Gawyn steckte den Ring ein. »Erstens würde Egwene mir niemals erlauben, ihn zu tragen.« Das war die Wahrheit. Falls sie darüber Bescheid gewusst hätte. »Sagt Eurer Frau, dass ich die Warnung zu schätzen weiß. Ich sollte Euch aber warnen, dass das Thema Attentäter noch immer ein ganz besonders wunder Punkt für die Amyrlin ist. Ich schlage vor, Ihr meidet das Thema Blutmesser oder ihre Ter’angreale.«
Domon nickte und ging hinter Leilwin her. Gawyn verspürte nur einen kleinen Stich der Scham über die Täuschung. Er hatte nicht gelogen. Er hatte bloß nicht gewollt, dass Egwene unbehagliche Fragen stellte.
Dieser Ring und seine Gefährten repräsentierten etwas. Sie waren nicht der Weg des Behüters. An Egwenes Seite zu stehen und auf mögliche Gefahren für sie aufzupassen … das war der Weg des Behüters. Indem er ihr diente, würde er einen Unterschied auf dem Schlachtfeld machen, und nicht, indem er wie ein Held ins Getümmel ritt.
Während er seinen Eintopf aß, versicherte er sich das immer wieder. Als er fertig war, hatte er sich fast davon überzeugt.
Trotzdem erzählte er Egwene nichts von den Ringen.
Rand erinnerte sich an das erste Mal, als er einen Trolloc gesehen hatte. Nicht bei dem Angriff auf ihren Bauernhof in den Zwei Flüssen. Das wirklich erste Mal, dass er sie gesehen hatte. Irgendwann im letzten Zeitalter.
Es wird eine Zeit kommen, in der sie nicht länger existieren, dachte er, webte Feuer und Luft und erschuf eine explosive Flammenmauer, die mitten in einem Rudel Trollocs brausend zum Leben erwachte. In der Nähe hoben Männer von Perrins Wolfsgarde dankbar ihre Waffen. Rand nickte zurück. Bei diesem Kampf trug er für den Augenblick das Gesicht von Jur Grady.
Einst hatten keine Trollocs das Land heimgesucht. Diesen Zustand konnten sie wieder erreichen. Wenn er den Dunklen König getötet hatte, würde das dann sofort geschehen?
Die Flammen seiner Feuermauer hatten ihm Schweiß auf die Stirn getrieben. Vorsichtig zog er Kraft aus dem Angreal in Gestalt des fetten Mannes – er konnte es sich nicht leisten, zu mächtig zu erscheinen – und zerschmetterte hier auf dem Schlachtfeld direkt westlich vom Alguenya eine andere Gruppe Tiermenschen. Elaynes Streitkräfte hatten den Erinin und das Gebiet im Osten hinter sich gelassen und warteten darauf, dass die Brücken über den Alguenya fertiggestellt wurden. Sie waren fast vollendet, aber eine Vorhut Trollocs hatte sie eingeholt, und Elaynes Heer hatte sich verschanzen müssen, um sie bis zur Flussüberquerung aufzuhalten.
Rand half gern. Der echte Jur Grady ruhte sich in einem Lager in Kandor aus, erschöpft vom Heilen. Ein bequemes Gesicht, das Rand benutzen konnte, ohne die Aufmerksamkeit der Verlorenen zu erregen.
Die Schreie der brennenden Bestien waren befriedigend. Gegen Ende des Krieges der Macht hatte er diesen Laut geliebt. Er hatte ihm stets das Gefühl gegeben, etwas Sinnvolles zu tun.
Als er den Trollocs das erste Mal begegnet war, hatte er nicht gewusst, worum es sich bei ihnen handelte. Natürlich hatte er von Aginors Experimenten gehört. Lews Therin hatte ihn bei mehr als nur einer Gelegenheit als Verrückten bezeichnet. Trotzdem hatte er es nicht richtig verstanden; das hatten so viele von ihnen nicht. Aginor hatte seine Projekte viel zu sehr geliebt. Und Lews Therin hatte fälschlicherweise angenommen, Aginor würde genau wie Semirhage die Folter um ihretwillen genießen.
Und dann war das Schattengezücht gekommen.
Noch immer brannten die Ungeheuer mit zuckenden Gliedmaßen.
Insgeheim hatte Rand die Befürchtung, dass diese Dinger möglicherweise wiedergeborene Menschen waren. Aginor hatte für die Erschaffung der Trollocs und Myrddraal Menschen benutzt. War dies etwa das Schicksal von einigen von ihnen? Als eine derart abartige Schöpfung wiedergeboren zu werden? Die Vorstellung machte ihn krank.
Er überprüfte den Himmel. Die Wolken hatten angefangen, sich voneinander zu lösen, wie sie es immer in seiner Nähe taten. Er konnte sie zwingen, das nicht zu tun, aber … Nein. Menschen brauchten das Licht, und er konnte ohnehin nicht zu lange hier kämpfen, denn sonst würde es offensichtlich werden, dass einer der Asha’man viel zu stark für das Gesicht war, das er der Welt zeigte.
Rand ließ das Licht durch.
Auf dem ganzen Schlachtfeld am Fluss schauten Menschen zum Himmel, als Sonnenlicht auf sie fiel und die dunklen Wolken zurückwichen.
Schluss mit dem Versteckspiel, dachte Rand. Er ließ die Spiegelmaske fallen und hob die geballte Faust über den Kopf. Er webte Luft, Feuer und Wasser und erschuf eine Lichtsäule, die von ihm hoch in den Himmel stieg. Auf dem ganzen Schlachtfeld jubelten Soldaten.
Er würde nicht auf die Fallen warten, die der Dunkle König für ihn bereithielt. Durch ein Wegetor trat er zurück nach Merrilor. Er blieb nie lange an der Front, zeigte sich aber immer, bevor er ging. Er ließ die Wolkendecke aufbrechen und bewies damit, dass er da gewesen war, dann zog er sich zurück.
Min erwartete ihn auf dem Reisegelände. Er warf noch einen Blick zurück auf das sich schließende Tor, und die Leute kämpften ohne ihn weiter. Min legte eine Hand auf seinen Arm. Seine Leibgarde aus Töchtern wartete hier; widerstrebend ließen sie ihn allein kämpfen, weil sie wussten, dass ihre Anwesenheit ihn verraten würde.
»Du siehst traurig aus«, sagte Min leise.
Irgendwo aus dem Norden wehte eine heiße Brise. In der Nähe stehende Soldaten salutierten ihm. Hauptsächlich hatte er Domani, Tairener und Aiel hier. Die von Rodel Ituralde und König Darlin angeführte Angriffstruppe würde versuchen, das Tal von Thakan’dar zu halten, während er mit dem Dunklen König rang.
Es war fast so weit. Der Schatten hatte ihn an allen Fronten kämpfen gesehen. Nacheinander hatte er sich Lan, Egwene und Elayne angeschlossen. Mittlerweile hatte der Schatten den größten Teil seiner Heere im Süden in den Kampf geschickt. Nun war für Rand der Augenblick gekommen, am Shayol Ghul zuzuschlagen.
Er sah Min an. »Moiraine hält mich für verrückt, dass ich diese Angriffe durchführe. Sie sagt, dass selbst ein geringes Risiko den möglichen Erfolg nicht wert ist.«
»Vermutlich hat sie da recht«, sagte Min. »Das hat sie oft. Aber ich habe dich lieber als den Menschen, der das tut. Das ist der Mensch, der den Dunklen König besiegen kann, ein Mensch, der nicht herumsitzt und plant, während andere sterben.«
Rand legte den Arm um ihre Taille. Beim Licht, was hätte er bloß ohne sie gemacht? Ich wäre abgestürzt, dachte er. Während der dunklen Monate … Ich wäre auf jeden Fall abgestürzt.
Über Mins Schulter sah er eine grauhaarige Frau näher kommen. Hinter ihr blieb eine kleinere Gestalt in Blau stehen und wandte sich betont in die andere Richtung. Cadsuane und Moiraine gingen sich im Lager sichtlich aus dem Weg. Er glaubte sogar ein finsteres Funkeln in Moiraines Blick erkannt zu haben, als ihr klar wurde, dass Cadsuane ihn zuerst gesehen hatte.
Cadsuane trat zu ihnen, dann ging sie um ihn herum und musterte ihn von oben bis unten. Dabei nickte sie ein paarmal.
»Versucht Ihr Euch zu entscheiden, ob ich der Aufgabe gewachsen bin?«, fragte Rand und hielt seine Stimme frei von jeden Gefühlen – in diesem Fall Verstimmung.
»Das habe ich mich nie gefragt«, erwiderte Cadsuane. »Selbst vor Eurer Wiedergeburt habe ich mich nie gefragt, ob ich Euch zu dem Mann machen kann, der Ihr sein müsst. Darüber nachzugrübeln ist etwas für Narren. Seid Ihr ein Narr, Rand al’Thor?«
»Eine unmögliche Frage«, mischte sich Min ein. »Wenn er zugibt, dass er einer ist, dann macht er sich damit zum Narren. Bestreitet er es, dann deutet er damit an, dass er nicht länger nach Weisheit sucht.«
»Pff. Kind, Ihr lest zu viel.« Als Cadsuane das sagte, klang es durchaus Min zugetan. Sie wandte sich Rand zu. »Ich hoffe doch sehr, Ihr gebt ihr etwas Hübsches.«