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dass ich eine irre erzogen hätte?

ich werde bestimmt nicht noch eine irre erziehen

alkoholiker kannst du sein, gewalttätig kannst du sein

sensibel darfst du nicht sein

wer sensibel ist, soll krepieren

wozu lebt so eine

jeden sonntagabend so müde

als erste wieder zurück

im leeren schlafsaal das war gut

allein im dunkeln eine halbe stunde

bis jemand mürrisches kam und das licht anmachte

dass nie einer mal nett sein konnte

in die stadt hinaus durfte man nicht

ich stand am fenster

ständig wurde es früh dunkel

warum wurde es immer früh dunkel

das leben der erwachsenen ist genau so, wie es von außen ausgesehen hat

schlepperei im nieselregen

die frauen schleppen mehr und öfter als die Männer

verachtungswürdige kreaturen

d

Ja, ich weiß von zahlreichen Sonnenuntergängen in meinem Leben, einige davon am Meer. So, wie ich auch von diesem Ort hier weiß, dass er existiert. Aber ich habe noch nicht eine einzige Sache wirklich wiedererkannt. Keine einzige. Wie ist das möglich?

Im Süden kommt die Nacht schnell, bis sie es auf die Straße geschafft haben, sehen sie alles nur mehr im Lampenschein. Dafür ist mit einem Mal alles voller Menschen. In deiner Erwartung ist der Ort deiner Kindheit nie mit Touristen voll. Gewusel bei der Ankunft kann anregend sein, wenn du das erste Mal hier bist. Oder wenn du schon einmal hier warst und nun das eine oder andere wiedererkennst. Aber wenn du schon dreimal hier warst und nichts, absolut nichts wiedererkennst, dann ist das — Gut, dass du bei mir bist. Danke, dass du mitgekommen bist. Wenn ich dich nicht direkt ansehe, nur so aus dem Augenwinkel, nur mit dem Körper registriere, da geht jemand neben mir, kleiner als ich, eine Frau, ist das etwas Vertrautes.

Dicke Steinmauern strahlen die während des Tages gesammelte Hitze ab. Dass es hier so warm sein kann, war mir ebenfalls nicht bekannt. Luftkuren macht man nicht im Sommer. In den kalten Jahreszeiten schützen die dicken Steinmauern vor der Bora.

Wie in der Hölle, ich sag's dir! Eine deutsche Stimme dicht neben Darius Kopps Ohr, während er gerade dabei gewesen wäre, eine Hand an eine Mauer zu legen, um die Wärme darin zu spüren. Er zieht die Hand weg. Ich habe etwas gehört, das ich verstanden habe, also bin ich sichtbar und kann nicht mehr unbefangen handeln. Oda dagegen versteht kein Deutsch, sie legt die Hand an den Stein.

Erinnerst du dich, wie im Sommer immer der Straßenteer schmilzt? Ich hatte als Kind immer Teerflecke an den Füßen und dann bin ich in Staub getreten, damit es nicht so klebt, aber man hat mich trotzdem nicht in den Eisladen gelassen, do you remember?

(Ob ich mich erinnere, dass du?) Aber er lächelt und nickt.

Jugendliche, die von einer Klippe ins Hafenbecken springen. Man sieht sie kaum mehr, man hört sie nur schreien —»Ma-rija! Ma-ri-ja!«— und dann das Platschen, wenn sie im Wasser aufkommen. Am Anfang der Mole steht eine Kirche, am Ende ein roter Leuchtturm. Das endlich erkennt Kopp wieder. Weil es Fotos davon gibt. Es gibt ein Foto davon. Unsere Gruppe um den Sockel drapiert, ich in der Mitte, die Arme an den Körper gepresst. Vom Leuchtturm aus führt der Kurweg zum alten Hafen. Der hier ist der neue. Sechssprachige Kellner richten die Tische fürs Abendessen und die Souvenirläden verkaufen noch bis Mitternacht Töpferwaren, Seife und Plastik. Geben Sie Ihrem Kind 6 Mark Taschengeld für Souvenirkäufe mit. Ein Minileuchtturm für die Daheimgebliebenen, wenn's gut läuft. Eine Schneekugel, wenn nicht. Vom Platz am neuen Hafen führen drei Straßen in den Ort hinauf, Kopp weiß nicht, welche die richtige ist, er nimmt die nächstbeste. Der Weg ist steil, die Steinplatten sehen glatt und glänzend aus wie Eis. Sobald sie den Platz verlassen haben, bewegt er sich wieder durchs Unbekannte. Mauern überall, winzige Fenster, alle über Kopfhöhe. Wehrhaft verschlossene Häuser, die winzigen Höfe liegen nach innen, nur die Pflanzen wachsen über die Mauer heraus. Oleander, Bougainvillea, Olive. Viele schöne Pflanzen wurden durch Seefahrer auf die Insel gebracht. Einmal ist ein Fenster niedrig genug und steht sogar offen: ein Badezimmer: ein hängendes Trockengestell und ein Boiler. Hinter der Tür daneben knurrt ein Hund.

Lange irren Darius und Oda durch ein dunkles, stilles Dorf, immer höher den Hang hinauf. Als sie an die Landstraße stoßen, auf der sie gekommen sind, kehren sie um. Dahinter ist nur noch der Pinienwald, darin ein Wanderweg zur Spitze des Hügelkamms, aber dafür ist es schon zu dunkel. (Bei Neumond durch einen dunklen Wald, auf einem dunklen Hügelkamm stehen, auf ein dunkles Meer schauen—) Sie kehren um und laufen wieder die Serpentinen, immer zwischen Mauern. Manchmal liegt ein Grundstück tiefer als die Straße, dann kann man ein wenig von den Höfen sehen, aber es bleibt alles Stein. Nachdem sie zum xten Mal auf einen kleinen Platz mit Kastanienbaum und einem kleinen Lebensmittelladen gestoßen sind, erkennt Kopp endlich das ehemalige Kurheim. In einem Ort, in dem jedes Haus eine Ferienwohnung hat, ist es das einzige, das leer steht. Ein Zaun aus Eisenstäben, von innen zusätzlich mit Maschendrahtzaun verengt. Eine Straßenlaterne beleuchtet zu hell eine Pflanze mit großen Blättern im Vordergrund, dahinter zwei Tischtennisplatten aus Beton — Eine Kelle erbeuten! War ich gut darin? Natürlich nicht —, auf dem einen liegen der Ständer und der Ring eines Basketballkorbs, das Netz fehlt. Das ist es, oder?

Ja.

An einer Stelle ist ein Loch im Maschendrahtzaun. Eine Katze kommt heraus.

Man kann hinein, sagt Oda.

Ist es das, wofür ich sie brauche? Um mit mir in mein ehemaliges Kinderheim einzubrechen? Seitdem wir auf der Insel sind, läuft alles fast wortlos. Nur manchmal sagt sie etwas, macht einen kleinen Vorschlag, lass uns da langgehen oder da lang. Man kann hinein. Aber wir werden nicht hineingehen. Wir gehen viel spazieren, lernen Gymnastik, im Sommer baden wir. Wir verhalten uns stets diszipliniert. Die roten Oleander neben dem Eingang sind mir unbekannt.

Sie stehen lange am Zaun, gehen ein wenig hierhin und dorthin, schauen aus allen Richtungen hinein. Hinter ihnen schließt der Lebensmittelladen mit Geschepper: zwei Verkäuferinnen ziehen die Gitter herunter. Die Ausgangszeit ist vorbei, die Türen werden geschlossen, 20 Jungen der 1., 2. und 3. Klasse, im Erdgeschoss und im ersten Stock, gehen zu Bett. Darius Kopp und seine Begleitung bleiben in der Stille am Zaun zurück. Schaust es dir an. Schaust es dir an.

Solange, bis ihr Magen hörbar knurrte.

Wollen wir was essen gehen?

Sie finden einen Laden oben im Ort. Trotzdem seid ihr Touristen. Das Essen ist nicht gut, das Bier schon. Die Stimmung am Hafen ist mittlerweile sakraler geworden. Polyphoner Männergesang tönt herauf. Sie singen vom Meer und von der Liebe, sagt Oda.

Natürlich. Vom Meer und der Liebe.

(Mein Herz ist leer. Wäre ich mit meiner Frau hier, hätten wir Sex dagegen. Aber ich bin nicht mit meiner Frau hier. Ihr junges Gesicht. Du weißt soviel und doch weißt du nichts. Und ich werde es dir nicht verraten. Du würdest mir sowieso nicht glauben.)

Ich gehe dann jetzt zum Kurweg, sagt Kopp.

Sie kommt selbstverständlich mit.

Sie schaffen es, zum Kurweg zu gelangen, ohne am Hafen vorbeizumüssen. Im Rücken des Männerchors — ihre weißen Hemden scheinen herüber — lassen sie sich einen staubigen Abhang hinunter auf die Promenade gleiten. Der Weg ist nicht leer, es gehen sogar ziemlich viele hier, alle flüsternd. Unter Wellenrauschen und Chorgesang flüsternde Gestalten an einem punktuell beleuchteten Uferweg. Die Vorliebe adriatischer Badeorte für Beton. Was nicht Stein ist, ist Beton. An diese Steinigkeit erinnere ich mich. Ein steinerner Torbogen, steinerne Nischen, betonierte Stufen. Weiße Umrisse im Schwarz. Das ist die Badeanstalt.