Die Wiese ist schön. Es ist Herbst, wir sind in den Bergen, das Wetter ist schön. Wem keine Religion gegeben ist, kann das haben. Am jenseitigen Rand der Wiese begann der Wald. Sobald er sich etwas erholt hatte, stand Kopp auf und ging dorthin. Natürlich war er auch dabei nicht allein. Auf der Wiese waren welche, auf dem Waldweg waren welche, wenn auch nicht so viele wie im Kloster. Er ging zügig. Sie hinter sich lassen (und dabei keinen anderen einholen?). Die Wege waren gut ausgeschildert und markiert, er nahm den, der am leersten erschien, und dann ging er einfach und ging.
f
Ich weiß nicht. Das heißt: ich weiß es. Ich hatte gehofft, wenn ich einmal alles aufschreibe-- Ihn mit kaltem Wasser übergossen, bis er zu einer Eisstatue erstarrt ist. Oder Eiswasser auf den Nacken, bis er eine Gehirnhautentzündung bekam. Die Lippen mit rostigem Draht vernäht. Die Sammlung von Augäpfeln. Das Röntgengerät auf Kopfhöhe. Das System ist untergegangen, aber der Tumor im Kopf wächst weiter. Das wiedergutmachen?
Ich dachte, wenn ich alles aufschreibe, verschwindet das Gesicht. Und, ist es verschwunden?
Ja.
Und, ist es jetzt besser?
Ich weiß nicht. Das heißt, ich weiß es. Dass das alles nur Worte sind, also zu ertragen. Während die Wirklichkeit nicht zu ertragen ist.
#
[Datei: Ruhelosigkeit]
Das Urteil der Ruhelosigkeit.
Wenn du nicht gefällst, jagen wir dich in den Wald, lebe, sterbe, wie du kannst.
Oder ich lief von alleine hinaus. Nur weg hier, weg.
Das Ende der Welt ist jenseits des Friedhofs.
Von Traktoren aufgerissener Feldweg.
Aber so tief, dass du das Gefühl hast, die Schlammränder reichen dir bis über den Kopf.
Dabei sind sie nur knöchelhoch und ausgetrocknet.
Weiß getrocknetes Schwarz. Du geh nur.
Im Mittelalter war der Wald noch so groß, dass du monatelang nicht
herauskamst. 9 von 10 überlebten den Winter nicht.
Der Zehnte kam heraus, woanders: als wilder Mann.
Die wilde Frau.
Die wird natürlich mit runden Brüsten dargestellt.
Struppiger Bart oder runde Brüste.
Oder er kam nie heraus.
Wer den Winter überlebt, warum sollte der herauskommen?
Weil er es von Anfang an gewollt hat.
Mit anderen sein.
Woanders neu beginnen.
Immer und immer wieder.
Weil er denkt, das muss man so.
Aber ich will nicht immer wieder von vorn anfangen.
Ich will, dass einmal etwas nicht abbricht.
Dass man es länger aushalten kann als einige Wochen oder Monate. Als müsste ich permanent von Eisscholle zu Eisscholle hüpfen.
#
[Datei: Gruen_nyomán]
Angelehnt an Gruen:
Die bösartigen Prozesse des eigenen Geistes, das, was wir gegen uns richten, bringen manche nach außen und richten es gegen einen anderen, während andere alles weiterhin nach innen richten. Und dann gibt es noch die, die zur Unterstützung noch Böses von außen hereinholen, und DAS ist es, das mich so ungeheuer gegen mich aufbringt. Dass ich noch importiere, obwohl ich selbst schon überproduziere. Wenn ich glauben würde, dass das Dämonen sind, würde ich sagen, sie spüren ihre Kollegen auf und laden sie ein: haben eine tolle Partylocation gefunden, Jungs!
#
[Datei: fáj]
In Ordnung, dass schmerzt, was zu Recht schmerzen kann,
Verletzung, Grobheit, Ungerechtigkeit,
aber wenn selbst die Form, die Farbe der Dinge schmerzt
die Pflastersteine, die Linien im Beton,
und das ist noch das Wenigste
dieser furchtbare Lärm, wie laut alles ist,
die anderen schlagen wie Granatsplitter neben dir ein,
wie permanent im Krieg,
was weißt du schon vom Krieg
nichts
Scham
aber dass es die Hölle ist, bleibt
meine Nachbarn fangen morgens um 6 an, sauber zu machen, und bitten um Entschuldigung für nicht vorhandene Unordnung
die Ärmsten
sie sehen auch nicht besser aus
ich weiß nicht, was wird
ich weiß nicht
d
Du bist immer so gegangen. Als dürftest du eine gewisse Geschwindigkeit nicht unterschreiten. In guten Zeiten konnte meine Frau den ganzen Tag ohne Unterbrechung laufen. Einmal 24 Stunden. Erst die Pfirsiche, dann die Johannisbeeren, zuletzt die Äpfel. Hundert Kilometer. Plusminus. Eine warme Sommernacht, Sternenhimmel, leere Straßen — erst, als es wieder hell wurde, hielt sie an. Als hätte die anwachsende Helligkeit die Kraft aus ihr gesaugt. Wäre es weiter dunkel geblieben, hätte ich noch weitermachen können.
Was hast du dann getan?
Ich habe mich in einem Straßengraben ins Gras gelegt und habe geschlafen.
Hattest du keine Angst?
Wovor?
Ein Mysterium. Wie jemand Angst haben kann, in den Supermarkt zu gehen, aber sich nicht fürchtet, in einem Straßengraben zu schlafen oder im stürmischen Herbst in einer Bretterbude im Wald. Erklär mir das einer. In der Stadt ging sie außerhalb der Arbeit nirgendwohin. Die meiste Zeit verbrachte sie in der Wohnung. So fing es schon an mit uns: von der Straße in die Wohnung und dann dort bleiben. Essen, Sex, Gespräche, Fernsehen. Wenn man zu zweit ist, kann das genügen. Darius Kopps Abende als Single vergingen vor dem Computer oder vor irgendwelchen Getränken in Gesellschaft von Freunden, aufgelockert durch das eine oder andere populäre kulturelle Event. Nach der ersten Phase amouröser Klausur versuchte Darius Kopp seine Freundin in seine gewohnten Aktivitäten mit einzubinden. Sie kam zwei- oder dreimal mit, dann nicht mehr. Kopp gewöhnte sich auch daran. Wenigstens muss ich mich in Gegenwart meiner Freunde nicht als Ehemann zeigen. Zielscheibe ihrer Häme. Ehemann, Pantoffelheld, da machen sie keinen Unterschied. Offenbar muss das so sein. Jedenfalls bei denen, die ich kenne. Rituale, die anzeigen sollen: die Lage ist nicht ernst. (Es ließ sich nicht vermeiden, dass er sie irgendwann mit ihren Augen zu sehen begann — soweit so etwas möglich ist. Er begann, sie mit ihren Augen zu sehen, und das entfernte ihn etwas von denen, zu denen er vorher so fraglos gehört hatte. Das war, natürlich, etwas schmerzlich. Ich habe es lieber, wenn ich fraglos dazugehören kann. Sein ganzes Leben lang war Darius Kopp zugehörig. Teil einer Gruppe, einer Klasse, eines Wohnheimzimmers, einer Seminargruppe, einer Abteilung, einer Firma. Etwas allein zu machen irritiert mich, macht mich nervös, versetzt mich in Panik, bringt mich in Rage. Der Mensch, der den Kontakt zu seinen Artgenossen verliert, ist verloren. Das habe ich irgendwo gelesen. Oder Flora hat es gelesen. Egal.) Darius Kopps Leben mit dem Beruf und mit seinen Freunden überschnitt sich irgendwann kaum mehr mit dem Leben, das er mit seiner Frau führte. Das war anfangs irritierend, zeitweise wurde er auch etwas nervös, aber in Panik oder gar Rage geriet er deswegen niemals. Dann ist es eben so. Viele leben so. Mein geheimes Reich. Zudem sie ihn an nichts hinderte, das er tun wollte, und da war, wenn er zurückkehrte. Mit etwas Vorbereitung konnte man auch hinaus mit ihr: ins Kino oder essen. Theater/Oper/klassische Konzerte interessieren Kopp nicht. Rockkonzerte und Clubs wären das Letzte gewesen, wo Flora hingegangen wäre. Keine Sportveranstaltungen, kein öffentliches Silvesterfeiern. In Museen bat sie, allein gehen zu dürfen. Schwimmen und ins Museum muss man allein.
Getanzt haben wir relativ oft. Im Wohnzimmer. Ich bin ein dicker Mann, bewege mich nicht gerne in der Öffentlichkeit. Wir tanzten auf dem kleinen leeren Platz zwischen Sofa und Fernseher, ausschließlich langsam. Schiebeblues. Der Duft ihres Halses. Der Duft deines Halses, das Muttermal auf deinem Hals, die Linie deines Kinns, der Haarwuchs auf deinem Nacken, deine Schulter, deine Achselhöhle, deine Brust, dein Bauch, dein Hintern, deine Schenkel, deine Knie, die Spitze deiner Nase, die an meine Wange rührt, deine Lippen. Der Sex war ein köstliches Gericht, drei Stellungen, keine Posen, deine Möse ist eine Frucht von der genau richtigen Reife, nicht zu hart, nicht zu weich, ich bin glücklich jetzt — Plötzlich, aus großer Nähe, ein fremdes Gesicht. Jemand war hinter einer Wegbiegung hervorgetreten. Eine gegerbte Alte mit granatrot gefärbtem, zerzaustem Haar. Kopp blieb erschrocken stehen. Die alte Frau trug ein Top und tarnfarbene Shorts. Diese Knie, diese Haut an den Knien, diese einschneidende Schrittnaht. Kopp drückte sich ins Gestrüpp am Rand des Wegs, den Blick schamhaft gesenkt. Pardon. Hinter der Gegerbten kam eine hübsche Junge in Jeans, sie trug ihre Jacke um die Hüfte. Weiter oben muss es kälter sein. Dennoch haben sie geschwitzt, man riecht es, der Schweiß der Alten, der Schweiß der Jungen und dann noch der Schweiß von zwei Kerlen, die sie dabeihaben — jetzt bin ich endgültig raus. Kopp stand halb im Gestrüpp und sah zu seinen Schuhen. Staub überall, Steine, Staub. Dann waren die Verschwitzten endlich gegangen und auch Kopp ging weiter, den Berg hinauf.