Galad hatte die Trollocs mit ihrer abartigen Mischung aus menschlichen und tierischen Gesichtszügen für Furcht einflößend gehalten, aber die Ogier verstörten ihn noch mehr. Trollocs waren einfach nur entsetzlich … aber Ogier waren sanft, freundlich und bescheiden. Sie so in Wut zu sehen, wie sie ihr schreckliches Lied brüllten und mit Äxten von beinahe Mannslänge angriffen … beim Licht!
Galad winkte die Kinder zurück und duckte sich, als ganz in der Nähe ein Trolloc gegen einen Baum krachte. Ein paar der Ogier packten verwundete Tiermenschen bei den Armen und schleuderten sie aus dem Weg. Viele der anderen Ogier waren bis zur Taille blutgetränkt und hackten wie Fleischer, die ihre Ware für die Auslage vorbereiteten. Gelegentlich fiel einer von ihnen, aber auch wenn sie keine Rüstung trugen, schien ihre Haut doch sehr widerstandsfähig zu sein.
»Licht!«, sagte Trom und kam an Galads Seite. »Habt Ihr jemals so etwas gesehen?«
Galad schüttelte den Kopf. Das war die ehrlichste Antwort, die ihm einfiel.
»Hätten wir doch nur eine ganze Armee von ihnen …«, sagte Trom.
»Sie sind Schattenfreunde«, sagte Golever, als er sich zu ihnen gesellte. »Mit Sicherheit jedoch Schattengezücht.«
»Ogier sind genauso wenig Schattengezücht wie ich«, sagte Galad trocken. »Seht nur hin, sie schlachten die Trollocs.«
»Sie werden sich jeden Augenblick gegen uns wenden«, beharrte Golever. »Seht nur …« Er verstummte und lauschte dem Kriegslied der Ogier. Eine große Gruppe Trollocs hatte genug und strömte um einen fluchenden Myrddraal herum zurück. Die Ogier ließen sie nicht entkommen. Außer sich vor Wut jagten die Baumeister hinter den Bestien her, die langstieligen Äxte hackten nach ihren Beinen, brachten sie inmitten von Blutregen und Schmerzensschreien zu Boden.
»Nun?«, fragte Trom.
»Vielleicht …«, sagte Golever. »Vielleicht ist das ja ein hinterhältiger Plan. Um unser Vertrauen zu gewinnen.«
»Seid kein Narr, Golever«, meinte Trom.
»Ich bin kein …«
Galad hob die Hand. »Sammelt unsere Verwundeten ein. Begeben wir uns zur Brücke.«
Rand ließ den Farbenwirbel aus seinem Sichtfeld verschwinden. »Bald ist der Augenblick gekommen, dass ich gehe«, sagte er.
»In die Schlacht?«, fragte Moiraine.
»Nein, zu Mat. Er ist in Ebou Dar.«
Er war aus Elaynes Lager nach Merrilor zurückgekehrt. Noch immer spukte ihm die Unterhaltung mit Tam im Kopf herum. Lass los. Als wäre das so einfach. Und doch hatte das Gespräch mit seinem Vater etwas von ihm genommen. Lass los. Tams Worte schienen eine tiefer liegende Bedeutung zu haben, die weit über das Offensichtliche hinausging.
Er schüttelte den Kopf. Er konnte es sich nicht leisten, Zeit mit solchen Gedanken zu verschwenden. Die Letzte Schlacht … sie erforderte seine Aufmerksamkeit.
Ich konnte nahe herankommen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, dachte er und berührte den Dolch mit dem Hirschhorngriff an seinem Gürtel. Anscheinend stimmt es. Der Dunkle König kann mich nicht wahrnehmen, wenn ich ihn trage.
Aber bevor er gegen den Dunklen König losschlagen konnte, musste er etwas wegen der Seanchaner unternehmen. Falls stimmte, was Thom erzählt hatte, war Mat möglicherweise der Schlüssel. Die Seanchaner mussten sich dem Drachenfrieden anschließen. Falls nicht …
»Das ist ein Ausdruck, an den ich mich gut erinnern kann«, sagte die leise Stimme hinter ihm. »Verwirrung. Das macht Ihr so gut, Rand al’Thor.«
Er wandte sich ihr zu. Hinter ihr auf dem Tisch lagen von Aviendha mit Boten geschickte Karten, die die Positionen zeigten, wo sich sein Heer in der Fäule sammeln konnte.
Sie trat einen Schritt vor. »Wisst Ihr eigentlich, dass ich stundenlang darüber nachgedacht habe, dass ich zu ergründen versuchte, was Euer Verstand ausbrütete? Es ist ein Wunder, dass ich mir vor Verzweiflung nicht jedes Haar ausgerissen habe.«
»Ich war ein Narr, dass ich Euch nicht vertraut habe«, sagte Rand.
Sie lachte. Ein leises Lachen, das Lachen einer Aes Sedai, die die Kontrolle hatte. »Ihr habt mir genug vertraut. Das hat es ja so frustrierend gemacht, dass Ihr Eure Gedanken nicht mit mir teilen wolltet.«
Rand atmete tief ein. In Merrilor war die Luft süßer als anderswo. Er hatte das Land hier zu neuem Leben hervorlocken können. Gras wuchs. Blumen sprossen. »Baumstümpfe und Männer«, sagte er zu ihr. »In den Zwei Flüssen gibt es beides, und das eine gibt so schnell nach wie das andere.«
»Vielleicht seid Ihr da zu streng. Euch trieb nicht allein Sturheit an; es war der Wille, Euch selbst und allen anderen zu beweisen, dass Ihr es allein schafft.« Sie berührte seinen Arm. »Aber Ihr schafft es nicht allein, oder?«
Rand schüttelte den Kopf. Er griff nach Callandor, das er sich auf den Rücken geschnallt hatte, und berührte es. Das letzte Geheimnis des Schwertes lag nun offen vor ihm. Es war eine Falle, und eine überaus geschickte dazu, denn diese Waffe war nicht bloß ein Sa’angreal für die Eine Macht, sondern ebenfalls für die Wahre Macht.
Den Zugangsschlüssel hatte er weggeworfen, aber er trug etwas so Verführerisches auf seinem Rücken. Die Wahre Macht, die Essenz des Dunklen Königs, war die verlockendste Sache, die er jemals gefühlt hatte. Mit Callandor vermochte er eine Kraft in sich zu ziehen, wie sie so noch nie ein Mann zuvor gespürt hatte. Weil Callandor aber die Sicherheitsmaßnahmen der meisten anderen Angreale und Sa’angreale fehlten, konnte man unmöglich sagen, wie viel Macht es eigentlich in sich aufnehmen konnte.
»Und da ist es wieder«, murmelte Moiraine. »Was habt Ihr vor, Rand al’Thor, Wiedergeborener Drache? Könnt Ihr endlich genug nachgeben, um es mir zu sagen?«
Er musterte sie. »Habt Ihr diese ganze Unterhaltung begonnen, um mir das Geheimnis zu entlocken?«
»Ihr habt eine hohe Meinung von meiner Konversation.«
»Eine nichtssagende Antwort«, meinte Rand.
»Ja«, sagte Moiraine. »Aber darf ich darauf hinweisen, dass Ihr es zuerst gemacht habt, indem Ihr von meiner Frage abgelenkt habt?«
Rand überdachte die bisherige Unterhaltung und erkannte, dass es stimmte. »Ich werde den Dunklen König töten«, sagte er. »Ich werde nicht bloß seinen Kerker versiegeln, ich werde ihm ein Ende bereiten.«
»Ich glaubte, Ihr wärt während meiner Abwesenheit erwachsen geworden.«
»Perrin ist der Einzige, der erwachsen wurde«, sagte Rand. »Mat und ich haben lediglich gelernt, wie man vorgibt, ein Erwachsener zu sein.« Er zögerte. »Mat war nur nicht ganz so erfolgreich darin.«
»Der Dunkle König kann nicht getötet werden«, sagte Moiraine.
»Ich glaube, ich schaffe das«, sagte Rand. »Ich erinnere mich, was Lews Therin gemacht hat, da gab es einen Augenblick … einen kurzen Augenblick … Man kann es schaffen, Moiraine. Ich bin zuversichtlicher, dass ich eher das zustande bringe, als den Dunklen König einzukerkern.« Das stimmte, obwohl er in Wahrheit befürchtete, dass ihm weder das eine noch das andere gelang.
Fragen. So viele Fragen. Hätte er mittlerweile nicht ein paar Antworten finden müssen?
»Der Dunkle König ist ein Teil des Rades«, sagte Moiraine.
»Nein. Der Dunkle König steht außerhalb des Musters«, hielt Rand dagegen. »Er ist kein Teil davon.«
»Natürlich ist der Dunkle König ein Teil des Rades, Rand«, sagte Moiraine. »Wir sind die Fäden, aus denen sich das Muster zusammensetzt, und der Dunkle König beeinflusst uns. Ihr könnt ihn nicht töten. Das ist das Vorhaben eines Narren.«