»Macht ihm keine Vorwürfe«, sagte Rand. »Wir beide mussten uns wiedersehen. Ihr wisst, dass das die Wahrheit ist.«
Mat stolperte einen Schritt zurück und hob beide Hände, als wollte er sie voneinander trennen. »Schluss jetzt, ihr beide. Habt ihr mich verstanden?«
Etwas packte Mat und riss ihn in die Luft. »Hör auf mit dem Blödsinn, Rand«, rief er.
»Das bin nicht ich«, erwiderte Rand und schien sich, nach seiner Miene zu urteilen, zu konzentrieren. »Ah. Ich wurde abgeschirmt.«
Als Mat in der Luft hing, tastete er seine Brust ab. Das Medaillon. Wo war sein Medaillon?
Er starrte Tuon an. Einen flüchtigen Augenblick sah sie beschämt aus und griff in die Tasche ihres Gewandes. Sie zog etwas Silbernes hervor, wollte das Medaillon vielleicht als Schutz gegen Rand benutzen.
Großartig, dachte Mat stöhnend. Sie hatte es ihm abgenommen, während er schlief, und er hatte es nicht einmal bemerkt. Einfach nur großartig.
Das Luftgewebe setzte ihn neben Rand ab; Karede war mit einer Sul’dam und einer Damane zurückgekehrt. Alle drei hatten gerötete Gesichter, als wären sie gerannt. Die Damane hatte die Macht gelenkt.
Tuon musterte Rand und Mat, dann gestikulierte sie Selucia mit scharfen Bewegungen.
»Vielen herzlichen Dank«, murmelte Mat Rand zu. »Du bist ein so verflucht guter Freund.«
»Es ist auch schön, dich zu sehen«, erwiderte Rand mit dem Hauch eines Lächelns.
»Und es geht los«, sagte Mat und seufzte. »Wieder einmal hast du mich in Schwierigkeiten gebracht. Das tust du immer.«
»Ich?«
»Ja. In Rhuidean und in der Wüste, im Stein von Tear … In den Zwei Flüssen. Dir ist schon klar, dass ich, statt Egwene zu deiner kleinen Feier in Merrilor zu begleiten, nach Süden gezogen bin, weil ich dir entkommen wollte?«
Rand lächelte. »Du glaubst, du könntest dich von mir fernhalten? Du glaubst allen Ernstes, das würde es zulassen?«
»Ich kann es verdammt noch mal versuchen. Nichts für ungut, Rand, aber du wirst den Verstand verlieren. Ich fand, ich sollte für einen Freund weniger in deiner Nähe sorgen, den du umbringen kannst. Du weißt schon, dir die Mühe ersparen. Was hast du übrigens mit deiner Hand gemacht?«
»Was hast du mit deinem Auge gemacht?«
»Ein kleiner Unfall mit einem Korkenzieher und dreizehn wütenden Schenkwirten. Die Hand?«
»Bei der Gefangennahme einer der Verlorenen eingebüßt.«
»Der Gefangennahme? Du wirst weich.«
Rand schnaubte. »Du hast bestimmt mehr erreicht.«
»Ich tötete einen Gholam«, sagte Mat.
»Ich befreite Illian von Sammael.«
»Ich heiratete die Kaiserin von Seanchan.«
»Mat, willst du wirklich mit dem Wiedergeborenen Drachen um die Wette prahlen?«, fragte Rand. Er schwieg kurz. »Außerdem habe ich Saidin gereinigt. Ich gewinne.«
»Ach, das ist nun wirklich nicht viel wert«, meinte Mat.
»Das ist nicht viel wert? Das ist das wichtigste Ereignis seit der Zerstörung der Welt!«
»Bah. Du und deine Asha’man seid doch schon verrückt«, erwiderte Mat, »also was spielt das noch für eine Rolle?« Er warf einen Blick zur Seite. »Übrigens siehst du wirklich nett aus. In letzter Zeit hast du etwas besser auf dich aufgepasst.«
»Also interessiert es dich doch«, sagte Rand.
»Natürlich interessiert es mich«, brummte Mat und sah wieder zu Tuon. »Ich meine, du musst dich am Leben erhalten, richtig? Dein kleines Duell mit dem Dunklen König, um uns alle zu retten? Gut zu wissen, dass du dem allem Anschein nach gewachsen bist.«
»Das höre ich gern«, sagte Rand und lächelte. »Keine dummen Bemerkungen über meinen schönen Mantel?«
»Was? Welche dummen Bemerkungen? Du bist doch wohl nicht mehr beleidigt, nur weil ich dich vor ein paar Jahren ein bisschen damit aufgezogen habe?«
»Mich damit aufgezogen? Du hast wochenlang kein Wort mehr mit mir gewechselt.«
»Also Moment mal«, protestierte Mat. »So schlimm war das nun auch wieder nicht. An diesen Teil erinnere ich mich ganz genau.«
Rand schüttelte ungläubig den Kopf. Verdammt undankbar, das war er. Mat war losgezogen, um Elayne zu holen, genau wie Rand ihn gebeten hatte, und das war der Dank. Sicher, danach war er etwas vom Weg abgekommen. Aber er hatte es trotzdem erledigt, oder etwa nicht?
»Also gut«, sagte er sehr leise und zog an den Fesseln aus Luft, die ihn hielten. »Ich hole uns hier raus, Rand. Ich bin mit ihr verheiratet. Lass mich reden und …«
»Tochter von Artur Falkenflügel«, wandte sich Rand an Tuon. »Die Zeit rast dem Ende aller Dinge entgegen. Die Letzte Schlacht hat begonnen, und die Fäden werden gewebt. Bald beginnt meine letzte Prüfung.«
Tuon trat vor. Selucia übermittelte ihr ein paar letzte Fingersprachenworte. »Wiedergeborener Drache, man wird Euch nach Seanchan bringen«, verkündete Tuon. Ihre Stimme war beherrscht und energisch.
Mat lächelte. Beim Licht, sie gab wirklich eine gute Kaiserin ab. Aber es war unnötig, mein Medaillon zu klauen. Darüber würden sie sich noch unterhalten müssen. Immer vorausgesetzt, er überlebte das hier. Sie würde ihn doch nicht wirklich hinrichten lassen, oder?
Wieder überprüfte er die unsichtbaren Fesseln.
»Tatsächlich?«, fragte Rand.
»Ihr habt Euch mir ausgeliefert«, sagte Tuon. »Das ist ein Omen.« Sie klang beinahe schon bedauernd. »Ihr könnt doch unmöglich geglaubt haben, ich würde Euch wieder gehen lassen, oder? Als Herrscher, der sich mir widersetzt hat, muss ich Euch in Ketten legen – wie ich es mit den anderen gemacht habe, die ich hier vorfand. Ihr zahlt den Preis für die Vergesslichkeit Eurer Vorfahren. Ihr hättet Eure Eide nicht vergessen sollen.«
»Ich verstehe«, sagte Rand.
Ehrlich gesagt klingt er auch ziemlich wie ein König, gar nicht schlecht, dachte Mat. Beim Licht, mit was für Leuten hatte er sich da bloß umgeben? Wo waren die schönen Schenkmägde und zechenden Soldaten geblieben?
»Verratet mir etwas, Kaiserin«, fuhr Rand fort. »Was hättet ihr Seanchaner eigentlich gemacht, wenn ihr an diese Küsten zurückgekehrt wärt und dann herausgefunden hättet, dass Artur Falkenflügels Armeen noch immer hier herrschen? Was, wenn wir unsere Eide nicht vergessen hätten, wenn wir noch immer treu gewesen wären? Was dann?«
»Wir hätten euch als Brüder willkommen geheißen«, sagte Tuon.
»Ach?«, erwiderte Rand. »Und Ihr hättet Euch vor dem Thron hier verneigt? Falkenflügels Thron? Hätte sein Reich noch Bestand, würden seine direkten Erben herrschen. Hättet Ihr versucht, sie zu dominieren? Hättet Ihr stattdessen ihre Herrschaft über Euch akzeptiert?«
»Das ist aber nicht der Fall«, meinte Tuon, aber sie schien seine Worte durchaus interessant zu finden.
»Nein, das ist es nicht«, sagte Rand.
»Also müsst Ihr Euch Eurem eigenen Argument zufolge uns fügen.« Sie lächelte.
»Es ist nicht mein Argument«, sagte Rand, »aber nehmen wir es einmal an. Warum beansprucht Ihr das Recht auf dieses Land?«
»Wir sind die einzigen legitimen Erben von Artur Falkenflügel.«
»Und warum sollte das eine Rolle spielen?«
»Das ist sein Reich. Er ist der Einzige, der es geeinigt hat, er ist der einzige Führer, der es in ruhmreicher Größe beherrscht hat.«
»Und da irrt Ihr Euch.« Rands Stimme wurde weich. »Ihr akzeptiert mich als den Wiedergeborenen Drachen?«
»Ihr müsst es sein«, antwortete Tuon langsam, als wittere sie eine Falle.
»Dann akzeptiert Ihr mich als den, der ich bin«, erwiderte Rand, und seine Stimme wurde laut und klar. Wie ein Kriegshorn. »Ich bin Lews Therin Telamon, der Drache. Ich beherrschte diese vereinigten Länder im Zeitalter der Legenden. Ich war der Anführer aller Armeen des Lichts, ich trug den Ring von Tamyrlin. Ich war der Erste unter den Dienern, der Höchste unter den Aes Sedai, und ich konnte die Neun Stäbe der Herrschaft herbeirufen.«