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Dass ein soziopathischer Machthaber gefährlicher ist als der Alkoholiker, der Frauen in Bushaltestellen körperlich angreift, ist klarer als die Sonne. Dennoch neigen wir dazu, Ersteren eher als Teil unserer» Normalität «zu akzeptieren. Dissoziative Skrupellosigkeit wird durch Erfolg geadelt. Wie häufig setzen wir freiwillig Schurken an die Spitze unserer Regierungen. Weil wir offenbar denken, ein wenig Schurkigkeit brauche man, um an der Spitze stehen zu können. Da wir diesen Wahnsinn als Normalität akzeptiert haben, nehmen wir anschließend das gemeinsame Tragen des Schadens, der verursacht wurde, als unsere Strafe an. Geschieht uns recht.

Die Schurken sind nicht immer Diktatoren, aber häufig. Nicht immer Massenmörder, aber häufig.

Die Freiheit wird immer beschränkt. Ausbeutung findet immer statt. Systematische Folter kann nicht spontan stattfinden. Meist wird sie von oben angeordnet, immer von oben toleriert. Die Ausführer von Folter gehören in die Kategorie der Kriminellen.

Waffenträger sind eine Sonderkategorie. Sobald eine Waffe da ist, sind die Gesetze des Seins ohne Waffe außer Kraft gesetzt. Wo Waffe, dort häufig auch Uniform. Deine Angst vor Uniformen ist also berechtigt. Deine noch größere Angst, wenn eine Waffe ohne Uniform auftaucht, ebenfalls. Der Anteil der psychiatrisch Auffälligen in einer jeden Gesellschaft beläuft sich auf etwa 10 %. Über den Anteil der Charakterschweine gibt es unterschiedliche Schätzungen. Jetzt stell dir das mit Waffen vor.

Der Wahnsinn des Einzelnen ist ein Ausdruck des Wahnsinns der Verhältnisse.

Die immer wiederkehrende zeitweilige Verrohung ganzer Gesellschaften.

Politische Verrohung hat meist eine Vielzahl exogener Gründe, bietet aber Soziopathen die Möglichkeit, sich auszuleben. Dass wir uns nicht schon ausgerottet haben, ist ein wahres Wunder. Was ist es, das dem Wahnsinn (dem» Todestrieb«) eine Grenze setzt? Nichts anderes als der Tod selbst. Seines Lebens beraubt zu werden ist nicht akzeptabel.

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Gehört sich so was, frage ich dich?! Ich erinnere mich kaum mehr daran, wie die Dinge vor dir waren. Bruchstücke von Orten und Getränken, bedeutungslos. Mit dir war ich glücklich. Das war mein Leben. Wie kannst du es wagen, nicht leben zu wollen, wo ich dir doch zu Füßen liege? (Keiner kann spontan eine Schlinge machen. Vorher üben. Die Kunst, Knoten zu binden. In einem Kiefernwald eine Eiche suchen. Und sitzt man dann noch eine Weile auf einem waagerechten Ast und betrachtet das Letzte von der Welt: hier und jetzt ein Wald? Oder besser nicht, oder gibt es die Welt dann gar nicht mehr, ein von Ruß geschwärztes Glas, kein Oben, kein Unten, gesprungen wird in keine Richtung, und auch nicht lange, der Ruck reißt dich schmerzhaft--)

Kopp knickte um, fiel beinahe hin, rutschte über Steine, stieß sich ein Knie und eine Hand. Siehst du, was passiert, wenn einer seine Pflichten nicht tut? Die Frau hat das Zuhause zu schaffen! Die Frau macht das Nest, in das wir alle zurückkehren von der täglichen Jagd! Siehst du, was passiert, wenn man das Nest nicht täglich flickt? I hate you so much right now! Zeig dich gefälligst!

Kopp stand eine Weile auf einem Bein, weil er sich nicht auf die nassen Steine setzen wollte, auf die zu fallen er doch gerade eben vermieden hatte, bis er sich sicher genug sein konnte, das andere hinstellen zu können. Er stellte es hin: der Schmerz war auszuhalten. Jetzt ist mir nur noch kalt und ich habe Hunger und ich habe auch diesmal mein Asthmaspray nicht dabei, diesmal habe ich es wirklich nicht dabei. Im Klosterzimmer bei den anderen Sachen. Nicht abgeschlossen. Ist bei uns nicht üblich. Die Asche deswegen wieder im Kofferraum. Du bist in Sicherheit. Und ich?

Unweit vor ihm, am Wegesrand, eine Schlangenhaut. Nein. Eine tote, ausgetrocknete Schlange. Die Smog-Otter ist ein heiliges Tier. Was nicht heilig ist, ist einfach nur ein Kadaver. Denk nicht daran. Denk nicht an Verwesung. Geh einfach weiter. Er ging weiter mit dem seltsamen Gefühl, sich gerade zu verirren, obwohl er den Weg nicht verlassen hatte, er war nur umgekehrt. Trotzdem, als wäre es anders. Er sah wieder im Handy nach und sah dasselbe wie schon auf dem Herweg: in der Nahansicht nichts, in der Großansicht, dass er in Bulgarien war und nach Süden ging. Süden ist richtig. Es ist nur alles viel länger, weil ich müde bin. Wann wird es dunkel in den bulgarischen Bergen im September? Die Kälte war jetzt so groß, dass er eine Weile an nichts anderes denken konnte. Ist das normal, so eine Kälte? In der Kälte gehen, nicht zu schnell, damit du nicht schwitzt, nicht zu langsam, damit du nicht vollkommen auskühlst. Diese Kälte am Kopf — wann hast du, Mensch der Innenräume, so etwas das letzte Mal gespürt?

Später, als das Grün zunahm, und endgültig, als er nur noch Bäume um sich hatte, beruhigte er sich wieder. Als er an den Bach zurückfand, empfand er sogar Dankbarkeit. Danke für den Windschatten, danke, dass ich etwas wiedererkennen darf.

Solange, bis er merkte, dass er sich am falschen Ufer befand. Wie war das möglich, keine Ahnung, er konnte sich nicht erinnern, den Bach jemals überquert zu haben, dennoch, es war so: der Weg da drüben ist der richtige, ich erkenne ihn, während dieser hier nach einer kurzen Strecke am Bach entlang wieder den Berg hochführt. Wieder wurde es ihm für Sekunden schwarz vor den Augen, wie er so in die Steine im Wasser blickte, auf die umgeknickten Stämme, die Äste. Er hockte sich hin und ruhte ein wenig. Sein Magen knurrte. Keine Brücke weit und breit. Vielleicht gibt es weiter oben wieder eine Hütte, in der ein Wanderer übernachten kann, und vielleicht gar nichts.

Wie lange überlebt einer in der Wildnis? Einer 2 Monate in seinem eingeschneiten Auto. Irgendwo in Norwegen. Lebte von Schnee. Wie er dahin gekommen ist, war zum Zeitpunkt seines Auffindens rätselhaft, aber der Artikel suggerierte, der Mann habe sich absichtlich in diese Lage gebracht. Hat sterben wollen und dann doch 2 Monate überlebt, jetzt ist er im Krankenhaus. Aber es kann auch sein, dass ich in alles nur dich hineinlese.

Vor seinen Füßen lag ein kopfgroßer Stein. Er trat so lange gegen ihn, bis er in den Bach rollte. Zu klein. Die Äste, die Holzstücke, die in der Umgebung zu finden waren: alle zu klein. Mit viel Ausdauer könnte man natürlich trotzdem so etwas wie einen kleinen Damm daraus machen. Darüber dachte er eine ganze Weile nach. Wie die Steine zu werfen wären. Der ganze Prozess des Heranschaffens und Platzierens: über den schon bestehenden Teil des Damms gehen, von dort aus den nächsten Stein werfen und so weiter. Die Vorstellung einer guten Arbeit lenkte ihn ab und verschaffte ihm die nötige Zeit, sich wieder aufzurichten und die bei Weitem einfachste und schnellste Lösung zu finden: sich nackt ausziehen, die Klamotten über den Kopf nehmen und durchwaten. Das Wasser war zwar schnellläufig, aber weder breit noch tief. Und dann doch tiefer, als er es angenommen hatte. An der tiefsten Stelle reichte es bis zur Mitte der Brust. Sehr kalt, das Herz reagiert unmittelbar. Noch einmal erschrak Darius Kopp und schwankte, aber damit war die gefährlichste Stelle auch schon passiert, das Wasser wurde wieder seichter. Das gegenüberliegende Ufer erreichte er bereits kichernd. Die männliche Schaumgeburt, die ich bin. Das Ufer auf der anderen Seite war steiler, er wurde schmutzig, aber am Ende so zufrieden und stolz wie seit… (wann eigentlich) nicht mehr. Er juchzte in den Wald, gegen die Steine. Schaut, ich habe den Fluss (das Bächlein) überquert, schaut den Überquerer, schaut! Schau, Flora.

Als er ins Zimmer zurückkam, saß da jemand auf dem zweiten Einzelbett. Das ist bei uns so üblich. I hope, it is OK for you. Ein Engländer mit rötlichem Haar, der sich als Doiv vorstellte. Ein Hitchhiker, aus Mazedonien kommend, auf dem Weg nach Georgia. Redet viel, redet ununterbrochen, erzählt. Darius Kopp, noch mit der Sensation der Bachüberquerung auf der Haut, sieht so aus, als würde er ihm freundlich lächelnd zuhören, in seinem Gesicht zeigt sich Offenheit, seine hellen Augen leuchten, aber in Wahrheit höre ich überhaupt nicht, was du sagst, mein Lieber, ganz abgesehen davon, dass ich deinen Akzent so gut wie nicht verstehe, ich bin müde, einfach nur müde, aber traurig bin ich nicht, und das ist gut, ich lächle. So, wie er war, lächelnd, schlief Darius Kopp ein.