Er nahm gerade Anlauf auf die Autobahn aus der Stadt hinaus, als er plötzlich das Mädchen sah. Sie stand in der Busspur mit einem anderen Mädchen, sie hielten Pappschilder vor der Brust, auf den Pappschildern stand LOS und noch etwas anderes, das Kopp nicht so schnell lesen konnte, er war zu abgelenkt durch die große Ähnlichkeit, und dann winkten sie ihm auch noch zu, als ob sie ihn kannten. Sie hatten Bänder um die Handgelenke, wie man sie als Eintrittskarten auf der Sziget bekommt, eins rosa, eins neongelb — Kopp trat aus der Beschleunigung heraus auf die Bremse.
Das Auto kam wenige Millimeter vor der Leitplanke zum Stehen. Selbstverständlich wurde er angehupt, egal. Er sah nur zu, wie sie auf ihn zugerannt kam, ein Objekt im Rückspiegel, kleiner als in Wirklichkeit, und so jung, wie ich dich gar nicht kannte, und gut gelaunt. Zum Glück war sie die Schnellere, kam als Erste an, Kopp öffnete das Fenster auf der Beifahrerseite: Lärm, Abgase, Staub und Hitze, und alles wieder fortgedrängt von ihr, wie sie sich durchs Fenster beugte und lachte. Der Knopf auf dem Schultergurt ihrer Latzhose klapperte in der Öse. Aus ihrem Mund wehte der Duft eines Himbeerbonbons, oder vielleicht hatte sie gar nichts im Mund, und wie ist ihre Stimme? Gut, und ganz anders. Hellou! Und: Thank you so much!
Dass sie englisch redete, rückte Kopp wieder in der Zeit zurecht. Aus der Nähe betrachtet sieht sie dir auch gar nicht mehr ähnlich. Haar dunkler, Augenbrauen dicker, Nasenflügel, Lippenherz, Zähne ganz anders. Für einen Augenblick bereute er, dass er angehalten hatte, aber es gab kein Zurück mehr.
Die Freundin im weißen Minirock kletterte mit den Rucksäcken auf die Rückbank und schlief sofort ein. So eine, die in sich bewegenden Fahrzeugen nicht wach bleiben kann. Während sie hier routiniert den Beifahrersitz für sich zurechtstellt und ohne weitere Verzögerung die Konversation aufnimmt.
Ich bin Oda, das ist Jutka. Sie kommt aus Slowenien. Aber ich — bin Albanerin.
Sie sagt es mit einem vertraulichen, freudigen Stolz, das Wichtigste sei gleich zu Anfang mitgeteilt, dass man gar nicht anders kann, als: Oh, Albanien zu sagen.
Oh, Albanien, sagte Darius Kopp.
………?
Zu schnell. Sorry?
Warst du schon mal da? Noch nie. Oh, why not?
Spielt, dass sie entrüstet ist — Noch nie in Albanien? Wie ist das möglich? — und lacht.
(Jemand Neues erscheint auf der Bildfläche und sofort ändert sich das Tempo, die Richtung, du musst dich anpassen, das irritiert. Sie zum Beispiel ist ungeheuer schnell, ihre Bewegungen, ihre Stimme, sie vibriert förmlich. Und wie sie schaut. Als würde sie einen intensiv beobachten. Ständig intensiv beobachten. Ihre Augen sind fast schwarz, ihr Blick von einer Offenheit, dass ich gar nicht hinschauen kann. Jemand, der ununterbrochen anwesend ist. Ich bin das nicht mehr gewöhnt. Ich werde noch langsamer davon, als ich es ohnehin schon bin. Im Vergleich und generell. Jeder Satz kommt von sehr weit her. Einer, der aus einer langen Abwesenheit kommt. Das wird jetzt deutlich.)
Ich weiß auch nicht… Es ist nicht… dazu gekommen… In den letzten… 20 Jahren… war ich viel… im Westen unterwegs. Und davor… war es the GDR. (So, jetzt habe ich auch meine Pointe gehabt. Ich bin auch nicht von irgendwoher. Und schon läuft es besser.) German Democratic Republic.
Ich weiß!
(Und lacht wieder. Sie ist vielleicht halb so alt wie unsereins. Gewöhn dich dran. Das heißt noch nicht, dass du etwas über sie weißt. Ich fahre mit zwei sehr jungen Frauen Richtung Süden, das ist alles, was gesagt werden kann. Aber jetzt: frag lieber selber was. Wer antworten muss, muss länger ran.)
Sie waren auf der Sziget?
Oh, ja! Jutka ist Fan einer slowenischen Band namens Psycho-Path.
f
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[Datei: fluspi]
Fluspi
«Wochentranquilizer«
Hochpotentes Neuroleptikum. Durch die Hemmung des Botenstoffs Dopamin im Gehirn kommt es zu einer Linderung der mit einer Psychose einhergehenden Symptome. Das Wirkprofil ist charakterisiert durch eine Reduktion von Wahnvorstellungen, Halluzinationen, Ich-Störungen sowie Denkstörungen. Weiterhin dämpft Fluspirilen psychomotorische Erregungsstörungen, Angespanntheit sowie krankhaft gesteigerte Stimmungen. Außerdem wirkt es schwach beruhigend, die Patienten werden dadurch ruhiger und ausgeglichener.
Häufige Nebenwirkungen: Krampfhaftes Herausstrecken der Zunge, Schlundmuskulaturverkrampfung, Blickkrampf, Schiefhals, Rückenmuskulaturversteifung, Kiefermuskelkrämpfe, Zittern, Steifigkeit, Speichelflusszunahme, Bewegungsunruhe, Müdigkeit. Gelegentliche Nebenwirkungen: Sehstörungen, vermehrtes Schwitzen, Schlafstörungen, Mundtrockenheit, Herzrasen, Blutdruckabfall, Kreislaufregulationsstörungen, EKG-Veränderungen. Seltene Nebenwirkungen: Unruhe, Erregung, Benommenheit, depressive Verstimmungen, Angst, Schwindel, Kopfschmerzen, Krampfanfälle, Körpertemperaturregulationsstörungen, Bewusstseinsstörungen, Gefühl der verstopften Nase, Augeninnendruckerhöhung, Verstopfung, Störungen beim Wasserlassen, Übelkeit und Erbrechen, Durchfall, Appetitabnahme, allergische Hautreaktionen (Rötung, Juckreiz), Augenlinseneinlagerungen, vorübergehende Leberwerterhöhung, Gelbsucht, Galleabflussstörung. Sehr seltene Nebenwirkungen und Einzelfälle: Wiederausbruch oder Verschlechterung psychischer Erkrankungen, neuroleptisches Syndrom (hohes Fieber, Muskelstarre, Herzrasen, Bluthochdruck, Bewusstseinseintrübung bis zum Koma), Darmverschluss, Blutzellzahlveränderung, Zuckerstoffwechselstörung, Regelblutungsstörung, Gewichtszunahme, sexuelle Funktionsstörungen, Brustvergrößerung, Milcheinschuss in die Brust, örtliche Hautreaktionen bei Verabreichung über die Vene. Besonderheiten: Bei Auftreten von hohem Fieber, Bewegungsstarre und Bewusstseinseintrübung muss an ein schweres neuroleptisches Syndrom gedacht werden. Es ist sofort ein Arzt aufzusuchen und eine entsprechende Behandlung muss eingeleitet werden. Eine ärztliche Kontrolle ist ebenso bei grippeähnlichen Beschwerden erforderlich.
Bemerkung: keine Nebenwirkungen. Patientin schläft fast immer. Wer schläft, sündigt nicht.
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Fluoxetin
Angewendet bei Depressionen, Zwangsstörungen und Bulimie.
Sehr häufige Nebenwirkungen: Übelkeit.
Häufige Nebenwirkungen: Verdauungsstörungen, Durchfall, Verstopfung, Gewichtszunahme, Bauchschmerzen, Herzklopfen, Kraftlosigkeit, Schläfrigkeit, Bewegungsarmut, Angstgefühle, Nervosität, Zittern, Kopfschmerz, Mundtrockenheit, Schlaflosigkeit, Benommenheit, Erbrechen, Magersucht, Schwindel, Schwitzen, Erregungszustände, Denkstörungen, Unwohlsein.
Gelegentliche Nebenwirkungen: Gelenkschmerzen, Muskelschmerzen, gestörte Bewegungssteuerung, Blutdruckabfall bei plötzlichem Aufstehen, Verwirrtheit, unwillkürliche Muskelkontraktionen, verzögerter Samenerguss, Hautausschlag, Juckreiz. Seltene Nebenwirkungen: Leberfunktionsstörungen, Störungen der Bewegungsabläufe mit Zunahme oder Verminderung der Bewegungen oder des Spannungszustands der Muskeln, Herzrasen, Hautausschläge mit Blasenbildung, Lichtüberempfindlichkeit, Krämpfe, starke innere Unruhe und Getriebenheit mit Hemmungsverlust (Manie), Wahnvorstellungen, Natriumblutspiegelerniedrigung, krankhafter Milchfluss, Hautblutungen. Besonderheiten: