Wenn ich ehrlich bin.
Und nun bist du also hier.
Je weiter man sich vom Meer entfernt, umso mehr weicht das Grün aus der Landschaft, nur mehr die Koniferen sind geblieben und einmal ein Feld Kohl, sonst ist schon alles braun. Aber dass es schön ist, bleibt. Der überall rankende Wein, die Apfelbäume in den Gärten. Auch wenn sie kahl sind. Brennende Laubhaufen überall. Der Rauchgeruch zieht durch die Klimaanlage ins Auto und an einer Stelle ein nicht identifizierbarer Gestank. Wie kommt es, dass einen auch das froh machen kann? Unweit eines Bahnübergangs warten drei junge Männer auf die Marschrutka, die Kopp einige Kilometer zuvor überholt hat, zwei andere nehmen einen Trampelpfad neben den Schienen. Wenn wieder einer in der Nacht oder betrunken von einem Zug erfasst wird, hören sie für einige Tage auf damit, bevor sie wieder anfangen. Ich bin nie Abkürzungen neben Bahnschienen gegangen, dennoch weiß ich alles darüber, weil es zu den Dingen gehört, die ein jeder weiß, und auch die Tatsache, dass es solche Dinge gibt, macht mich froh. Das erste Mal, seitdem er unterwegs war, hatte Darius Kopp nicht das Gefühl, abwesend von etwas zu sein. Ich vermisse die Wohnung nicht mehr und auch sonst nichts. Sonst war ja auch nichts mehr. Die Situation jetzt und hier ist weniger übersichtlich, aber auch nicht ungewisser, und was das Entscheidende ist: ich bin friedlich geworden. Und zwar seit der Grenze. Genauer genommen, seitdem ich meinen Obolus entrichtet habe. An korrupte Grenzwegelagerer, die mir dafür in Wahrheit keinerlei Recht eingeräumt haben. Dennoch. Ein Gefühl wie Sicherheit. Bis zur nächsten Grenze, nicht wahr.
Die Sonne schien auf orange Khakifrüchte im Fahrgastraum eines vor ihm fahrenden Ladas. Sie verdeckten die gesamte Heckscheibe. Kopp schaute so lange darauf, bis er merkte, dass er eigentlich schon schlief. Das Auto rollte bereits ohne ihn, er hatte den Fuß vom Gas genommen — wann genau ist das geschehen, ich weiß es nicht mehr. Seit Poti waren weitere 3 Stunden vergangen, der Tag war immer noch jung, aber Darius Kopp schaffte es gerade noch so, das Auto auf den krümeligen Straßenrand zu lenken und den Motor auszumachen. In der nächsten Sekunde war er eingeschlafen.
Als man ihn später durch Klopfen an die Seitenscheibe weckte, dämmerte es bereits.
Es waren zwei. Polizisten. Untereinander sprachen sie georgisch, mit Darius Kopp russisch.
Tag, sagte Darius Kopp und drückte verschlafen den Knopf zum Öffnen der Kofferraumklappe. Die Klappe fuhr mit einem Sirren hoch. Die Bullen schauten.
Richtig. Ich wurde nicht darum gebeten, das zu tun. Am Ende denken sie, ich habe ihnen ein Angebot gemacht. Aber jetzt gibt es kein Zurück mehr. Der Jüngere der beiden hat sich auf den Weg gemacht. Langsam, Hand an der Waffe, langer Hals. Was werden sie wohl zum Zoll-Klebeband sagen? Ob er als Passierschein ausreicht? Dieser Reisende steht unter dem Schutz des Ehrenwerten Herrn Niemand, und dass er dieses Paket hier herumfährt, ist auch nicht korrekt, und ein Zollklebeband bedeutet absolut gar nichts, denn es kann nicht verhindern, dass er unsere und seine Gesetze und Tabus bricht, indem er in einem unbeobachteten Augenblick dieses brennbare Material in einen Laubhaufen fallen lässt, aber einpaar Einzelpersonen, die von ihm mit nichts dazu gezwungen worden sind, haben beschlossen, in dieser Sache nicht den Richter spielen zu wollen, und nun ist er also hier, macht mit ihm, was ihr wollt.
Der jüngere Polizist kam am Kofferraum an, sah hinein: eine einzelne Reisetasche. Er hielt nicht einmal an, er ging daran vorbei wie an einem Ausstellungsstück im Mausoleum, einmal um das Auto herum, bis er wieder vorne angekommen war und sich neben seinen Kollegen stellen konnte. Der Rundgang hatte immerhin soviel ergeben, dass sie es jetzt mit Englisch versuchten.
Sie können hier nicht so einfach stehen bleiben, auf dem unbefestigten Seitenstreifen, in einer Kurve. Zu gefährlich. Understand?
Ja, sagte Darius Kopp. Danke.
Schließen kann man die Kofferraumklappe nicht von innen, man muss aussteigen. Verzeihen Sie. Sie traten einen Schritt zurück, damit er vorbeipasste. Schloss die Klappe, nickte noch einmal freundlich, stieg ein und fuhr weg.
Vielleicht 100 Meter, bis sie ihn überholten und erneut anhielten.
Steigen Sie bitte aus.
Diesmal ist es mein Hals, der lang ist. Hab ich was versäumt? (Ja. Du hast nicht mehr als die 200 Lari aus dem Automaten gezogen, die du an der Grenze gebraucht hast.)
Steigen Sie bitte aus.
Langsam, Hand an der Tür, stieg er aus. Sie winkten ihm, er solle nach vorne kommen.
(Sie stellen mich vors Auto, und dann?) Ihre Lampe ist kaputt.
Tatsächlich. Links brannte nur noch das Standlicht. So können Sie nicht weiterfahren.
Verstehe. Ich kann weder weiterfahren noch hier stehen bleiben. (Warum habe ich nicht mehr als 200 Lari aus dem Automaten gezogen? Zwei Zwanzig-Euro-Scheine. Zu viel. Einen geben und sagen: Das ist für Sie beide? Nein.)
Er spürte, wie sein Nacken steif wurde. Es ist das Falsche, es bringt dich keineswegs weiter, du hättest weich bleiben sollen, wie du es immer so schön warst, aber nein, du musst halsstarrig werden. Willst dies nicht, willst das nicht. Hier und jetzt: denen etwas von deinem stündlich weniger werdenden Geld in den Rachen schmeißen. Aber was willst du sonst tun?
Sie deuteten ihm an, er möge ihnen hinterherfahren.
Sie fuhren langsam, Kopp konzentrierte sich darauf, den Abstand gleich zu halten. Einmal kam rechts ein Feldweg, aber er bog nicht ab. Dass es dir überhaupt in den Sinn kommt. Und dann ärgerst du dich, dich nicht getraut, keine Verfolgungsjagd angezettelt zu haben. Als wäre das nicht das Dümmste gewesen. In der Dämmerung, auf unbekanntem Terrain, schlecht beleuchtet. Am Ende liegst du kopfüber in einer Kiesgrube. Na und. Der Ararat. Warum muss man den Ararat sehen? Darum.
So, 10 Minuten lang, während deren es vollkommen dunkel wurde. Dann öffnete sich das Tal, und eine erleuchtete Stadt tat sich vor Darius Kopps Augen auf. Das ist Tiflis. Ich war so kurz vor Tiflis.
Er war so versunken in die Betrachtung der Lichter, dass er fast verpasst hätte, gemeinsam mit den Bullen in eine Seitenstraße abzubiegen.
Irgendein Vorort. Sie fuhren so lange durch amorph bebaute Straßen — Paläste und Ruinen, überall — bis sie zu einer Garageneinfahrt kamen.
Eine Autowerkstatt. Natürlich geschlossen, aber die Polizisten klingelten, und der Besitzer, der in der Wohnung über der Werkstatt wohnte, kam heraus.
Morgen. Natürlich. Heute nicht mehr. Morgen.
Ok, sagte Darius Kopp und stieg wieder ins Auto.
Der ältere Polizist kam und klopfte an die Seitenscheibe. Er fuhr sie hinunter. Vermutlich darf ich auch hier nicht stehen bleiben. Der Polizist winkte, er möge wieder herauskommen.
It's OK, sagte Darius Kopp. Ich bleibe im Auto.
Please, sagte nun auch der Automechaniker, Bit-tä, und zeigte hinter sich. Die Straße herunter kam ein kleiner Mann und winkte breit: Brauchst koi Angst ham!
Sein Atem riecht nach Wein, auf beiden Seiten fehlt je ein Zahn, der letzte, den man beim Lächeln noch sieht, und er lächelt sehr breit, seine gute Laune weht in Darius Kopps Gesicht. Bayerischer Dialekt mit (mutmaßlich) georgischem Akzent.
Brauchst keine Angst haben! Du kannst das Auto ruhig hierlassen. Das muss man Mischa (?) lassen, das Land ist viel sicherer geworden. Und außerdem: Es bleibt in der Familie. Ich scherze nicht. Schau mal, das ist mein Bruder Giorgi, der Automechaniker. Wirklich. Das ist mein leiblicher Bruder. Und da drüben, der Bäcker, das ist auch ein Bruder von mir. Giorgi, sag's ihm oder nicke wenigstens. Und ich bin Dawit. Wie der König. Ich habe 16 Jahre in Deutschland gelebt, in Bayern. Da, schau, das da ist mein Haus. Das zitronengelbe da. Siehst du, wie schön es leuchtet? Es braucht hier keiner im Auto zu schlafen. Ich möchte dich gerne einladen zu mir. Ich habe drei Bäder und neun Zimmer. Und ich bin gelernter Koch! Glaubst du mir nicht? Ich zeig's dir! Es ist besser als im Hotel, glaube mir. Komm mit, na komm schon!