Sie verstummte, als Mat sie packte und küsste. Vor Überraschung war sie ganz starr. Im verdammten Garten, dachte er. Wo überall in Hörweite Soldaten rumstehen. Nun, wenn sie etwa glaubte, dass Matrim Cauthon schüchtern war, würde sie eine Überraschung erleben.
Er entließ sie aus dem Kuss. Ihr Körper presste sich an ihn, und er bemerkte erfreut, dass sie atemlos war.
»Ich werde nicht dein Spielzeug sein«, sagte er streng. »Da mache ich nicht mit, Tuon. Wenn du so bist, gehe ich. Denk an meine Worte. Manchmal spiele ich den Narren. Bei Tylin tat ich es mit Sicherheit. Bei dir mache ich da aber nicht mit.«
Überraschend zärtlich berührte sie sein Gesicht. »Wenn ich in Euch bloß ein Spielzeug gefunden hätte, dann hätte ich niemals diese Worte gesagt. Ein Mann, dem ein Auge fehlt, ist sowieso kein Spielzeug. Ihr wart in der Schlacht, das wird von nun an jeder wissen, der Euch sieht. Sie werden Euch nicht mit einem Narren verwechseln, und ich habe keine Verwendung für ein Spielzeug. Ich werde stattdessen einen Prinzen haben.«
»Und liebst du mich?«, fragte er und zwang diese Worte heraus.
»Eine Kaiserin liebt nicht«, sagte sie. »Es tut mir leid. Ich bin mit Euch zusammen, weil es die Omen bestimmt haben, also werde ich Seanchan zusammen mit Euch einen Erben geben.«
Mat verspürte ein flaues Gefühl im Magen.
»Jedoch«, fuhr sie fort. »Vielleicht kann ich zugeben, dass es … schön ist, dich zu sehen.«
Nun, dachte Mat, vermutlich kann ich damit zufrieden sein. Für den Augenblick.
Er küsste sie wieder.
16
Eine Stille wie ein Schrei
Loial, Sohn von Arent, Sohn von Halan, hatte insgeheim schon immer einmal hektisch sein wollen.
Menschen faszinierten ihn, daraus hatte er nie ein Geheimnis gemacht. Er war sich ziemlich sicher, dass das die meisten seiner Freunde wussten, obwohl, so richtig sicher konnte er sich da nicht sein. Es war erstaunlich, was Menschen nicht mitbekamen. Den ganzen Tag konnte er mit ihnen sprechen, um dann herauszufinden, dass sie nur einen Teil davon mitbekommen hatten. Glaubten sie etwa, dass jemand einfach nur um des Redens willen redete?
Loial hörte zu, wenn sie sprachen. Jedes Wort aus ihrem Mund enthüllte mehr über sie. Menschen waren wie der Blitz. Ein flackerndes Aufleuchten, eine Explosion, Macht und Energie. Dann war alles verschwunden. Wie würde das wohl sein?
Hast. Aus Hast konnte man vieles lernen. Langsam fragte er sich aber, ob er diese besondere Lektion zu gut gelernt hatte.
Loial strich durch einen Wald, dessen Bäume zu still waren. Erith war an seiner Seite, andere Ogier umgaben sie. Alle hatten Äxte auf den Schultern oder trugen lange Messer, während sie zur Front marschierten. Eriths Ohren zuckten; sie war keine Baumsängerin, aber sie konnte spüren, dass sich die Bäume nicht wohlfühlten.
Es war in der Tat ganz schrecklich. Er konnte genauso wenig erklären, wie sich eine Gruppe gesunder Bäume anfühlte, wie er das Gefühl des Windes auf seiner Haut erklären konnte. Gesunde Bäume verbreiteten das Gefühl, dass alles richtig war. So wie der Geruch von morgendlichem Regen. Es war kein Laut, aber es fühlte sich wie eine Melodie an. Wenn er zu ihnen sang, dann schwamm er förmlich in diesem richtigen Gefühl.
Diese Bäume hatten nichts davon. Wenn er ihnen ganz nahe kam, glaubte er, etwas hören zu können. Eine Stille wie ein Schrei. Aber das war kein Laut, sondern nur ein Gefühl.
Vor ihnen im Wald tobte der Kampf. Königin Elaynes Streitkräfte zogen sich vorsichtig nach Osten zurück und ließen die Bäume hinter sich. Mittlerweile hatten sie fast den Rand des Braemwaldes erreicht; sobald sie ihn verlassen hatten, würden sie zu den Brücken marschieren, sie überqueren und hinter sich verbrennen. Dann würden die Soldaten Salven der Zerstörung auf die Trollocs herabregnen lassen, wenn diese versuchten, den Fluss hinter ihnen auf eigenen Brücken zu überqueren. Bashere hoffte, am Erinin dem Feind einen empfindlichen Schlag zu versetzen, bevor sie nach Osten gingen.
Loial war davon überzeugt, dass das alles faszinierendes Material für sein Buch bieten würde, sobald er es schrieb. Falls er es dann noch schreiben konnte. Er legte die Ohren flach an, als die Ogier ihr Kriegslied anstimmten. Er war froh um das schreckliche Lied – der Ruf nach Blut und Tod –, denn es füllte die von den Bäumen verbreitete Stille aus, und er sang mit.
Mit den anderen lief er los, Erith an seiner Seite. An der Front hob er die Axt hoch über den Kopf. Die Gedanken flohen ihn, als der Ärger über die Trollocs kam, nein, der Zorn. Sie töteten die Bäume nicht bloß. Sie raubten ihnen den Frieden.
Der Ruf nach Blut und Tod.
Loial brüllte sein Lied und ging mit der Axt auf die Kreaturen los; Erith und die anderen Ogier schlossen sich ihm an und brachten den Vorstoß der flankierenden Trolloc-Streitmacht zum Stehen. Er hatte nicht die Absicht gehabt, den Angriff der Ogier anzuführen. Er tat es trotzdem.
Er hieb auf die Schulter eines widdergesichtigen Trollocs ein und trennte seinen Arm ab. Das Ungeheuer brüllte auf und fiel auf die Knie, und Erith trat ihm ins Gesicht und schleuderte es zwischen die Beine eines hinter ihm befindlichen Trollocs.
Loial hielt nicht in seinem Lied inne, dem Ruf nach Blut und Tod. Sollten sie es hören! Sollten sie es hören! Schlag für Schlag. Totes Holz zu räumen, das war es, was sie hier taten. Totes, verrottendes, schreckliches Holz. Er und Erith kamen an die Seite des Ältesten Haman, der mit seinen angelegten Ohren schrecklich wild aussah. Der friedliche Älteste Haman. Auch ihn hatte der Zorn ergriffen.
Eine belagerte Reihe Weißmäntel – die die Ogier entsetzten – stolperte zurück und machte ihnen Platz.
Er sang und kämpfte und brüllte und tötete, schlug mit einer Axt auf die Trollocs ein, die eigentlich nur fürs Holzhacken bestimmt gewesen war und nie für den Einsatz gegen Fleisch. Mit Holz zu arbeiten war eine andächtige Sache. Das hier … das war bloß so etwas wie Unkrautjäten. Giftiges Unkraut. Alles erstickende Schlingpflanzen.
Er hackte weiter auf Trollocs ein und verlor sich in dem Ruf nach Blut und Tod. Die Kreaturen fingen an sich zu fürchten. In ihren kleinen Augen erblickte er Entsetzen, und er liebte es. Offensichtlich waren sie daran gewöhnt, nur gegen Menschen zu kämpfen, die kleiner als sie selbst waren.
Nun, sollten sie gegen jemanden von ihrer eigenen Größe kämpfen. Sie geiferten, als die Reihe der Ogier sie zurückdrängte. Loial landete Schlag auf Schlag, hackte Arme ab, hackte Oberkörper entzwei. Er bahnte sich seinen Weg vorbei an zwei Bären-Trollocs, schlug mit der Axt um sich, brüllte vor Zorn – und jetzt galt der Zorn dem, was die Trollocs den Ogiern angetan hatten. Sie hätten den Frieden des Stedding genießen sollen. Sie hätten singen und Dinge bauen oder wachsen lassen sollen.
Das war ihnen verwehrt. Nur wegen diesem … diesem Unkraut blieb ihnen das verwehrt! Die Ogier waren gezwungen, zu töten. Die Trollocs hatten Baumeister zu Zerstörern gemacht. Sie zwangen Ogier und Menschen, wie sie selbst zu sein. Der Ruf nach Blut und Tod.
Nun, der Schatten würde ja erleben, wie gefährlich Ogier sein konnten. Sie würden kämpfen, und sie würden töten. Und sie würden darin besser sein, als es sich jeder Mensch, Trolloc oder Myrddraal nur vorstellen konnte.
Der Furcht nach zu urteilen, die Loial in den ängstlichen Augen der Kreaturen lesen konnte, begriffen sie allmählich.
»Beim Licht!«, rief Galad aus und entfernte sich von dem Getümmel. »Beim Licht!«
Der Angriff der Ogier war schrecklich und glorreich zugleich. Die Kreaturen kämpften mit angelegten Ohren, weit aufgerissenen Augen und breiten Gesichtern so flach wie ein Amboss. Sie schienen sich zu verwandeln, und ihre sonstige Friedfertigkeit war verschwunden. Sie schnitten durch die Reihen der Trollocs und hackten die Bestien in Grund und Boden. Ihre zweite Reihe, die größtenteils aus Frauen bestand, zerteilte die Ungeheuer mit langen Messern und machten jeden nieder, der es durch die erste Reihe geschafft hatte.