Dreieinhalb Stunden, bis Kopp Hunger bekam. Dann noch einmal vorbei an 100 Gaststätten, bevor der Hunger so groß war und die Parksituation so einfach, dass man anhalten konnte.
Sie bestellten beide Wiener Schnitzel, Cola und Kaffee. Oda lächelte. Frauen lächeln viel. Ich finde das gut. Und nach dem Essen wird erfahrungsgemäß alles ein wenig besser. Das Schnitzel war gut, der Kaffee war gut, sie hatten einen Ausblick auf Inseln. Nein, keine Inseln mehr.
Wenn ich du wär, sagte Oda schließlich, würde ich bis Tirana fahren.
Weißt du, wieso? Wieso?
Weil es das ist, was du nicht erwartest.
Das erste Mal, dass sie erkennbar kokett ist. Sie merkt es selber und korrigiert, indem sie aufhört zu lächeln.
Ich meine: dass du noch nie da warst. Das kann helfen.
Man kann von hier aus, wenn man nicht anhält, zum Frühstück da sein.
Er schwieg eine Weile, sah sich den Kinderspielplatz vor dem Fenster draußen an. Eltern versuchten, ihre Kinder davon abzuhalten, in der sengenden Hitze zu spielen, aber sie hören nicht, sie hören einfach nicht, klettern lachend davon.
Können wir auch langsam fahren? fragte Darius Kopp.
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Später wieder im Cafe. Ob man so unfreundlich ist, weil wir wenig konsumieren? Andererseits sind wir die einzigen Gäste. Ich traue mich nicht, darum zu bitten, die Gulaschsuppe aufzuwärmen, ich gönne mir einen Orangensaft, davon wird man auch ein wenig satt. L. hat übrigens nicht gratuliert, stattdessen hat sie sich N. geschnappt, sie reden etwas, ich kann es nicht hören. Ich bin zwischen der einen Anna und Sz. eingeklemmt, der mich erst beleidigt (Zusammengefasst: so gut war das ja nicht, du siehst nur gut aus), um mir dann Avancen zu machen. Oder nein, er dachte, er macht Avancen, dabei hat er weiterhin nur Beleidigungen von sich gegeben. Ich mag diese slawische Silhouette. Der Hintern der deutschen Frauen ist wie eine Sprungschanze usw. Und ich, mit dem Gesäusel eines Frauenhassers im Ohr: fange an zu menstruieren.
Sag, warum hasst du mich, lieber Gott? Ich zwänge mich zu L durch und flüstere ihr ins Ohr, ob sie vielleicht einen Tampon für mich hat. Sie schüttelt den Kopf.»Es sei denn«, sagt sie und zieht grinsend einen Labello aus ihrer Tasche.
In meinem Blute in der Straßenbahn, aber ich weine nicht, bis ich zu Hause bin. Und dann war es schon zu tief. Ich weinte nicht. Ich machte mir einen Eissalat mit Wiener Würstchen.
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[Datei: máj_12]
Ich bin durch ein geöffnetes Fenster in diese Welt gefallen. Als ich meine endgültige Körpergröße erreicht hatte, wurde ich einfach hinübergeworfen von einer Welt in die nächste. Ich wohnte zwischen Schränken voller Ungeziefer. Wie süßlich sie rochen. Das Gift, das sie töten sollte, als klebriger Körperlack an ihrem Rücken. Parfümiert, geölt saßen sie in meinen Haferflocken. Ich träumte von einem Regen, von einer Flut, die bis an unsere Fensterbretter steigt und uns, die wir dort schlafen, sanft aufhebt und uns trägt auf seinem parfümierten Rücken, während leise die Haferflocken rieseln. In einer Welt unter uns schneit es haferflockengroße Flocken. Dass man durch und durch fällt. Himmel und Hölle und wieder Himmel und wieder Hölle. Es gibt unendlich viele über- und untereinander. Himmel-Hölle, Himmel-Hölle, H-H, H-H, H-H.
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[Datei: fejfáj]
Kopfschmerz. Ich trage ein Gerät auf dem Kopf. Zu zwei Seiten sich verzweigende Reagenzgläser. Zwei Röhren sind an die Schläfen angeschlossen, an die Adern, durch die der Schmerz pulsiert. Der Schmerz wird übertragen in die blubbernde Flüssigkeit im Reagenzglas, die sich nach dem Grad des Schmerzes verfärbt. Leichter Schmerz: hellgrüne Bläschen. Giftgrün. Rot. Lila. Unerträglicher Schmerz: schwarze Bläschen und Ohnmacht.
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[Datei: Immobüro]
Sie sagen, ich solle gefälligst leiser tippen.
Wenn das Fenster auf ist, soll ich es gefälligst schließen, wenn es zu ist, soll ich es gefälligst aufmachen.
Der Postausgang ist selbstverständlich nicht für mich. Ich soll die Post, die ich produziere, selbst wegbringen.
Sie schütten meinen Tee weg, obwohl ich mir eine eigene Kanne gekauft habe, damit ich nicht ihre Kaffeekanne belege. Ich mache mir neuen. Nur noch tassenweise, wozu die Verschwendung. Sie helfen mir grundsätzlich bei nichts, aber ich brauche ihre Hilfe auch nicht. Natürlich sprechen sie nicht mit mir, nur über mich. Außer heute, da ich zufällig in demselben Laden zum Mittagessen gelandet bin. Sie setzten sich etwas weiter weg, aber als sie fertig waren, kamen sie herüber und sagten: Kannst du unser Tablett mit abräumen? Ich antwortete nicht, sie lachten und gingen, ließen die Tabletts wirklich stehen.
Und ich? Hätte sie beinahe wirklich abgeräumt, um es die Mitarbeiter der Cafeteria nicht ausbaden zu lassen. Aber dann doch nicht. Wie in der Schule. Das hört nie auf. Eigentlich lächerlich. Eigentlich empörend.
Aber du empöre dich nicht. Mache dich auch davon frei. So sind wir eben. Bleiben das, als was wir begonnen haben: schadenfrohe, egoistische, quälbereite Kinder.
Dass ich nicht so bin, ist nicht mein Verdienst. Auch ich bin geblieben, was ich von Anfang an war.
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Und so fuhren sie die nächsten drei Tage die ehemalige Republik Venedig hinunter. Schau, Flora. Der geflügelte Löwe ziert Tore und Sarkophage bis hinunter nach Ragusa. Meine Begleiterin ist eine gebildete junge Frau, verfügt auch ohne einen Reiseführer in der Hand über zahlreiche Kenntnisse von Sichtbarem und nicht mehr Sichtbarem, spricht über Liburner und Delmeten, wie unsereins über Ichweißnichtwas, zeigt mir die Kathedrale des heiligen Domnius.
(Und wie war es mit der Religion in Albanien?
Meine Mutter hat in Italien angefangen, Kerzen anzuzünden.)
und die Sarkophage von Salona. In Solin saßen wir nach einem zu üppigen Mittagessen bei sengender Hitze zwei Stunden unter einem Baum und hörten dem Plätschern eines Brunnens zu. Mir ist schlecht. Mir auch. Und wir lachten.
Der erste Tag geriet sehr lang, nicht nur, weil sie in der Nacht zuvor nicht geschlafen hatten, sondern weil sie zu lange zögerten, eine Unterkunft zu suchen. Dass ich für alles bezahle, ist selbstverständlich. Das ist nicht der Punkt. Es gab einfach nichts. Weder zwei Einzel- noch zwei Doppel-, noch ein Doppelzimmer. Stunden über Stunden, in denen keine Herberge sie aufnehmen wollte. Dann suchen wir eben nach dem teuersten Hotel der Gegend. Im besten Haus am Platze müsste nach menschlicher Berechnung immer etwas frei bleiben.