Eine Weile war er nicht der Wiedergeborene Drache. Er war nicht einmal ein Sohn mit seinem Vater. Er war ein Schüler mit seinem Meister.
Und so erinnerte er sich daran, dass ganz egal, wie gut er geworden war, ganz egal, woran er sich nun an alles erinnerte, er noch immer so viel lernen konnte.
Sie kämpften weiter. Rand zählte nicht, wer bei welchem Schlagabtausch den Vorteil gehabt hatte; er kämpfte einfach und genoss den Frieden, den ihm das brachte. Schließlich war er erschöpft – aber es war eine gute Art der Erschöpfung, die nichts mit der bleiernen Zermürbung gemeinsam hatte, die er in letzter Zeit immer häufiger verspürt hatte. Es war die Erschöpfung einer hinreichend erledigten Arbeit.
Schwitzend salutierte er Tam mit dem Übungsschwert und zeigte damit an, dass er genug hatte. Sein Vater trat zurück und hob ebenfalls das Schwert. Er grinste.
In der Nähe neben den Laternen fing eine Handvoll Behüter an, zu applaudieren. Kein großes Publikum – nur sechs Männer –, aber Rand hatte sie nicht bemerkt. Die Töchter hoben ihre Speere zum Salut.
»Das war eine ganz schöne Last, nicht wahr?«, fragte Tam.
»Welche Last?«
»Diese verlorene Hand, mit der du dich abgemüht hast.«
Rand betrachtete seinen Stumpf. »Ja. Ich glaube, das war es tatsächlich.«
Tylins Geheimgang führte zum Garten und endete an einem winzigen Loch, das sich nicht weit von der Stelle befand, an der Mat mit seiner Kletterpartie begonnen hatte. Er kroch hinaus, klopfte sich den Staub von den Schultern und den Knien, dann legte er den Kopf in den Nacken und schaute zu dem Balkon in der Höhe empor. Er war zu den Höhen des Gebäudes emporgeklettert und durch seine Eingeweide wieder herausgekrochen. Vielleicht lag darin ja irgendeine Lektion oder Metapher. Vielleicht die, dass Matrim Cauthon nach Geheimgängen suchen sollte, bevor er sich entschied, an einem Gebäude mit verfluchten vier Stockwerken hochzuklettern.
Leise betrat er den Garten. Dem Grünzeug ging es gar nicht gut. Diese Farne hätten viel mehr Wedel haben müssen, und die Bäume waren so nackt wie eine Tochter im Schweißzelt. Eigentlich keine Überraschung. Das ganze Land welkte schneller dahin als ein Junge bei Bel Tine ohne Tanzpartnerin. Mat war sich ziemlich sicher, dass Rand daran schuld war. Rand oder der Dunkle König. Er konnte jedes verdammte Problem seines Lebens zu dem einen oder anderen zurückverfolgen.
Das Moos lebte noch. Mat hatte noch nie davon gehört, dass man Moos in einem Garten pflegte, aber er hätte schwören können, dass man es hier in Mustern auf Steinen wachsen ließ. Vielleicht nahmen die Gärtner ja alles, was noch da war, nachdem der Rest abgestorben war.
Er musste eine Weile suchen und durch vertrocknete Büsche und vorbei an toten Blumenbeeten spähen, um Tuon zu finden. Eigentlich erwartete er, sie friedlich sitzend vorzufinden, wie sie über etwas nachdachte, aber er hätte es besser wissen sollen.
Neben einem Farn ging Mat in die Hocke, ohne von dem Dutzend Totenwächtern bemerkt zu werden, die in einem Kreis um Tuon standen, die sich gerade im waffenlosen Kampf übte. Sie wurde von zwei Laternen angestrahlt, die ein seltsames, gleichmäßiges blaues Licht abgaben. Etwas brannte in ihnen, aber es war keine normale Flamme.
Das Licht leuchtete auf ihrer glatten Haut, die den Farbton besonders dunkler Erde hatte. Sie trug ein helles A’solma, ein an den Seiten geschlitztes Gewand, das die engen blauen Beinkleider darunter enthüllte. Tuon war zierlich; einst hatte er fälschlicherweise angenommen, sie sei eine zarte Person. Das war sie nicht.
Sie hatte sich wieder den Kopf rasiert, da sie sich nicht länger verbarg. Die Kahlheit stand ihr, so seltsam das auch war. Sie bewegte sich in dem blauen Lichtschein und führte mit geschlossenen Augen eine Reihe Handbewegungen des waffenlosen Kampfes aus. Sie schien mit ihrem eigenen Schatten zu kämpfen.
Mat zog dem Kampf mit leeren Händen ein gutes Messer vor – oder noch besser, seinen Ashandarei. Je mehr Abstand er zwischen sich und einen Burschen brachte, der ihn umzubringen versuchte, umso besser. Tuon schien beides nicht zu brauchen. Als er ihr so zusah, wurde ihm bewusst, wie viel Glück er in der Nacht gehabt hatte, in der er sie entführt hatte. Ohne Waffen war sie tödlich.
Sie wurde langsamer und beschrieb ein sanftes Muster vor dem Körper, dann stieß sie die Hände schnell zur Seite. Sie atmete ein und brachte sie zur anderen Seite, wobei sich ihr ganzer Körper drehte.
Liebte er sie?
Die Frage bereitete ihm Unbehagen. Schon seit Wochen nagte sie am Rand seines Verstandes, wie eine Ratte, die unbedingt zum Korn wollte. Es war nicht die Art von Frage, die ein Matrim Cauthon stellen sollte. Matrim Cauthon interessierte sich allein für das Mädchen auf seinem Schoß und den nächsten Wurf der Würfel. Fragen über Liebesangelegenheiten überließ man besser den Ogiern, die hatten genug Zeit zu sitzen und den Bäumen beim Wachsen zuzusehen.
Er hatte sie geheiratet. Aber das war so etwas wie ein Zufall gewesen, oder nicht? Die verfluchten Füchse hatten ihm das vorhergesagt. Sie hatte ihn ebenfalls heiraten wollen. Den wahren Grund dafür kannte er noch immer nicht. Hatte es etwas mit diesen Omen zu tun gehabt, von denen sie immer sprach? Ihre Brautwerbung war mehr ein Spiel als eine Romanze gewesen. Er mochte Spiele, und er spielte immer, um zu siegen. Tuons Hand war der Gewinn gewesen. Aber was sollte er jetzt, wo er sie hatte, damit anfangen?
Sie machte weiter mit ihren Übungen und bewegte sich wie ein Schilfrohr im Wind. Eine Neigung in diese Richtung, dann eine anmutige Bewegung in die andere. Die Aiel bezeichneten einen Kampf als Tanz. Was würden sie wohl hiervon halten? Tuon bewegte sich so anmutig wie jeder Aiel. Wenn eine Schlacht tatsächlich ein Tanz war, dann wurde er hauptsächlich zur Musik eines ausgelassenen Schenkraums aufgeführt. Das hier folgte der rhythmischen Melodie eines Meisterbarden.
Hinter Tuons Schulter bewegte sich etwas. Mat spannte sich an und spähte in die Dunkelheit. Ah, es war bloß ein Gärtner. Ein ganz gewöhnlich aussehender Bursche mit einer Mütze auf dem Kopf und Sommersprossen auf den Wangen. Kaum der Beachtung wert. Mat ignorierte ihn und beugte sich vor, um mehr von Tuon sehen zu können. Ihre Schönheit ließ ihn lächeln.
Warum würde ein Gärtner zu dieser Uhrzeit hier arbeiten?, dachte er. Muss ja ein seltsamer Bursche sein.
Mat sah wieder zu dem Mann hin, hatte aber Probleme, ihn auf Anhieb auszumachen. Er trat gerade zwischen zwei Männer der Garde der Totenwache. Es schien sie nicht zu stören. Also hätte es Mat auch nicht stören sollen. Anscheinend vertrauten sie dem Mann ja …
Mat griff in den Ärmel und zog ein Messer. Er hob es, ohne weiter darüber nachzudenken, warum er es tat. Dabei strich seine Hand kaum hörbar über einen Farnwedel.
Tuon riss die Augen auf und blickte trotz des schwachen Lichts direkt in seine Richtung. Sie sah das zum Wurf bereite Messer in seiner Hand.
Dann blickte sie über die Schulter.
Mat warf, und die Klinge wirbelte durch das blaue Licht. Sie passierte Tuons Kinn in einem Abstand von weniger als Fingerbreite und bohrte sich in die Schulter des Gärtners, der ebenfalls gerade mit einem Messer ausholte. Mit einem Keuchen taumelte der Mann zurück. Mat hätte lieber seinen Hals getroffen, aber er hatte nicht das Risiko eingehen wollen, Tuon zu treffen.
Statt das Vernünftige zu tun und aus seiner Nähe zu verschwinden, sprang Tuon auf den Mann zu und schlug mit den Händen nach seiner Kehle. Das ließ Mat lächeln. Unglücklicherweise hatte der Gärtner gerade genug Zeit – und ihr fehlte um Haaresbreite die richtige Position –, um einen Satz rückwärts zu machen und an den verblüfften Totenwächtern vorbeizukommen. Mats zweiter Dolch bohrte sich hinter der Ferse des Attentäters in den Boden, während er in der Nacht verschwand.
In der nächsten Sekunde krachten drei Männer – von denen jeder ungefähr so viel wog wie ein kleines Haus – auf Mat und drückten sein Gesicht in den weichen Boden. Einer trat auf sein Handgelenk, ein anderer nahm ihm den Ashandarei ab.