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KÖRPER: Du bist ein Körper, in erster Linie, dein Körper verrät dich, dein Blut, dein Erbrochenes, deine Scheiße. Die Reste über einen Strohhalm aufsaugen. Kannst du noch? Hältst du alles aus? Wenn ich dich mit keinem Finger berühre, aber schau, schau durch die Glaswand zu, wie ich deine vierjährige Tochter anfasse, ein bisschen stellen wir auch den Ton lauter, damit du dieses bitterliche Weinen besser hörst. Kannst du noch? Keine Angst, ich ziehe dich aus dem Eisloch, bevor du erfrierst, warte, bis du ein wenig zu dir gekommen bist, damit du sehen kannst, wie mit dem Gewehrkolben der Kopf deiner Liebsten.

Warum hast du das gemacht?

Geht's dir jetzt besser?

d

Sie ist zu jung für dich, sieh es ein, und du musst Sachen erledigen. Stavridis wird dir helfen, denk nicht an die Frauen, denk an Stavridis. Das endlich sorgte für etwas Beruhigung in Darius Kopps Nacht. Er beruhigte sich und merkte, dass er Hunger hatte. Zahlreiche Restaurants im Ort haben bis ans Kloster heran gebaut, aber um halb 3 in der Nacht hat ein jedes geschlossen und Nachtbars gibt es hier nicht. Ganz abgesehen davon, dass Kopp keinen Schlüssel bekommen hatte. Das ist ein Kloster. Es ist nicht vorgesehen, dass du mitten in der Nacht aus und ein gehst. Da fiel ihm ein, dass er keinen Schlüssel bekommen hatte, weil es einen Bruder gibt, der Nachtwache hält. Lässt dich raus, lässt dich auch wieder herein, wenn du, von der Wanderung ermüdet, wieder vor der Pforte stehst. Der Gedanke an den Nachtwache haltenden Mönch beruhigte ihn. Er stellte ihn sich vor, wie er in seiner Kabine saß und etwas las, und er, Darius Kopp, würde an der offenen Tür anklopfen und höflich bitten-- So konnte er endlich einschlafen.

Als er am nächsten Morgen das Große Katholikon betrat, hörte er gerade noch die letzten Töne eines poliphonen Chors. Langes Verklingen, bis nur noch der eigene Hall des Kirchenraums übrig bleibt, und darin die Bewegungen der Andachtsteilnehmer. Mönche und andere Übernachtungsgäste. Du bist der Einzige, der es verpasst hat. Kopp drehte sich so, dass er die anderen nicht sehen musste, und betrachtete die Wandmalereien. Eine Stunde, bevor die Tore für die Touristen geöffnet werden. Sei dankbar. Das bin ich. Dankbar und aufrichtig betrachtete Darius Kopp die Abbildungen. Eine Mutter, die ein Kind hält. Nein. Eine Königinmutter, die einen König hält. Das ist nicht dasselbe. Es ist nicht mein König, denn ich habe keinen König, dennoch weiß ich um den Unterschied zwischen Müttern und Königsmüttern. Auch das, worin wir alle gleich sind, kann ich unmöglich nicht verstehen. Die Freuden des Paradieses, die Qualen der Hölle. Die Hölle ist bedeutend häufiger dargestellt als der Himmel. Was du fürchten sollst, nicht, was du erhoffen darfst. Wenn du hoffst, hoffe gefälligst fürchtend. Ein Mann ohne Geschlechtsteile wird von einer großen Säge halbiert. Nackt, ohne Geschlechtsteile wirst du aus deinem Sarg komplimentiert, wenn es Zeit ist fürs Jüngste Gericht. Auf sonstige sexuelle Demütigungen wird nicht weiter eingegangen. Uniformträger urinieren dir ins Gesicht, während andere deine Knie zertrümmern. Die Anklage gegen dich lautet: ungebührliches Verhalten oder auch gar nichts, sicher ist, dass keine Flügelgestalt hinter dir stehen wird, um mit einem Schwert, oder, noch diffiziler, mit einer Schriftrolle den Satan mit seinem Dreizack von dir abzuwehren. Wenn die Erzählungen unbekannt werden, kann man sich immer noch an die Sensationen halten: Farben, Formen, Oberflächen, Materialien. Sprich es aus: Kunst. Des Bauens, des Verzierens, der bildnerischen Darstellung. Hölzer, Steine, Gold. Bauschige Wolken, Lichtstrahlen, eine stilisierte Pflanzenwelt. Schriftzeichen. Wenn man sie lesen kann und wenn man sie nicht lesen kann. Dass fast alle Figuren dasselbe Gesicht haben, irritiert. In den Hauptrollen: bärtige alte Männer, Engel und Teufel. Die Heiligen mit ihren goldenen Tellern auf dem Kopf machen ein einfältiges Gesicht, während Dämonen mit Fledermausflügeln an ihnen zerren. Nackte Frauen werden gleich gruppenweise in Ketten geschlagen, einzig Maria mit dem Kinde darf immer wieder an hervorgehobener Stelle mitspielen. Die Darstellung von Kindern ist schwierig, der geschrumpfte Erwachsene in der Rolle des Christus hält eine blaublaue Erdkugel und stellt die Finger so und so.

Der kleine Finger und der Ringfinger, die den Daumen berühren, weisen auf die menschliche und göttliche Natur Christi hin. Wenn der Zeigefinger den Daumen berührt, erhalten wir das Zeichen der Dreifaltigkeit. Beide Hände erhoben ist die Orante, die Gebetshaltung. Auch Maria kann sie einnehmen. Die Fremdenführerin ist grauhaarig und stämmig, sie trägt ein blaues Seidentuch ums Haar. Sie vergisst, die Hände herunterzunehmen, redet lange in der Gebetshaltung. Gold ist die Farbe der Mittagssonne, des Göttlichen überhaupt, die Farbe Christi. Als Hintergrund einer Ikone deutet sie darauf hin, dass sich das Dargestellte außerhalb der Dimensionen dieser Welt befindet. Weiß ist die Farbe von Gott Vater, der niemals Mensch geworden ist und so immer unsichtbar bleibt. Hier bemerkt sie, dass sie die Arme noch erhoben hat, und senkt sie. Leiert: Blau ist die Farbe des Glaubens, der Transparenz, der Demut, Blau und Weiß sind die Farben der Mutter Gottes, Rot kennzeichnet die Jugend, die Schönheit, die Fülle, die Gesundheit, die Liebe und den Krieg, den Heiligen Geist, die Opferung und die Selbstlosigkeit. Sie spricht lange von den Frauen. In der Westkirche sind sie durch ihre Attribute zu unterscheiden, den Gegenständen, die sie bei sich führen, in der Ostkirche kann man sie für gewöhnlich nur anhand des Namens identifizieren, der auf der Ikone steht.

Eine weißhaarige, gläubige Feministin. Was sagst du dazu, Flora? (Schau, ich habe dich gewählt.)

Niemand erscheint.

Natürlich nicht. Da ist niemand. Nirgends wird einem das klarer als an Orten angeblicher Spiritualität. Wenn nichts in dir erklingt. Wenn du nur die schreienden Farben siehst und die unfreiwillig komischen Gesichter der gemalten Heiligen. Gottvater sieht aus wie ein Druide. Er ist auch einer. Ich wäre gerne getröstet, aber ich muss akzeptieren, dass manche Wege dorthin für mich nicht begehbar sind. Jemand hat sich eine Menge Mühe mit religiösen Fresken gemacht, und meine Frau ist tot. Wer tot ist, ist tot. Nix da, magisches Denken. Ich hatte das, ich gebe es zu. Das Zimmer nicht geräumt, denn du könntest wiederkommen und es brauchen. Meine fürsorglichen Freunde haben es dann für mich gemacht, aber damit war ich noch längst nicht geschlagen. Ich habe mir auch das zurechtgelegt: dann ist das Zimmer jetzt eben im Lagerraum. Es ist nicht erlaubt, im Lagerraum zu übernachten, sie haben Kameras installiert, um das zu kontrollieren, aber wenn du wiederkommst, zeige ich dir als Erstes die Sachen, und wir können sie ganz leicht wieder aufladen und mitnehmen, wenn es sein muss, fahre ich die ganze Nacht hin und her und bringe immer neue Kartons, so lange, bis alles wieder in der Wohnung ist — So viele Leute. So viele Leute. Sie interessieren sich für das Schöne und respektieren es. Dennoch sind sie unerträglich. Wie sie hinund herziehen. Wie Mikroorganismen in zu großer Vergrößerung. Als sich für eine Sekunde eine ungestörte Sichtachse zum Innenhof auftat, sah Darius Kopp einen als Mönch gekleideten jungen Mann in der Nähe der Tür stehen. Ich kann das nicht anders denken: ein als Mönch gekleideter junger Mann. Unmöglich. Wenn er wirklich ein Mönch wäre, könnte er das hier unmöglich ertragen. Darstellung, alles Darstellung, ein Job, am Abend spielt er Pingpong im Jugendclub und flirtet mit den Mädchen. Dass er guten Sex haben möge, wünschte Darius Kopp dem Mönchsgewandträger da draußen, der ihm jetzt außer ihm selbst als der einzige reale Mensch hier erschien, während die anderen wie eine Fortsetzung der Abbildungen an den Wänden waren, steife Gewänder, gemalte Gesichter. Er taumelte ins Freie. Der Mönch war nicht mehr da. Kopp ging zur Wiese, auf der sie damals die Brote gegessen hatten, und legte sich ins Gras.