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Was soll nur werden? fragte Darius Kopp.

Da war es schon lange Oktober. Er war inzwischen so weit gekommen, mehr Essen mitzubringen, als während seines Aufenthalts verbraucht werden würde. Er füllte ihre Vorräte auf, und sie nahm auch ein wenig davon, aber nie so viel, dass es für einen erwachsenen Menschen gereicht haben konnte.

Was isst du eigentlich, wenn ich nicht hier bin? Wenn du nicht hier bist, reicht das, was ich finde. Abgeerntete Felder, Wegbäume, Beerensträucher. Ich sehe ein, dass das eine Weile ganz amüsant ist. Wir spielen Survival und süße Erinnerung. Aber das hier ist nicht dasselbe, und nicht nur, weil du keine 18 mehr bist und es nicht Sommer ist. Ist mir egal, ob es ein Pilzjahr ist oder nicht. Irgendwann wird es zu kalt werden für alles.

Sie, als hätte sie es nicht gehört.

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[Datei: internet]

Aus dem Internet Patient:

Sehr geehrter Herr Doktor,

ich versuche, mich kurzzufassen. Vor 8 Monaten war ich einer der kontrolliertesten, emotional stabilsten Menschen (männlich, 26) in meinem Umfeld, nach einer Nacht aber, in der ich viel Alkohol konsumiert hatte, wachte ich am nächsten Morgen mit einer Panikattacke auf (Angst, Herzrasen, Krankenhaus, alle Befunde negativ), seitdem hat sich mein Leben verändert. Ich finde nicht mehr zu mir selbst, zweifle an ALLEM, an mir selbst, in meinem Kopf ist ein ständiger, seltsamer Schmerz, meine Muskeln zittern, merkwürdige Empfindungen in den Ohren, Schlaflosigkeit, ungewollt denke ich häufig an den Tod. Ich konsumiere keine Drogen. Kindheitstraumata hatte ich zur Genüge. Nach der ersten Panikattacke hatte ich noch eine, doch nachdem ich es mir bewusst gemacht hatte, worum es sich handelt, hatte ich seit einigen Monaten keine mehr. Aber ich spüre ununterbrochen, dass ich mich, obwohl ich ruhig erscheine, innerlich fürchte, Depersonalisation, Phobien, Ängste. Ich funktioniere, arbeite anständig, aber ich leide und das bremst mich doch stark (Karriere).

Mit freundlichen Grüßen László

Arzt:

Verstehe. Aber was ist die Frage? Gruß: XY

Hattest du einen schlechten Tag, mein Süßer? Kann auch dem Profi passieren.

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[Datei: Andre_Ressentiment]

Christophe André: Die Launen der Seele Wut = Ressentiment.

Merke: Es gibt kein nützliches Ressentiment.

Das Ressentiment nimmt jenen Platz ein, der der Traurigkeit gehören müsste. Statt Traurigkeit: Wut. Das ist kein Gewinn und kein Fortschritt. Im Gegenteil. Ein Mensch sollte fähig sein, traurig zu sein. Traurig zu sein = sich zu konfrontieren. Wütend zu werden heißt, der Konfrontation aus dem Weg zu gehen. Es sieht so aus, als wäre es Konfrontationsbereitschaft, aber es ist das Gegenteil. Aggressivität geht der Konfrontation aus dem Weg.

Traurig bin ich geworden, aber müde bin ich nicht — das muss das Ziel sein.

Nur, dass ich ziemlich häufig auch müde bin.

Dann ruhe dich aus. Ruhe dich aus, und dann mach weiter.

Du kannst nichts anderes tun.

Laut Gruen ist das der» Kern«: Dieser Kampf darum, sich nicht geschlagen zu geben. Müdigkeit, Traurigkeit, Enttäuschungen ertragen zu lernen. Der Kern ist: nicht zu verzweifeln. Für dich ist eins wichtig. Dass du dir merkst: du warst besser, als du statt der Wut den Schmerz wähltest. Ein Leben ohne Ressentiments.

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[Datei: örültek]

Noch einmaclass="underline" die mentale Hygiene der Bevölkerung.

Die offensichtlichen Fälle und die verborgenen. Deren Verhalten pathologisch erscheint, und die, deren Verhalten als normal gilt. Die Frau, die im Park auf der Bank sitzt und wirres Zeug redet. Der Penner mit dem Bettelbecher in der Hand, der üble Bemerkungen über Vorübergehende macht.

Die Kassiererin in der Drogerie, die sich an den Kopf fasst und beinahe verzweifelt,»Auch das noch!«, weil jemand seinen Abholschein für die Fotos verloren hat und sie nun seinen Ausweis kontrollieren muss.

Noch einmaclass="underline" die Regaleinräumerin mit dem zertrunkenen Gesicht, die einen nicht anspricht, sondern anknurrt, wenn man beiseitegehen soll.

Überhaupt, die Leute, die nicht mehr reden können. Die Skala der Verstummung.

Und, auf der anderen Seite (es ist dasselbe, nur in einem anderen Gewand): die Skala des Redens. Schizophasie = gespaltene Sprache = irres Reden Und wie der Körper reagiert.

Die Frau, die das lange Warten in der Schlange in der Post nicht aushält, von einem Bein aufs andere hüpft und sich heftig an den Unterarmen kratzt und winselt. Der pathologisch Fitte.

Und wie manche Gesichter sind. Wie ihre Gesichter werden mit der Zeit. Als wären Heere darübergezogen.

Der alte Mann im schwarzen Anzug, der in der Einkaufsstraße mit einem Transparent steht und den Weltuntergang verkündet. (Hättest du wohl gerne, mein Lieber. Hättest du wohl gern. Wenn deine Seele, wenn dein Verstand, dann eben wir alle.) Die Gruppe der Leute, die seit Wochen von morgens bis abends Boule spielt im Park. Wenn du nicht aufmerksam bist, kannst du denken, sie haben nichts Besseres zu tun. Doch. Aber sie müssen spielen. Immerhin verspielen sie kein Geld mehr. Darauf haben sie sich geeinigt. Keiner darf den Vorschlag machen, um Geld zu spielen. Sie wissen: Wenn sie anfangen, um Geld zu spielen, gibt es kein Halten mehr.

Wenn du nur die Wahl zwischen verschiedenen Übeln hast.

Wenn du nicht einmal mehr die Wahl zwischen verschiedenen Übeln hast.

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Der Regen setzte in dem Moment ein, als er einen kleinen See auf einem Hochplateau erreichte. Kopp duckte sich in den Schatten eines Felsens, wurde nass und sah zu, wie es in den See regnete. Kalt. Darius Kopp, zitternd im Schatten eines Felsens in den thrakischen Bergen. Auf der anderen Seite des Sees, hinter dem Regen: eine Holzhütte. Die Fensterläden sind geschlossen, aber das aufgestapelte Brennholz daneben verrät, dass sie nicht verlassen ist. Alleine leben in Hütten. Das Beschaffen von Wasser, Feuer, Lebensmitteln. Es gibt niemanden, der dabei fröhlich wird. Im Gegenteil. Sie bekommen dieses verhärmte Gesicht. Es ist ein Irrtum. Das habe ich dir immer schon gesagt. Ein Irrtum. Aber mich verpflichtet das Gesetz dazu, meine Frau, die nicht aus dem Wald kommen will, zu unterstützen. Der Mann, der 10 Jahre lang Lebensmittel zu seiner Frau in den Wald fuhr. Oder 33 Jahre lang. 40. In spätestens 40 Jahren werde ich sehr wahrscheinlich tot sein. Unvorstellbar. Für Außenstehende = Unwissende scheint alles im normalen Bereich zu sein, du aber spürst, dass ein Wettlauf begonnen hat. Etwas zieht herauf. Ab jetzt musst du schneller sein. Etwas anderes als bisher ausprobieren. Seltener kommen. Eine Woche vergehen lassen, ohne eine genaue Ansage zu machen, wann man wiederkommen würde.

Ich weiß nicht genau, wann ich das nächste Mal kommen kann, sagte Darius Kopp. Es gibt viel zu tun.

OK, sagte sie und lächelte, küsste ihn zum Abschied und winkte ihm sogar hinterher, als er mit dem Auto wegfuhr. Meine Frau in einer seltsamen türkisfarbenen Jogginghose unter ihrem Kleid im Gartentor stehend, mir hinterherwinkend. Etwas zieht herauf.

Sagen wir, das war an einem Montag. Am Freitag gab es den ersten Sturm in jenem Herbst. Kopp beobachtete ihn von der Terrasse aus und im Internet. Wie sich die Wolkenfelder im Regenradar und wie die Bäume im Park sich bewegten. Kleinere Äste fielen. Kopp sah lange zu. Im Grunde verbrachte er den ganzen Freitag damit, den Sturm abzuschätzen. Ob man bleiben konnte oder fahren musste. In den Nachrichten war von zu erwartenden Schäden an Wäldern die Rede, bzw. eigentlich, wie groß die Schäden in der letzten Sturmsaison waren, die Häufigkeit atlantischen Wetters, die Klimaänderung und so weiter. Am Ende fuhr Kopp los, als es schon dunkel wurde. Äste, Stroh, leere Sachen trieben auf den Alleestraßen, Böen rüttelten am Auto. Als er ausstieg, flog ihm ein Kiefernzapfen an die Stirn, aus einem so seltsamen Winkel, dass er sich umsah, ob ihn nicht jemand geworfen hatte. Nein. Der Wald hinter den Häusern dröhnte dunkel. Das erste Mal, dass ich das höre: heisere Tubas.