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Rand trat vor. »Mir gehörten die Loyalität und die Lehnseide aller siebzehn Generäle des Tors der Morgendämmerung. Fortuona Athaem Devi Paendrag, meine Autorität hebt Eure auf!«

»Artur Falkenflügel …«

»Meine Autorität hebt die von Falkenflügel auf! Wenn Ihr die Herrschaft im Namen des Eroberers beansprucht, dann müsst Ihr Euch vor meinem Anspruch verneigen, denn er ist viel älter. Ich habe vor Falkenflügel erobert, auch wenn ich dafür kein Schwert brauchte. Ihr befindet Euch hier auf meinem Land, Kaiserin, durch meine Duldung!«

In der Ferne donnerte es. Mat ertappte sich dabei, dass er zitterte. Beim Licht, das war doch bloß Rand. Bloß Rand … oder etwa nicht?

Tuon wich mit weit aufgerissenen Augen und geöffnetem Mund zurück. Ihr Gesicht war eine Maske des Entsetzens, als hätte sie gerade die Hinrichtung ihrer Eltern miterlebt.

Um Rands Füße breitete sich grünes Gras aus. Die Wächter sprangen zurück und griffen nach den Schwertern, als sich vor ihm eine Schneise des Lebens ausbreitete. Die braunen und gelben Grashalme bekamen Farbe, als hätte man einen Farbeimer über sie ausgekippt, dann richteten sie sich auf – streckten sich wie nach einem langen Schlummer.

Das Grün füllte die ganze Gartenlichtung. »Er ist noch immer abgeschirmt!«, kreischte die Sul’dam. »Höchstgeborene, er ist noch immer abgeschirmt

Mat erschauderte, dann fiel ihm etwas auf. Es war so leise und so leicht zu überhören.

»Singst du?«, wisperte er Rand zu.

Ja … es war unverkennbar. Rand sang ganz leise, kaum hörbar. Mat stieß gegen seinen Fuß. »Ich könnte schwören, ich habe diese Melodie schon einmal gehört … Ist das ›Zwei Maiden am Uferrand‹?«

»Du bist nicht hilfreich«, flüsterte Rand zurück. »Sei still.«

Er sang weiter. Das Grün erreichte die Bäume, die Tannen hoben ihre Äste. Neue Blätter sprossen an den anderen Bäumen – es handelte sich in der Tat um Pfirsichbäume –, erblühten in rasender Geschwindigkeit, als neues Leben in sie hineinströmte.

Die Wächter drehten sich um die eigene Achse, versuchten, alle Bäume auf einmal im Auge zu behalten. Selucia war zusammengezuckt. Tuon blieb aufrecht, nahm keinen Augenblick den Blick von Rand. Die verschreckte Sul’dam und ihre Damane mussten ihre Konzentration eingebüßt haben, denn Mats Fesseln verschwanden.

»Sprecht Ihr mir dieses Recht ab?«, verlangte Rand zu wissen. »Bestreitet Ihr, dass mein Anspruch auf dieses Land dem Euren Tausende von Jahren vorausgeht?«

»Ich …« Tuon holte tief Luft und starrte ihn trotzig an. »Ihr habt das Land zerbrochen, ließt es im Stich. Ich kann Euch dieses Recht absprechen!«

Wie ein Feuerwerk explodierten weiße und dunkelrosa Blüten hinter ihr an den Bäumen. Die hervorbrechenden Farben umgaben sie. In allen Richtungen breiteten sich Blütenblätter in schnellem Wachstum aus, lösten sich von den Bäumen, wurden vom Wind eingefangen und trieben über die Lichtung.

»Ich habe Euch erlaubt weiterzuleben«, sagte Rand zu Tuon, »obwohl ich Euch in einem Wimpernschlag hätte vernichten können. Weil Ihr das Leben der Menschen unter Eurer Herrschaft besser gemacht habt, obwohl Ihr auch Schuld auf Euch geladen habt, so wie Ihr mit einigen umgegangen seid. Eure Herrschaft ist so hauchdünn wie ein Blatt Papier. Ihr haltet dieses Land allein mit der Kraft von Stahl und Damane zusammen, aber Eure Heimat steht in Flammen.

Ich komme nicht, um Euch zu vernichten oder zu verspotten. Ich komme, um Euch den Frieden anzubieten, Kaiserin. Ich komme ohne Armeen, ich komme ohne Gewalt. Ich komme, weil ich glaube, dass Ihr mich braucht, so wie ich Euch brauche.« Er trat vor und ließ sich erstaunlicherweise auf ein Knie nieder, senkte das Haupt und streckte die Hand aus. Auch die Fesseln der Soldaten waren verschwunden. »Ich strecke Euch meine Hand zu einem Bündnis entgegen. Die Letzte Schlacht ist da. Schließt Euch mir an und kämpft.«

Stille trat auf der Lichtung ein. Der Wind schlief ein, das Donnergrollen verstummte. Pfirsichblüten schwebten auf das jetzt grüne Gras. Rand blieb da, wo er war, die Hand ausgestreckt. Tuon starrte diese Hand wie eine Giftschlange an.

Mat trat vor. »Netter Trick«, zischte er Rand zu. »Ein wirklich netter Trick.« Er begab sich zu Tuon, fasste sie an den Schultern und zog sie zur Seite. Selucia sah völlig schockiert aus. Karede war keinesfalls in besserer Verfassung. Sie würden keine Hilfe sein.

»Seht doch«, sagte Mat sanft zu ihr. »Er ist ein anständiger Kerl. Sicherlich hat er ein paar raue Ecken und Kanten, aber Ihr könnt seinem Wort vertrauen. Wenn er Euch ein Bündnis anbietet, wird er es auch in die Tat umsetzen.«

»Das war ein sehr beeindruckendes Schauspiel«, sagte Tuon leise. Sie zitterte leicht. »Was ist er?«

»Soll man mich zu Asche verbrennen, wenn ich das weiß«, sagte Mat. »Tuon, hört mir zu. Ich bin zusammen mit ihm aufgewachsen. Ich bürge für ihn.«

»In diesem Mann lauert eine Dunkelheit, Matrim. Ich habe sie gesehen, bei unserer letzten Begegnung.«

»Seht mich an, Tuon. Sieh mich an.«

Sie schaute auf und erwiderte seinen Blick.

»Du kannst Rand al’Thor die Welt selbst anvertrauen«, sagte Mat. »Und wenn du ihm nicht vertrauen kannst, dann vertraue mir. Er ist unsere einzige Wahl. Wir haben keine Zeit, ihn nach Seanchan zu bringen, selbst wenn dort nicht das Chaos herrschen würde.

Ich bin lange genug in der Stadt gewesen, um einen kleinen Blick auf deine Streitkräfte werfen zu können. Wenn du in der Letzten Schlacht kämpfen und deine Heimat zurückerobern willst, brauchst du eine verlässliche Basis hier in Altara. Nimm sein Angebot an. Er hat dieses Land gerade für sich beansprucht. Nun, lass ihn deine Grenzen in ihrem augenblicklichen Verlauf sichern und verkünde das allen anderen. Sie könnten zuhören. Dir ein bisschen Druck nehmen. Es sei denn natürlich, du willst zugleich gegen die Trollocs, die Nationen dieses Landes und die Rebellen in Seanchan kämpfen.«

Tuon blinzelte. »Unsere Streitkräfte.«

»Was?«

»Ihr habt sie meine Streitkräfte genannt«, sagte sie. »Es sind unsere Streitkräfte. Ihr seid jetzt einer von uns, Matrim.«

»Nun, das bin ich wohl. Hör zu, Tuon. Du musst das tun. Bitte.«

Sie drehte sich um und sah Rand an, der inmitten eines Musters aus Pfirsichblüten kniete, die einen Kreis um ihn gebildet zu haben schienen.

»Wie lautet Euer Angebot?«, fragte sie.

»Frieden«, erwiderte Rand und stand mit noch immer ausgestreckter Hand auf. »Hundert Jahre Frieden. Länger, wenn ich dafür sorgen kann. Ich habe die anderen Herrscher überredet, einen Vertrag zu unterzeichnen und für den Kampf gegen die Armeen des Schattens zusammenzuarbeiten.«

»Meine Grenzen wären gesichert«, sagte Tuon.

»Altara und Amadicia sollen Euch gehören.«

»Und Tarabon und die Ebene von Almoth! Ich halte sie zurzeit besetzt. Euer Vertrag wird mich dort nicht vertreiben. Ihr wollt Frieden? Dann gebt Ihr mir das.«

»Tarabon und die Hälfte der Ebene von Almoth«, erwiderte Rand. »Die Hälfte, die Ihr bereits kontrolliert.«

»Ich verlange alle Frauen auf dieser Seite des Aryth-Meeres, die die Macht lenken können, als Damane

»Übertreibt es nicht, Kaiserin«, sagte Rand trocken. »Ich … ich erlaube Euch, in Seanchan zu tun, was Ihr wollt, aber ich verlange von Euch, jede Damane zurückzugeben, die Ihr Euch bei Eurem Aufenthalt in diesem Land genommen habt.«

»Dann gibt es keine Vereinbarung«, sagte Tuon.

Mat hielt den Atem an.

Rand zögerte und senkte die Hand. »Das Schicksal der Welt selbst könnte davon abhängen, Fortuona. Bitte.«