»Ich kann ihn erwischen«, sagte Deepe. »Ich kann …«
Ein Lichtblitz blendete Lan, Mandarb stieg auf die Hinterbeine. Fluchend blinzelte Lan und versuchte, seinen Blick zu klären. Mit seinen Ohren stimmte auch etwas nicht.
Mandarb bockte zitternd. Es brauchte einiges, um den Hengst aus der Fassung zu bringen, aber ein Blitzeinschlag in dieser Nähe würde jedes Pferd durchgehen lassen. Ein zweiter Blitz schleuderte Lan zu Boden. Grunzend rollte er herum, aber etwas tief in ihm wusste er, was zu tun war. Als sich seine Sinne klärten, stand er bereits mit dem Schwert in der Hand auf den Beinen, auch wenn ihm schwindlig war. Er stöhnte und stolperte.
Hände packten ihn, zogen ihn auf einen Sattel. Prinz Kaisels Gesicht war vom Kampf blutverschmiert, aber er hielt Mandarbs Zügel. Lans Leibwächter sorgten dafür, dass er aufrecht im Sattel saß, als sie die Pferde antrieben.
Als sie flohen, konnte er einen Blick auf Deepes Leiche werfen, die verstümmelt und in mehrere Stücke zerfetzt auf dem Boden lag.
17
Älter und ganz schön verbraucht
Das war alles nicht sehr fruchtbar, Euer Majestät«, unterbrach eine Stimme Mats Dösen.
Etwas stach in sein Gesicht. Das war die schlimmste Matratze, auf der er je geschlafen hatte. Er würde den Wirt so lange prügeln, bis er sein Geld zurückerhalten hatte.
»Der Attentäter ist sehr schwierig zu verfolgen«, fuhr diese nervtötende Stimme fort. »Leute, an denen er vorbeikommt, erinnern sich nicht mehr an ihn. Falls der Prinz der Raben weiß, wie man diese Kreatur aufspüren kann, würde ich das sehr gern hören.«
Warum ließ der Wirt nur diese Leute in sein Zimmer? Er trieb der wachen Welt entgegen und ließ diesen wunderschönen Traum hinter sich, in dem es um Tuon und keine Sorge auf der verdammten Welt gegangen war. Er öffnete das verschlafene Auge und schaute in einen wolkenverhüllten Himmel. Und keineswegs auf die Decke eines Gasthauses.
Verfluchte Asche, dachte er stöhnend. Sie waren im Garten eingeschlafen. Er setzte sich auf und entdeckte, dass er abgesehen von dem Tuch um den Hals völlig nackt war. Seine und Tuons Kleidung lag unter ihm ausgebreitet. Sein Gesicht hatte mitten im Unkraut gelegen.
Tuon saß neben ihm und ignorierte die Tatsache, dass sie völlig nackt war. Sie sprach mit einem Totenwächter. Musenge kniete auf einem Knie, hielt den Kopf gesenkt und starrte zu Boden. Trotzdem!
»Beim Licht!«, sagte Mat und griff nach seiner Kleidung. Tuon saß auf seinem Hemd und warf ihm einen ärgerlichen Blick zu, als er versuchte, es unter ihr wegzuziehen.
»Höchsterlauchter«, wandte sich der Wächter mit noch immer abgewandtem Gesicht an Mat. »Ich grüße Euch, wo Ihr erwacht seid.«
»Tuon, warum sitzt du einfach da bloß rum?«, wollte Mat wissen und schaffte es endlich, sein Hemd von diesem knackigen Hintern freizubekommen.
»Als mein Gemahl dürft Ihr mich als Fortuona oder Majestät ansprechen«, sagte Tuon streng. »Es würde mich ausgesprochen ärgern, wenn ich Euch hinrichten lassen müsste, bevor Ihr mir ein Kind schenkt, denn Ihr wachst mir ans Herz. Was diesen Wächter angeht, er gehört zur Totenwache. Sie müssen mich ständig bewachen. Ich habe sie oft in meiner unmittelbaren Nähe, wenn ich bade. Das ist ihre Pflicht, und sein Gesicht ist abgewandt.«
Mat kleidete sich eilig an.
Sie fing ebenfalls an, sich anzuziehen, wenn auch nicht einmal annähernd schnell genug, soweit es ihn betraf. Er hielt nicht viel von einem Wächter, der seine Frau angaffte. Die Stelle, an der sie geschlafen hatten, wurde von niedrigen Blautannen umgeben – hier im Süden eine Seltenheit; möglicherweise hatte man sie ja gezüchtet, weil sie exotisch waren. Auch wenn die Nadeln langsam braun wurden, boten sie dennoch wenigstens ein gewisses Maß an Privatsphäre. Jenseits der Tannen gab es einen Kreis aus anderen Bäumen. Möglicherweise Pfirsichbäume, obwohl das ohne die Blüten schwer zu sagen war.
Mat konnte kaum etwas von der Stadt außerhalb des Gartens hören, die zu dieser Stunde ebenfalls erwachte, und die Luft roch leicht nach Tannennadeln. Sie war warm genug, dass das Schlafen unter freiem Himmel nicht unangenehm gewesen war, trotzdem war er froh, wieder angezogen zu sein.
Ein Totenwächter näherte sich, gerade als Tuon fertig angezogen war. Er zertrat vertrocknete Tannennadeln, dann verneigte er sich tief vor ihr. »Kaiserin, wir haben vielleicht einen weiteren Attentäter gefangen genommen. Er ist nicht die Kreatur der vergangenen Nacht, denn er trägt keine Wunden, aber er versuchte, sich in den Palast zu schleichen. Wir dachten, Ihr würdet ihn gern sehen, bevor wir mit dem Verhör beginnen.«
»Bringt ihn her«, befahl Tuon und richtete ihr Gewand. »Und lasst nach General Karede schicken.«
Der Offizier zog sich zurück und passierte Selucia, die neben dem Pfad stand, der zu Lichtung führte. Sie eilte sofort zu Tuon. Mat setzte den Hut auf und trat an ihre andere Seite, stemmte den Knauf des Ashandarei in das tote Gras.
Der arme Narr, der sich beim Einbruch in diesen Garten hatte erwischen lassen, tat ihm leid. Vielleicht war der Mann ein Meuchelmörder, aber er konnte auch bloß ein Bettler oder ein Dummkopf auf der Suche nach einem Abenteuer sein. Oder er war …
Der Wiedergeborene Drache.
Mat stöhnte. Ja, es war Rand, den sie über den Pfad führten. Er sah deutlich älter als bei ihrer letzten Begegnung aus, älter und ganz schön verbraucht. Natürlich hatte er den Mann erst kürzlich in diesen verfluchten Visionen gesehen. Auch wenn er sich darin geübt hatte, nicht an ihn zu denken, um diese Farbenwirbel zu vermeiden, hatte er nicht immer damit Erfolg gehabt.
Aber wie dem auch sei, Rand persönlich zu sehen war etwas anderes. Es war … beim Licht, wie lange war das jetzt her? Das letzte Mal stand ich ihm gegenüber, als er mich nach Salidar schickte, um Elayne zu holen. Das schien eine ganze Ewigkeit her zu sein. Bevor er nach Ebou Dar gekommen war, bevor er zum ersten Mal den Gholam gesehen hatte. Vor Tylin, vor Tuon.
Mat runzelte die Stirn, als man Rand mit auf den Rücken gebundenen Armen zu Tuon brachte. Sie unterhielt sich gerade in ihrer schnellen Fingersprache mit Selucia. Rand schien nicht im Mindesten besorgt zu sein; seine Miene war völlig gelassen. Er trug einen hübschen Mantel in Rot und Schwarz, darunter ein weißes Hemd und schwarze Hosen. Kein Gold und kein Schmuck, und auch keine Waffe.
»Tuon«, sagte Mat. »Das ist …«
Tuon wandte sich von Selucia ab und erblickte Rand. »Damane!«, schnitt sie ihm das Wort ab. »Holt meine Damane! Lauft, Musicar! LAUFT!«
Der Totenwächter stolperte rückwärts, dann rannte er los und brüllte nach den Damane und Bannergeneral Karede.
Rand sah ihm trotz seiner Fesseln ganz gelassen nach. Ehrlich gesagt sieht er wirklich irgendwie wie ein König aus, dachte Mat im Stillen. Natürlich war Rand völlig wahnsinnig, jedenfalls aller Wahrscheinlichkeit nach. Das würde zumindest erklären, warum er auf diese Weise bei Tuon hereinspazierte.
Entweder das, oder er wollte sie töten. Bei einem Mann, der die Macht lenken konnte, waren Fesseln völlig sinnlos. Blut und Asche, dachte er. Wie bin ich bloß wieder in diese Situation geraten? Er hatte doch alles nur Erdenkliche getan, um Rand aus dem Weg zu gehen!
Rand erwiderte Tuons starren Blick. Mat holte tief Luft, dann stellte er sich mit einem schnellen Schritt vor sie. »Rand. Also ehrlich. Ganz ruhig, verhalten wir uns alle ganz friedlich.«
»Hallo, Mat.« Seine Stimme klang freundlich. Beim Licht, er war verrückt! »Danke, dass du mich zu ihr geführt hast.«
»Zu ihr geführt …«
»Was hat das zu bedeuten?«, verlangte Tuon zu wissen.
Mat fuhr auf dem Absatz herum. »Ich … also ehrlich, das ist …«
Ihr harter Blick hätte Löcher in Stahl bohren können. »Ihr wart das«, sagte sie zu ihm. »Ihr kamt her, habt mich dazu verleitet, liebevoll zu sein, dann habt Ihr ihn zu mir geführt. Ist das wahr?«