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Heute ist Darius Kopp zu alt und nicht elend genug, um jemandem für Brot den Ring zu küssen. Ganz abgesehen davon, dass es heute keins gibt. Kein Bischof, kein Brot. Du kannst es dir im Laden kaufen. Erkenne dies als Privileg und beeil dich vor allem, der Abend ist schon angebrochen, die Türen der Lebensmittelgeschäfte schließen, wie auf dem Dorf üblich, früh, nur die Restaurantwerber sind unermüdlich. Eine Glocke schlug, als Darius Kopp an der Klostermauer parkte. Er war der Einzige, der sich in diese Richtung bewegte, alle anderen waren schon wieder am Aufbrechen, aber er, als sähe er das alles nicht — Alle kommen dir entgegen, siehst du das nicht? Nein — ging auf die Tür in der Klostermauer zu, dort stand ein Mönch, verabschiedete gerade die letzten Besucher, um sich im Anschluss an Darius Kopp zu wenden, der geduldig stehen geblieben war, um alle herauszulassen, ihn aufs Freundlichste anzulächeln und zu fragen, ob er ein Übernachtungsgast sei. Kopp verstand das Englisch des Mannes nicht richtig und sagte ja, und ehe er sich versah, saß er mit seiner Reisetasche, deren Reißverschluss nicht mehr richtig zuging, am Rande von einem der zwei Einzelbetten in einem kleinen, kalten Zimmer. Schau, ich schlafe schon wieder in einem Kloster.

Die Morgenandacht beginnt um 07:30, Sie sind herzlich eingeladen, mitzubeten. Das kann Darius Kopp nicht, nicht ein einziges Wort, und außerdem verschlief er, nachdem er sich den Großteil der Nacht in erotischen Träumen gewälzt hatte. Einmal war er auf dem Flur in der Unterkunft in Budapest, dann aber immer und immer wieder auf kroatischen Hotelfluren, Dutzende Male die Abschiede von Oda, Küsschen rechts, Küsschen links, und im Zimmer ist Flora, aber du kannst nicht mit ihr schlafen, weil sie schon durchsichtig geworden ist, um im nächsten Moment wieder so fleischlich da zu sein, dass es schmerzt. Du spürst genau, wie ihr Körper an deinem liegt im eiskalten Pester Bett, zwischen euch bildet sich trotz der irren Kälte draußen Schweiß, ihre Möse strahlt warm ab, du spürst es, dort ist es warm, und das tut weh, überall, aber besonders im Unterleib, was ist das schon wieder, die Zecke, die wieder zuschlägt, zurückgekehrt ist, draußen ist der Wald, im Wald sind Zecken, und Oda wandert durch den Wald mit einer Gruppe junger Menschen, geh nicht durch den Wald, die Zecken kommen, wer sind überhaupt diese Leute, diese bärtigen jungen Männer, kann ich es schaffen, mich auch in einen zu verwandeln, mich unter sie zu mischen, damit sie mich endlich erkennt? Schreckte auf, schlief wieder ein, dachte, seine Ruhe zu haben, dann fing es wieder an. Sie kamen an eine Kirche mitten im Wald, und Oda oder Flora in jungen Jahren fing an, etwas zu erzählen, malte etwas in die Luft, die Linie des Bogens eines Fensters, die Linie des Bogens über der Tür des Gästezimmers, ich will das jetzt nicht erklärt bekommen, keine Führungen bitte, aber als sie daraufhin tatsächlich verschwand, tat auch das weh. Kopp saß am Bettrand. Sie lassen mich nicht liegen. Da steht die Tasche, darin die Urne. Du musst abschließen damit.

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[Datei: valaki_gyereke]

Auch das Kind von irgendwem…

Niemandes Kind. Der Mann, der mich auf der Straße verprügelt hat, konnte es tun, weil er gesehen hat, dass ich ein Niemandskind bin.

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[Datei: alkohol]

Es gibt die Auffassung, bei Alkoholismus handele es sich um eine Vorstufe zur Depression. Oder, wie ich es nicht-pathologisch ausdrücken würde: eine Form des Kampfs gegen die Verzweiflung. Steigt die Arbeitslosenquote um 3 %, steigt die Selbstmordrate um 4,5 %, die Zahl der Alkoholtoten um 28 %.

Was verursacht einen größeren Schaden an der Gemeinschaft: der Alkoholiker, wenn er somatisch krank und/oder aggressiv gegen andere wird, oder der Depressive, der somatisch krank wird, aber passiv bleibt?

Kann man sich aussuchen. Der normale Grad des Wahnsinns.

Um die mentale Hygiene der Bevölkerung ist es definitiv schlechter bestellt als um die ihrer Zähne.

Was für eine Arbeit wäre das, bis man jeden Einzelnen soweit hätte, dass er sich nicht nur dann lebendig fühlt, wenn er etwas zerstört. Sondern, wenn er Gutes tut. Natürlich bis ins Grab. Märchen, Märchen, Firlefanz.

Gegen den psychopathischen Einzeltäter kann sich eine Gesellschaft nicht schützen. Aber für dich selbst kannst du etwas tun: Wenn du dich schon zerstören musst, dann tue es so diskret oder so schnell, dass andere keinen Schaden daran nehmen.

Den Schmerz, der dir nachfolgt, kannst du aber auch dann keinem nehmen.

Verzeih, dass ich dich da hineingezogen habe. Guter Gott, was mach ich nur?

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[Datei: a_gyülöletröl]

Das Problem ist, dass ich keine Angst empfinde, keine Verzweiflung oder Traurigkeit. Kein Beleidigtsein. Kein: aber warum? Und: warum ich? Nein, nicht das. Sondern: Hass. Ich tue so, als hätte ich Verständnis, als suchte ich, als fände ich eine Erklärung, aber in Wahrheit lodert nur Hass in mir. Dass ich sein Gesicht auseinandernehme zu einem blutigen Brei. Natürlich niemals. Körperlich wäre ich gar nicht in der Lage dazu. Aber ich sehe, wie sein Gesicht wäre. Und ich weiß, dass ich dafür verantwortlich bin. Wenn ich auch nicht selbst Hand angelegt habe, ich war es, die jemandem eingeflüstert hat, es zu tun. Meinen Folterknechten. Die nicht solche feinen Diktatoren sind wie ich, sondern primitiv genug, andere systematisch oder affektiv zu foltern. Nicht im alltäglichen Rahmen, so, wie die meisten. Was in der Familie bleibt. Wir leben zusammen, irgendwie ist es uns nicht gelungen herauszufinden, wie man etwas daran ändern könnte, einer ist vielleicht krank oder anders schwach, und soviel haben wir immerhin verinnerlicht, dass man ihn nicht töten darf, jedenfalls nicht auf einmal. Statt dessen fangen wir an, ihn zu quälen. Wir fangen sachte an, damit er sich daran gewöhnen kann. Lassen ihn allein. Sperren ihn ein. Binden ihn irgendwo fest. Ab und zu, später häufiger bekommt er nichts zu essen. Dann schmieren wir die falsche Salbe auf seine von zu selten gewechselten Windeln wunde Haut. Auf die wund gelegenen Stellen, die Akne. Alles zerfressen. Er brüllt, wir stopfen ihm den Mund. Reißt sich die Haare aus, sein Problem. Aber wenn er auch noch an die Tapete geht, vermöbeln wir ihn nach Strich und Faden. Die zu Hause gequält werden, leben länger als die im Gefängnis. Dort hat jemand extra diese Aufgabe: Folterknecht. Suchen Folterknecht. Betriebsrente garantiert.

Man muss nicht einmal immer unmittelbar Hand anlegen. Manchmal muss man gerade nichts tun. Nicht-heizen. Nicht-medizinischbehandeln. Diète noire.

Ein anderes Mal muss man was machen. Den Körper fixieren. Ein Tuch über Mund und Nase legen. Wasser gießen. Den Rest macht schon der Würgereflex. Beim chemical waterboarding hingegen steigt das Wasser innerhalb des Körpers hoch. Dein Kopf wie eine Wassermelone. Das ist das Herz, das Herz, das nicht richtig arbeitet, denn man hat dem gesunden Herzen etwas gegeben, das es kaputt macht. Fällt dir das Atmen schon schwer, Herzchen? Und deine Nägel, deine Zähne, deine Gelenke, deine Knochen, und dein Geschlechsteil, dein Geschlechsteil, und dein Darmausgang, dein Mund und dein Darmausgang, und überhaupt, du, als