In Tams Stimme lag Autorität – die Autorität eines Vaters. Es war der gleiche Tonfall, den er einst benutzt hatte, damit Rand aus den Federn kroch, um den Melkschuppen auszumisten.
Es war Rand unmöglich, diesem Tonfall nicht zu gehorchen, nicht, wenn er von Tam kam. Das war in ihm verwurzelt. Mit einem Seufzen trat er vor. »Ich brauche kein Schwert mehr für den Kampf. Ich habe die Eine Macht.«
»Das wäre von Bedeutung«, sagte Tam, »wenn Üben etwas mit richtigem Kämpfen zu tun hätte.«
Rand runzelte die Stirn. Was …
Tam griff an.
Rand parierte halbherzig. Tam wechselte zu ›Federn schweben im Wind‹, drehte das Schwert und teilte einen zweiten Schlag aus. Rand wich zurück und parierte wieder. In ihm regte sich etwas, ein Verlangen. Als Tam wieder angriff, hob er das Schwert und brachte instinktiv die Hände zusammen.
Aber da war keine zweite Hand, um den unteren Teil des Schwertgriffs zu umfassen. Damit blieb sein Griff schwach, und als Tam nachsetzte, schlug er Rand um ein Haar die Waffe aus der Hand.
Rand biss die Zähne zusammen und wich noch einen Schritt zurück. Was würde Lan wohl sagen, wenn er bei einem seiner Schüler eine so beklagenswerte Leistung beobachtet hätte? Was er sagen würde? Er würde sagen: »Rand, lass dich nicht auf einen Schwertkampf ein. Du kannst ihn nicht gewinnen. Das ist vorbei.«
Beim nächsten Angriff fintierte Tam rechts, schlug aber links zu und traf ihn am Oberschenkel. Rand tänzelte mit brennender Haut zurück. Tam hatte ihn tatsächlich geschlagen, und zwar hart. Der Mann hielt sich wirklich nicht zurück.
Wie lange war es her, dass jemand mit ihm einen Übungskampf ausgetragen hatte und tatsächlich bereit gewesen war, ihn zu verletzen? So viele behandelten ihn, als wäre er zerbrechlich. Lan hatte das nie getan.
Rand stürzte sich in den Kampf und probierte es mit ›Der Keiler stürmt bergab‹. Ein paar Augenblicke lang schlug er auf Tam ein, aber dann hebelte ihm sein Vater das Schwert beinahe wieder aus der Hand. Die langen, für Schwertmeister gemachten Klingen waren ohne zweite Hand schwierig zu stabilisieren.
Rand knurrte und verfiel wieder in den zweihändigen Stand und scheiterte auch wieder. Mittlerweile hatte er gelernt, mit allem zurechtzukommen, was er verloren hatte – zumindest, was sein Alltagsleben betraf. Seit dem Verlust seiner Hand hatte er sich nicht viel im Kampf geübt, obwohl er das eigentlich gewollt hatte.
Er kam sich vor wie ein Stuhl, dem ein Bein fehlte. Mit einiger Mühe konnte er das Gleichgewicht bewahren, wenn auch nicht besonders gut. Er kämpfte und probierte eine Figur nach der anderen aus, aber er konnte Tams Angriffe kaum bewältigen.
Es ging nicht! Jedenfalls nicht gut, also warum versuchte er es überhaupt? Was diese Aktivität betraf, war er beschädigtes Gut. Ein Übungskampf machte keinen Sinn. Schweißüberströmt wandte er sich ab, zog den Mantel aus und schleuderte ihn zur Seite. Er versuchte es erneut, suchte sich auf dem niedergetrampelten Gras einen festen Stand, aber wieder war Tam überlegen und trat ihm beinahe die Beine unter dem Körper weg.
Das ist sinnlos! Warum einhändig kämpfen? Warum nicht eine andere Möglichkeit finden? Warum …
Tam tat es.
Rand kämpfte defensiv weiter, richtete die Aufmerksamkeit aber auf seinen Vater. Tam musste den Kampf mit nur einer Hand geübt haben; Rand las es seinen Bewegungen ab, wie er instinktiv nicht versuchte, den Schwertgriff mit seiner verbundenen Hand zu ergreifen. Wenn er so darüber nachdachte, hätte er sich wohl die Mühe machen sollen, ebenfalls mit nur einer Hand zu üben. Schließlich konnten Hände im Kampf leicht verletzt werden, und einige Schwertfiguren konzentrierten sich auf Angriffe auf die Arme. Lan hatte ihm gesagt, er solle üben, seinen Griff zu wechseln. Vielleicht hätte der Kampf mit nur einer Hand später auf dem Lehrplan gestanden.
»Lass los, mein Sohn«, sagte Tam.
»Was soll ich loslassen?«
»Alles.« Tam stürmte auf ihn ein und ließ im Laternenlicht Schatten zucken, und Rand suchte das Nichts. Sämtliche Gefühle gingen in die Flamme und ließen ihn zugleich völlig leer und mit sich im Reinen zurück.
Der nächste Angriff traf beinahe seinen Kopf. Fluchend glitt Rand in ›Der Reiher watet durch das Schilf‹, wie Lan es ihm beigebracht hatte, hob die Holzklinge, um den nächsten Hieb zu parieren. Wieder versuchte seine fehlende Hand, den Schwertgriff zu packen. Man konnte jahrelangen Drill nicht an einem Nachmittag ungeschehen machen!
Lass los.
Ein Windstoß strich über das Feld und trug den Geruch eines sterbenden Landes mit sich. Moos, Schimmel, Fäulnis.
Moos lebte. Schimmel war eine lebendige Sache. Damit ein Baum verfaulen konnte, musste das Leben weitergehen.
Ein Mann mit nur einer Hand war noch immer ein Mann, und wenn diese Hand ein Schwert hielt, war er noch immer gefährlich.
Tam nahm ›Der Falke entdeckt den Hasen‹ ein, eine sehr aggressive Schwertfigur. Wieder griff er an. Rand sah die nächsten paar Augenblicke vor sich, bevor sie geschahen. Er sah sich selbst, wie er das Schwert auf die richtige Weise hob, um die feindliche Klinge abzuwehren – eine Figur, die erforderte, dass er sein Schwert einem mangelhaften Gleichgewicht aussetzte, weil ihm die zweite Hand fehlte. Er sah, wie Tam das Schwert aushebelte, um es ihm aus der Hand zu schlagen. Er sah den darauf erfolgenden Angriff, der seinen Hals treffen würde.
Tam würde innehalten, bevor er zuschlug. Rand würde den Kampf verlieren.
Lass los.
Rand veränderte seine Griffposition. Er dachte nicht darüber nach; er tat das, was sich richtig anfühlte. Als Tam in seine Nähe kam, riss er den linken Arm hoch, um seine rechte Seite zu stabilisieren, während er die Klinge kreiseln ließ. Tams Schwert glitt daran ab, schlug sie ihm aber nicht aus der Hand.
Tams Rückhandschlag kam wie erwartet, traf aber Rands Ellbogen, den Ellbogen seines nutzlosen Arms. Er war also doch nicht so nutzlos. Effektiv blockierte er das Schwert, obwohl der Aufprall einen stechenden Schmerz hervorrief.
Tam erstarrte, seine Augen weiteten sich – zuerst vor Überraschung, dass sein Hieb abgewehrt worden war, dann in offensichtlicher Sorge, weil er Rand einen ordentlichen Treffer zugefügt hatte. Vermutlich hatte er sogar einen Knochen gebrochen.
»Rand«, sagte er. »Ich …«
Rand trat einen Schritt zurück, legte den verletzten Arm auf den Rücken und hob das Schwert. Er atmete die überwältigenden Gerüche einer verwundeten Welt ein – verwundet, aber nicht tot.
Er griff an. ›Der Eisvogel räubert in den Nesseln‹. Rand wählte die Schwertfigur nicht bewusst, es passierte einfach. Vielleicht war es seine Haltung, das Schwert gerade ausgestreckt, den anderen Arm auf den Rücken gelegt. Das führte ihn automatisch in die offensive Figur.
Tam wehrte den Angriff misstrauisch ab, machte einen Schritt zur Seite. Rand glitt in seine nächste Schwertfigur. Er versuchte, seine Instinkte auszuschalten, und sein Körper passte sich der Herausforderung an. Sicher geborgen im Nichts erübrigte sich die Frage, wie das möglich war.
Jetzt begann der Wettkampf richtig. Die Schwerter trafen mit scharfen Hieben aufeinander, Rand hielt die Hand auf dem Rücken und fühlte, wie sein nächster Schlag aussehen sollte. Er kämpfte nicht so gut wie früher. Das konnte er nicht; manche Figuren waren ihm unmöglich, und er konnte auch nicht mit so viel Kraft wie gewohnt zuschlagen.
Er war Tam ebenbürtig. Bis zu einem gewissen Grad. Jeder Schwertkämpfer vermochte zu sagen, wer bei einem Kampf der bessere von ihnen war. Oder zumindest, wer im Vorteil war. Das war Tam eindeutig. Rand war jünger und stärker, aber Tam war einfach so unerschütterlich. Er hatte den Kampf mit nur einer Hand geübt. Davon war Rand überzeugt.
Es war ihm egal. Diese Konzentration … diese Konzentration hatte er vermisst. Dank der Sorgen, die so schwer auf ihm lasteten, seiner Bürde, hatte er für etwas so Einfaches wie ein Übungsduell keine Zeit gehabt. Jetzt fand er sie und warf sich mit Leib und Seele hinein.