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Tam stand über einen Reisetisch gebeugt und studierte Karten. Rand lächelte. Er trug den gleichen Ausdruck, mit dem er ein Schaf gemustert hätte, das sich in einem Gebüsch verfangen hatte.

»Du scheinst der Ansicht zu sein, dass man auf mich aufpassen muss«, sagte Tam.

Auf diese Bemerkung zu reagieren würde genauso sein, wie zu einer Gruppe Bogenschützen zu gehen und die Männer herauszufordern, ihn zu treffen, entschied Rand. Stattdessen legte er sein Bündel auf den Tisch. Tam betrachtete den langen verhüllten Gegenstand, dann zupfte er an dem Stoff. Er teilte sich und enthüllte ein majestätisches Schwert mit einer schwarz lackierten Scheide, auf die man ineinander verschlungene Drachen aus Rot und Gold gemalt hatte.

Tam sah fragend auf.

»Du hast mir dein Schwert gegeben«, sagte Rand. »Und ich konnte es nicht zurückgeben. Das ist ein Ersatz.«

Tam zog das Schwert aus seiner Scheide, und seine Augen weiteten sich. »Das ist ein zu kostbares Geschenk, mein Sohn.«

»Nichts ist zu kostbar für dich«, flüsterte Rand. »Nichts.«

Tam schüttelte den Kopf und schob die Klinge zurück in ihre Scheide. »Das endet doch nur wieder in einer Truhe, so vergessen wie das letzte. Ich hätte dieses Ding niemals mit nach Hause nehmen sollen. Du misst dieser Klinge zu viel Wert bei.« Er wollte ihm das Schwert zurückgeben.

Rand hinderte ihn daran. »Bitte. Ein Klingenmeister verdient eine ihm entsprechende Waffe. Nimm sie – es würde mein Gewissen erleichtern. Das Licht allein weiß, dass jede erleichterte Bürde in den kommenden Tagen helfen wird.«

Tam verzog das Gesicht. »Das ist ein schmutziger Trick, Rand.«

»Ich weiß. In letzter Zeit habe ich mich nur mit widerwärtigen Typen umgeben. Könige, Sekretäre, Lords und Ladys.«

Widerstrebend nahm Tam das Schwert wieder an sich.

»Betrachte es als Dankeschön der ganzen Welt«, sagte Rand. »Hättest du mir nicht vor so vielen Jahren das mit der Flamme und dem Nichts beigebracht … Beim Licht, Tam. Ich wäre jetzt nicht hier. Ich wäre tot, davon bin ich überzeugt.« Er betrachtete das Schwert. »Schon seltsam. Hättest du nicht gewollt, dass ich ein guter Bogenschütze werde, hätte ich nie die eine Sache gelernt, die mich in schwierigen Zeiten bei Verstand hielt.«

Tam schnaubte. »Die Flamme und das Nichts haben aber nichts mit Bogenschießen zu tun.«

»Ja, ich weiß. Das ist eine Schwertkampftechnik.«

»Das hat auch nichts mit Schwertern zu tun«, sagte Tam und schnallte das Schwert an seinen Gürtel.

»Aber …«

»Bei der Flamme und dem Nichts geht es darum, seinen Mittelpunkt zu finden«, sagte Tam. »Und um Frieden. Wenn ich könnte, würde ich das jedem in diesem Land beibringen, nicht nur Soldaten.« Seine Miene wurde sanfter. »Aber beim Licht, was mache ich denn hier? Dich belehren? Sage mir, wo hast du diese Waffe her?«

»Ich habe sie gefunden.«

»So eine prächtige Klinge habe ich noch nie gesehen.« Tam zog sie wieder aus der Scheide und studierte die Faltungen im Metall. »Sie ist uralt. Und wurde benutzt. Oft benutzt. Sicherlich ist sie gepflegt worden, aber sie lag nicht bloß im Trophäenschrank eines Kriegsherrn. Diese Klinge ist von Männern geschwungen worden. Sie haben mit ihr getötet.«

»Sie gehörte … einer verwandten Seele.«

Tam sah ihn an und versuchte, den Ausdruck in seinen Augen zu erforschen. »Nun, dann sollte ich sie wohl ausprobieren. Komm mit.«

»Jetzt noch?«

»Es ist noch früh am Abend«, sagte Tam. »Das ist eine gute Zeit. Das Übungsgelände wird nicht überfüllt sein.«

Rand hob eine Braue, ging aber aus dem Weg, als Tam den Tisch umrundete und das Zelt verließ. Er schloss sich ihm an, die Töchter folgten ihm, und sie begleiteten seinen Vater zu dem in der Nähe gelegenen Übungsgelände, wo ein paar Behüter im Licht von ein paar an Pfählen aufgehängten Laternen miteinander kämpften.

Neben einem Gestell mit hölzernen Übungswaffen zog Tam das neue Schwert und ging ein paar Schwertfiguren durch. Obwohl sein Haar ergraut war und viele Falten seine Augen umringten, bewegte sich Tam al’Thor wie ein Seidentuch im Wind. Rand hatte seinen Vater niemals kämpfen sehen, nicht einmal bei einem Übungskampf. Tatsächlich hatte ein Teil von ihm immer noch Probleme mit der Vorstellung, dass der sanfte Tam al’Thor mehr als Birkhühner für den Kochtopf tötete.

Jetzt sah er es. Im Schein der flackernden Laternen schlüpfte Tam al’Thor in die Schwertfiguren wie in ein bequemes Paar Stiefel. Seltsamerweise verspürte Rand Eifersucht. Nicht unbedingt auf seinen Vater, sondern auf jeden, der sich in den Frieden der Schwertübungen versenken konnte. Er hob seine Hand, dann den Stumpf auf der anderen Seite. Viele der Figuren benötigten zwei Hände. So wie Tam zu kämpfen war nicht das Gleiche, wie mit Kurzschwert und Schild zu kämpfen, wie es die meisten Infanteristen taten. Das war etwas völlig anderes. Rand konnte noch immer kämpfen, aber das hier blieb ihm jetzt für alle Zeiten verwehrt. Wie einem einfüßigen Mann der Tanz.

Tam vollendete ›Der Hase findet sein Loch‹ und ließ die Waffe mit einer glatten Bewegung in ihre Scheide gleiten. Die Klinge reflektierte das Laternenlicht, als sie in ihrer Hülle verschwand. »Wunderschön«, sagte Tam. »Beim Licht, das Gewicht, die Schmiedearbeit … Ist es mit der Macht geschmiedet worden?«

»Das weiß ich nicht«, sagte Rand.

Er hatte nie Gelegenheit gehabt, mit der Klinge zu kämpfen.

Tam nahm von einem Diener einen Becher mit Wasser entgegen. In der Ferne übten ein paar junge Rekruten Pikenformationen, arbeiteten bis tief in die Nacht. Jeder Augenblick Ausbildung war kostbar, vor allem für jene, die nicht oft in der Frontlinie standen.

Neue Rekruten, dachte Rand und sah ihnen zu. Auch sie sind meine Bürde. Jeder Mann, der kämpft.

Er würde eine Möglichkeit finden, den Dunklen König zu besiegen. Falls ihm das nicht gelang, war der Kampf dieser Männer völlig sinnlos.

»Du bist besorgt, mein Sohn«, sagte Tam und gab dem Jungen den Becher zurück.

Rand beruhigte sich wieder, fand Frieden und wandte sich seinem Vater zu. Ihm fiel etwas aus seinen alten Erinnerungen ein, etwas aus einem Buch. Der Schlüssel zur Führung liegt in den sich kräuselnden Wellen. Auf einer Wasseroberfläche gab es keine Ruhe, wenn darunter Unruhe herrschte. Genauso wenig konnte man Frieden und Konzentration in einer Gruppe finden, wenn der Anführer keinen inneren Frieden kannte.

Tam musterte ihn, fragte ihn aber nicht nach seinem plötzlich so beherrschten Gesichtsausdruck. Stattdessen nahm er eines der ausgewogenen Übungsschwerter vom Gestell. Er warf es Rand zu, der es auffing, während er den anderen Arm auf dem Rücken hielt.

»Vater«, sagte Rand warnend, als Tam selbst ein Übungsschwert nahm. »Das ist keine gute Idee.«

»Ich habe gehört, dass du ein echter Schwertkämpfer geworden bist«, sagte Tam und führte ein paar Schläge mit dem Übungsschwert aus, um seine Balance zu prüfen. »Ich würde gern sehen, was du kannst. Nenn es väterlicher Stolz, wenn du willst.«

Rand seufzte und hielt den anderen Arm in die Höhe, um den Stumpf zu zeigen. Die Blicke der Leute neigten dazu, ihn zu ignorieren, als würden sie einen Grauen Mann sehen. Ihnen gefiel die Vorstellung nicht, dass ihr Wiedergeborener Drache mit einem Makel behaftet war.

Er ließ sie nie wissen, wie müde er sich im Inneren fühlte. Sein Körper war abgenutzt wie ein seit Generationen benutzter Mühlstein. Er war noch robust genug, um seine Aufgabe zu erfüllen, und das würde er auch, aber beim Licht, manchmal fühlte er sich schrecklich erschöpft. Die Hoffnungen von Millionen zu tragen war schwerer, als einen Berg in die Höhe zu stemmen.

Tam nahm auf den Stumpf keine Rücksicht. Er zog ein Taschentuch hervor, wickelte es um eine Hand und knotete es mithilfe der Zähne fest. »Ich werde mit dieser Hand nichts anfassen können«, sagte er und schwang das Holzschwert erneut. »Es wird ein fairer Kampf sein. Komm schon, Sohn.«