mal auf, so einer Rosengirlande am Rand. Einer Rosengirlande. Er wusste, dass er sterben wird. Hat alles niedergelegt. Ich musste es dann ausführen. Hässlicher Stein. Ich darf ihn mir jetzt anglotzen. Sein Name ist auch hässlich. Da passt vorn und hinten nichts zusammen. Übrigens heiße ich genauso. Genauso wie mein Vater. Das ist auch so eine dämliche Tradition.
(Sultan, und wie weiter? Sultan, der Ungar.)
Ich heiße auch wie mein Vater.
Aha? By the way, wie heißt du?
Darius. Kopp.
Dariuska? Der kleine Darius? Nein, Kopp. Like: the head.
Darius Head? OK. Das ist nicht schlecht. Not bad. Als mein Vater geboren wurde, hatte er einen Mongolenfleck. Das hat mir meine Mutter erzählt. Ob ich einen Mongolenfleck hatte, weiß ich zum Beispiel nicht.
Was ist ein Mongolenfleck?
Ein blauer Fleck auf dem unteren Rücken. Er weist auf eine asiatische Herkunft hin. Wir Ungarn sind Asiaten. Asiaten, Türken Slawen, Deutsche, Juden und Zigeuner. Aber pass auf, zu wem du das sagst!
Zoltan lachte lange. Kopp verstand nicht ganz. Ich wünsche mir ein buddhistisches Grab. Mit lauter kleinen Steinen darauf. Bist du Buddhist?
Nein. Aber vielleicht werde ich es im Tod. Er lachte prustend.
Ich werde das gleich niederlegen! Du bist Zeuge! Warte mal!
Er zog den kaum feucht gewordenen Untersetzer unter dem Glas hervor, sah ihn sich an, lachte prustend, warf ihn fort, fummelte eine Serviette aus dem Halter auf der Tischmitte.
Gib mal was zu schreiben!
Ich hab nichts.
Dann schreibe ich es ins Handy. Warte mal. Notizen. Wie ich beer-digt wer-den möch-te. Ich (Kopp verstand: Sultan Rosnstingl, aber das konnte unmöglich sein Name sein. — Was wohl aus Ulysses Kuhfuß geworden ist?)… und danach sprach er nur mehr ungarisch, und am Ende hielt er Kopp das Handy hin: Los schreib deinen Namen hin.
Darius Kopp tippte seinen Namen in Sultan Rosnstingls Handy.
So, jetzt ist das niedergelegt. Danke.
Very welcome.
Komm, wir wechseln den Laden. Ich kenne einen, der ist noch besser.