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Später:

Dr. W ruft wutentbrannt an, was ich mir denn denke, nie wieder aufzutauchen. Ich lege einfach auf.

Sie ruft noch einmal an, wie ich es wagen könne, einfach aufzulegen. Ich lege auf. Ich habe noch nicht einmal hineingeatmet.

(Wenn ich richtig nachzähle, waren es doch fast drei Wochen. Aus meinem einzigen Leben. Achte darauf, dass das nicht wieder….)

d

Hinter den Bergen blitzte es, ein Donnern war nicht zu hören. Nass werden kann man natürlich trotzdem. Darius Kopp im offenen Geröllfeld. Was konnte er tun, er lief weiter. Eine Weile war jetzt nur noch das sich entfernende und wiederkehrende Licht auf den Steinen da. Die Angst ist vorbei, immerhin.

Nach zwei Stunden kam Flora wieder, mit roten Wangen, fröhlich. Sie war spazieren gewesen, nein, wandern, Stunden im Wald, gehen und gehen. Gaby hat mich dazu gezwungen, ich dachte, ich müsste hinfallen und liegen bleiben, aber sie sagte, dann fall halt hin, was kann schon passieren, der Sandboden ist weich, und ich bin da und hebe dich auf, wenn es sein muss, und ich fiel nicht, und wir liefen stundenlang, das mach ich jetzt jeden Tag, man muss in Bewegung bleiben, das ist der Trick, hast du Hunger?

Sie ging in den Garten, grub Kartoffeln, Zwiebeln, Wurzelgemüse aus, im Haus waren Eier und nicht mehr ganz frisches Brot. Manchmal kann eine Krise von einer Stunde zur nächsten vorbei sein. Darius Kopp und Flora umarmten einander mit fettigen Mündern, und Kopp sagte aus vollem Herzen: Alles wird gut. Ich habe das Geld wiedergefunden, alles wird gut.

Am nächsten Tag gingen sie gemeinsam los und die erste Stunde ging es Darius Kopp auch nicht schlecht damit. Natürlich war es sterbenslangweilig. Kiefern und Sand, Sand und Kiefern, trockene Kiefern und trockener Sand. Die Sensationen erschöpften sich in Stellen, an denen Wildschweine gewühlt hatten, und in gelegentlichen Ausblicken auf abgeerntete Felder und Windmühlen. Einmal tauchte unerwartet eine umzäunte Wiese auf, auf der jemand Rinder hielt. Braun, fleckenlos. An der Seite aufgetürmt die Gülle. Insekten etc. In der Nähe war, das wusste Kopp, ein kleiner Flughafen, manchmal konnte man winzige Privatmaschinen über den Wäldern knattern sehen. Aber heute nicht. Waldmeer, Sandmeer, nichts mehr. Stell dir vor, sagte Darius Kopp, schwer atmend, denn selbst im flachen Gelände bricht ihm innerhalb von Minuten der Schweiß aus, stell dir vor, Flora, die Reisenden früher. Tagelang mit ihrem Pferdewagen auf solchen Wegen durch solche Wälder. Räuber und schäumende Eber aus dem Dickicht. Sie mussten Waffen tragen. Und dann die armen Gesellen ohne Waffe, nur mit einem knorrigen Ast als Wanderstab. Stell dir vor, so einer geht hier und geht und weiß nicht, dass am Ende des Waldes ein Meer ist. Stellen wir uns vor, er weiß das nicht. Er weiß überhaupt nicht, dass es Meere gibt. Ein einfacher Tropf. Und dann, nachdem er zwei Wochen durch den Wald geirrt ist und immer noch lebt, steht er an dem großen Wasser und weiß nicht, wie ihm geschieht… Wenn wir weiter in diese Richtung laufen, sind wir in zehn Tagen an der Ostsee… Das war wahrscheinlich das Größte, das ihm in seinem Leben passieren konnte. Es sei denn, er kam an einer Stelle raus, wo große Schiffe im Hafen lagen. Da sieht er das erste Mal große Schiffe. Vielleicht spricht ihn einer an: Bist ein kräftiger Bursche usw. Wenn er sich traut, den festen Boden zu verlassen und sich auf so etwas Schwankendes zu begeben, wenn er das miese Essen überlebt, den Skorbut, die Scheißerei, die Stürme, die Kämpfe untereinander und die Panik, dass das Meer vielleicht nie mehr ein Ende hat, dann kommt er, pass mal auf, Flora, kommt er am Ende wieder in einen Wald, aber diesmal ist es ein Dschungel, so ein richtiger, üppiger, feuchter Dschungel mit giftigen Schlangen und Pfeilgiftfröschen und Affen und Orchideen und all dem Zeug… oder sie legen an einem Vulkan an, unten wachsen Orangenbäume und die Farbe der Erde ist mal blutrot, mal schwarz, weißt du noch? Wie es aus dem Geröll raucht, dabei bist du noch einen Kilometer unterhalb des Kraters. Willst du wirklich nicht wenigstens einen kleinen Urlaub machen? Eine Woche? Oder vier Tage? Man kann auch für vier Tage.

Irgendwann gingen ihm die Ideen aus. Der Wald war immer noch da. Manchmal kamen sie in die Nähe von Autostraßen. Darius Kopp horchte den Fahrgeräuschen nach wie ein armes Kind, das nicht vom Hof darf.

Wo laufen wir eigentlich hin?… Laufen wir überhaupt irgendwohin? Oder laufen wir im Kreis?

Im Prinzip, sagte Flora, mit einer Stimme, als würde sie dabei nicht beinahe im Laufschritt unterwegs sein, im Prinzip laufen wir im Kreis. Ich laufe so lange, wie ich mich wohl fühle, und dann laufe ich wieder zurück zum Haus.

Ich bin schon ein wenig angegriffen, um die Wahrheit zu sagen, holte Darius Kopp schnappend staubige Luft. Sand rieb in seinen Schuhen seine Zehen wund. Haben wir Wasser dabei?

Siehst du welches?

Ich habe Durst.

Es kommt bald ein Dorf.

Aber es kam nicht bald ein Dorf, und Darius Kopp wurde immer erschöpfter und übellauniger.

Ich krieg keine Luft!. Flora! Hörst du mich? Halt an! Ich habe Schwierigkeiten zu atmen! Und ich hab mein Spray nicht dabei! (Ja, mach dich zum Pflegefall. Kämpfe mit allen Mitteln. Wie kann ein korpulenter Mann mittleren Alters eine Frau bezirzen.)

Da endlich blieb sie stehen, sah ihn an.

Es ist in deiner Hosentasche, sagte sie.

Das ist leer.

Warum läufst du mit einem leeren Spray herum?

Ich hatte keine Zeit, ein neues zu besorgen!

Flora wartete, bis sein Geschrei vollständig verklungen war, und sagte dann: Tut mir leid. Sie wartete geduldig, bis er bereit war, weiterzugehen. Eine andere Lösung gab es ohnehin nicht.

Schließlich kamen sie tatsächlich in ein Dorf und Flora sprach eine alte Frau an, die in ihrem Garten heruntergefallene Äpfel einsammelte, und bat um ein Glas Wasser für ihren Mann. Die Alte sammelte die guten Äpfel in einem Weidenkorb, die, die schon verrottete Stellen hatten, warf sie in einen Eimer. Flora fragte, ob sie sich von den schlechten welche nehmen könnten.

Die alte Frau sagte, sie könnten sich von den guten welche nehmen.

Woraufhin Flora einen guten aus dem Korb für Darius Kopp herausnahm und einen mit einer fauligen Stelle aus dem Eimer für sich selbst.

Fassungslos trug Darius Kopp den guten Apfel eine ganze Weile mit sich herum, bevor er abbiss. Ein Geschmack zwischen sauer und bitter. Kopp warf ihn wütend in die Büsche. Ob Flora es bemerkte oder nicht, wissen wir nicht. Sie fand mühelos zu Gabys Haus zurück, und es gab wieder Kartoffeln mit etwas Zwiebeln. Danach legten sie sich — Kopp immer noch hungrig — in Gabys altes Bett. Ich fühlte mich wie ein zu früh zu Bett gebrachtes Kind. Vor Widerwillen und Ratlosigkeit gelähmt. Gerne hätte er etwas gesagt, wie es ihm gehe, dass er das hier alles andere als möge. Aber als wäre ich mit einem Netz gefesselt.

Als sie am nächsten Tag wieder losging, sagte Kopp: Ich kann nicht.

Gut, sagte sie, dann bleib hier.

Kann ich nicht, sagte Kopp. Ich muss mich um einen Job kümmern. Gut, sagte sie. Dann kümmere dich.

Kopp sah ihr fassungslos hinterher. Wie leicht sie mich hierlässt. Und vor allem: Sie lief genauso, genau so, wie am Tag zuvor: dieselben Kleider, dasselbe Tempo. Wenn jemand an zwei aufeinanderfolgenden Tagen vollkommen verschieden ist. Und wenn er exakt gleich ist. In beiden Fällen hast du zu Recht das Gefühclass="underline" etwas stimmt nicht.

Kopp fuhr in die Stadt, aber dann saß er nur gelähmt vor dem Computer, tagelang, ohne auch nur einen Handschlag für die Jobsuche tun zu können. Als er es nicht mehr aushielt, kaufte er Fleisch ein und fuhr wieder hinaus in den Wald zu Flora. So ging es wochenlang. Kopp brachte Fleisch mit und briet es, Flora aß mit oder auch nicht, sie gingen ins Bett, hatten Sex oder nicht, eher nicht. Früher hast du mehr mitgemacht. Tut mir leid. Sie ging in den Wald, Kopp ging mit oder ging nicht mit — in beiden Fällen bereute er es. Er fuhr wieder in die Stadt, brachte nichts zustande, fuhr wieder zu Flora in den Wald.