»Aufhören!«, brüllte Tuon. »Lasst ihn los! Verfolgt den anderen, ihr Narren!«
»Welchen anderen, Majestät?«, fragte ein Wächter. »Da war kein anderer.«
»Und wem gehört dann dieses Blut?«, fragte Tuon und zeigte auf den dunklen Flecken, den der Attentäter auf dem Boden zurückgelassen hatte. »Der Prinz der Raben sah, was ihr nicht gesehen habt. Durchsucht alles!«
Langsam stiegen die Totenwächter von Mat herunter. Er stöhnte. Womit fütterten sie diese Burschen? Mit Ziegelsteinen? Er verabscheute es, »Hoheit« genannt zu werden, aber ein bisschen Respekt wäre ja nett gewesen. Zumindest, wenn es verhindert hätte, dass man sich auf ihn setzte.
Er stand auf und streckte einem verlegen aussehenden Totenwächter die Hand entgegen. Das Gesicht des Burschen hatte mehr Narben als Haut. Er gab Mat den Ashandarei, dann lief auch er los, um den Garten zu durchsuchen.
Offensichtlich vollkommen unerschüttert verschränkte Tuon die Arme. »Ihr habt Euch entschieden, Eure Rückkehr zu mir zu verzögern, Matrim.«
»Meine Rückkehr zu … Ich bin verdammt noch mal hier, um Euch zu warnen, und nicht, um zu Euch ›zurückzukehren‹. Ich bin mein eigener Mann.«
»Wenn Ihr das vorgeben wollt, könnt Ihr das gern tun«, erwiderte Tuon und sah zu, wie die Totenwächter in den Büschen herumsuchten. »Aber Ihr dürft nicht fortbleiben. Ihr seid für das Kaiserreich wichtig, und ich habe Verwendung für Euch.«
»Klingt ja toll«, murrte Mat.
»Was war es?«, fragte sie leise. »Ich habe diesen Mann nicht wahrgenommen, bevor Ihr die Aufmerksamkeit auf ihn lenktet. Diese Wächter sind die Besten im Kaiserreich. Ich habe gesehen, wie Daruo dort vorn mit bloßer Hand einen Pfeil aus der Luft pflückte, und Barrin hat einmal einen Mann daran gehindert, mich anzuhauchen, weil er den Verdacht hatte, ein Attentäter mit einem Mund voll Gift könnte kommen. Er hatte recht.«
»Man nennt es einen Grauen Mann«, sagte Mat und fröstelte. »Sie haben etwas seltsam Gewöhnliches an sich – sie sind schwer zu bemerken, und es kostet große Mühe, sich auf sie zu konzentrieren.«
»Ein Grauer Mann«, sagte Tuon leise. »Und noch mehr Mythen erwachen zum Leben. Wie Eure Trollocs.«
»Trollocs sind real, Tuon. Verdammt …«
»Natürlich sind Trollocs real«, erwiderte sie. »Warum sollte ich das nicht glauben?« Sie sah ihn trotzig an, als fordere sie ihn heraus, die vielen Male zur Sprache zu bringen, in denen sie sie als Mythos bezeichnet hatte. »Dieser Graue Mann scheint ebenfalls real zu sein. Es gibt keine andere Erklärung, warum meine Wächter ihn durchließen.«
»Ich vertraue der Totenwache durchaus«, sagte Mat und rieb sich die Schulter, wo einer von ihnen sein Knie hingestemmt hatte. »Aber ich weiß nicht, Tuon. General Galgan will Euch umbringen lassen; er könnte für den Feind arbeiten.«
»Er meint seine Attentatsversuche nicht ernst«, sagte sie gleichgültig.
»Seid Ihr verdammt noch mal verrückt?«, fragte Mat.
»Seid Ihr verdammt noch mal dumm?«, fragte sie zurück. »Er hat doch bloß Meuchelmörder aus diesem Land angeheuert, keine richtigen Attentäter.«
»Dieser Graue Mann kommt aus diesem Land!«
Das ließ sie verstummen. »Mit wem habt Ihr um dieses Auge gespielt?«
Beim Licht! Würde ihn jeder mit diesen Worten danach fragen? »Ich habe eine raue Sache durchgemacht«, antwortete er. »Ich bin lebend davongekommen, nur darauf kommt es an.«
»Hmm. Und habt Ihr sie gerettet? Die, die Ihr retten wolltet?«
»Woher wisst Ihr davon?«
Darauf gab sie keine Antwort. »Ich habe mich entschieden, nicht eifersüchtig zu sein. Ihr könnt Euch glücklich schätzen. Das fehlende Auge passt zu Euch. Ihr wart früher einfach zu hübsch.«
Zu hübsch? Beim Licht! Was sollte das denn schon wieder heißen?
»Übrigens ist es schön, Euch zu sehen«, sagte Mat. Er wartete ein paar Momente. »Wenn ein Bursche so etwas normalerweise sagt, dann gehört es sich, ihm zu erwidern, dass man sich ebenfalls freut, ihn zu sehen.«
»Ich bin jetzt die Kaiserin«, sagte Tuon. »Ich warte nicht auf andere, und ich finde es auch nicht ›schön‹, dass jemand zurückgekehrt ist. Ihre Rückkehr wird vorausgesetzt, da sie mir dienen.«
»Ihr wisst wirklich, wie man dafür sorgt, dass sich ein Bursche geliebt fühlt. Nun, ich weiß, wie Ihr für mich empfindet.«
»Und wie sollte das möglich sein?«
»Ihr habt über die Schulter geblickt.«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich hatte vergessen, wie gut Ihr doch darin seid, völlig bedeutungslose Dinge zu sagen, Matrim.«
»Als Ihr mich gesehen habt«, erklärte er, »mit einem Dolch in der Hand und als wollte ich ihn auf Euch schleudern, habt Ihr nicht nach den Wächtern gerufen. Ihr hattet nicht die geringste Angst, dass ich gekommen bin, um Euch zu töten. Ihr habt über die Schulter gesehen, um zu erfahren, worauf ich zielte. Das ist die liebevollste Geste, die ein Mann wohl von einer Frau bekommen kann. Natürlich nur vorausgesetzt, Ihr wollt Euch nicht einen Moment auf meinen Schoß setzen …«
Sie antwortete nicht. Beim Licht, sie erschien so kalt. Würde alles anders sein, jetzt, da sie die Kaiserin war? Er konnte sie doch nicht schon verloren haben, oder?
Furyk Karede, der Hauptmann der Totenwache, traf ein, gefolgt von Musenge. Karede sah aus, als hätte er soeben bemerkt, dass sein Haus brannte. Die anderen Totenwächter salutierten ihm und schienen in sich zusammenzuschrumpfen.
»Kaiserin, mein Blick ist gesenkt worden«, verkündete er und warf sich vor ihr auf den Bauch. »Ich werde mich zu jenen gesellen, die Euch im Stich ließen, und mein Leben vor Euch beenden, sobald eine neue Abteilung eingetroffen ist, um für Euren Schutz zu sorgen!«
»Euer Leben gehört mir«, erwiderte Tuon, »und ihr alle werdet es nicht beenden, bevor ich es erlaube. Dieser Attentäter war nicht von natürlicher Geburt, sondern eine Schöpfung des Schattens. Euer Blick ist nicht gesenkt. Der Prinz der Raben wird euch beibringen, diese Art von Kreatur zu entdecken, also wird man euch auch nicht wieder überraschen.«
Mat war sich ziemlich sicher, dass Graue Männer auf ganz natürliche Weise zur Welt kamen, aber das galt auch für Trollocs und Blasse. Es erschien jedoch nicht angebracht, Tuon darauf hinzuweisen. Außerdem erregte etwas anderes in ihrem Befehl seine Aufmerksamkeit.
»Ich tue was?«, fragte er.
»Sie unterrichten«, sagte Tuon leise. »Ihr seid der Prinz der Raben. Das wird Teil Eurer Pflichten sein.«
»Darüber müssen wir uns noch unterhalten«, erwiderte Mat. »Dass mich jeder ›Hoheit‹ nennt, das geht nicht, Tuon. Das kommt einfach nicht infrage.«
Darauf antwortete sie nicht. Sie wartete, während die Suche fortgeführt wurde, und machte keinerlei Anstalten, in den Palast zurückzukehren.
Schließlich kam Karede zurück. »Höchstgeborene, im Garten ist keine Spur von dem Ding zu finden, aber einer meiner Männer hat Blut an der Mauer entdeckt. Ich vermute, der Attentäter ist in die Stadt geflohen.«
»Er wird es heute Nacht wohl kaum erneut versuchen«, sagte Tuon, »weil wir auf der Hut sind. Sorgt dafür, dass die gemeinen Soldaten und Wächter nichts erfahren. Informiert meine Stimme, dass unser Täuschungsmanöver nicht länger effektiv ist und wir uns ein neues ausdenken müssen.«
»Jawohl, Kaiserin«, sagte Karede und verneigte sich tief.
»Schwärmt jetzt aus und sichert alles«, sagte Tuon. »Ich werde Zeit mit meinem Gemahl verbringen, der darum ersucht, dass ich ihm das ›Gefühl‹ gebe, ›geliebt zu werden‹.«
»So habe ich das aber nicht ausgedrückt …«, sagte Mat, während die Totenwächter in der Dunkelheit verschwanden.
Tuon musterte ihn kurz, dann fing sie an, sich auszuziehen.
»Beim Licht!«, sagte Mat. »Das habt Ihr ernst gemeint?«
»Ich werde mich nicht auf Euren Schoß setzen!«, verkündete Tuon, zog einen Arm aus dem Ärmel und entblößte ihre Brüste, »obwohl ich Euch vielleicht erlaube, Euch auf meinen zu setzen. Heute Nacht habt Ihr mir das Leben gerettet. Damit habt Ihr Euch ein besonderes Privileg verdient. Es …«