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Die heilenden Eigenschaften des Lichts. Diese sind wissenschaftlich nachgewiesen. Die vereinfachte Formel lautet: sichtbares Licht — Retina — Gehirn — darin: Zirbeldrüse — darin: Melatoninproduktion. Melatonin: depressiogene Wirkung. Um dieser entgegenzuwirken, sorgen Sie dafür, dass unmittelbar nach dem Aufstehen eine 10 000 Lux helle Tageslichtlampe für etwa 40 Minuten auf ihre Retina einwirken kann. Damit wird die Produktion des Schlafhormons Melatonin beendet, sodass es zu einem positiven Stimmungsumschwung kommt. Aber besser wäre es, wenn Sie es einrichten könnten, sich jeden Tag mindestens eine Stunde im Freien aufzuhalten. Aussagen wie» als ehemaliges Tropenwesen leidet der Mensch an Lichtmangel «kann man so nicht unterschreiben, aber die Zahlen 60-Watt-Glühbirne in 1 Meter Abstand: 56 Lux, Tageslicht, bewölkt: 5000 Lux, heller Sonnenschein: ›20 000 Lux, sprechen für sich. Also: gehen Sie raus. Auch die Bewegung wird Ihnen guttun. Auch wenn Sie jeder Schritt schmerzt, Sie das Gefühl haben, jemand hätte Ihre Beine gegen rohe, splitterige Holzpflöcke und Ihre Gelenke gegen rostige Eisenscharniere ausgetauscht und Ihre Füße steckten in Eimern voller Beton, während Sie die Arme aus unbekannten Gründen nicht mitschwingen können und Ihr Hals zu dünn ist, Ihren Kopf zu tragen, ganz zu schweigen von Ihrem Rücken. Egal, schleppen Sie sich irgendwie hin, ist doch egal, wie Sie dabei aussehen. Wenn Sie jemand anspricht, vielleicht sogar ein Polizist, in der Annahme, Sie stünden unter Drogen, sagen Sie ihm: nein, ich habe bloß eine Depression, die es mir schwer macht zu gehen. Er wird es verstehen und Sie weiterziehen lassen. Wenn Sie Angst vor den überaus zahlreichen Hunden und Menschen in Ihrem Stadtpark haben, nehmen Sie Pfefferspray und/oder eine Trillerpfeife mit. Gegen Lärmbelästigungen jeder Art tragen Sie Ohropax. Natürlich keine Sonnenbrille. Wenn Sie es ohne partielle Abdeckung Ihres Gesichts nicht aushalten, optieren Sie lieber für einen Mundschutz. Es gibt Länder, da gehört das zum guten Ton. Wenigstens kommt Ihnen dann keiner zu nah. Tragen Sie, wenn Sie wollen, ein Amulett (Amethyst, Aquamarin, Bernstein, Kruzifix, die blaue Hand). Ich weiß, solange es Ihnen noch einigermaßen geht, halten Sie so etwas für unter Ihrer Würde, aber es wird Ihnen auch noch anders gehen, und Sie werden weinend die Faust um den herzförmig zugeschliffenen rosa Quarz schließen, den Ihnen einmal jemand Wohlmeinendes geschenkt hat. Besser als der Park ist der Friedhof, dort benimmt sich ein jeder einigermaßen und Sie können unbemerkt Ihre Hand an die Borke von Bäumen legen oder auch an Marmor. Borkenstückchen und Staub bleiben in Ihrer Handfläche zurück, das ist schön, das ist jeweils eine Sekunde Linderung, verachten Sie das nicht. Wie käme ich dazu, ich bin doch gar nicht in der Position, auch nur das Geringste zu verachten.

Ich habe auf der Terrasse gesessen und gelesen — gut.

Es ist mir gelungen, zum Friedhof zu gehen, um dort zu spazieren phantastisch.

Lass mich bloß in Ruhe, sagte die behinderte Friedhofspflege-Aushilfe zu ihrer sie bevormundenden Kollegin. Ich fege doch schon so gut ich kann! Und fegte und fegte trockene Blätter von der Allee zur Kapelle. Ich sah und hörte das und war glücklich. Ich fege doch schon so gut ich kann! Danke.

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[Datei: lassúság_dicsérete]

Lob der Langsamkeit.

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Bist du ein Tourist oder ein Reisender? fragte Doiv bei ihrem ersten gemeinsamen Frühstück. Das war noch im Kloster in Bulgarien. Er fragte es lachend, und Darius Kopp gab als Antwort auch nur ein Lächeln, als wäre es ein rhetorisches» Wie geht's «gewesen. Dass Doiv Fotograf ist, hat Kopp damals allerdings nicht mitbekommen, denn er schoss im Kloster kein einziges Foto. Während alle anderen Übernachtungsgäste im Frühstücksraum immer nur: die Fresken, die Fresken! Doiv zwinkerte Kopp zu. Ich bin nur zufällig hier, weißt du? Und du? Bist du Tourist oder Reisender?

Die Wahrheit, mein Freund, ist: weder noch. Ich habe auch keine Wohnung mehr, auch wenn sie mir auf dem Papier noch gehört, aber seien wir realistisch, wenn nicht ein Wunder geschieht, werde ich nie wieder dort wohnen, und die Wunder, die in Frage kommen, sind abgezählt. Erben könnte ich höchstens die kleinste Containergröße Alte-Leute-Krams, den ich dann auch noch loswerden müsste. Die märchenhafte Möglichkeit, dass einer an mich herantritt mit den Worten, mein Junge, ich beobachte dich schon lange und nun ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ich dich für alle Zeiten befreie, und zwar mit dieser Riesensumme Geldes hier, so dass du den Rest deines Lebens mit Tätigkeiten statt mit Erwerbsarbeit verbringen kannst, denn ganz im Gegensatz dazu, was man dir immer erzählt hat, ist der Müßiggang aller Tugend Anfang — nun, das können wir getrost ausschließen. Bliebe nur noch, dass ich etwas finde, das ich noch tun will.

An diesem springenden Punkt fiel Kopp die letzte Begegnung mit einem potenziellen Chef ein, wie es der Zufall so will, hieß dieser Can Eren, und Kopp zog mit seinem Messer den oberen Teil des Fisches auf seinem Teller beiseite und klappte ihn um, und darunter war nur das Skelett und sonst nichts, keine Gewürze, man stopft Gewürze in den Bauch des Fisches, dann wird er auch nicht so fad! aber die Gereiztheit, die ich jetzt empfinde, gilt keineswegs dem Koch, obwohl, wenn man mich jetzt fragte, wie es schmeckt, würde ich sagen: bringen Sie mir wenigstens Salz und Pfeffer, aber noch besser irgendetwas Chiliartiges, damit ich das hier herunterwürgen kann, das würde ich nicht sagen, aber meinen, aber in Wahrheit gälte meine Gereiztheit weniger der lieblosen Abzocke in dieser als authentisch maskierten Touristenfalle, Doiv, wie konnte das passieren, ich denke, du bist der Auskenner! aber ich bin auch dir nicht böse, bist ein guter Junge, und vermutlich ist auch Can Eren hinter seiner professionellen Verstelltheit ein netter Junge, nur, dass ich das niemals mehr herausfinden werde, und ich will es auch nicht herausfinden, das ist der Punkt, denn allein schon der Gedanke, wieder Weisungsempfänger zu sein, ob in einer Gemeinschaft mit anderen oder mutterseelenallein in einem Arbeitssarg, während einer per Telefon die Peitsche knallt, zur Hölle auch mit dir, Anthony! und Stavridis spinnt doch, was ist mit dem los, was musst du mich ständig verarschen, ständig verarschen sie einen, die können gar nicht anders, sitzen vor Texas Rose genannten frittierten Riesenzwiebeln und lachen sich einen ab, und wenn man da hinginge, um ihnen mal so richtig die Meinung zu geigen, dann käme nur heraus, dass ich gar nicht gut genug englisch kann, um irgendjemandem die Meinung geigen zu können, ich würde nur rumstottern können wie in einem Alptraum, und ich muss hier die Asche meiner Frau im Hotelzimmerschrank aufbewahren, ich fahre die arme Asche meiner Frau durch die Gegend, weil ich nicht weiß, was ich sonst. Kopp ließ das Messer aus der Hand fallen, es fiel auf den Tellerrand, ohrenbetäubender Krach, und auch die obere Fischhälfte war halb vom Teller gerutscht.

Die Türkei abseits der Städte ist unglaublich schön, sagte Doiv. Aber noch schöner ist Georgien. Warst du schon mal in Georgien? Es ist unglaublich schön. Armenien hingegen stellt man sich ganz anders vor, es ist voller Stein. Brauner Tuff, gelber Tuff, schwarzer Tuff, rosa Tuff, und überall sowjetische Industriebrachen und kyrillische Buchstaben. Ich habe einmal versucht, das Kaspische Meer zu umrunden. Bin an Turkmenistan gescheitert. Aber in Kasachstan und in Kirgisien war Doiv schon. Alle Apfelbäume der Welt kommen da her, wusstest du das? Oder alle Aprikosen. Ich war früher in Kasachstan als auf Sizilien, ist das nicht verrückt? Aber da ist zum Beispiel auch noch China. Wusstest du, dass die Landwirtschaft Chinas 100 Mio Menschen beschäftigen könnte, aber 800 Mio versuchen, davon zu leben?

Da fahren sie schon längst, es ist der nächste Tag, irgendwo im Laufe seiner Rede hat Doiv Därjäss gebeten, ihn an eine Straße zu bringen, die östlich aus der Stadt hinausführt, aber das war ohnehin schon eine Autobahn, und auf einer Autobahn fährt es sich leicht und hält es sich schwer, abgesehen davon waren sie sich längst einig. Das neue Spiel heißt: Doiv nennt ein Nahziel, sie fahren hin, dort geschieht etwas oder eher nicht. Das ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass es einen Rahmen gibt. Eine Weile lang war mir das die Wohnung, aber die ist mittlerweile zu weit entfernt. Sobald du dich weiter entfernt hast, als dass du in einem Zug durchfahren könntest, ohne dabei zu sterben (eine Sekunde in der 36sten Stunde, und Bumm), lässt die magnetische Wirkung nach. Stattdessen nun also Doiv. Egal, was du dir einbildest, in Wahrheit warst du gerne Weisungsempfänger, ja, es scheiterte zuletzt doch gerade daran, dass keine Richtungsangaben mehr auszumachen waren, und wenn heute Doiv sagt, jetzt fahren wir da und da hin, dann ist das ein Arrangement, von dem wir beide profitieren. Ab und zu halten sie an, damit Doiv fotografieren kann. Das Projekt heißt Homes, und das ist mal wirklich interessant: in was für Behausungen Menschen leben können. Ruinen und Paläste. Ruinen und Paläste in Städten, Ruinen und Paläste auf dem Lande. Die Schwalbennester der Armen mit ihren amorph verstreuten Fensterchen, jedes von einer verschiedenen Größe und die propere Symmetrie der etwas reicheren Armen. Ein Hügel aus Plastikkinderspielzeug in einem ansonsten kahlen Hof. Ein Rosengarten mit einem winzigen Häuschen, das ebenfalls über und über mit Kletterrosen bedeckt ist. Ein Hochhaus mitten im Nichts, so lächerlich modern, dass es wie ein armes Tier ist mit einem deformierten Horn, das es beim Fressen behindert. Einmal, sagte Doiv, habe ich ein Dorf aus lauter Notunterkünften gesehen. Die Baracken waren eine Hilfslieferung aus dem Westen nach einem Erdbeben. Das war zwanzig Jahre her, aber sie standen immer noch da, jetzt war das eben das Dorf. Vielleicht waren die Notbaracken aus dem Westen besser als die Hütten, die vorher da gestanden hatten. Ich fuhr bei einem Russen in einem riesigen Jeep mit, er raste wie ein Irrer, und ich sah nur für einen Augenblick, wie drei schöne Mädchen eine schlammige Straße zwischen den Baracken herunterkamen und sich in die Bushaltestelle an der Fernstraße stellten. Die eine hatte kniehohe weiße Stiefel an. Schöne Mädchen am Ende der Welt, ich weiß nicht, aber ich denke da immer: was für eine Verschwendung. Doiv lachte. Findest du nicht auch? Sag schon!