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Fiep, sagte das Mikrophon, als er es dem DJ wiedergab, in der Totenstille von der Bühne stieg und sich auf den Weg nach draußen machte. Keiner klatschte. Dann einige, schließlich alle. Sie jubelten nicht wie bei seinem Vater, aber sie schlugen ihre rotgebrannten Händchen zusammen. Ihr seht aus wie eine Kolonie Insekten vom Mars. Mein Vater ist ein Insekt vom Mars. Daran glaube ich jetzt fest. Der Einzige, der nicht klatscht. Der dreinschaut, als hätte ich gerade den größten Bock meines Lebens geschossen. Was ist los mit dir, Alter, was ist bloß los mit dir? Er ist eifersüchtig auf mich,d\2er eitle alte Sack. Auf meine Stimme. Das ist doch alles Wahnsinn. Kopp beschleunigte seine Schritte, aber damit erreichte er nur, dass sie noch heftiger zu klatschen anfingen, einzelne Pfiffe und Rufe mischten sich hinein, und dann verloren sie jeden Halt, fingen an, ihn anzufassen, jemand klopfte ihm mit breiter Hand auf die Schulter, eine Frau grabschte nach seinem Hemd, eine Naht krachte, Kopp stürmte mit gesenkten Hörnern weiter. (Das Geräusch, mit dem die Nägel der Frau am Stoff abrutschten.)

Ins Zimmer, die Sachen zusammenraffen, auf den Balkonen trocknen Handtücher, aus dem Poolbereich dröhnt neues Remmidemmi, auf dem dunklen Meer fährt unendlich langsam ein erleuchtetes Boot. Früher war mir das alles schön.

Oda holte ihn erst ein, als er schon mit seinen Sachen aus dem Zimmer kam. Was tust du da? Ich muss gehen.

Aber warum?… Warte auf mich!

Er wartete nicht. Durch die Lobby, alles voller Menschen, Kopp raste durch sie hindurch, ohne jemanden zu stoßen, er stolperte nicht auf den Stufen zum Parkplatz, er warf die Tasche auf die Rückbank, parkte mit quietschenden Reifen aus und raste: bis zur Schranke, die den Parkplatz von der Straße trennt.

Fluchend schlug Darius Kopp aufs Lenkrad ein, bis die Handballen schmerzten, ließ den Motor laufen und die Tür offen stehen, rannte zurück zur Rezeption, stand keuchend da, rothäutiger Tourist, und presste mühsam beherrscht hervor: Sie haben meine Kreditkartennummer könnten Sie die Schranke öffnen ich möchte die letzte Fähre erwischen.

Mit der Geduld von Sonderschulpädagogen die Gegenfrage: Wie ist bitte Ihr Name, Ihre Zimmernummer, haben Sie Ihren Schlüssel dabei?

Der Schlüssel… Der Schlüssel ist oben, ich habe den Schlüssel oben vergessen, bitte, ich habe es eilig, Sie haben meine Kreditkartennummer.

Verstehe, wie ist bitte Ihr Name?

(Wenn Sie nicht aufhören, so betont langsam zu sprechen, poliere ich Ihnen die Fresse, ist mir egal, dass Sie eine Frau sind!) Darius Kopp!

f

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[Datei: só]

SALZ

Der Planet auf dem ich lebe ist

Meerflaches Grasland und dazwischen, immer plötzlich: Salzwüsten. Gerät man an die Ränder, verbrennen die Zehen.

Verliert man die Orientierung, kann das das Ende sein, denn

man weiß nicht, wie lange man durch das Salz wird waten müssen

nur Gott von oben kann die Landkarte sehen

ich kann nur blind wandern und hoffen.

Ich weiß nicht, wie viel Prozent meines Planeten aus

Salz besteht.

Ich bin angewiesen auf die Gnade. Darauf, dass ich jedes Mal durchkomme, bevor ich ganz weggeätzt bin.

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[Datei: normo]

Normopathie

Krank werden am Versuch, normal zu sein.

Stimmt nicht. Will nicht angepasst sein. Nur gesund. Die Krankheit ist nicht Teil von mir. Nein.

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[Datei: kis_lelek]

Eine kleine Seele kann nicht groß aufgewühlt sein. Zsofia Bän Ich bin tief. Und nun?

Muss ich also damit rechnen, dass jeder zukünftige Schmerz nur noch tiefer geht? Umgekehrt wäre es besser. Dass man flacher wird mit jedem Schmerz. Und was wäre man am Ende? Ein Monster. Keine Lösung. Keine Lösung.

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[Datei: nem_akarok_mélyebbre]

Ich will nicht tiefer gehen. Ich bin dem nicht gewachsen. Ich will die Ursachen nicht restlos aufdecken. Sie liegen doch auf der Hand. Ich bin ein Niemandskind. Mutter tot, der Vater fort, weder Gott noch Heimatort. Das ist die Ursache. Und jetzt sagen Sie mir, wie man da was reparieren soll. Das Fundament mit Beton unterspritzen? Halten Sie das für eine saubere Arbeit?

Warum kann ich nicht einfach alles vergessen?

Aus Lethe trinken.

Ich möch-te aus Le-the trin-ken!

Nur durch einen Gehirnschaden möglich. Einen schönen, präzisen Gehirnschaden, bitte. Niemand kann so einen machen. Mit Nebenwirkungen muss gerechnet werden. Ich aber möchte weiterhin das Wasser halten, gehen und sehen können. Und das ist zu viel verlangt. OK, ich bin bereit, auf das Gehen zu verzichten. Könnte ich jetzt bitte vom Niemandskind-Sein befreit werden? Was redest du da schon wieder für einen Blödsinn zusammen. Wenn ich schreiben könnte, wäre das eine Erzählung. Man verspricht den Leuten, sie von ihrer Seelenqual zu befreien, sie müssen aber eine wichtige Körperfunktion dafür opfern. Man darf sich entscheiden: gehen, Wasser und Stuhl halten oder sehen. Auf keinen Fall etwas, das man leicht wieder reparieren kann. Mit einem Ohr, einem Finger, einer Nase kommen Sie uns nicht davon. Ach, geh doch zur Arbeit!

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[Datei: delibab]

Weder Mittagsdämon noch Mitternachtsdämon. Mittags, zur Mitternacht, wimmeln die Gespenster. Aber allein mit ihnen bist du vor Sonnenaufgang und zur Mitte des Nachmittags. Zwischen 3 und 5 tanzen sie den Totentanz mit dir. Meridiana, the noontide hag stellt dir knifflige Fragen, und wenn du die Antwort verfehlst, erwürgt sie dich.

Die Seuche, die wütet am Mittag. Wenn sich die Zeit verlangsamt.

Wenn es dich aus deiner Mönchszelle herausdrängt, aber du kannst nirgendwohin gehen. Es gibt keine Luft, weder drin noch draußen. Wenn dein Leben und deine Arbeit sinn- und wertlos ist. Wenn du keine Freunde und keine Lieben hast. Hast du zu viel gegessen oder vielleicht zu wenig? Hattest du unkeusche Gedanken?

Ach wo. Quäle dich nicht. Du kannst rein sein, ein guter Asket, es wird dich dennoch niederknüppeln.

Wie eine Folter, die jeden Tag, jeden verdammten Tag wiederkehrt. Jeden Nachmittag kommt der Wärter in deine Zelle, um dich zu quälen. Das ist Teil deiner Bestrafung. Und was war das Vergehen?

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Hier kam Oda an der Rezeption an, sie hatte ihren Rucksack dabei und beide Zimmerschlüssel, sie legte sie auf den Tresen.

Unter Wahrung aller Formalitäten waren sie eine Minute später fertig, nur Kopp entgleiste noch einmal, als er der Rezeptionistin — laut ihres Namensschilds eine» Kora«— die Parkkarte zur Öffnung der Schranke nicht abnahm, sondern aus der Hand riss. Hass blitzte in ihren Augen auf. Ach, fahr doch zur Hölle.

Er sah nicht hin, aber er wartete, bis Oda auch eingestiegen war.

Wieder 70 km durch die Macchia. Stummes Rasen. Er fuhr so schnell er konnte, nicht so schnell der Wagen kann. Führe ich so schnell, wie es der Wagen kann, wären wir innerhalb der nächsten Minuten tot. Von einer kroatischen Insel ins Meer gestürzt. In Flammen aufgegangen im Gestrüpp. Asche zu Asche, Trauer zu Fischfutter. Die Lösung wäre stilvoll, aber sie geht aus zwei Gründen nicht. Zum einen, weil ich kein Recht habe, dieses Mädchen, das sich an ihrem Rucksack festklammert, mit hineinzuziehen, und zum anderen, weil ich nicht vor Trauer rase, sondern vor Wut. Harpyien, Monster, Gnome, alle miteinander. Arschgeigen, Versager. i-hate-you-so-much-right-now!!!

Sie rasten zur Fähre, aber sie hatten die letzte schon vor einer Stunde verpasst. Die erste des nächsten Tages fuhr in 5 Stunden. Darius Kopp legte den Kopf aufs Lenkrad.