»Ich war auch schon in der Vergangenheit ein Narr«, sagte Rand. »Und ich werde es wieder sein. Manchmal fühlt sich mein ganzes Leben an, als wäre es eine Aufgabe für einen Narren, Moiraine, alles, was ich getan habe. Was bedeutet da schon eine unmögliche Herausforderung mehr? Allen anderen bin ich begegnet. Vielleicht schaffe ich ja auch diese hier.«
Sie verstärkte den Griff um seinen Arm. »Ihr seid so sehr gewachsen, aber eigentlich seid Ihr noch immer ein Jüngling, nicht wahr?«
Rand brachte auf der Stelle seine Gefühle unter Kontrolle und unterdrückte eine geharnischte Antwort. Die sicherste Methode, als Jüngling betrachtet zu werden, bestand darin, sich wie einer zu benehmen. Hoch aufgerichtet stand er da und sprach leise. »Ich habe vier Jahrhunderte lang gelebt«, sagte er. »Vielleicht bin ich ja noch ein Jüngling, so wie wir das alle verglichen mit dem zeitlosen Alter des Rades sind. Davon abgesehen bin ich einer der ältesten Menschen, die es auf der Welt gibt.«
Moiraine lächelte. »Sehr hübsch. Funktioniert das bei den anderen?«
Er zögerte. Dann musste er seltsamerweise grinsen. »Bei Cadsuane hat es ganz gut funktioniert.«
Moiraine schnaubte. »Ach die … So wie ich sie kenne, habe ich meine Zweifel, dass Ihr sie so gut getäuscht habt, wie Ihr glaubt. Ihr mögt die Erinnerungen eines vier Jahrhunderte alten Mannes haben, Rand al’Thor, aber das macht Euch nicht uralt. Andernfalls wäre Matrim Cauthon der Patriarch von uns allen.«
»Mat? Warum Mat?«
Moiraine winkte ab. »Nichts. Etwas, das ich nicht wissen soll. In Eurem Herzen seid Ihr noch immer ein über alles staunender Schafhirte. Anders würde ich es auch gar nicht haben wollen. Trotz seiner ganzen Weisheit und Macht konnte Lews Therin nicht das tun, was Ihr tun müsst. Und wärt Ihr jetzt so nett und holt mir einen Tee?«
»Ja, Moiraine Sedai«, sagte er und ging sofort auf den Teekessel über dem Feuer zu. Dann erstarrte er und sah sie an.
Sie blickte ihn durchtrieben an. »Ich wollte bloß sehen, ob das noch funktioniert.«
»Ich habe Euch nie Tee geholt«, protestierte Rand und ging zurück zu ihr. »Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich Euch in den letzten Wochen, die wir miteinander verbrachten, herumkommandiert.«
»Das habt Ihr«, sagte Moiraine. »Denkt über das nach, was ich Euch zum Dunklen König gesagt habe. Aber jetzt stelle ich Euch eine andere Frage. Was habt Ihr jetzt vor? Warum nach Ebou Dar gehen?«
»Die Seanchaner«, erwiderte Rand. »Ich muss versuchen, sie auf unsere Seite zu ziehen, so wie ich es versprochen habe.«
»Wenn ich mich richtig erinnere, habt Ihr nicht versprochen, es zu versuchen, sondern dass Ihr dafür sorgt.«
»Bei politischen Verhandlungen hat das Versprechen, etwas ›zu versuchen‹, keinen großen Wert«, meinte Rand, »ganz egal, wie ernst es auch gemeint ist.« Er streckte die Hand aus und sah an ihr entlang aus dem geöffneten Zelteingang. Als wollte er versuchen, das Land im Süden zu ergreifen. Es sich zu nehmen, es für sich zu beanspruchen, es zu beschützen.
Der Drache auf seinem Arm leuchtete in Gold und Blutrot. »›Einmal steht der Drache für die verlorene Erinnerung.‹« Er hielt den anderen Arm hoch, der kurz nach dem Handgelenk in einem Stumpf endete. »›Noch einmal … steht der Drache für den Preis, den er zu zahlen hat.‹«
»Was wollt Ihr machen, wenn sich die seanchanische Anführerin wieder weigert?«, fragte Moiraine.
Er hatte ihr gar nicht erzählt, dass die Kaiserin ihn beim ersten Mal abgewiesen hatte. Man musste Moiraine nichts erzählen. Sie entdeckte es einfach.
»Ich weiß es nicht«, sagte Rand leise. »Wenn sie nicht kämpfen, Moiraine, dann verlieren wir. Wenn sie sich nicht dem Drachenfrieden anschließen, dann haben wir nichts.«
»Ihr habt zu viel Zeit für diesen Pakt verwendet«, meinte sie. »Er hat Euch von Eurem Ziel abgelenkt. Der Drache soll keinen Frieden bringen, sondern Zerstörung. Das könnt Ihr nicht mit einem Stück Papier ändern.«
»Wir werden sehen«, sagte Rand. »Ich danke Euch für Euren Rat. Für jetzt und für immer. Ich glaube nicht, dass ich das oft genug gesagt habe. Ich schulde Euch etwas, Moiraine.«
»Nun«, sagte sie. »Ich hätte noch immer gern eine Tasse Tee.«
Rand blickte sie ungläubig an. Dann lachte er und setzte sich in Bewegung, um ihn ihr zu holen.
Moiraine hielt die warme Tasse in den Händen, die Rand ihr geholt hatte, bevor er gegangen war. Seit sich ihre Wege getrennt hatten, war er zum Herrscher über so vieles geworden, und er war noch immer so bescheiden wie bei ihrer ersten Begegnung in den Zwei Flüssen. Vielleicht sogar noch mehr.
Mir gegenüber vielleicht, dachte sie. Er glaubt, er kann den Dunklen König töten. Das ist nicht das Zeichen eines bescheidenen Mannes. Rand al’Thor, eine so seltsame Mischung aus Zurückhaltung und Stolz. Hatte er endlich das richtige Gleichgewicht gefunden? Trotz ihrer Worte hatte sein Benehmen ihr gegenüber heute bewiesen, dass er kein Junge mehr war, sondern ein Mann.
Trotzdem konnte ein Mann Fehler machen. Oft waren sie weitaus gefährlicher.
»Das Rad webt, wie es das Rad will«, murmelte sie und trank den Tee. Von Rand zubereitet und von keinem anderen schmeckte er so köstlich wie in besseren Tagen. Nicht im Geringsten vom Schatten des Dunklen Königs berührt.
Ja, das Rad webte, wie es wollte. Manchmal wünschte sie sich, dieses Gewebe wäre leichter zu verstehen.
»Jeder weiß, was er zu tun hat?«, fragte Lan und drehte sich auf Mandarbs Sattel um.
Andere nickte. Er hatte den Herrschern die Botschaft persönlich überbracht, und von ihnen war sie an ihre Generäle und Kommandanten weitergegeben worden. Erst im letzten Augenblick war sie dann den Soldaten verkündet worden.
In ihrer Mitte würden sich Schattenfreunde befinden. Das taten sie immer. Es war unmöglich, eine Stadt von allen Ratten zu befreien, ganz egal, wie viele Katzen man holte. Wenn es das Licht wollte, würde diese Neuigkeit zu spät kommen, dass die Ratten den Schatten warnen konnten.
»Wir reiten«, sagte Lan und stieß Mandarb die Fersen in die Rippen. Andere hob sein Banner, die Flagge von Malkier, und galoppierte an seiner Seite. Die Ränge der Malkieri schlossen sich ihm an. Viele von ihnen hatten nur noch wenig Malkieri-Blut in den Adern und waren eigentlich Grenzländer anderer Nationen. Trotzdem hatten sie sich entschieden, unter seinem Banner zu reiten, und sie hatten den Hadori angenommen.
Abertausende Reiter ritten mit ihm, und die weiche Erde erbebte unter ihren Hufen. Für ihr Heer war es ein langer und harter Rückzug gewesen. Die Trollocs waren zahlenmäßig überlegen und stellten eine ernsthafte Bedrohung dar, Lans Männer einzukreisen. Seine berittene Armee war außerordentlich beweglich, aber es gab Grenzen, wie sehr man Soldaten antreiben konnte. Trollocs marschierten schneller. Schneller als Menschen, vor allem wenn die Blassen sie antrieben. Glücklicherweise behinderten die Feuersbrünste das Vorankommen der Schattenarmee. Ohne sie hätten Lans Männer nicht entkommen können.
Lan duckte sich im Sattel zusammen, als die Explosionen der Schattenlords begannen. Zu seiner Linken ritt der Asha’man Deepe, der wegen seines fehlenden Beines auf dem Sattel festgebunden war. Ein Feuerball heulte durch die Luft und senkte sich Lan entgegen, und Deepes Miene erstarrte vor Konzentration, während er die Hände nach vorn stieß. Das Feuer explodierte weit über ihnen in der Luft. Glühende Asche fiel wie blutroter Regen und zog Rauchfahnen hinter sich her. Eine Flocke traf Mandarb, und Lan wischte sie mit dem Panzerhandschuh fort. Das Pferd schien es nicht zu bemerken.
Hier war der Boden aus Lehm. Das Gelände bestand aus wogenden Hügeln voller verdorrtem Gras, Felsvorsprüngen und kleinen Wäldchen mit entblätterten Bäumen. Der Rückzug folgte dem Ufer des Mora; der Fluss würde die Trollocs daran hindern, ihnen von Westen in die Flanke zu fallen.