»Und jetzt«, sagte Egwene, »muss ich …« Sie verstummte, als sie Gawyns Miene sah. »Ich schätze, ich muss schlafen. Falls ich gebraucht werde, schickt einen Boten zu … Licht, ich weiß gar nicht, wo ich heute schlafe. Gawyn?«
»Ich habe dich in Maerin Sedais Zelt untergebracht. Sie hat jetzt Dienst, also solltest du in Ruhe vier Stunden schlafen können.«
»Es sei denn, man braucht mich«, erinnerte Egwene ihn. Sie ging zum Zeltausgang.
»Natürlich«, versicherte ihr Gawyn und folgte ihr, sah aber zu Bryne und Siuan zurück und schüttelte den Kopf. Bryne lächelte nickend zurück. Auf dem Schlachtfeld gab es nur wenig, das die Aufmerksamkeit der Amyrlin unbedingt erforderte. Der Saal der Burg hatte die Aufsicht über ihre diversen Armeen.
An der frischen Luft seufzte Egwene und schloss die Augen. Er legte den Arm um sie und ließ sie gegen sich sinken. Der Augenblick dauerte nur wenige Sekunden, bevor sie sich zusammenriss, wieder aufrichtete und den Gesichtsausdruck der Amyrlin aufsetzte. Noch so jung, dachte er, und man erwartet so viel von ihr.
Natürlich war sie nicht viel jünger als al’Thor. Gawyn war erfreut und ein bisschen überrascht, dass der Gedanke an den Mann keinen Zorn in ihm entfachte. Al’Thor würde seinen Kampf führen. Was dieser Mann machte, ging ihn wirklich nichts mehr an.
Gawyn führte Egwene zu dem Sektor des Lagers, den die Grüne Ajah bewohnte, und mehrere der Behüter an der Grenze begrüßten sie mit einem respektvollen Nicken. Maerin Sedai hatte ein großes Zelt. Die meisten Aes Sedai durften mitbringen, was sie wollten, vorausgesetzt, sie konnten das dafür erforderliche Wegetor selbst öffnen und benutzten ihre eigenen Behüter für den Transport. Falls das Heer zum schnellen Abrücken gezwungen sein sollte, würde man die Sachen zurücklassen. Viele Aes Sedai hatten sich entschieden, nur wenige Dinge mitzunehmen, aber andere … nun, sie waren einfach nicht an primitive Unterbringung gewöhnt. Maerin war eine davon. Nur wenige hatten so viele Sachen mitgebracht wie sie.
Vor dem Zelt warteten Leilwin und Bayle Domon. Sie hatten Maerin Sedai darüber informiert, dass das Zelt gebraucht werden würde und sie niemandem verraten durfte, dass Egwene es benutzte. Falls jemand herumfragte, würde dieses Geheimnis schnell auffliegen – sie hatten sich auf dem Hinweg nicht gerade verborgen –, aber es würde Aufmerksamkeit erregen, falls sich jemand danach erkundigte, wo die Amyrlin schlief. Das war der beste Schutz, den Gawyn arrangieren konnte, da Egwene nicht dazu bereit war, jeden Tag zum Schlafen zu Reisen.
Als Egwene Leilwin sah, bekam sie sofort schlechte Laune.
»Du hast gesagt, du wolltest sie in der Nähe haben«, sagte Gawyn leise.
»Es passt mir nicht, dass sie weiß, wo ich schlafe. Falls ihre Attentäter tatsächlich im Lager nach mir suchen, könnte sie diejenige sein, die sie zu mir führt.«
Gawyn unterdrückte den Instinkt, mit ihr darüber zu debattieren. Egwene war eine kluge, durchtriebene Frau – aber bei allem, was die Seanchaner betraf, zeigte sie sich uneinsichtig. Er hingegen vertraute Leilwin immer mehr. Sie schien zu der Sorte zu gehören, die immer geradeheraus handelte.
»Ich behalte sie im Auge«, versprach er.
Mit einem Atemzug beruhigte sich Egwene, dann ging sie zu dem Zelt und passierte Leilwin wortlos. Gawyn folgte ihr nicht hinein.
»Die Amyrlin scheint die Absicht zu haben, mich hier nicht dienen zu lassen«, sagte Leilwin mit diesem typischen lang gezogenen seanchanischen Akzent.
»Sie vertraut Euch nicht«, sagte Gawyn offen.
»Gilt denn auf dieser Seite des Ozeans ein Eid so wenig?«, fragte Leilwin. »Ich habe ihr einen Eid geschworen, den niemand brechen würde, nicht einmal ein Muyami!«
»Ein Schattenfreund bricht jeden Eid.«
Die Frau musterte ihn kühl. »Langsam glaube ich, dass sie alle Seanchaner für Schattenfreunde hält.«
Gawyn zuckte mit den Schultern. »Ihr habt sie geschlagen und gefangen gehalten, habt sie zu einem Tier gemacht, das man an der Leine führt.«
»Ich war das nicht«, erwiderte Leilwin. »Wenn Euch ein Bäcker schimmliges Brot verkauft, nehmt Ihr dann an, dass sie alle Euch vergiften wollen? Bah. Sagt nichts. Das ist sinnlos. Wenn ich ihr nicht dienen kann, dann diene ich eben Euch. Habt Ihr heute schon etwas gegessen, Behüter?«
Gawyn zögerte. Wann hatte er das letzte Mal gegessen? Heute Morgen … nein, da war er zu begierig auf den Kampf gewesen. Sein Magen knurrte laut.
»Ich weiß, dass Ihr sie nicht allein lasst«, sagte Leilwin. »Erst recht nicht, solange eine Seanchanerin in der Nähe ist. Komm, Bayle. Holen wir diesem Narren etwas zu Essen, damit er nicht vor Schwäche umkippt, wenn die Attentäter kommen.« Sie stolzierte los, und ihr hünenhafter Ehemann aus Illian folgte ihr. Der Bursche warf einen Blick über die Schulter, der Leder gegerbt hätte.
Gawyn seufzte und setzte sich auf den Boden. Er zog drei schwarze Ringe aus der Tasche; er wählte einen aus und steckte die anderen zurück.
Gerede über Attentäter erinnerte ihn stets an diese Ringe, die er den Seanchanern abgenommen hatte, die Egwene tatsächlich hatten umbringen wollen. Die Ringe waren Ter’angreale. Mit ihrer Hilfe hatten sich diese Blutmesser so schnell bewegen und in Schatten verbergen können.
Er hielt den Ring ins Licht. Er sah überhaupt nicht wie ein Ter’angreal aus, jedenfalls keines, das er je zu Gesicht bekommen hatte, aber ein Gegenstand der Macht konnte jede mögliche Form haben. Die Ringe waren aus irgendeinem ihm unbekannten schweren schwarzen Stein gefertigt. Die Außenseite war zu Dornen geschnitzt, aber die Innenseite, die die Haut berührte, war völlig glatt.
Er drehte den Ring. Er hätte ihn Egwene geben müssen, das war ihm klar. Aber er wusste auch, wie die Weiße Burg mit Ter’angrealen verfuhr. Sie sperrten die Gegenstände weg und fürchteten sich davor, mit ihnen zu experimentieren. Aber das war die Letzte Schlacht. Falls es je einen Zeitpunkt gegeben hatte, um ein Risiko einzugehen …
Du hast dich dazu entschieden, in Egwenes Schatten zu stehen, dachte er. Du hast dich dazu entschieden, sie zu beschützen und das zu tun, was sie von dir verlangt. Sie würde diesen Krieg gewinnen, sie und die Aes Sedai. Wollte er jetzt auf sie eifersüchtig sein, so wie er es auf al’Thor gewesen war?
»Ist es das, wofür ich es halte?«
Gawyn riss den Kopf hoch und schloss die Faust um den Ring. Leilwin und Bayle Domon waren im Messezelt gewesen und hatten ihm eine Schüssel besorgt. Dem Geruch nach zu urteilen, war es wieder Gersteneintopf. Die Köche benutzten so viel Pfeffer, dass es fast schon Brechreiz hervorrief. Gawyn vermutete, dass sie das nur taten, weil die schwarzen Körner die Stücke der mitgekochten Getreidekäfer tarnten.
Ich kann nicht so tun, als täte ich etwas Verdächtiges, war sein erster Gedanke. Ich darf sie nicht zu Egwene gehen lassen.
»Das hier?«, fragte er und hielt den Ring hoch. »Das ist einer der Ringe, die wir den seanchanischen Attentätern abnahmen, die Egwene töten wollten. Wir halten sie für irgendeine Art von Ter’angreal, aber in der Weißen Burg sind sie unbekannt.«
Leilwin zischte leise. »Sie werden allein von der Kaiserin verteilt, möge sie …« Sie unterbrach sich mühsam und holte tief Luft. »Nur ein zum Blutmesser Ernannter, der sein Leben der Kaiserin geweiht hat, darf so einen Ring tragen. Ihn an Euren Finger zu stecken wäre schrecklich falsch.«
»Glücklicherweise trage ich ihn ja nicht«, erwiderte Gawyn.
»Die Ringe sind gefährlich. Ich weiß nicht viel über sie, aber angeblich töten sie ihre Träger. Bringt den Ring bloß nicht mit Eurem Blut in Kontakt, denn auf diese Weise werden sie aktiviert, und das könnte tödlich sein, Behüter.« Leilwin gab ihm den Eintopf und ging.
Domon folgte ihr nicht. Der Illianer kratzte sich an seinem kurzen Bart. »Sie sein nicht immer die anschmiegsamste aller Frauen, meine Ehefrau«, sagte er zu Gawyn. »Aber sie sein stark und weise. Ihr tätet gut daran, auf sie zu hören.«