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Und wie bist du sozialisiert worden? Genauso, das ist es ja. Deswegen traue ich ihnen auch nicht über den Weg. Einer ganzen Generation traue ich nicht über den Weg. Ich bin nicht gram, in der DDR aufgewachsen zu sein, aber ich halte sie auch für nichts Ruhmreiches, und wer im Alter meiner Eltern ist, dem misstraue ich.

Und Leuten deines Alters nicht? Wer war in eurer Seminargruppe derjenige, der berichtete?

Ich weiß nur, dass nicht ich es war. Bleiben noch 21.

Das Problem ist also, dass das Haus im Osten ist?

Nein, sagte Darius Kopp.

Sei höflich, sagte Flora. Bitte. Meine einzige Freundin.

Und er war höflich, vollendet, als Gaby kam und Flora aus dem Liegestuhl aufstand, um sie zu empfangen, verabschiedete er sich in die Stadt. Nach einer Kündigung sind Angelegenheiten zu regeln. Darius Kopp regelte, was zu regeln war, alles, inklusive des Armenier-Geldes, und das erfüllte ihn mit Stolz und Zuversicht. Es wird alles in Ordnung kommen, Flora. Alles findet sich wieder, inklusive eines neuen Fadens, den wir aufnehmen können. Das ist die Aufgabe, jedes Maclass="underline" die Toten begraben, die Verletzten aufpäppeln, und weiter geht's. (Deinen Schmerz, der wohl zum größten Teil Beleidigtsein ist, unterdrücke, wenn er hochkommt. Solltest du von Anthony träumen, diesem Arschloch, gerätst du darüber zu Recht in Rage, das kannst du ruhig auch rauslassen, wer sagt denn, dass man unter der Dusche nur singen kann, Beschimpfungen brüllen geht genauso gut, und dann erzähle es später noch einem Freund bei einem Bier, damit es endgültig raus ist aus dir, der Lächerlichkeit preisgegeben: Alter, kannst du's glauben, da träume ich doch von meinem Exchef.)

Als er alles erledigt hatte und wieder hinaus in den Wald fuhr, fand er das Haus leer vor. Er stieg aus dem Auto, ging die Straße Richtung Wald, kehrte aber um, bevor er unter Bäume geraten wäre. Nach wenigen Metern im Wald muss man sich ohnehin zwischen zwei Wegen entscheiden, und wie hätte Darius Kopp das können? Er lief wieder zurück bis zur Landstraße. Auch das half nicht weiter. Er setzte sich ins Auto, wartete, dann fuhr er wieder los, einen Punkt suchen, an dem es Mobilfunkempfang gab. Er rief Floras Handy an. Es war ausgeschaltet. (Später sah er es in der Holzhütte liegen. Staubbedeckt. Lüge bzw. Übertreibung. Was stimmt, ist, dass sie es nie wieder einschaltete. — Aber so kann ich dich nicht erreichen! — Es gibt doch sowieso kein Netz hier. — Was stimmte, aber das war nicht die Frage. Sondern: wie es sein konnte, dass sie in der Stadt mehrmals am Tag das Bedürfnis verspürten, miteinander zu telefonieren, sie hatten sich das so angewöhnt, erst, weil sie verliebt waren, und später, weil er sich Sorgen um sie machte oder weil sie wirklich seinen Zuspruch brauchte, um durch den Tag zu kommen, und nun hältst du es tagelang aus, ohne zu wissen, wo ich bin und was ich tue, und ich soll es also ebenfalls aushalten?) Er fuhr zurück zum Haus, ging in der kleinen Sandstraße auf und ab. Wartete und wartete. Manchmal Nachbarn, die sich zeigten. Einige leben immer hier. Was ist schlimmer: wenn sich keiner zeigt oder wenn ein Nachbar zu sehen ist? Nach 2 Stunden ist nichts mehr gut. Demütigendes Warten. Abwesende Frauen. Nicht antwortende Frauen. Ich bin im Wald, wo bist du? Irgendwann merkte er, dass das Gartentor nicht abgeschlossen war, womöglich stand sogar das Haus offen oder man hätte mit ein wenig Nachdenken einen Schlüssel finden können, hineingehen, sich wie zu Hause fühlen, aber ich will mich hier nicht wie zu Hause fühlen.

Darius Kopp, wütend durch den bulgarischen Wald stampfend. Ist gar kein richtiger Wald mehr. Mit zunehmender Höhe bleiben immer mehr Bäume zurück, sogar das Gestrüpp wird schütterer, das Gras von Steinen überrollt, kleinen und großen. Bald wird nur mehr das Geröll da sein, im Wechsel in brennender Sonne oder unter dunklen Wolken, heiß, kalt, heiß. Er stolperte, blieb stehen. Sich orientieren. Wenn das möglich wäre. Steiniger Weg vor dir, steiniger Weg hinter dir. Endlich allein, aber nun gefiel Kopp auch das nicht. Er spürte eine Angst aufkommen, älter, als dass man sie einfach wegschicken könnte. Allein in unbekanntem Terrain. Er nahm das Einzige zu Hilfe, das er dabeihatte: sein Handy. Wir haben Netz, das ist gut. Wenn Netz da ist, muss man keine Angst haben. Das Ortungssystem sagt zwar, wir sind im Nichts unterwegs, in diesem Gebiet ist uns keine Straße bekannt, aber Kopp weiß, weil er es sieht: da ist ein Weg, und ich habe ihn auch nicht verlassen, es kann also im Grunde nichts passieren. Höchstens, dass man umkehren muss, bevor man irgendetwas Interessantes erreicht hätte.

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Korrigiere: 3 Tage im wachen Zustand. Davor schlief ich von irgendetwas.

D kam, saß erschrocken an meinem Bett. Ich drehte den Kopf zur Seite, ich wollte nicht, dass er mich sieht.

Er ging nach Hause. Ich fing zu schreien an. Wieder irgendwas bekommen. Der chemische Schlaf ist der beste.

Medikamentös hergestellte Ferne. Mein Atem wie der der Schlafenden. Und als wohnte in meiner Hülle, verkleinert, eine zweite Form, als würde das Medikament so wirken, dass es diesen anderen in mir verkleinert, damit er nicht den Äußeren berührt, denn das verursacht den Schmerz. Natürlich tut es auch so weh, geschrumpft, aber es tut weh. Und dabei bin ich langsam. Mein Gesichtsausdruck, meine Bewegungen sind fahrig. Ich höre zu, wie ich atme.

Dann, später, als ich schon teilnehmen konnte, musste ich teilnehmen. Weitere 3 Tage oder vielleicht sogar eine Woche, dann sagte ich zur Oberärztin, die ich statt des Chefs auftreiben konnte: Ich bin nicht bereit, das zu ertragen! Ich bin nicht bereit zu ertragen, dass Ihre dumme Therapeutin in der Gruppensitzung Sachen zu den Leuten sagt, wie:

Wenn es Sie so sehr belastet, kriminelle Kinder in der Hilfsschule zu unterrichten, werden Sie doch Grundschullehrerin. (Aber damit wäre doch noch nichts GETAN!) Wenn es unmöglich ist, die Arbeit während der Arbeitszeit zu Ende zu bringen, warum lassen Sie sie dann nicht einfach liegen? (Weil dann die Kunden eine Strafe aufgebrummt bekommen, und ich wäre schuld. Man ist doch verantwortlich!)

Sowie der Tiefpunkt:

Wenn es so schwer ist mit dem Kind, warum geben Sie es dann nicht zur Adoption frei?

Hier war es, dass ich aufstand und ging. Sie rief mir hinterher, ich könne nicht so einfach gehen.

Ich drehte mich um und wollte sagen, Sie haben recht, Sie sind diejenige, die gehen müsste, Sie Arschloch, aber ich brachte kein Wort heraus.

Ich suchte nach dem Chef, fand ihn nicht, rannte über die Flure, in wachsender Panik, ich darf nicht weinen, sonst halten sie mich noch für ganz und gar verrückt. Schließlich hörte mir die Oberärztin zu, überredete mich zu bleiben und auf den Chef zu warten. In Ordnung, sagte ich. Ich habe meinen Mann angerufen, er soll mich abholen. Er braucht dafür 2 Stunden. Wenn Ihr Chef nicht vorher hier ist, hat er Pech gehabt. Er war nicht da.

Ich habe mir Gedanken um die Tat und die Untat gemacht, sagte ich zu D. Ich weiß, nicht jeder ist ein Meuchelmörder oder ein Verdinger von Meuchelmördern, und dass es unausweichliche Dinge gibt. Aber es gibt auch welche, denen man ausweichen kann, und in diesen Fällen ist es meine Pflicht mir gegenüber, ihnen auszuweichen. Im Lichte dessen möchte ich nie wieder einen Therapeuten sehen. Und im Lichte dessen möchte ich auch deine Mutter und deine Schwester nie wieder sehen. Du musst sie nicht bitten, netter zu mir zu sein. Unnötig. Ob sie mir nun alle 15 Minuten einen Tritt versetzen oder unter Aufwendung all ihrer Selbstkontrolle nur noch einmal am Tag — es ist der Mühe nicht wert. Ich werde mich dem einfach nicht mehr aussetzen.

Nein, ich glaube nicht, dass das alles löst. Aber ein Problem löst es. Peu à peu. Peu à peu.